Baudrillard zum Thema Wahl

Alle Zitate aus Jean Baudrillard: Die göttliche Linke.

“Wenn das schon nicht geschieht, könnte man sich zumindest vornehmen, ihm (dem Volk) ein schönes Spektakel zu liefern und nicht das Spektakel der Resignation der eigenen praxis. Für niemanden gibt es etwas Traurigeres.  Die Melancholie der Nachthaber heilt das Volk nicht von seinem Elend.”

“Die Demokratien haben definitiv die senile Hysterieform des Rentenalters erreicht; sie haben nicht mehr genügend Energie, um einen  mächtigen inneren Feind entstehen zu lassen, wie es zum Beispiel der mythische Faschismus war.”

“Die Politikerklasse hat virtuell keinen spezifischen Charakter mehr. Ihr element ist nicht mehr Entscheidung und Handlung, sondern das Videospiel. Es ist nicht mehr wichtig repräsentativ zu sein, sondern angeschlossen und auf Sendung sein.”

“Man braucht nicht zu glauben, dass der Bürger der Macht hilflos ausgeliefert ist, durch die Medien entfremdet wird und seines Willens beraubt wird … die Leute simulieren ganz einfach das Staatsbürgertum, und die Macht ihrerseits simuliert die Macht. Und das kann ewig so weitergehen.”

“Die Leute wollen wählen, sie wollen immer öfter wählen, und sie würden am liebsten noch viel mehr wählen. Was nicht bedeutet, dass sie eine Meinung hätten oder an die Bedeutung ihrer Stimme glauben würden – ganz im Gegenteil kommt darin das ubuesque Verlangen einer Wahl-Verfressenheit zum Ausdruck: Das Repräsentationssystem wird in gefräßiger und exkrementeller Weise verschlungen und verdaut. Man entledigt sich seiner durch einen Exzess (nicht durch Ablehnung, sondern durch eine Verdauungsstörung) – das ganze System wird in einen riesigen Wanst umgewandelt.”

“Die beiden Pole, die das Funktionieren eines Repräsentationsrraumes ermöglichten und die Platz für eine Szene der politischen Handlung und Repräsentation schufen, gibt es nicht mehr. All das ist verschwunden, und jeder weiß das, denn dabei geht es um mehr als eine ideologische oder moralphilosophische Frage: Hier wie überall hat die Beschleunigung der Energieströme die Kreisläufe zerstört – und keine politische Glaubwürdigkeit kann die Masse der Bürger jemals wieder mit ihren Repräsentanten verbinden, ebensowenig wie keine statistische Glaubwürdigkeit jemals wieder die Meinung der Leute mit ihrer Darstellung in den Umfrageergebnissen verbinden kann. Mehr noch: Die Leute haben buchstäblich keine Meinung und keinen politischen Willen mehr; Wille und Meinung sind zu einer willkürlichen variablen Größe geworden und reagieren nur noch auf die Erregung und den künstlichen Anstoß der Meinungsumfragen und Wählerbefragungen.”

This entry was posted on Friday, September 13th, 2013 at 8:44 pm and is filed under Baudrillard, Politik. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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