Verliebt ins Gelingen (Cuts)

Achim Szepanski
Verliebt ins Gelingen

»Ja, aber er kommt aus dem Ghetto und er ist drogenabhängig.«

»Bisher hat er es dort wohl irgendwie überlebt. Und solange er auch bei uns auf der Spur bleibt und seine wohlgemerkt einzigartige Stimme sich ganz gut verkaufen lässt, werde ich aus ihm den neuen Superstar machen. Reversibel versteht sich.«

Conny Island, Chefjuror der Casting-Show The Belover, spricht über die Haustelefonanlage mit dem Chief-Scout Donald Mc Smith, der in der Agentur als ein noch größeres Lästermaul als er selbst gilt und der sich die Redensart „Aufbauen ist leicht, aber zerstören!“ wie kein Zweiter zu eigen gemacht hat, obwohl diese Art von paradoxaler Haltung erst dann richtig funktioniert, wenn sie der Karriere kongruiert, und da hat dann wiederum Conny Island ganz eng die Nase vorn.

»Ich, für meinen Teil, ich will mir einfach im TV oder im Internet keine Underdogs mehr geben, jeglicher Coleurs versteht sich. Bad taste als Beruhigungspille, dass ich nicht lache. Cleverness mit Blödsein zu kombinieren inklusive der Notwendigkeit, dies noch auszustellen und preiszugeben, und das im Zuge aggressivster Lust, das kotzt mich jetzt echt mal an. Nicht einmal im Nachtprogramm ist man vor dieser Kultur der niederen Bedürfnisse, der Schwundstufe von Content noch sicher. Aber die Wahrheit besteht doch heute gerade darin, dass weite Teile des Fernsehpublikums das Hochsexen der Armut oder diese obszöne Mischung aus Nuttigkeit und Angeberei sozusagen als massenmedial fingierte soziale Überlebensstrategie, welche die Betroffenen zudem noch mit einer gewissen Medienfitness ausstattet, längst gründlich satt haben.«

Hochverärgert beginnt Conny Island nach dieser hässlichen, ja delinquenten Sprachbombe des Kollegen in seinem weiträumigen und sonnenduchfluteten Büroraum der Agentur Superstyle im 45. Stock des Messeturms mit seinen riesig langen, leicht ins Assoziative drängenden, sandfarbenen Loafers auf den monolithischen Glasterrazzo-Fußboden zu stampfen, tritt mit dem rechten Fuß mehrmals verbissen auf sein von Samsung gesponsertes Handy, bis es mit einem einzigen Klack in die berühmten tausend Teile zerspringt, dabei lässt er fast zeitgleich den Telefonhörer fallen -, gar kein Problem für ihn, denn er hasst ja diese notorische bzw. moralinsaure Besserwisserei, und im Falle des Chief-Scouts Donald Mc Smith, der ja nun in seinen Augen wirklich keine derartige geistige Leuchte ist, um beispielsweise mit professioneller intellektueller Raffinesse und Schlagfertigkeit, dabei komplett an das gelieferte Produkt kongruiert, das ABC der konstruktivistischen Medientheorie herunter-zu-beten – - -, ungefähr wie man eine Gans stopft, der es freilich gelingt, beinahe hingebungsvoll das in Hals gestopfte oder massierte Futter wieder in die Luft zu stoßen, wo es sich wundersam transformiert, und Luftmoleküle einen bewundernswerten Tanz aufführen, bis sie sich schließlich in eine Reihe aufstellen und zu tödlich fallenden Dominosteinen mutieren -, ja im Falle des Chief Scouts Donald MC Smith paart sich Conny Islands Auffassung nach das gequälte und zugleich quälende Ressentiment mit dem äußerst hilflosen Versuch, den zukünftigen, den 99%tigen Winner der siebten Staffel von The Belover ausgerechnet ihm, der unumstrittenen Symbolfigur für High-Entertainment-Education & Fun in der deutschen Fernsehindustrie, madig machen zu wollen, und als er diesen Gedanken so denkt, bleibt ihm einfach nichts anderes mehr übrig, als begeistert mit sich selbst zu lachen, bis er sich endlich wieder exakt 45 Zentimeter vor den hinterleuchteten Spiegel, der an der Westfront des Gebäudes hängt, begibt, um eine ihm passende Miene der Zufriedenheit aufzusetzen oder gar Euphorie auszustrahlen, pah, wahrhaft ein traumhafter Spiegel, der ihm eine gleichmäßige und möglichst schattenfreie Ausleuchtung des Gesichtes gestattet. Ein schwer indoleszenter Geruch hängt im Raum. Ein neues Lächeln. Ein Angebot, dieses Lächeln. Eines, das dennoch nicht allzu aufgesetzt wirkt, eher schon abgeklärt oder gar aufgeklärt, so professionell etwa wie eine fünf-Minuten-Terrine von Maggi, die ja keinen besonders herausragenden Geschmack besitzt, wie eben auch ein fünf-Minuten-Führer kein Charisma besitzt, puh, welch ein hässlicher Gedanke jetzt, der mir da durch den eigenen Kopf furzt, sagt sich Conny Island, und wie schön es doch wäre, wenn es wirklich noch einmal geschehen könnte, dass die Gruppe als überdimensionaler Ball der einsamen Herzen, die noch der charismatischenhrerpersönlichkeit bedarf, eine Auferstehung mit mir an der Spitze feiert, um dem Team als sozusagen überdimensionierte Krankenschwester – eine Mischung aus mildtätiger Barmherzigkeit und grausamer Tyrannei des Kollektivs durch das Kollektiv -, endgültig den Todesstoß zu versetzen -, er denkt an eine Praktikantin, die auf der überdimensionierten Mikrowelle in der Höffner-Designerküche nebenan Maggi-Plastikterrinen mit Buchstabensuppen unter alphanumerischen Gesichtspunkten stapelt, welch ein Elend, und dazu ich als ein äußerst blass gewordener spiritueller Wanderprediger, der zwar schon mal Dieter Bohlen like den Schlappschwänzen eins verpassen kann, aber dann doch dazu neigt, sich lieber am besten gleich an die Witwe des Aufsichtsratsvorsitzenden zu hängen, weil ausgerechnet sie ja wichtigen Kontakte besitzt und so eine talentierte Therapeutin ist, und hundertpro Sci-Fi technoides Essen mag, denn – - -, wer nicht die letzten infantilen, maybe femininen Geschmacksreste hat, der hat eben auch mal keine Nase für das monochrome Menü, das in den Probandenküchen für Morgen zusammengebraut wird.

Conny Island hat einen der neuen Kandidaten namens Walter Baumann – ein schlanker, schlaksiger, junger Mann, dessen Körper imposant drahtig, aufgrund des täglichen Konditions- und Muskeltrainings im Fitnesscenter McFitness fast schon skandalös drahtig durchtrainiert ist -, in der Diskothek Construction Five an einem Donnerstagabend während einer After-Work-Party kennengelernt, und ohne zu reflektieren, was er da eigentlich tat, nach dem dritten Bier gleich in sein Apartment in der Miquelallee abgeschleppt, wo die Begegnung, quasi aus der Spontaneität geboren, flugs in ein sog. Hard-Date umschlug, das am Anfang noch das leicht Tuntige als ein durchsichtiges Manöver zum gegenseitigen Beömmeln ins Zentrum rückte, bis buchstäblich der Funke zuschlug – - -, es gab da nichts Extremes oder Schmerzendes, aber während des grotesken Gerangels zweier komplizierter Körper überzog irgendwann ein Meer von manchmal fast kichererbsengroßen, seltsam digestiv riechenden Schweißtropfen die fast ausnahmslos glatte Haut von Walter Baumann vor allem auf dessen Rücken, was am Anfang noch ein coolantes oder nur pikiertes Gefühl bei Conny Island auslöste, dann aber doch das Bild einer gelbbraunen, alles überziehenden Wolke in seinem Hirn heraufbeschwor, sodass ihm beinahe schlecht wurde, wobei er erst as usual mit Hustenreiz reagierte, um dann nahtlos an den typischen (chronischen) Symptomen, die einer anaklitischen Objektbeziehung eigen sind, zu leiden, man denke da an präverbale Geschmacklosigkeiten wie Furzen, Rülpsen, Wimmern und undulatorisches Zittern, das bisweilen als Höhepunkt abgesegnet wird – - -, bis schließlich das vergebliche Ringen um die monogrammatische Selbstbeherrschung einen tierhaften Schrei veräußerte, vielleicht war es auch ein verchromter sirenenhafter Ton, wie sie herostratischen Apparaten eigen sind, die ihn en masse umgeben.

Unwillkürlich verabschiedet sich Conny Island vom Spiegel, geht zum Schreibtisch, greift mit seinen schweißfeuchten Fingern nach einem braunen Fläschchen mit offenem Schraubverschluss und schnuppert mehrmals exzessiv an dem betörenden Geruch des Hustensirups Codein Plus. Er steht an den braun getönten Panoramafenstern, als zunächst von ihm unbemerkt seine Sekretärin Miss Kittin den Raum betritt, die sich aber schnell räuspert, sodass er über seine Schulter zurück blickt, mit weit ausholenden, nach vorne rudernden Armbewegungen auf Kopfhöhe das kokette Schwänzeln oder Tänzeln ihrer schlanken langen Beine sowie das moderaten Kreisen ihrer Hüften kommentiert, was Miss Kittin seiner Meinung nach ja nur so la la hinbekommt, und das auch noch am neuralgischen Punkt vor den konkav angeordneten Schreibtischen (die mit Palladium, Ruthenium und Platin veredelt sind), für Conny Island fast ein heiliger Ort, insofern die konkave Krümmung Konsequenzen für die Raumkonzeption, aber vor allem die Blickführung von ihm selbst hat – - -, und als er dann mit einer typisch zynisch aufgeputschten Konfrontationsarieerst richtig loslegen will, da schneidet ihm Miss Kittin unverschämt cool das Wort ab und sagt, rien ne va plus, aber die Frage sei ja hier, ob die Einsätze hier über eine lange Periode gespielt, zu Reihen führen könnten, deren statistische Berechnung ihr, ja ausgerechnet ihr erlauben würden, die mathematischen Beschreibbarkeiten nicht nur zu verorten, sondern gezielt auch auszunutzen, und, und Conny Island murmelt, vielleicht ein wenig zu laut und zu aggressiv, was seine gegenwärtige Stimmung angeht – - -, er zischelt, wie er sie denn dazu bringen könne, dass sie endlich mit ihrem sexuell tangierten, dem kompetenten Wischen ihrer linken Hand über Datenprojektoren, Faxgeräte, Kopierer sowie über ihr platinblondes Haar aufwartet, letzteres sei ja ein viel zu wenig wiederkehrendes Muster im Laufe ihres oft doch sehr gymnastisch ausgerichteten oder selbstreferentiell funktionierenden Arbeitstages, der ihr ja längst den Kosenamen des »hypergelenkigen Arbeitsmannequins« eingebracht und den Angestellten auf der Etage längst das Fürchten gelehrt hätte – – -, außer vielleicht Conny Islands männlichem Kollegen in der Jury, der auch für Programmplanung verantwortlich zeichnet (ein protziges und mächtiges Schwergewicht mit Glatze, das auf den Namen Little Giant hört); auf brutalste Weise gedemütigt schaltet Miss Kittin sofort den Innenweltschalter um und gibt sich den schwunglosen Ausdruck eines schwunglosen Dilemmas, vielleicht ein wenig zu buddhophil, was den Spaßbremsenfaktor angeht – - -, sie betastet eine zeitlangkonzentriert ihre ungeschminkten, geschlossenen Lippen, was die Erfahrungen mit Conny Island einfach nicht voranbringt, wie sie ja jetzt selbst kurz und bündig eingesteht, und sie möchte doch so gerne, nicht nur um etwa Potenziale des Wu wei oder der Apathie zu aktualisieren – - -, und Conny Island, der gerade zweifelt, ob er je wieder in diesen Büroraumen auftauchen sollte, zischelt, er flüstert, sie solle sich doch endlich den schon lange geplanten Urlaub in einem taoistischen Kloster buchen, das mit der Zitat das sensorische Nervenspektrum abkühlenden oder wahlweise auffrischenden Ayurveda-Küche wirbt. Trotz ihrer halbherzigen, halbwegs taoistisch inspirierten Attacke, die nahtlos in ein hemmungsloses Gähnen gleitet, das wahrlich der Maske einer wurzelweißen Indifferenz gleicht, um dann in das Totalweiß ihrer Augäpfel überzuborden (sie also keinerlei Empathie gegenüber dem Gesprächspartner anstrebt), lässt allein schon der (dringend geforderte) Seitenblick auf Miss Kittins gepudertes Dekoletee bei Conny Island einen Adrenalinstoß ankommen, der sein zerebrales Nervensystem in einen akuten Alarmzustand versetzt, so dass er sich als ausgewiesenen Designerhomosexuellen umgehend verwünschen muss, wenn er denn nicht sofort den Büroraum verlässt, um in die Designerküche zu gehen und dort mit einer subkutanen Spritze die neuerliche Freisetzung von Glukose zu bekämpfen, womit er stets binnen Sekunden die gewohnte Vorstellung hervorzukitzeln vermag, er sei neben dem höchst professionellen Entertainer, der im Bildraum des Fernsehens seinen kometenhaften Aufstieg quasi-sakral inszeniert bzw. sein Ego aus dem Meer der Phantome erhebt, er sei darüber hinaus noch der exquisite, der auserwählte Sozialwissenschaftler, der die emotionale Kompetenz und die fachliche Qualifikation besitzt, aus den molekularen Medienaneignungspolitiken der Amateure im Web 2.0 die (karnevalesken) Trophäen zu fischen, ja seine ihm lieb gewordenen Trophäen, während die Masse der Scouts, die für ihn quasi anschaffen gehen, mit ihren kathekischen Besetzungen, ihrer erbärmlichen Sammler- oder Innovationswut viel zu oft am Ziel vorbeischießen bzw. den dünnen Faden zur Realität (des operativen und designierenden Geschäfts) verlieren oder ins Uferlose weiterspinnen – - -, beides gleich schlecht, wenn es um die wirklich wahren Talente da draußen geht. Die einzige ernsthafte Beziehung, die Conny Island innerhalb der letzten vier Jahr sozusagen euphemistisch entgegen geflogen war, hielt trotzdem nicht länger als drei Wochen, wobei der junge Lover im Hinblick auf seine hervorgekramte Homosexualität als ein Eigengewächs der Company Superstyle zu verstehen war, für ein oder zwei Muskelanspannungen sogar ein heller Schimmer in Conny Islands semio-emotionalen Neuro-Zentren, die durch das Stresshormon Cortisol sowieso belastet sind, was mit einer veränderten Funktionalität der Verbindungen von Amygdala und präfrontalem Kortex einhergeht, Gefühlsregulation dann passe. Der Boy war zumindest kognitiv alles andere als eine ausdifferenzierte Persönlichkeit, die ihm mittelfristig Lust auf Wiederholung einer sog. Beziehung gemacht hätte. Jedenfalls pflegte Conny Island danach nicht unbedingt einen zölibatären Lebensstil und war in jeder auch nur ansatzweise sexuell inspirierten bzw. interpretierbaren Situation bereit – auch derjenigen, die die Konnektion mit einem androgynen Frauentyp anbot -, dasjenige mitzunehmen, was da spielte oder nach Verklumpung rang, ohne sich manchmal etwas genauer die beruflichen bzw. finanziellen Risiken zu verdeutlichen, die ihm als medienkompatibler Person bzw. Promi mit einem garantierten Einkommen von 2 Millionen Euro im Jahr daraus hätten erwachsen können. Conny Island schmiegt, während er auf der aus ausrangierten Flugzeubauteilen gefertigten Schreibtischplatte sitzt, seine Hände zart aneinander. Die von den Lüftungsschächten der Klimaanlage ausgestoßene Luft erscheint ihm einen Tick zu kühl. Er leidet schwer unter der Quasi-Sucht, die wie jetzt mit furchterregender Härte zuschlägt, sodass er seinen Drang nach Maßlosigkeit selbst an tranquilizerinduzierten bzw. neuronal traurigen Tagen andauernd komprimieren muss, wobei der Drang hinsichtlich der Zielbestimmung unablässig von einem Objekt zum nächsten Objekt wechseln kann, und wie an der Börse, wo der Mix aus hoher Volatilität und hoher Risikoneigung zu unerwarteten Schocks führt, stehen diese auch für ihn jederzeit im Raum, wenn da nicht der Kongruenzgedanke wäre, der ihm sagt, in diesem Universum der liefernden Systeme weiß ich zwar, dass die Störung jederzeit auftreten kann, aber doch recht unwahrscheinlich ist, und deshalb gilt es den eigenen Wahnsinn zu taxieren, und so narkotisch wie die anderen drauf sind, verkaufe ich das eigene Neuro Enhancement mit dem besonders hell erleuchteten Beziehungsorgan, dem Hirn, stets in Maßen, und das macht meinen Erfolg aus – - -,

Ohne dass Conny Island es überhaupt bemerkt, sieht ihm Christelle Chatterlay, seine persönliche Beraterin in Sachen Öffentlichkeitsarbeit und Advanced-Personal-Marketing, bei der etwas zu behäbigen Injektion von Heroin mittels einer Spritze mit aufgesetzter Kanüle zu, sodass der Schmerz, der da langsam in das Fleisch vordringt, wahrscheinlich ein barock seidiger silberner ist. Christelle Chatterlay beobachtet ganz genau, wie die behandschuhten, leicht zitternden Finger die Nadel öfters als notwendig zum Wackeln bringen, während sich die Nadel in die Vene schiebt, und sie schaut nicht weg, auch nicht, als Conny Island ein Stück weiße Gaze über die Vene legt und seine behandschuhte Hand die Nadel aus der Vene zieht, sie hält den Blick, sie lässt es zu. Christelle Chatterlay hat Conny Island am heutigen Tag schon x-Mal angerufen -, obwohl man ansonsten doch ihre soziale Kompetenz in den lokalen Fachkreisen der Marketingbranche als eher zurückhaltend oder gar als zu elegant hin sichtlich der Terminierung von Meetings bezeichnet; sie hatte ja schon am frühen Morgen ihre Vorwürfe gegen Conny Island bearbeitet, als ob ein Hund behäbig und ausdauernd auf einem Knochen herumkaut, bis ihre Emotion dieses Kontrafaktum namens Conny Island endgültig einfrieren ließ, um dann im Stillen immer energischer über die schweren Bedenken seitens des Topmanagements der Agentur Superstyle gegen das derzeit medieninkompatible Erscheinungsbild des Chefjuroren zu meditieren; sie rief Conny Island schon gegen 6:00 Uhr morgens an, bat ihn eindringlich darum, einer halbstündigen Konferenzschaltung am späten Nachmittag zuzustimmen, an der neben dem Jury Kollegen Little Giant auch das weibliche Mitglied namens Jessica Beta teilnehmen wird. Es geht dabei um eine Art Brainstorming für die kommende Pressekonferenz, die am 3. Februar im neuen Konferenzzentrum des Fernsehsenders Anti9 vor circa 200 auserwählten Repräsentanten der Medienindustrie, Journalisten, Redakteure, Scouts, Fotografen etc. stattfinden soll, eine Event der Extraklasse – - – , wo Lippen sich bewegen, unverhohlen die Blicke hinauf zum Podium gleiten, wo Stimmen ohne Makel frisiert ins Mikrofon hauchen und klamme Münder Kaffee und Wasser aus Pappbechern saugen, so stand es zumindest in einem internen Rundschreiben, wobei nicht ganz klar wird, ob es sich bei diesen Sentenzen um so etwas wie Satire mit Esprit oder Lyrik deutscher Befindlichkeit handelt. (Seit ungefähr drei Wochen organisiert die Agentur Superstyle diverse regionale Casting-Ausscheidungen, bei denen jedoch keines der drei Jurymitglieder der Casting Show The Belover bisher anwesend war.)

»Also bitte, ich verstehe dich wirklich nicht. All die Ignoranz, oder nenn es meinetwegen Gutartigkeit, die du ja häufig genug bei deinen Partnern beklagst, entschuldige bitte, sie betrifft im Wesentlichen dich selbst. Wenn du nicht schnellstens auf den Weg des stream of consciousness zurückkommst, wird auch die neue Imagekampagne für dich kläglich scheitern«, sagt Christelle Chatterlay gestaut boshaft, woraufhin Conny Island mehrmals tief nach Luft schnappt, weil ihm das designierende Schmunzeln der designierten Pressesprecherin überhaupt nicht charmant erscheint bzw. mächtig auf die Nüsse geht, sodass die letzten Schichten seiner semiotisch komplexen Maske zu schmelzen drohen, aber eine neue Maske a la Vampir der Schwärze will sich schnell nicht bilden – - -, dadurch bleibt sein Mund weit offen und zeigt seine schneeweißen Zähne, den Goldzahn in der Position Canini 53 und den schummrigen Mundinnenraum, dessen rosefarbener Überzug trotz der gleißenden Helligkeit im Raum nur schwer zu erahnen ist, kaum ausspähbar die lammellenartigen Hautregionen.

Conny Island ist ein schlaksiger und dennoch muskulöser Mann (188 cm, 32 Jahre, fulminanter Augenaufschlag), der bei der Beurteilung eines Kandidaten zuweilen den rechten Arm auf Kopfhöhe einen Kreis im Uhrzeigersinn zeichnen lässt, dessen Radius etwa dem eines Autoreifens der Marke Hummer »H2 SUT« entspricht. Mehrere leitende Angestellte der Agentur Superstyle (Bilanzsumme im Jahr 2013 600 Millionen Euro) befürchten derzeit ja, dass neben diesen degoutierten Gesten vor allem sein neuer Haarschnitt (ein fantastisches Konstrukt des Starfrisörs Benaglio) – ein zum Gesicht hin fedrig geschnittener Pony, der in einem kühlen nazistischen Hellbraunton schimmert und den einige Leute in der Agentur auch triefendbraun nennen – seinem Karrierestatus weniger auf die Sprünge helfen als diesen als eine disseminierte Folge von Randnotizen erscheinen lassen. Wäre Conny Island ein kleiner, zierlicher Mann, würde sein Haarschnitt tatsächlich etwas zu großspurig, zu affektiert oder zu post-postmodern wirken, jedoch verleiht im Kontext von Körpergröße und Statur der Haarschnitt dem Größenwahn des Chefjuroren seltsamerweise etwas einigermaßen Ernsthaftes. Mit jedem Haarschnitt, so trichtert ihm der Starfriseur Benaglio insbesondere bei den zahlreichen gemeinsam besuchten VIP-Events ein, kann die modisch einwandfreie Welt des Mannes mit diffiziler Präzision und zugleich gerissener Hinterhältigkeit zur höchsten Entfaltung gebracht werden.

This entry was posted on Tuesday, October 19th, 2010 at 12:34 pm and is filed under Literatur. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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