Grund und Problem

Muss das Konzept einer antiplatonischen Vernunft nicht mit Verrätselungen spielen, die der Produktion von Problemen entsprechen, die nicht auf vorderdründige Lösung drängen? Mit einer Art Geheimsprache, die es erlaubt, Verschiebung der alltäglichen Elemente der Sprache und Auflösung von Konsenselementen wie Klischees und Mythen voranzutreiben, zugleich die Enträtselung und Konkretisierung von Dingen? Man schreibt in literarischen Texten nicht länger Dreieck, sondern Sierpinski Dreieck, Schminkspiegel anstatt Spiegel etc., so dass der gewöhnliche Leser von heutigen SMS-Romanen sich darüber beklagt, dass er da öfters mal imFachlexikon nachschlagen muss, aber der Mathematiker oder der Marketingexpertefreut sich, dass man ihn respektiert (und nicht respektiert, undda beginnt der Einsatz des Humors oder der Ironie. Während der Humorein Strategem denkt, das sowohl sich selbst als auch etwas von ihm selbst Verschiedenes beispielsweise im Modus der Übertreibung lächerlich macht, nämlich das System selbst, innerhalb dessen sich der Humor als Missverständnis artikuliert, u.a. weil das System die Voraussetzung seiner Lächerlichkeit in sich enthält (eine Anti-Metaphysik, die unter anderem von der Disparatheit des Unendlich Kleinen und des Unendlich Großen lebt), operiert die Ironie durch Strategien sowohl der Überdrehung als auch der Übertreibung der gegnerischen Position, um implizit die eigene Position zu stützen. Während der Humor also mittendrin, pervers und immer auf dem Weg bzw. an der Oberfläche ist, bleibt die Ironie der Bedeutung und dem Sinnsystem verhaftet, allerdings kann die Ironie durch Konfusion bzw. der Verschmelzung differenzieller Postionen ähnliche Effekte wie der Humor erreichen). In einem Text zu Henri Bergson schreibt Gilles Deleuze: »Das Wahrheitskriterium muss in die Probleme selbst hinein verlegt werden.« Es handelt sich keineswegs um Probleme/Ideen, deren Lösung in der Überwindung der von Feuerbach über Marx bis zu Lukács beklagten Entfremdungsprozesse liegen, Theorien, die das Unmögliche eines (imaginären) Ursprungs oder eines ultimativen Grundes einer nie gekommenen Vergangenheit zu denken versuchen, wobei bis zur radikalsten Ausformung der Kritik der Metaphysik eines Heidegger die Frage nach der ontologischen Seiendheit in der Differenz zum ontisch Seienden wiederkehrt, die Frage nach einer begründenden Struktur (die bei Heidegger unbegründbar ist). Im Verlauf der Geschichte der westlichen Metaphysik wurde der Grund/Ursprung/Struktur mit ebenso vielen Namen belegt wie die Position der Kritik, die das Verkennen dieses Zufluchtsortes bzw. ultimativen Grundes beklagt oder anklagt: Gott, Vernunft, Logos, Subjekt, Objektivität, Geschichte, Substanz, Wille, Proletariat etc. Selbst die Dekonstruktion zielt nur auf die Schwächung des (ultimativen) Grundes, auf die Verabschiedung eines letzten Grundes, so dass ein Kontigenzbewusstsein entsteht, das wiederum unter dem Rubrum pluraler oder kontingenter Gründe vielerlei quasi-Tranzendentalismen annehmen kann (Ereignis, Freiheit, Differance), beispielsweise eine notwendige Unabschließbarkeit unter dem ergebnisoffenen Schatten des Antagonismus, notwendig deshalb, weil ansonsten wieder ein pluraler Grund der Grund der Letztbegründung sein könnte.  Wenn das ontisch Seiende zunächst Differenz ist, dann ist das Ontologische Wiederholung, ständiger Neuanfang des Ontischen. »Unter der Widerholung eines Grundproblems verstehen wir die Erschließung seiner ursprünglichen, bislang verborgenen Möglichkeiten, durch deren Ausarbeitung es verwandelt und so erst in seinem Problemgehalt bewahrt wird. Ein Problem bewahren heißt aber, es in denjenigen inneren Kräften frei und wach halten, die es als Problem im Grund seines Wesens ermöglichen (Martin Heidegger: Kant und das Problem der Metaphysik, 204). Es ist aber der abwesende Grund, der die Probleme (mit)konstituiert, um die Bedingungen dafür zu liefern, dass man in einer Begegnung zum Denken gezwungen wird, die wiederum das Denken permanent erschüttert. Der abwesende Grund ist immer ein Ab-grund, der eine Eröffnung für das Denken ermöglicht.

 

This entry was posted on Sunday, September 15th, 2013 at 9:58 am and is filed under Philosophie, Problem. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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