Macht

Eine derartig auf Algorithmen basierende Selektion entspricht in seiner Funktionsweise jener Machtstrategie der Normalisierung, die Foucault in seinen späten Studien zur Geschichte der Gouvernementalität beschrieben hat: Man diszipliniert die Subjekte dabei nicht mehr nur dadurch, dass sie die Anerkennung von Normen bedienen, sondern man orientiert sie an Serien von statistisch errechneten Durchschnittswerten (der Handlungen, der Interaktion und des Verhaltens), die sozusagen als Matrix für Normalisierungsprozesse dienen. In diesem Kontext erscheint das Dispositiv der Kommunikation und dessen statistische Valorisierung immer auch als ein Dispositiv der Kontrolle und Macht. Und hierin versteht Foucault Macht als eine modale Machtrelation, die eine sog. Möglichkeitsdimension beinhaltet, welche fortwährend Handlungsmöglichkeiten für die Aktanten und Objekte bereitstellt und innerhalb eines stets variablen Gefüges auch zu strukturieren versucht. Als quasi-transzendentale Bedingung bzw. als liquide Fundierung des historischen a prioris in Form des Dispositivs (Bedingung der wirklichen, nicht der möglichen Erfahrung) bringt die Machtrelation, der unaufhörlich Kräfteverhältnisse immanent sind, in performativer Weise bestimmte maschinelle Kontexte/Handlungen zuallererst hervor, wobei es sich hier ganz und gar nicht um physikalistisch zu interpretierende Kausalmechanismen handelt, sondern die Macht selbst ist ja gerade als maschineller Prozess des Affizierens, Reizens und Veranlassens (der Kräfte und deren Wirkungen aufeinander) sui generis steigerungsfähig, da sie stets neue immanente Anschlüsse für weitere Handlungen und Auseinandersetzungen setzt und voraussetzt, und damit natürlich auch den Widerstand impliziert, was wiederum bedeutet, dass die Macht weder einem Plan noch einem historischem Telos folgt (denn dieser wäre sozusagen nur die Wahrheit der physikalistischen/mechanischen Kausalität), sondern die Macht der Macht, inklusive des Widerstandes, stets immanent ist. Und somit definiert der Widerstand die pseudo-kausalen Machtketten, die wiederum den Widerstand definieren, und gerade dieser Raum der Generierungen und der Schöpfungen wird durch die materiellen Prozesse ständig affirmiert. Dabei koexistiert das Politische mit dem Gesellschaftlichen und kann deshalb nicht auf die Politik des Staatsapparates konzentriert werden. Macht sollte man stets als polyzentrisch verstehen. ( Vgl. Ralf Krause, Marc Rölli (Hg.): Macht. Begriff und Wirkung in der politischen Philosophie der Gegenwart, Bielefeld 2008.) Folgt man den Analysen von Michel Foucault, so lässt sich die Macht keinesfalls als Institution, Formation oder Apparat denken, den die Mächtigen mit den Mitteln der Einschließung und Ausschließung den Ohnmächtigen entgegensetzen, vielmehr steigen diese Apparate und Institutionen selbst aus den differentiellen Beziehungen und Kämpfen von gesellschaftlichen Kräften auf, die einander überlagern, widerstreiten, sich aneinander messen, durchkreuzen und steigern, sich lähmen oder blockieren. Überall reagiert eine Macht bereits auf eine andere, denn anders würde sie sich selbst auflösen: Träte sie nämlich direkt einer vollendeten Ohnmacht gegenüber, so wäre sie keineswegs als Macht, sondern lediglich als mehr oder weniger offene Gewalt zu verstehen, oder anders gesagt, wo immer eine Macht totalitär in Erscheinung tritt, wo immer sie fraglose Hegemonie für sich reklamiert und das Gesetz des Handelns restlos an sich reißen will, reagiert sie ihrerseits auf Kräfte, die ihr ebenso vorausgehen wie sie ihr unter Umständen widerstreiten. Deshalb gerinnt auch der Widerstand zu keiner festen Größe, die man vielleicht an eine Macht einfach anschließen könnte, um sich letztendlich gegen sie zu formieren, und der Widerstand ist auch kein Zweites, keine Bewegung, die etwa dialektisch aus der Macht hervorgeht und mit einer gewissen Nachträglichkeit auf sie reagiert. Viel eher bestimmt sich die Macht als ein Ensemble von Techniken und Modalitäten, die es erlauben, sich in vielfachen Kräftekonstellationen zu bewegen, ein durch und durch unruhiges Feld und ein bewegliches Gefüge von Strategemen und Strategien. Heute erschöpft sich allerdings die Macht längst nicht mehr in disziplinarischen Techniken der geregelten Zurichtung von Körpern, sondern sie wird fluidal oder „gasförmig“, wie Deleuze sagt, indem sie ihre pyramidale Architektur verliert und sich stattdessen in Netzwerken organisiert, in denen jeder Knotenpunkt potenziell die Information des Gesamtsystems abrufbar macht.

This entry was posted on Monday, May 20th, 2013 at 12:26 pm and is filed under Macht. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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