Saal 6 (Cuts)

Dieter, der in der Nähe des Eingangs 4/5 einen kleinen Papierkorb aus Aluminium auf dem Kopf jongliert und gleichzeitig versucht, eine Art Stepptanz mit einem schwarzen Spazierstöckchen in der rechten Hand jonglierend auf das Handelsraum-Parkett hinzulegen (ungefähr 70 der derzeit 94 anwesenden Broker lieben ihren, wie sie sagen, kleinen homunkularen Vollidioten, was eher ein ironisches Apophthegma als etwa die ephemere Affirmation des Habitus ihres Brokerkollegen darstellt), Marcus, der aus dem quadratischen Schrank aus gebürstetem Stahl ein Pornoheft wühlt und mit fliehenden Augen zurück zu seinem 4qm großen Arbeitsplatz geht, eingekeilt zwischen Hartmut und Wolfgang, auf Höhe ihrer Gesichter jeweils neun Multiple-Choice-Monitore, wobei auf den Festplatten der Computer fast alle derzeitig offiziell verfügbaren intelligenten finanzmathematischen Programme zur Bewirtschaftung von Finanzmarkttransaktionen und Derivatstrukturierungen gespeichert sind (auf einem Bildschirm rechts in der dritten Reihe poppt gerade ein Mainframe-Computerfeld auf, auf dem Serien von schwarzen Zahlenkolonnen wie Heere flinker Heuschrecken von links nach rechts fließen, Sekunden später schon wie träge Echsen, während ein Bildschirmschoner auf Bildschirm 4 wohlproportionierte nackte Blondinen, die einander betatschen, zeigt); Denis, der lauthals die Betrachtung eines ihm von der Verlaufsform her äußerst lieb gewordenen Tages-Linien-Charts mit dem Slogan Nur der wie ich was richtig in der Hose hat, wird das gute Girl bis zum Schädelbasisbruch f… kommentiert, woraufhin Walter, ein echtes Ass im Aktien-Sales-Business, tief röhrend ausatmet und dann ein Stück Burger in den Papierkorb spuckt, Konrad, der ein schätzungsweise acht Meter langes Zimmer-Golfspiel in einem der sechs schmalen circa vierzig Meter langen Flure installiert hat und wegen der erbärmlichen Trefferquote von einer stets soigniert gekleideten Controllerin verquerer Akademikerkopf geschimpft wird, Marc, der gerade auf dem Betriebstelefon von Denis die letzten von diesem in Sekundenschnelle platzierten Market-Orders auf dem Handelsdesk in London abhört, Geld/Brief-Kurse für den Yen sowie ein Handelsgespräch über zwei Optionskontrakte und drei Futurekontrakte, einen Deal über das 80 Millionen Budget eines Fondsmanagers mit 80%iger Kapitalabsicherung und 20%igem freien Kapital bei 75%iger sicherer Verzinsung, bei der die Erhöhung des Zinsspreads in den nächsten beiden Jahren eine entscheidende Rolle spielen soll, Martin, der regelmäßig nach dem Morgenmeeting im 22. Stock des Esperanto-Buildings beim Lesen der Candlestick-Charts oder der Tickerdaten von Reuters eine signifikante Allergie gegen den parfürmierten Zwiebelgeruch seines Nachbarn, eigentlich gegen Suchtsymptomatiken jedweder Art entwickelt, alle Gedanken in seinem Hirn nur noch Begleitgeräusche in einem auf kodierte, diskrete und fließende Daten und Zahlen konzentrierten Gehirnkopf, alle Empfindungen nicht weniger Gehirn als die Begriffe, wobei die Empfindungen für Sekundenbruchteile die Schwingungen der visuellen Reizmittel kontrahieren und selber schwingen, bis sein Subjekt-Hirn den Schalter wieder umlegt und die Kraft aufbringt, den Top Market Maker rechts neben ihm zumindest visuell auszuspionieren, um vielleicht das Spiel der Positionen, wenn dieser beispielsweise eine Long Call Position mit einer Short-Future Situation absichert, noch irgendwie erfassen zu können, und …, der vierundzwanzigjährige Newcomer Mango, sein Körper oft eingetaucht in den Geruch von Angst, extrem anfällig für Fastfoodorgien mit an- und abschließenden horizontalen Orgien des Verdauens oder des Sodomisierens, anfällig für ADHS, anhaltende Chilloutberieselung und für schier eine Ewigkeit andauernde, jambusresistente Selbstgespräche, begleitet von den immensen unbewussten Anstrengungen, den eigenen instabilen sensomotorischen & psychosomatischen Apparat beim Geldverschieben per Mouseclick von der Übung des Konzentrierens und sekundengenauen Zuschlagens abzuspalten, Serge, der es echt nicht ab kann, wenn andere Händler ihn während des Hedgens mit Face-to-Face-Feedbacks versorgen, wo doch der Handelscomputer den menschlichen Akteur als Instanz der primordialen Beobachtung der Orderströme erfolgreich abgelöst hat, klaro – er studiert gerade aufmerksam die Form seines bernsteinfarbenen Iphones, das mit 60000 Applikationen ausgestattet ist; wichtig sind jene Applikationen komplementär denen der »Crowd Control«, die die Computersimulation von Massenpaniken modellieren und dies zumeist auf Basis von Programmierverfahren, welche sich an der Simulation biologischer Schwarmbewegungen orientieren, es handelt sich um die Generierung panikabsorbierender Architekturen, welche in einer Rückkopplungsschleife diskursiv überhöhte Befreiungspotenziale der Panik direkt wieder miteinberechnen, und dieses Modell wird auf die Erwartungslage der Marktteilnehmer und die Volatilitätslage der Finanzmärkte angewandt -, Serge mustert also das Maschinchen, wiegt es in der Hand und leckt mit der Zunge begierig über dessen Rückseite, und Pablo niest zweimal, Pablo, der ja gerne mal nicht nur krachend Plastik-, sondern auch Glasflaschen auf den Boden fallen und im allgemeinen den Dingen nicht gebührend Beachtung zukommen lässt, bis auf seine evolutionstheoretisch inspirierten Experimente (à la Darwins Modell von Variation und Selektion) im hochdesignten Apartment am Westhafen, wo er Biokampfstoffe herstellt, z.B. eine Ananas für eine paar Tage in einen Kunststoffbehälter gären lässt, um dann in kulleräugigen Tagträumen mit der abgesonderten Flüssigkeit, zweifelsohne eines der stärksten Gifte, die es auf der Welt gibt, die gesamte Prop-Trading Abteilung der Esperanto Bank, die den Eigenhandel betreibt, in Todesstarre zu versetzen, dieser Pablo vergeudet seine Zeit gerade mit einer Briefmarkenpinzette sowie einer Lupe, mit der er wahllos in ausgefransten Gay-Pornoheften die primären und sekundären Geschlechtsorgane der Kombattanten inspiziert, wobei er sporadisch mit einer in die rechte Augenhöhle geklemmten Minilupe Boolean-Daten des neu entwickelten genetischen Algorithmus CVS auf seinem Flachbildschirm mitzubeobachten versucht -; all diese Personen experimentierten gerade noch fleißigst in den Tag hinein, bis sie quasi auf ein externes Kommando, nachdem irgendjemand in den hinteren Reihen des Handelsraumes »Flugzeugentführung auf Reuters« geschrieen und ein weiterer Broker sofort »Short-Positionen im Dax-Future« gebrüllt hat, jetzt wieder wie auf einer Schnur festgezurrt, hochkonzentriert und synchronisiert vor ihren multiplen Bildschirmwänden sitzen, wobei sie noch vor dreißig Minuten gemeinsam ein finanzwissenschaftliches Tableau, Muster oder Raster auseinanderfalten oder eben die Katatonie pflegen mussten, möglicherweise laryngeale Distonie auf Abruf; manche Gesichter erstarren soeben wie in Trance, Schweißperlen auf der Stirn und am Kinn, während andere Brokergesichter mit der seelenruhigen Präzision eines Goldschmieds in Interaktion mit den Charts und Tickerdaten treten, dem elektronischen Geld als ausdehnungslosem Zeichen, monetäre Spuren, die immer von einem uneinholbar Vergangenen und Zukünftigen zeugen, den permutativen Zahlenflüssen einer beschleunigten Börsenzeit, während eine Vielzahl von Telefonen in der Salesabteilung, angekoppelt an Fondsmanager, Stiftungen, Versicherungsgesellschaften und andere institutionelle Großkunden permanent heißlaufen. Sam Kimberlay, die ritalinisiert oder cylertisiert oder wieder mal kurz vor dem Hyperventilieren ist, vielleicht am Rande einer maxillären Prognathie, baut entschlossen und systematisch ihre Short Positionen im Dax-Future auf, schickt unlimitierte Future Orders an die Londoner Börse und später an die US-NASDAQ (das zukünftige Börsengeschehen wird de facto von den Erwartungen an das zukünftige Börsensystem mitgeformt, womit diese potenzierte Zukunft nicht nur Gegenstand von Erwartung und Framing wird, sondern in die aktuelle Gegenwart hineinwirkt und aktuelle Virulenz erzeugt, auch weil Geld die Zeit zum Maßstab, aber diese selbst keinen Maßstab hat und damit nicht endgültig kalkuliert werden kann. Selbst jedes deterministische System hat einen Anteil an objektiven Unbstimmtheiten, deren Komplexitäten man nicht entkommen kann). Das gesamte Szenario im größten Handelsraum der Esperanto Bank im neunzehnten Stock ähnelt in dieser Phase einem Gruppentreffen von psychomotorisch hochgestörten und zugleich eiskalt konzentrierten Personen, die bereit scheinen, selbst den Kindesmissbrauch in Guatemala oder den Bandenkrieg in Gangaland oder den Gangbang zu handeln, Akteure, die ihre Köpfe quasi ekstatisiert und doch strukturiert zwischen den riesigen Fernsehbildschirmen an der Nordostfront und den eigenen multiplen Monitorsystemen pendeln lassen, um dann sofort wieder skulpturenhaft zu erstarren, eingetaucht in gerade Schnittfolgen und euklidische Raster in einer Art Koinzidenz mit der Dissemination oder der Kalkulation der differentiellen Effekte der Transformation von Schulden in Rendite, was sicherlich auch auf einer Vibrationsmassage der Gehirnmasse durch Zahlen beruht.
Während auf der Nordseite des Handelsraumes auf den überdimensionalen Bildschirmen die ersten Analysen der CNN-Reporter zur Flugzeugentführung über dem Atlantik zu hören sind, umkreist auf den in die Ostwand integrierten Fernsehbildschirmen eine Swiss Airlines Maschine unaufhörlich die beiden Tower der Deutschen Bank, der wolkenlose Himmel über Frankfurt in der formlosen Form eines außergewöhnlich weichen, weißblauen Tampons; die unwirkliche Szene im Luftraum über Frankfurt, wo es heute nur gelegentlich einen leichten warmen Windhauch gibt, ist von einer skopophilen Monotonie, die an experimentelle bzw. metakinematographische Kurzfilme von Er Selbst erinnert, gähnend lange und langweilige Einstellungen, quasi kristalline Zeitbilder, die jeden Hauch von erregten und erregenden Aktionsbildern gnadenlos subvertieren, antikathartische Parodien auf jene Art stinklangweiligem Kunstfilm, von deren Formeln man sich letztendlich doch wieder so gerne verführen lässt. Sam Kimberlay riecht förmlich den kerosingesättigten Stahl- und Fleischgeruch. Sam Kimberlays Gebiss plus ihre Zunge bedecken ein eisenhaltiger Belag, vielleicht eine Emission körpereigener neurochemischer Substanzen. Ihre Zungenspitze schnellt dreimal gegen den linken oberen Schneidezahn und zieht sich blitzschnell entlang der Gaumenwölbung wieder zurück, der rote Muskel ruht ungeduldig im kontaminierten Speichel, während ihr Kiefer sich wie im Zuge einer sexuellen Aktivität blitzschnell nach vorne schiebt, mehrmals, bis der hochkonzentrierte Nachbar abhold jeder emotionalen Regung wie nebenbei bemerkt, dass Sam Kimberlays Simulationen von Heidi Klum-Gesichtsgrimassen streckenweise wahrscheinlich nur dazu dienen, den Augenblick herbeizusehnen, an dem am EUREX-Markt Hunderte Millionen Euros unlimitiert auf den Markt geprügelt werden und der Dax-Future um mindestens 500 Punkte einbricht, der Ölpreis explodiert und der Goldpreis hochschnellt und so weiter, generell panikartige Verkäufe einsetzen, bis Madame Intelligent auf dem Peakpunkt, dem Gipfel des Schreckens nur noch mit Volatilität spekuliert, d. h. über den Handel mit Optionen Volatilität zu Höchstpreisen verkauft, um schon am nächsten Tag zu Dumpingpreisen Volatilität neu zu kaufen, weil eben die implizite Volatilität in Panikzeiten Punkt um Punkt am Markt steigt, wobei es wohl eher noch der Wahrheit entspricht, dass Sam Kimberlay sehr gerne das numerische Newton-Raphson-Verfahren in Paniklagen einsetzt, mit dem man iterativ das Maß für die aktuelle Schwankungsbreite eines Basiswerts über die Restlaufzeit der Optionen gewinnen kann, um dann riesige Volatilitätsgebirge zu riesigen Ungewissheiten aufzutürmen. Nichts Abgeschmackteres freilich als eine Brokerin, die in dieser Lage zu verzweifeln bereit ist oder der die Superperformance flöten geht, weil sie den Umgang mit dem ultracomputerisierten Handel einfach nicht drauf hat, womit ihre Eliminierung nur noch eine Frage der Zeit sein kann.

Und der Junge war ein äußerst vorsichtiger Mensch. Selbst der Wackelkontakt des digitalen Radioweckers morste dem jungen Rebellen namens Mohammed Cantario angeblich geheime oder intransparente Zeichencodes westlicher Geheimdienste, der Wackelkontakt inhärierte scheinbar ein komplexes Frühwarnsystem, was natürlich auch ein Vorstadium zur delirierenden Paranoia anzeigte, das ironischerweise seinen sich selbst immer wiedervorgetragenen bzw. sein Selbst befeuernden Anti-Passivitäts-Appellen merkwürdig kongruierte. Auf die Straße ging Mohammed Cantario meistens nur in einem bis auf die krassen Sonnenbrillen eher gewöhnlichen Styling/Outfit, das er fast jeden Tag wechselte, sehr oft in unauffälligen beigen Sommerjackets mit Krawatte und Einfaltenhosen, oder, wenn er mal nach dem exzessiven Konsum von imperialistisch verseuchter Erdnussbutter so etwas wie Kampfstimmung an den Tag legte, dann ging er in mit antiamerikanischen Parolen beschmierten Nike T-Shirts, Redhead-Kappen und Camouflagehosen, dies und jenem auf die Straße, aber immer trug er die schlimmsten Augenringe, die man in Frankfurt je gesehen hatte, mit sich herum, so dass er aus diesem Grund sehr häufig auch nachts mit Sonnenbrillen im Bahnhofsviertel zu sehen war und diese auch häufig wechselte, Carrerasportbrillen oder karikatureske Glitterbrillen oder Pornobrillen, diese allerdings meistens nur, wenn er für ein paar Stunden mit einer Art hilflos zusammengebastelter Kinderwagen unterwegs war, der verschiedene Logos, unter anderem das der World Smile Foundation und der World for Africa Inc. auf dem rostigen, grauen Stahlgehäuse trug, einen Wagen, den er immer aus einem Versteck tief im Stadtwald aus einem der kleineren Tunnelsysteme der Antifa heimlich holte, meistens nachts, um genüsslich den Kinderwagen vor sich herschiebend die asphaltierten Wege Richtung Neu-Isenburg entlang zu schlendern und um dabei einen toten Raben die ganze Zeit in der linken Hand mitzuführen.
Bei einem seiner ausgedehntesten Spaziergänge bekam Mohammed Cantario plötzlich von hinten einen Wahnsinnsschlag in die rechte Kniekehle gesetzt, dass er zuerst für Sekundenbruchteile ratlos auf dem Waldboden kniete, um dann mit seinem Oberkörper mitten in eine große Regenpfütze zu fallen, wobei er sofort den kalten Lauf einer .44er an seinem Hinterkopf spürte, bis er von einem 5er Trupp spröd maskierter Killertypen endgültig umzingelt wurde, die schwarze Wollschals um die untere Gesichtshälfte trugen, plus tief in die Stirn gezogene Baskenmützen, deren Farbkompositionen in Variationen dem Hundertwasser Werk 897 Silver Spiral nachempfunden schienen. Keine Handschuhe, keine Kreppschuhe, keinerlei anspruchsvollere Masken. Mohammed Cantario hörte ein klickendes Klack oder ein kurzes Knack, um sich daraufhin umgehend sogar sichtbar in die Camouflageunterhosen zu pissen. Der über ihn gebeugte Anführer der Gruppe H.A.MA.N. sah aber höflich darüber hinweg und bemängelte auch kaum, dass der junge Mann hier so wenig Mut aufbrächte und seinen Detrusor auch nicht besser unter Kontrolle hätte, was für ein Ding, was sofort ein paar urige oder ulkige Lachsalven seiner Begleiter nach sich zog, H.A.M.A.N. machte Mohammed Cantario sogar ein paar Komplimente ob seiner superben Eleganz, Luzidität und Wagemutigkeit, was die terroristisch motivierten Inspektionen und Auskundschaftungen der Strukturen von öffentlichen Gebäudschaften und Veranstaltungsorten wie der Messehalle oder der Commerzbankarena betreffen würden, zu der man ihn nun auch umgehend mit einem schwarzen Volvo-Kombiwagen karren wollte. Ein weiteres Mitglied der Gruppe H.A.M.A.N. teilte Mohammed Cantario in herrischstem Befehlston mit, nun läge es nur noch an ihm, den Ernstfall eiligst abzuwenden und sofort Auskunft und Informationen über die Aktivitäten und Struktur der Gruppe B.A.T./No. 34, insbesondere über ihren Mastermind Halal Altintop zu geben, dessen monolaterale Friedensverhandlungen mit den experialistischen Staaten der EU und USA nur ein geschicktes Ablenkungs- oder Tarnmanöver gewesen wären, um in aller Ruhe die massiven konspirativen Truppenverlegungen in die Westsahara fortzuführen, und der damit seine plebiszitäre Führungsrolle im Terrornetz der Al Qaida eindrucksvoll bestätigt hätte. Der Führer des wahrscheinlich BND-nahen Kommandos namens H.A.M.A.N., ganz im Fluss seines symbolischen Kontrollslangs gefangen, klagte Mohammed Cantario an: Plumper Versuch durch paradoxales gesprächsbereites Leugnen jeder Involviertheit die Vorspiegelung falscher Tatsachen perfide vorangetrieben zu haben. Das schwerfällige und bewusst gefälschte Kartographieren des unterirdischen Tunnelsystems im Stadtwald, über das seine Karten, die man in seiner Wohnung gefunden hätte, nur sehr ungenau oder eben völlig falsch Auskunft geben würden. Das undurchsichtige oder nicht vorhandene Beziehungsnetz seiner Splittergruppe zu keinesfalls äquivokatorisch inspirierten Gruppen der (angeblich) linken Metaebene wie der Antifa/Rhein-Main-Risk (ARMR), dessen Matrix für den Staatsapparat in besorgniserregender Weise unbekannt/unerforscht sei, durch seine Aktivitäten noch undurchsichtiger gemacht zu haben. (ARMR organisiert sich seit Monaten gegen Prozesse der Refeudalisierung durch superreiche Cliquen und Banden, in dessen Verlauf sich immer mehr Menschen, die aus den offiziellen Arbeitsmärkten herausfallen, in einer Klasse von neuen Leibeigenen wiederfinden, deren physisches Überleben nur dann garantiert wird, wenn sie ihrer Reichsarbeitspflicht nachkommen.) Mit jedem fast unhörbarem Wimmern twisteten die Zerebralbahnen des immer wieder scheußlich zusammenzuckenden Opfers Mohammed Canatrio immer weiter auseinander, und die Landkarte des Stadtwaldes schien nun in seiner Vorstellung ganz das Land und zeitgleich schien er selbst sowohl die Speisekarte der Erde als auch seiner Gedanken zu essen, es waren Maps, die nicht mehr so ohne weiteres auf andere Maps im Gehirn verwiesen, obwohl sie zweifellos da waren, oder war alles umgekehrt, und die verschiedensten Vorstellungen und Gedanken begannen ihn aufzuessen. Der abrupte Tritt eines für diese Fälle auf jeden Fall bewährten schwarzen Doc Martens Schuhs mit Stahlkappe in die Eingeweide des jungen Rebellen entspannte dessen psychischer Notlage kaum, stattdessen brachte der ungeheure Druck auf seinen Solarplexus konsequent den fragilen Magen zum Kollabieren.
Von hinten hörte Mohammed Cantario auf dem Catwalk des Stadiondaches den ziemlich schnurrend dahergeplauderten Befehl Umdrehen. »Zum letzten Mal«, sagte der Chief der BND-nahen Gruppe H.A.M.A.N. jetzt in einem etwas differenzierteren Tonfall, »wir sind rein geschäftlich hier, no pleasure please, und ich möchte nicht von Wahrheit sprechen, ansonsten würde ich dich ja zum Lügner degradieren, nein, es geht hier ausschließlich um Wirksamkeiten oder Konsequenzen der von dir angewandten und erfundenen Praktiken, Begriffe oder Kartographien, das hier ist nämlich kein Ausflugsspaß.« Ihm wäre nicht im Geringsten daran gelegen, das böse Spiel auf die Spitze zu treiben. No way. Nur manchmal klickten im Windschatten des Führers der H.A.M.A.N. die Cocktail-Eiswürfel in einem Wasserglas, die im Tauen langsam zerliefen bzw. ineinander fielen und dabei als winzige Reste ständig gegen die Glaswand stießen. Die geriffelten Konturen des bibbernden Mundes des jungen Opfers Mohammed Cantario wurden von hinten von einem rauen, geriffelten Handschuh sorgfältig und unbetrauert abgetastet, etwas später dann auch von der vom patinierten Überzug befreiten Pistolenspitze, bis diese Art komischer Liebkosung schließlich intensiviert, ja regelrecht bolschewisiert wurde, als wäre die Unterbindung des Versuches seitens des jungen Rebellens, etwa der Kopflosigkeit des Zentrums des Angriffes zu entkommen, jetzt das einzige und alleinige Ziel der Aktion. Die Lippen von Mohammed Cantario bibberten aus reiner Angst, selbst bei dem lächerlichen Versuch, mehr als zwei oder drei Silben hintereinander zu bilden, die sich aber niemals zu Sätzen verketten konnten, scheiterten die Lippen kläglich – (waren es überhaupt maxillofaziale Sprechbewegungen, die innert ad exitum andeuteten oder wollte Mohammed Cantario nur noch in weiser Vorausahnung ein letztes Mal seine Lieblingssätze des griechischen Mathematikers Philolaos aufsagen, der glaubt, dass, wenn jede Zahl (außer der Eins, die heilig und gar keine Zahl ist) gerade oder ungerade ist, dann erst Ordnungsprinzipien in die Zahlen eingeführt werden können, weil man ja nicht mehr mit einzelnen Werten rechnet (acht Gurken oder drei Spiegeleier oder Zwerge; so hat logischerweise jede gerade Zahl eine bestimmte Struktur und jede ungerade hat eine andere, aber was ist mit den Primzahlen?), das wollte vielleicht der junge Mann mit abgeschlossenem Mathematikstudium möglicherweise rein aus seiner Verzweiflung heraus ein letztes Mal herausschreien oder mit den vollkommen unwillkommenen Peinigern vielleicht sogar erörtern, wer weiß. Straffe Finger tippten mehrmals unerbittlich an seine glühendroten Wangen und justierten bzw. rückten seinen Kopf leicht nach rechts, bis seine indisponierten Augen sehr nahe am schwarz glasierten Lauf der .44er vorbei auf die Spitze des Messeturms im frühabendlichen Dämmerlicht schauten, zurechtgeschnitztes, gespaltenes Speermaterial mit blassböser Spitze, eine optische Täuschung, als das Geräusch eines libidinösen Fingers am Abzug der Pistole ihm eine letzte archi-ästhetische Klarheit verschaffte, so dass das metaphysisch Unsichtbare als oberer Rand des Sichtbaren des Messeturms selbst als Fake situiert werden konnte. Mohammed Cantario erinnerte sich noch einmal an seine frühe Jugend in Garmisch-Partenkirchen, fast immer gab es dort Schnee auf den schroff fraktalisierten Bergketten, die erste Skiausrüstung, ja, sie wärmte den letzten Babyspeck, er sah noch einmal, wie die grotesken Rauchwolken über den auf Retro designten Hotelbauten zirkulierten, und vielleicht zehrte er damals schon einen weißen Moment lang an der Hoffnung, dass, wenn er später die Jugendzeit immer gut würde rekonstruieren können, samt ihren Wundern, psychisch vermeintlichen Wunden und ihren reversiblen Potenzialen, die möglicherweise sich gar nicht entfaltet haben, immer schon gestorben und stets gerade eintretend, die aber doch in theoretischer, physikalischer, sozialer und mathematischer Hinsicht hätten eintreten können, dass ihm dann eine andere Zeit oder Geschichte gegönnt worden wäre, in der seine Wünsche wenigstens adressierbar, wenn nicht in Erfüllung gegangen wären. Als Mohhammed Cantario das furchtbare Knacken an seinem rechten Ohr hörte, fühlte er sich wie auf einer steilen Wasserrutschbahn in die Hölle gleitend, nur das höhnische Parallelgelächter von zwei Begleitern des Führers der H.A.M.A.N. ließ noch einmal das Leben aus allen Poren seiner Existenz explodieren. Irgendwo ein Car-Crash. Nach Norden hin körnigeres Licht am Himmel als nach Süden. In der lethalen Tränenflüssigkeit des traurigen jungen Rebellenboys schwammen noch einmal die letzten schwermütigen, wasserunlöslichen Bilder seines viel zu kurzen Lebens, gefror das lautlose Blöken bayerischer Kühe zu Eisblöcken und das fast lautlose Wiehern wilder Pferde geriet zu einer Horde brüllender Megaphone. Dann Stille, bis auf das undulatorische Rauschen des Stadtverkehrs von sehr weit weg.
Es waren gepflegte, manikürte, weiße Finger, die ihm von hinten zum zweiten Mal den Mund öffneten, ihm den trockenen Mund nur so weit öffneten, dass die Spitze des gezogenen Laufes einer Browning 9mm sich aufreizend langsam tief in seine Mundhöhle schieben konnte – die Spitze schmeckte nach einer Mischung aus Lakritze und Teer, dann nach weißem Entsetzen ohne jeglichen Geschmack –, bis die Browning 9mm sanft an sein Zäpfchen stieß, langsam wieder zurückglitt und nochmals sanft in die Mundhöhle hineingestoßen wurde, hinein und hinaus mit sehr arhythmischen Stößen, bis Mohammed Cantario die Chromlegierung eines Laufs aus Kohlenstoffstahl rechts neben seinem Schädel auftauchen sah und die Spitzen zweier Pistolenläufe seine Ohrmuscheln berührten und brutal pressten, und alles um ihn herum wurde plötzlich schwarz, als der stumpfe Aufprall der Polygonläufe der Glocks 18C seine Augen prellten, und er offensichtlich keine Chance mehr besaß, so dass sich die angstgeweiteten Pupillen im Mündungsblitz verengten, während Glock-Pistolen 32C seine beiden Nasenlöcher aufspießten, dass profuses Nasenbluten (Epistaxis) sofort eintrat und die roten Blutfontänen auf die seidige Polycarbonatfläche des Stadiondaches klatschten, und Blut Mohammed Cantarios Zähne und Zunge umspülte, bis sich kleine schöne Strudel bildeten, während andere Pistolenläufe mit Wucht auf den Scheitelpunkt sowie den Fossa Cranii posterior seines Schädels hämmerten, während noch ein paar leise Gurgellaute von ihm zu vernehmen waren, noch bevor die gigantische Symphonie einer Knallkörperfabrik zu spielen begann. Im Rhythmus seines Todeskampfes schaukelten rote Quasten ähnlich der Troddeln am Saum seines schweren, schwarzen Anoraks vor seinen müden und erschöpften Augen. Vögelschwärme versahen den Winterhimmel mit verschnörkelten Linien. Langsam nur schien Mohammed Cantario nach unten zu sinken und sah noch ein letztes Mal entsetzt oder entgeistert, das Gesicht konisch verzogen, auf die sich langsam bildende Blutlache auf dem glatten Polycarbonat. Hoch, dachte er, verdammt nochmal hoch. Die Abendsonne hing am Himmel wie ein Werbeballon der Firma Apres Ski Sun Creme kurz vor dem Zerbersten, als sein Schädel zum Spielball ungeahnter Fliehkräfte wurde, erst die Stirn und dann der ganze Schädel explodierten, und ja, die akustische Untermalung der Lazerationen und Quetschungen seines Gesichts, der Gewebekompressionen mit Bildung einer sphärischen Schockwelle, war dröhnendes Gelächter, Unfug. In explodierendem Abendrot sich explosivst entladender Hirnbrei, Hirnschwammmaterial spritzte aus dem durchlöcherten und geborstenen Schädel und kaschmir- oder korallenrote Blutwirbel aus dem zahnlosen Maul wie ein Blütenregen in der Urwaldstadt Kisangani, Fleischpartikel stoben durch die Luft, während sich in seinen Boxershorts warme und schartige Seen aus Scheiße zügig bildeten. Als von weitem der Lärm um exakt 16:13 Uhr an der Kreuzung Kennedyallee-Nibelungenallee anschwoll, konnte das Blut des jungen Rebells/Terroristen nicht in den Stadiondachboden aus Polycarbonat versickern. Es gab einen Tag später auch keinen kreidigen Umriss auf dem Stadionrasen, obwohl der Körper Mohammed Cantarios mit loser gebrochener Halswirbelsäule und fehlendem Kopf auf dem Rasen der Commerzbankarena in der Nähe des Anstoßkreises aufgefunden wurde.
Sein Körper war eine Todesfalle. Der Versuch mit der Aussicht auf ein paar Singularitäten gut zu leben, ein paar weitsichtigen Perzeptionen, dem Buch des Koran, den Buchstaben AFR, die er auf seinen linken Oberschenkel tätowiert hatte plus den invasiven Hetzreden des Islamisten Mahmud, der ihm auf den Kopf zugesagt hatte, dass etwas Bombastisches in ihm stecke, war aufs Furchtbarste gescheitert. Vielleicht hatte er sich am Ende seines Lebens das Stadion als eine gewaltige Pyramide, die nur aus Spitze besteht, im Zuge äußerst kalorienarmer Denkanstrengungen gedacht, eine Spitze, die aus unendlich vielen kleinen Wohnungen besteht, von denen jede eine Welt ist, ein architektonischer Traum, den Leibniz am Ende der Theodizee im Anschluss an Theodorus denkt. Der Leibwächter des Vizepolizeipräsidenten schnupfte das in seinen Pistolengriff eingeschweißte Heroin. Dann spreizten sich seine Finger zu einem Victory Zeichen, wobei er den 30 Grad-Winkel der Finger in Begleitung eines elektronischen Surrens nach und nach verringerte, bis er einen Zigarillo halten konnte, den man ihm zugesteckt hatte. Als der Leibwächter endlich mit dem Rauchen fertig war, schob er dem etwas blässlich gewordenen jungen Angestellten des Sicherheitsdienstes S.A.S.A., der bis in die Eingeweide zitterte und fror, eine Desert Eagle Kaliber .60 Magnum zwischen Ledergürtel und Jeanshose. Er sagte, seine Aufgabe in den nächsten Wochen sei es, für die Sicherheit von Mister Magritta, dem inoffiziellen Auftraggeber des Mordes zu sorgen, und dabei er müsse er mindestens mit zwei Leibwächtern eines höherrangigen Politikers zusammenarbeiten, die er selbst noch nicht kenne. Dann setzte er sich im Yoga Sitz auf den Stadiondachboden, rauchte genüsslich eine weitere Zigarette und lutschte zwischendurch an einem Jelly Bean Bonbon, aß aber den ihm angebotenen Marsriegel nicht. Man hätte dem armen Jungen auch schon im Stadtwald eine Brennkapsel in den Mund stecken können, sagte er, den Schweißbrenner aufdrehen, um ihn abzusengen oder abzufackeln, aber a) galt es ein radikales Exempel zu statuieren, b) war man sich seiner Sache sehr sicher, und c) wollte man die imaginären Früchte der Aufmerksamkeitsindustrie mitnehmen, um praktisch Fungibilitäten und Automatismen der gesellschaftlichen Matrizes anzuprangern, die sich bis zum risikolosen Morden ohne jegliches Irritationspotential inzwischen in das gesellschaftliche Leben eingeschlichen hätten. Es schien, als wollte er eine Bockwurst rülpsen, aber es war nur die Nachwirkung einer geschwätzigen Verzückung.

- – - – - – - – - Beide Männer schweigen. Alonso will noch das eine oder andere zum Thema sagen, merkt Alfons, aber beide sagen nichts. Alfons würde gerne ein Nasenloch schneuzen, aber er konzentriert sich weiterhin nur darauf, mithilfe seiner korpulenten Arme während des trotz seiner massigen Körperstatur doch recht eleganten Dahinschlenderns zwei halbvolle Aldiplastiktüten mit annähernd rhythmischer Exaktheit hin und her zu schwingen (vielleicht eine Art paradoxer Kehre hinsichtlich der andauernden Vigilanz und des müdigkeitsbedingten Orientierungsverlusts), so dass, wäre sein fülliger Torso das Metronom und die beiden wuchtigen Arme die schwingenden Pendel, im Endeffekt ein 3/4 Takt des beschwingten Gehens rausspringen könnte. Alfons hasst es, die durch die Information des ständigen Pendelns hervorgerufene Stimulierung seines Temporallappens außerplanmäßig außer Kraft setzen zu lassen. Irgendwie würde Alfons jetzt liebend gerne nach den Baumwollmäusen oder kleinen Lebensmittelsachen in den verklebten Taschen seines Mantels aus Donegal-Tweed greifen, er weiß zwar nicht genau warum, aber vielleicht würde er sich dann einfach etwas sicherer oder gar seltsam entfesselt fühlen, was ja auch mal ganz nett wäre, um wieder einmal einen Schub in seinem Leben hinzukriegen, und so gerät Alfons im Zuge seines Zauderns oder Zweifelns das wunderbare Aldiplastiktütenschwingen tatsächlich kurzfristig ins Stocken, gerade als sein Freund namens Alonso eine kleine Staubkugel, deren mikrofeine Außenhülle in circa 78 marzipanfarbenen Zipfeln sternförmig von ihrem inneren Kern ausstrahlt (einem zimtbraunen Kaugummi oder einem violetten Jelly Bean Bonbon), mit dem großen Zeh, der aus einer braunen Sandale lugt und dessen Nagel die Farbe von Ruß hat, gegen einen Baumstamm kickt.
In der Morgendämmerung schimmert der nicht asphaltierte und drei Meter breite Weg rund um den 450 qm großen Ententeich, der circa fünfzig Meter südlich des Ausfluglokals Zur Wildschweinklause im Frankfurter Stadtwald liegt, wie die abgeleckte Seite eines Streifens PH-Papier. Brutal kreischen die Enten. Ungefähr zweihundert Meter entfernt grillt eine lokal Gruppe der ?Antika-Front-Fulmiere/A.F.F.?, die heute ausnahmsweise dem täglichen Kampf etwa gegen Botulismus, pseudoaffektive Lebensqualitätsminderung und gegen Vivisektionsgegnerschaft forcierende & fördernde Gruppen abgeschworen hat oder ihn aussetzt (hauptsächlich gegen die gegenwärtig im urbanen Rhein-Main-Raum schwer grassierenden Freizeitobdachlosen aus den luxuriösen Milieus der High Net Worth Individuals), die Gruppe grillt gehäutete Rehkitze an einem westlich zum Ententeich verlaufenden Bahndamm inmitten einer großen ovalen Mulde zwischen zwei ausgebrannten Autowracks; einige der Beteiligten schürzen dabei mit nonchalanter Verstohlenheit und unter den gewohnheitsmäßigen Surroundblicken, was gar nicht so einfach ist, wenn sich die Gläser der Taucherbrillen andauernd verdunkeln, weil Spritzer des heißen Rapsöls ständig gegen die Brillen klatschen, die abgetrennten Schwänze der Tiere zu Seemannsknoten.
Alfons fährt sich mit der Zunge mehrmals über die rissige Unterlippe und sagt: »Dieses Unglück und diese Geworfenheit der Selbste. ›Gehe nicht zu den Menschen und bleibe im Walde! Gehe lieber noch zu den Tieren! Warum willst du nicht sein, wie ich, – ein Bär unter Bären, ein Vogel – - – - – - – - – - ?. Es mag Nietzsches großer Irrtum gewesen sein.«
Alonso trägt eine amerikanische Fliegerbrille Polaroid Flying Goggle A.A. Force Type B-8 aus dem Jahr 1940, deren linke getönte Plexiglasscheibe gerade von einer ordentlichen Portion Vogelscheiße bedeckt worden ist – er meint ein leises Platsch gehört zu haben –, und darunter eine stark verschmutzte Zwickelbrille in Gold Double, der Nasenbügel mit Tesafilm nur notdürftig fixiert, die Augen quasi am Ende eines lichtlosen Korridors, so dass sich Alfons persönlich wundert, dass Alonso seine beiden extragroßen und jeweils 12,5 Kilo schweren Aldiplastiktüten mühelos oder mit dem Charme eines Müllcontainers, dem man das Laufen beigebracht hat, durch die Straßen Frankfurts tragen kann, na ja, Alonso sagt: »No jo, setzen wir uns erst einmal.«
»Alonso, wie oft habe ich dir schon gesagt, mit einem erbärmlich ›no jo‹ ist es nicht getan, die Welt nicht erklärt, die Odyssee nicht und die Enzyklopädie von Leibniz nicht und – - – - – - – - – - – Oder sagen wir es einmal so: Das Explanans muss sich auf der gleichen Ebene wie das Explanandum befinden. Ontologie als konstruktive Tätigkeit. Und Alonso, man kann sich nicht so ohne Weiteres setzen, auch wenn man zum x-ten mal das ideologische Konstrukt des freien Willens für sich in Anspruch nimmt, um sich dann doch wie ferngesteuert hinzusetzen. Bevor du dich setzt, musst du dir erstmal die Bedingungen klarmachen, warum und wieso dein Körper sich überhaupt zu setzen in der Lage ist. Allerdings gibt es auch keine bedingungslosen Bedingungen. Wo kämen wir denn hin, wenn ….«
Alonso, bei dem die Fliegerbrille mit Schaumstoffdichtung sowas von angegossen auf dem benebelten Kopf sitzt, als wäre das Ding schon immer ein Teil von ihm gewesen, macht eine wortlos schmerzende Stimme, atmet tief ein und antwortet extravagant unauffällig »Wahnsinn ist die wahre Vernunft.« Er hat vor dem Brustkorb die ziemlich verschmutzte Bong mit einem kleinem Motor im Gehäuse hängen, aus dem ein dünner transparenter Plastikschlauch bis zum linken Nasenloch hoch führt, wo dieser an der Innenseite mit einem transparenten Heftpflaster festgeklebt ist, um ihm schwere Cannabisluft in das Nasenloch zu blasen, wobei die Aktivierung der Bong im Notfall, falls Alonso mal wieder einen seiner cholerisch-asthmatischen Anfälle bekommt, durch Alfons geschieht. Der wolkenlose Himmel über dem Stadtwald ist von dem kränklichen Blau eines instandsetzungswürdigen Swimmingpools. Stände man jetzt hinter Alonso, würde man verformte Rauchringe vor seinem Kopf aufsteigen sehen, die im Winde verwehen, läge man vor ihm auf dem Boden, verliehe die aufgehende Sonne seinem Schädel eine orangerote Korona. Alonso gibt einen enorm fetten Rülpser von sich, ösophagusspasmenbedingt, worauf Alfons entgegnet: »Das Sein ist das Nichts.«
»Alfons, wollen wir nicht noch einmal die leckeren Back-Knack – - – - – - – - – - Cremesuppen probieren, oder die schönen Reibekäseplätzchen in der Bahnhofsmission gestern Nachmittag, die waren echt eine tödliche Verlockung.«
»Alonso, okay, Champagner oder Trüffeln auf Zungenbelag sind selbst für die Repräsentanten der Kulturindustrie nur noch albernes mythisches Anschauungsmaterial. Selbst die exotischsten oder schädeldeprivierendsten Schlemmereien meinetwegen in filmischer Großaufnahme festgehalten oder asiatisches High-Instant-Bankett im öffentlich rechtlichen Fernsehen machen keinen mehr so richtig an. Aber Reibekäseplätzchen. Ich bitte dich. Ein trügerisches Nahrungsmittelsubstrat. Also benimm dich bitte.«
Alfons ist ein hackbratengesichtiger, diplomierter, habilitierter und inzwischen geschasster Professor für Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt, der seine 532 Seiten lange Promotion zum Thema »Der Jargon der Eigentlichkeit in deutschen Kochbüchern in den Jahren 1933-45 – Eine Epistemologie ohne Freude und ohne Grazie« als Student noch ansatzweise mit Theodor Wiesengrund Adorno diskutiert und später bei Alfred Schmidt eingereicht und mit summa cum laude abgeschlossen hatte. Vor zwei Jahren wurden nach kryptogesichert informierten Kreisen des linken Flügels der SRD, einer Vereinigung linksradikaler Studenten und Assistenten, die erst vor kurzem noch die komplett irrwitzigen Seriensuizide in den Firmenumfeldern des Telekommunikationskonzerns Babble als verzweifelte und unfreiwillige Form des Klassenkampfes interpretiert hatten, Alfons` Personalunterlagen von der Universitätsleitung erneut geprüft, um ihm daraufhin seine Professur für den Fachbereich Philosophie, unter anderem mit dem Schwerpunkt kritische zeitgenössische Philosophie unter besonderer Berücksichtigung der Todesschwadronentheorie der Frankfurter Schule, Struktur, Modell und Empirie, endgültig zu kündigen.
Alfons ist ein hochgewachsener und zugleich schwammiger Mann, Typus deutscher Metzger, sozusagen endomorph bis über beide Schweinsohren, der als Sohn eines Metzgerehepaars in Bayreuth nicht ganz zufällig schon früh aus dem Leim gegangen war, da er in seiner frühesten Kindheit schon zum Frühstück gegen 7.30 Uhr hauptsächlich vom Vater gezwungen wurde, furchteinflössende DLG-prämierte 2-Kilo-Weißwurstringe, vor Fett triefende, tiefrote Blutwürste oder enorme Massen Wildschweinsülze zu verdrücken, währenddessen sein geistig hoffnungslos zurückgebliebener Bruder sich am Tisch oft vor Vergnügen kringelte, johlte und mit den Füßen auf dem Boden rumtrampelte, als er den würgenden Alfons sah, der irgendwie immer kurz vor dem Ersticken schien und das Frühstück nicht selten mit einem ausdruckslosen Starren beendete. Alonso kann sich das alles lebhaft vorstellen, denn die nachhaltigste Kindheitserinnerung seines geliebten Tippelbruders, was auch im dreißigseitigen psychologischen Gutachten eines Diplompsychologen des Sigmund Freud Instituts aus dem Jahre 1982 festgehalten wird, scheint tatsächlich das ausdruckslose Starren in kurze aber auch große Entfernung hinein zu sein. Alonso könnte jetzt mit ähnlich ausdruckslosem Gesichtsausdruck wie Alfons stundenlang cannabisiert oder taoisiert auf seiner Lieblingsparkbank sitzen, denn er verfügt ja, Zitat Alfons, über jenen seltenen Sinn für die Schönheit des Gewöhnlichen, den nur diejenigen Menschen richtig fett genießen können, die das Gesehene partout nicht in Worte fassen wollen (die Gewohnheit bedarf der Erinnerung nicht), wäre da nicht Alonsos absolut ungeschützter und phasenweise obsessiver Hang zum Choleriker, der seiner latent immanenten Geistesabwesenheit, oft begleitet von schmierigem Kopfweh, azyklisch einen Strich durch die Rechnung und ihn streckenweise sogar zum maximal hyperlauten Maniker auf die Gefahr der maximalen Adtorsion hin macht, bei dem beispielsweise Polysyllabismen sich dann mit dem lebendigen Pulsschlag lispelnd akzentuierter Verse duellieren, wobei viele Nukleusphoneme zwischen betonte und unbetonte Silben infiltrieren, während sich dabei oft das Auge mit delirierenden Glanz nach unten dreht, und das rechte Auge herumspringt wie das eines Papageis im Drogenrausch.
»Alfons, als ich noch jünger war, konnte ich nicht genießen, weil ich immer in die Zukunft geschaut habe, anstatt den Moment zu schätzen. Jetzt nutze ich jede Gelegenheit, um das Glück auch wirklich zu genießen. Manchmal dauert es zwar nur einen Augenblick, aber das reicht manchmal zum Glücklichsein. Heute versuche ich immer im Hier und Jetzt zu leben. Du weißt – - – - – - – - – - .«
»Alonso, dir ist doch hoffentlich klar, dass im Verlauf der Weltgeschichte alle Umherirrenden, die schließlich zu ihrer Heimatinsel oder Heimatstadt zurückgekehrt sind, denke doch nur einmal an Ulysses oder Odysseus, sie begegnen nicht mehr denselben Häusern oder derselben Landschaft, sie sind verwundert, entsetzt oder einfach nur erstaunt über den historischen Wandel und deswegen müssen sie erneut aufbrechen. Damit will ich nur sagen, dass der wahre Ort oder der atopische Ort der halbwegs Denkenden niemals im Hier und Jetzt liegen kann, die Denkenden sind niemals endgültig in einen oder zwei Bezüge oder Gefüge oder in die traurigen Verhältnisse ihrer Körper, die die Affekte auffüllen, hinein gezwängt, gefangen in ihren Körperkäfigen, in ihren Verlusten und ihren Endlichkeiten – - – - – - – - – - subatomare Nadelspitze des Augenblicks, glaub nicht, ich würde jemals an einer Stelle kleben.«

In den vergangenen Jahren hatten sich die zu investierenden und zu verspekulierenden Geldsummen der Esperanto Bank extrem multipliziert, so dass an der Universität in Frankfurt in den Seminaren des Chefökonomen Dr. Harrison von einer Geldüberproduktionskrise gesprochen wird, und das nicht nur in Bezug auf das überflüssige Geld, das scheinbar wie vom Himmel fällt, wenn die Zentralbanken weltweit Milliardenbeträge an Privatbanken fast zinslos ausleihen, sondern auch in Bezug auf das überflüssige Kreditgeld, das durch strukturierte Finanzinnovationen wie CDOs, CDSs, Futures, Optionen und Swaps quasi automatisch generiert wird (eine Bank nimmt beispielsweise eine Einlage von 100 Euro als Sicherheit, um 500 Euro zu verleihen, wobei die Bank auf diese Summe einen Kreditausfallvertrag (credit default swap) mit einer Versicherung abschließt und die Summe buchhalterisch hedgt, denn, wenn der Kredit platzt, muss ja die Kreditversicherungsgesellschaft einspringen, und deshalb kann die Bank auf die Einlage von 100 Euro gleich einen weiteren Kredit ver geben, um wieder eine Versicherung auf ihn abzuschließen and so on. Wenn dann in der Kette ein Schuldner tatsächlich zahlungsunfähig wird, erstattet eine Versicherung der Bank den geschuldeten Betrag. Je größer die Wahrscheinlichkeit, dass der Kredit nicht zurückgezahlt wird, desto höher die Gebühr der Bank für die Versicherung, eine Gebühr, die als Rendite für die Versicherung gilt, und je risikoreicher eben die Rückzahlung, desto größer wird der Einfluss des Zufalls sein. CDSs produzieren den Zufall als permanenten Aufschub. Die Kreditökonomie ist eine Zeitmaschinerie, weil sie die irreversible Zeit des Risikos (die Zahlungsunfähigkeit eines Schuldners ist irreversibel, tritt sie ein, muss ein Versicherungsgeber, der einen credit default swap an den Gläubiger verkauft hat, diesem den vollen Kreditbetrag ausbezahlen) mit der reversiblen Zeit mischt, in der das Risiko aufgehoben scheint, weil die Versicherung als Versicherungsgeber, die einen credit default swap beispielsweise an eine Bank verkauft hat, eine zweite Versicherung als Versicherungsnehmer abgeschlossen hat. Muss der Versicherungsgeber nun an die Bank wegen der Zahlungsunfähigkeit des ersten Schuldners den vollen Kreditbetrag ausbezahlen, wird ihm derselbe Betrag von einer weiteren Versicherung erstattet, womit die Zahlungsunfähigkeit für ihn ein Ereignis der reversiblen Zeit wird, ähnlich beim Konsumgeld, das sich qua Konsumentenkredit wundersam vermehrt, eine scheinbar exponentiell wachsende Geldmaschinerie mit schier anti-substantieller Transzendenz. Das größte Problem derzeit, das weiß auch Dr. Dr. Hanselmann, besteht darin, dass die Leitzinssätze, wenn es um das von Zentral banken geschöpfte Geld geht, stetig sinken und sie liegen nun fast schon am Todespunkt (der Tod des Rentiers bei Keynes), fast bei Null. (Das Federal Reserve System hat durch den Glass-Steagall Act von 1933 die Institutionalisierung der Verwendung von Staatspapieren für die Geldemission eingeleitet, d.h. die Zentralbank nimmt von nun an Staatstitel an, für die niemand haftet, so dass sie für die Deckung ihrer eigenen Geldnoten bzw. um die Stabilität dieser Papiere zu sichern nur durch die Kurspflege für Staatstitel am offenen Markt agieren kann. Fallen die Kurse der staatlichen Papiere, sieht sich die Zentralbank gezwungen, immer weiter Papiere zu kaufen und damit Geld zu emittieren, womit die öffentlichen Defizite des Staates bzw. die Staatsverschuldung wächst. Dass die Blase mit den Staatsanleihen kurz vor dem Platzen ist, steht für Dr. Dr. Hanselmann außer Frage. Denn irgendwann kann der Staat selbst die sinkenden Zinsen der emittierten Anleihen nicht mehr bedienen. Nur indem er eine strukturelle Neuverteilung des Eigentums der Staatsbürger vornimmt, die die Haftung des Staates wieder in Gang setzt, ist die steigende Staatsverschuldung zu resorbieren. Scheinbar bleibt in der Krise das Fehlen von verpfändbarem Eigentum eine markante Position des weiteren (Konjunktur-)Abschwungs. Andererseits gibt es immer noch genug seriöse Investoren wie die Esperanto Bank, die Portugal oder Belgien das gewünschte Geld leihen und natürlich eine CDS-Versicherung abschließen, weil die Möglichkeit eines Staatsbankrotts ja nicht auszuschließen ist, aber die Gefahr besteht hauptsächlich darin, dass diese CDSVersicherung wieder versichert wird, und je größer die CDS Beimischung bei den Krediten ist, die von Belgien oder Portugal aufgenommen werden, um die eigenen Zahlungskrise zu bewältigen, desto stärker eben die Gefahr des Entstehens von Zufallsketten und Chaoshorizonten.)

Hommage an David Foster Wallace; Auszug aus Saal 6
“Er inhaliert, sie exhaliert. Es kommt reinauf psychosemantischer Verschlüsselungsebene oder sprich interaktionistisch zu einem gefährlichen Stillstand, der einemmit der Videokamera aufgenommenen Standbild ähnelt, das einen Patt akzentuiert. Sam Kimberlay hat noch nie so intensiv simuliert, was äußerst ungewöhnlich ist, da sich das jetzt schallerzeugende Simulieren anscheinend ganz ihrem Willen entzogen hat, wie das in diesem merkwürdigen Traum der letzten Nacht in einer weißen Höllenlabyrinthisierung kryptogener Ätiologie ebenso der Fall gewesen ist, sie irrte in einer Art neonhellerleuchteter Klinik umher, es könnte auch ein mehrstöckiger Bunker mit weißen Wänden im Innen und Außengewesen sein, jedenfalls gab es lange weiße Flure, deren Verlaufsform eigentlich keinem Labyrinth glichen, obwohl sie sich permanent echt schräg euklidisch verzweigten, und da waren die schneeweißen Türen, die alle sperrangelweit offen standen. Die leeren Räume vermittelten irgendwie den Eindruck von Laboren oder weiß gekachelten Operationssälen, aber Sam Kimberlay schaute in keinen einzigen Raum länger als eine Sekunde hinein, es könnte ja auch schon ein Leben nach dem Tod gewesen sein, jedenfalls gab es ausschließlich die Farbe Weiß, und Sam Kimberlay selbst irrte in weißem Gewand umher, das zumindest spürte sie noch, die Materie war hell-, neon- oder titanweiß und es schien, als wäre das Leben selbst nichts als absolut cleanes weißes Inventar eines abstrakten Fegefeuers, weiß und schauderhaft, und mit ziemlicher Sicherheit war in der Klinik kein menschliches Wesen anwesend, obwohl sie eindeutig die Ahnung der Anwesenheit von Wesen hatte. Diese Wesen waren nicht aus weißem Wachs, sondern waren schneeweiße Gewächse und sie saßen in den weißen Wänden in sehr tiefsinnigen Positionen: Gespenster oder Bewohner einer Zwischenwelt hatte sie sich naiverweise als immerzu schwirrend oder flatternd vorgestellt, die, gerade weil sie stürzen, fliegen und schweben bzw. in der Schwebe bleiben können, jede Dichotomie bzw. ein Denken in Schwarz und Weiß widerrufen, sollte also die Polarität zwischen körperlicherund unkörperlicher Existenz in einem pures Weiß schwinden oder zur Erscheinung kommen? Die Zeitlosigkeit war nahe, das spürte Sam Kimberlay, aber sie war nicht greifbar. Die instantane hysterische Gegenwart ohne Erwartungen und Erinnerungen. Aber auch das nicht. Aber auch der Kampf mit dem Ewigen schien ausgefallen, das ja in einer reinen stratigraphischen Schichtung der Stasis die Zeit selbst ist, die Zeit als solche, die das Emergente aus sich herauszuschießen vermag wie nichts. Es gab jedenfalls in der Klinik keinen Ausgang und keine Ende. Zeit war der Raum selbst. Die Zeit war stillgelegt,aber es war nicht die Struktur der Zeit als solcher. Zeit war vielleicht die Endsumme von unbekannten sonischen Impulsen und Daten geworden, die in und durch die Räume flossen, dessen war sie sich sicher, obwohl sie die Daten – maschinen weder sehen noch hören konnte. Es war neutral und zugleich schrill, die Zeit stand still, oder es gab überhaupt keine Zeit außer der blinden Zeit mehr oder die Zeit kam zu ihr ganz in weiß als septisch neutrales Bukett eines doch unendlich quälend langen Tages, der aber ganz in der Klinik eingeschlossen war, so dass die Zeit selbst weiß geworden war. Die Zeit ging durch sie hindurch oder sie war selbst eins mit Zeit, die längst nicht mehr das unveränderlich Wandelbare war, und sie existierte auch nicht mehr innerhalb der Zeit, sie war nur noch klein und hatte nur noch sich selbst. Nahm sie noch etwas wahr oder nahm sie nur noch radikal ab in Raum und Zeit? Sam Kimberlay konnte sich selbst nicht sehen, da es ja keine Spiegel gab. Nur das Weiß, das sich selbst einfärbte und immer mehr sein eigener, unsichtbarer Grund wurde, vielleicht sein Abgrund. Es roch gespenstisch nach nichts oder dem Nichts. Vergangenheit war verschieden. Es gab keine Zukunft. Zeit war auch reine Information, zeitlos und zeitleer. War dies dasschreckliche, das unendliche Ende oder nur die Fortführungeines langen gesunden, aber ereignislosen Lebens? Alle Zeitpunkte glichen einander, auch der Raum schien bar jeder Metrik oder Rhythmik und er schien auch jeden Ansatz von Rissen verloren zu haben. Es gab nichts zu hören, noch nichtn einmal das Ticken einer Uhr. Es gab keinen Ort und es gabkeine Zeit, etwa zu entkommen oder etwas abzuschließen. AberSam Kimberlay war auch kein bisschen nervös, sie zappte sichnicht durch Lebensräume, schließlich war sie ja tot. Es gab keine Welt oder gar ein Universum, jedenfalls nicht für sie selbst. Für ihre Interiorität gab es keine äußeren Objekte. Aber der Bunker hatte paradoxerweise auch etwas Paradiesisches.Denn schließlich gab es ja Proportionen, Winkel, Lineale und Linien, Objekte und Räume, dessen war sie sich ganz sicher, deren Existenzen aber ganz und gar nicht von ihr abhingen unddie sich ganz von selbst, quasi automatisch, in Serien oder im Verhältnis zu anderen Räumen verkettet hatten. Es war eine seltsame, eine neuentdeckte Welt, eine undurchsichtige Form und doch weiß, fast schon transparent. Objekte und Konstruktion zugleich. Es war im Eingeschlossensein kein Land in Sicht. Es gab keine Möglichkeit, mit Menschen in einem Zimmer zu sein, die reden und vielleicht auch noch amüsant sein konnten oder die einem dabei gar nichts abverlangen würden etwa wie stundenlanges gemeinsames Fernsehen. Noch nicht einmal das. Die Räume waren menschenleer, dessen war sie sich ziemlich sicher, obwohl sie es nicht sehen konnte. Alles blieb außergewöhnlich beunruhigend und zutiefst beruhigend in einem. Dennoch führte der enorme Stress ihres verleugnungsgespeisten Umherirrens, dem sich so etwas wie ein eigener undurchsichtiger Körper immer wieder entzog, dazu, dass sie sich eine Art multifunktionaler Optionsbrille aufzog, um dem Schrumpfen ihres Gesichtsfeldes entgegenzuwirken, aber sie musste schnell feststellen, dass die Optionen, etwas anderes zu tun als zu tun war, sich sehr schnell auf das Dasein nadelspitzdünner Wahrscheinlichkeiten reduzierten, sie waren letztendlich gar nicht da. Nur eines war ganz gewiss: Irgendwo in der Klinik wurde an einem Pamphlet gefeilt, das alle Welträtsel zufriedenstellend beantwortet und damit die Welt selbst nichtet. Die Beschleunigung ist der Ausdruck einer temporalen Entstauung, hieß es, die Zeit verläuft hyperkomplex, kompliziert und oft haltungsund richtungslos. So entsteht der Verlust der Dauer sowie die Gegenwartsschrumpfung aus dem komplexen Verhältnis des Schwindens der Dauer und der Beschleunigung. Gegenwartspunkte, zwischen denen keine temporale Anziehungskraft mehr besteht, lösen den Sturz und Fortriss der Zeit aus. Das Subjekt der Erfahrung bewohnt den Übergang zwischen dem Vergangenen und dem Zukünftigen. Erst die Verschränkung von Zeithorizonten führt zur Erkenntnis. Information ist jedoch zeitlos und zeitleer. Aufgrund der haltungslosen Zerstreuung entfaltet Zeit keine ordnende Kraft mehr. Gegenwart reduziert sich auf permanente Sonden von Aktualitätsspitzen. Verlieren die Dinge ihre Vergangenheit werden sie zu Information oder zu Waren. Aufgrund der temporalen Neutralität lassen sich Informationen beliebig abrufen oder speichern. Noch nicht und schon. Zunehmende Kurzfristigkeit spiegelt sich als Angst und Unruhe wieder. Wenn die Zeit anstatt zu versickern oder zu perlokieren nur noch beschleunigt fließt, stürzt die Zeit fort. Je nachdem, ob die temporale Gravitation noch existiert, ob das Sieb, durch das die Zeit sickert, noch vorhanden ist, versickert oder fließt die Zeit. Der Sommer 2013 war eine einzige Seitwärtsbewegung.”

“Columbus hat sich eine Stunde vor dem Spiel 300 mg Schnellmachersubstanz gegönnt, denn Dopingkontrollen finden mit 99% Sicherheit nicht statt, dafürhat MAN (Geld als das alles durchdringende Medium) gesorgt. Um ehrlich zu sein, niemand hier in den Räumen der VIPLoungebegeistert sich wirklich ernsthaft etwa für Fußball oderlebt wie der Plebs bzw. Fanmenge da draußen im Stadionfür das Spiel, das mit fast ontologischer Gewissheit (Ontologie verstanden als konstruktive Tätigkeit. Man macht das Seiendeunivok; Univozität behauptet, dass die Mücke dasselbe Seinausdrückt wie ein Mensch), das eigene Interesse hintergeht oder auf beispielsweise Stimulierungen von l-Zentren verschiebt, obwohl die unbewussten kognitiven Module der anwesenden Repräsentanten aus der Wirtschafts-, Kultur- und Kunstszene der Stadt das Verwöhnprojekt Fußball, für sie selbst oszillierend zwischen gähnender Langeweile und unendlichem Spaß, durchaus auch zu schätzen wissen, wenn etwa die Leitfigur des Athletikers bzw. des Sportlers medialin Redundanz hochgefahren wird, ein Typus, der während seiner Hochleistungsphase die Fitness sans phrase im Spektakel vorführt. Niemand hier liest zum Beispiel das Massen-Entertainment-Heft KICK mit seiner Tampongrütze aus Fußballfrontberichterstattung,hochdesignten Spielerhalbnacktfotos und doofen Meinungsbonbons, so der O-Ton Dr. Dr.Hanselmanns, der die Zitat journalistischen Konstruktionenumnachteter Mietvisagen der prominenzorientierten Medienarbeit, über deren Kanäle panisch die Anbiederung des Sportsan die Zombiewesen aus Politik, Kirche, Kultur und Wirtschaft erfolgt oder die Vereinnahmung des Sports Zitat Ende, totalverabscheuungswürdig findet, und das macht ihn fast biszur Besinnungslosigkeit fertig. Böse Zungen aus der lokalenMedienindustrie behaupten sogar, dass sich in den Luxusloungen des Stadionkomplexes all diejenigen treffen würden, die
dafür bekannt wären, bekannt zu sein für zusammenfassend betrachtet das Allergewöhnlichste, was man sich überhaupt nur vorstellen könne. (Vermarktet und kapitalisiert wird die Eventindustrie im Fußballsport von einem korruptionsbereiten bzw. korrupten Konglomerat, das von der FIFA organisiert wird, gesponsert von Großbanken, Versicherungen, Stiftungen sowie den als Kapital- oder Aktiengesellschaften organisierten Vereinen selbst, und natürlich den neu-wichtigen Funktionärseliten, deren Aktivitäten komplementär denen in der Finanzindustrie durch monetäre und ehrgeizpolitische Anreizsysteme und fürstliche Boni getrieben werden. Eliten, deren Nettowert gar nicht vorhanden oder negativ ist, der aber infolge der permanent kalkulierten Einnahmen in der Zukunft, die aus der Spekulation mit Schulden in einer zukünftigen Gegenwart entstehen, als wohlhabend und gesellschaftspolitisch unentbehrlichgilt.) »Huch, die kämpfen ja richtig!«, sagt Mary-Sue Bergers ehemalige Mitbewohnerin in der Hochstraße in Neu-Isenburg, Maggy Mae, die während ihres Studiums in Oxford und ihrer beruflichen Anfangszeit bei der Werbeagentur Ogly & Ogly in London sowohl Kricket als auch Golf gespielt undnach ihrem beruflichen Wechsel nach Frankfurt/Main, wo sie zuerst für die empirische Untersuchung neuer Brainstorming- Verfahren bei der Werbeagentur W.H.Y. zuständig war, ihre sportlichen Aktivitäten, natürlich neben dem exzessivem Besuch des Fitnesszentrums McFITNESS, rein …”

This entry was posted on Thursday, February 11th, 2010 at 11:17 am and is filed under Literatur. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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