Fundstücke

Fundstücke 1:

“Meist gehen die Sorgenfreien im Täglichen auf wie die Kleinbürger. Sie richten Häuser ein, bereiten Gesellschaften vor, beschaffen virtuos Hotel- und Flugzeugreservationen. Sonst zehren sie vom Abhub des europäischen Irrationalismus. Plump rechtfertigen sie die
eigene Geistfeindschaft, die bereits im Gedanken selber, der Unabhängigkeit von irgendeinem Gegebenen, Seienden das Subversive wittert und nicht einmal mit Unrecht. Wie zu Nietzsches Zeiten die Bildungsphilister an den Fortschritt, die bruchlose Höherentwicklung der Massen und das größtmögliche Glück der größtmöglichen Anzahl glaubten, so glauben sie heute, ohne selbst das mehr recht zu wissen, an das Gegenteil, die Widerrufung von I789, die Unverbesserlichkeit der Menschennatur, die anthropologische Unmöglichkeit des Glücks – eigentlich nur daran, daß es den Arbeitern auf jeden Fall zu gut geht. Die Tiefe von vorgestern ist in die äußerste Banalität umgeschlagen.” (Adorno, Minima Moralia) Es zeigt sich an dieser Passage, dass Adornos im selben Text prognostizierter Wahrheitsbegriff, dass Wahrheit nur in der Übertreibung sei, geradewegs zur Strahlkraft dieses Textes führt. Es handelt sich bei diesem Text, ganz im Gegensatz zu den hippen intellektuellen Auffassungen, die Adorno zum billigen Kulturpessimisten niederschreiben wollen, es handelt sich hier im besten Sinne um ein spektrales Objekt, dessen Anziehungskraft eine vertikale Expressivität sondersgleichen erzeugt. Dies wiederum ganz im Gegensatz zum gesellschaftlichen Konsens, dessen Klima des Eingeschworenseins aufs positive als Schwerkraft wirkt, die alle hinunterzieht, wie Adorno im selben Text bemerkt. Die vertikale Steigerungspraktik des Schreibens, der eine Resistenz gegen das Allgegenwärtige eigen ist, wäre buchstäblich in die Übertreibung der Übertreibung hinein-zu-treiben, so erst würde der Text zum wirklichen Alien. Im Alien käme dann jene Fremdheit zum Ausdruck dessen, was sich in Mitteilung nicht erschöpft.

Fundstücke 2:

“Der starr prüfende, bannende und gebannte Blick, der allen Führern des Entsetzens eigen ist, hat sein Modell im abschätzenden des Managers, der den Stellenbewerber Platz nehmen heißt und sein Gesicht so beleuchtet, daß es ins Helle der Verwendbarkeit und ins Dunkle, Anrüchige des Unqualifizierten erbarmungslos zerfällt. Das Ende ist die medizinische Untersuchung nach der Alternative: Arbeitseinsatz oder Liquidation.” (Adorno. Minima Moralia.) Was heißt das in einer Situation, in der jeder zweite Dienst-Leistende sich Manager nennt? Und wenn, wie Paolo Virno konstatiert, heute Arbeitslosigkeit unbezahlte Arbeit ist, wie Arbeit bezahlte Arbeitslosigkeit. Man kommt zu dem gespenstischen Ergebnis, dass eine Majorität sich gegenseitig zum Arbeitseinsatz verpflichtet, wo die Arbeit tendenziell nicht mehr vorhanden ist. Das Widersinnige der Simulation der Arbeit vermittels der Erzeugung ihres Anscheins muss aber eingesehen werden, und dazu verpflichtet am Ende jeder jeden. Dabei bleibt die Suche nach dem letzten Funken Frivolität nicht nur vergebens, wie Adorno sagt, man kann sie von vorneherein einstellen. Auf die allerletzte Schnapsidee kommt dann in diesem Zusammenhang der Chinese, als hätte er die Arbeitsmetaphysik der Leninisten nicht verdaut und als Faschismus wieder raus gekotzt, wenn er konstatiert, dass es den Bediensteten, die sich alle Manager nennen, noch viel zu gut gehe. Der Rest steht zur Liquidation frei.

 

This entry was posted on Saturday, September 7th, 2013 at 1:26 pm and is filed under Adorno, Philosophie. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

Comments are closed.

 
Follow

Get every new post on this blog delivered to your Inbox.

Join other followers: