Deleuze: Differenz(t) und Plastizität (des Gehirns)

 Die Beobachtung der Wirklichkeit ist ein einziger differentieller Flirt mit der Extimität der Dinge, der im Innen so verhandelt wird, dass Innen und Außen sich beständig ineinander verschieben – Außen ist Innen und Innen ist Außen -, wobei im Sog weiterer Beobachtungen gedacht wird, womit interne (zerebrale) Schließungen zugleich den Widerstand gegen äußere Formierungen inhärieren, durch denhindurch Gedankendinge sich ins Ungeteilte/Unendliche rhizomartig ausbreiten  können, und zwar als ein Streben-hin-zu. Wenn man sich beim Beobachten selbst beobachtet, wird man, ob man es will oder nicht, an denvirtuellen) Rand der Existenzblase gekugelt. Besessen von einem Werden,das der Materie Energien und Tendenzen abnötigt, oder einem Operator, der auf seinen Moment wartet, um die (subjektiven) Grenzmarkierungsmaschinen ins Rotieren zu bringen, die Unterscheidungen machen oder eben suspendieren, wird die zerebrale und mentale Selbsterzeugung permanent forciert, deren Brüche und Transformationen ein ganz und gar nicht spiegelbildlich funktionierendes Bewusstsein/Unbewusstes herausschleudern. Es sind Verfahren, welche bestimmte Potenziale von äußeren Milieus erfahrbar machen, und zwar durch Wiederholungen, die ohne Differenzen nicht denkbar sind. Die disjunktive Synthese des unbewussten, des maschinellen Selbst (als entweder … oder) lässt differentielle Momente fortwährend als Gestaltung des Selbst durchlaufen -  man werde Mann oder Frau, nicht beides auf einmal, aber doch entlang einer (virtuellen) Grenzziehung von beiden Seiten, man denkt da sogar an das Bild einer Frau, die nach Seife duftet, sie wirkt  frisch und geschlechtlos, sie arbeitet an einem anderen Gesicht und zugleich an der Auslöschung eines eigenen Gesichts; das Werden der je aktuellen, fragilen Identität gelingt nur um den Preis der Öffnung an die Andersartigkeit, die sich im Widerstand gegen das herrschende Bild/Form artikuliert und die je Ausdruck von möglichen Welten ist, d.h. das Andere ist dem eigenen Werden so inkludiert, dass es keine Existenz außerhalb dessen besitzt, wodurch er ausgedrückt wird. Man unternimmt hier mit Gilles Deleuze einen gefährlichen Denkversuch, denn dieser Philosoph denkt die Bestimmung des Differenzbegriffs als in sich selbst unterscheidend, wobei ins Herz der (simulatorischen) Identität die Differenz eingepflanzt wird, die in sich offen ist wie die Öffnung auf sich selbst womit die Differenz die Faszination und zugleich Furcht einer Öffnung auf Raumzeiten positiver Differenzen entbirgt (entscheidend ist nicht die Differenz an sich, sondern die Verwandlung der Differenz in sich), ein Feld, das im Oszillieren der Virtuell/Aktuell-Verschaltungen koexistiert; eine Differenz, die differiert und differenziert (dem Begriff Differenzierung ist der Unterschied zwischen Differentiation – der Bestimmung des virtuellen  Inhalts der Idee – und Differenzierung inhärent – die divergente Aktualisierung einer Idee in Qualitäten/Arten und Elemente/Teile -, wobei es sich niemals um Verfahren des Kopierens handelt, sondern um die Verteilung der (virtuellen) relationalen Singularitäten in ihrer divergenten Ausbreitung bzw. in ihrem Differential (vgl. Gilles Deleuze mit Jean Luc Nancy)), mit sich differiert (also niemals mit sich selbst zusammenfällt), immer auf die positive Gefahr hin, dass jede Entität oder das geformte bzw. modellierte Selbst/Subjekt verliert/verweht, um neue plastische Subjektivitäten durch Formgebung und Deflagration zu generieren, neuronale Subjektivitäten, die sich transdifferenzieren, also ihre Differenz differenzieren, wie sich beispielsweise auf molekularer Ebene Stammzellen in unterschiedliche Zelltypen, Muskel- oder Nervenzellen, umwandeln können. (Die Differentation ist ein Prozess, der die Beschreibung einer Positivität im Modus eines Problems umfasst, in dessen Feld differentielle Verhältnisse und Punkte, Plätze und Funktionen greifbar werden, während die Differenzierung endlich generierte Bejahungen hervorbringt, die sich auf aktuelleTerme beziehen, die diese Plätze und ausgezeichnete Punkte besetzen oder umkreisen, welche wiederum in Relationen und wechselnde Beziehungen eingebettet sind und in diesen auftauchen. Aktualisierung ist immer (bewusste und unbewusste) Differenzierung innerhalb eines (offenen) Feldes von Beziehungen, das Potenzialitäten grundiert, die wiederum neue Relationen als aktuelle Gelegenheiten möglich machen (G. Deleuze: Differenz und Wiederholung, S. 262.).

 Auch der Übergang vom Neuronalen zum Mentalen ist eine Transformation,die einen differenzierten Bruch impliziert, der sich in der Behandlung von zerebralen, motorischen Explosivstoffen ausdrückt, in dem genetische und soziale Determismen außer Kraft gesetzt und neue Kräfteverhältnisse geschaffen werden (vgl. Catherine Malabou: Was tun mit unserem Gehirn?). Differenzielle Kräfte, die stets die Herausbildung von Singularitäten ausgehend von neuronalen Matrizes ermöglichen, treiben den Flux des Werdens (Aktivitäten der Neuerung, die auf Differenzierung hinauslaufen) voran bzw. bevölkern als ungeformte Materien und Tensoren die (virtuellen) Ebenen der möglichen Ereignisse bzw. abstrakten Maschinen (Felder, die die Welt der Objekte und Subjekte zu aktualisieren erlauben), ermöglichen quasi als affektiv-neuronale Motoren auf einem Immanenzplan den Übergang von einem Zustand in einen anderen und damit in jedem der Geschehensmomente die Transition der Welt des Vergangenen und des Zukünftigen, offen auf das Außen, das die chronologische Zeit schneidet und den Infinitiv eines radikalen Gedanken-Schnitts setzt, der selbst eine Differenzierung ist, die in jedem einzelnen Gesichtspunkt der bloßen Chronologie die Sukzessivität und Simultanität des Ereignisses zu entreißen versucht. Doch das Ereignis wirkt selbst als eine Kraft, durch die Gedanken-Dinge sich in weiteren Prozessen (die stets weitere Bedingungen des emergenten Denken aktivieren) additiv differenzieren. Das Ereignis ermöglicht der Erfahrung, bewusst zu erleben und zu erkennen, wie die Transformation von Gedanken zu Dingen und Dingen zu Gedanken erfolgt, wie Gedanken und Dinge kollidieren, denn ohne das Ding gäbe es keine Energie für die Formen des Denkens in den aktuellen Ereignissen. Das Virtuelle des Seins ist Tendenz und Bedingung in einem, im wesentlichen Problem, das sich im Prozess der Aktualisierung des Virtuellen (das, was zu einer gegebenen Zeit an einem bestimmten Ort möglich ist, möglich war oder möglich sein wird) nicht unbedingt lösen muss, sondern weiter differiert und eben dann nicht differenziert/aktualisiert. »Das Sein sagt sich in ein und derselben Bedeutung von all dem aus, wovon es sich aussagt, das aber, wovon es sich aussagt, differiert: Es sagt sich von der Differenz selbst aus.« (Gilles Deleuze: Differenz und Wiederholung, S. 59.) Das univoke Sein wird in den Individuen als selektives Prinzip wirksam (Bedingung), wie die Differenz als Selektion der Grund und ihr Element das Unendliche ist (Tendenz). Und die Differenz ist je konstruktive Tätigkeit, die das Unendliche einführt, das sie auf einen Grund bezieht. Die fraktale Person ist niemals nur ein Element oder eine Einheit in Beziehung zu den Gefügen und Assemblagen, sondern immer so etwas wie eine dynamische Konstruktion, die in die Relationen der Gefüge eingehängt ist. Jede Person ist schon in Differenz zerschnitten, in der die Identität des sehenden Subjekts wie die Identität des gesehenen Objekts schwindet, wobei das letzte Element/Entität die Differenz (der Bewegung) selbst ist, die sich in ihrer Differenzierung zeigt, indem Qualitäten und Teile durchlaufen werden, ohne selbst festgehalten zu sein. Die Differenz ist eine Mannigfaltigkeit, die etwas vom Maß, von der Art und Weise und von jedem Fall aussagt (G. Deleuze: Differenz und Wiederholung, S. 233) Und in jede aktuell gegenwärtige Entität gehen die Effekte des Vergangenen und des Zukünftigen ein, in jedem Ding ist Zukunft als auch reine Vergangenheit virtuell enthalten. Alle Zeiten sind relativ zu den Systemen zu sehen, die offen und geschlossen sein können; es handelt sich um Komplexionen, und wie die entfernten Punkte eines Taschentuches, das gefaltet bzw. zerknittert wird, plötzlich sehr nahe sein können oder zwei nahe Punkte, wenn man das Taschentuch auseinanderreißt, plötzlich sehr weit voneinander entfernt sein können, so implizieren diese Komplexionen keine lineare, sondern eben heterogene Zeitlichkeiten (vgl. Michel Serres). Die Karten der Relationen, die Felder der vielfältigen Verteilungen (anti-mimetische Bilder), die Netze der Verzweigungen, ja die Territorien selbst muss man im Bewusstsein eines angefressenen, plastischen Hirns durchlaufen, indem man selbst Welten erfindet und die Welten das Man  erfinden (und stillzulegen drohen); wie in der Sprache eine Vielzahl von Präpositionen die Wege/Relationen von Weltnetzen bahnen, so im Neuronalen die synaptischen Spalten des erlebten Gehirns (Intervalle bzw. Einschnitte, welche die Synapsen verbinden, indem zwischen Aussendung und Empfang eines Signals eine zufällige Leerstelle überwunden wird). Die fragmentarische Zeit ist in die Plastizität des Gehirns eingeschrieben, das ein reales Bild der Welt liefert, aber wir sehen das nicht, weil es sich um unsere Zeit und unsere Welt handelt oder etwa, wir sehen die Welt (aus Gummi) nur verzerrt, weil wir selbst aus Gummi sind. Jede Differenz in diesen Verteilungen/Relationen impliziert alle anderen, immer mit kleinsten Unterschieden, und nur das ist es, was das Sein von sich aussagt (vgl. Gilles Deleuze). Es kann doch sein, dass das Morgen von heute nicht das Gestern von morgen sein wird. Das Gehirn ist mit seiner modellierenden (Ausführung eines Programms und Progression der synaptischen Verbindungen durch eigene Aktivität) und seiner modulativen Plastizität ( Synapsen, die ihre Effektivität unter dem Einfluß von Erfahrungen verändern, wobei Langzeit-Verstärkung und Langzeit-Abschwächung der Synapsenaktivität stattfindet, was zu neuer Formgebung und neuen mnemischen Spuren/Bahnen führt, zur Verlangsamung und Beschleunigung von Nervenleitungen, vgl. C. Malabou) eine Schnittstelle, deren Ausdruck die kräfteologische Gehirnkarte der horizontalen synaptischen Verbindungen und vertikalen Integrationen ist, lokalisiert an einer Grenze; das Gehirn ist eine Schnittstelle, das die Geschwindigkeiten der Lichtströme Sekunde für Sekunde filtert, selektiert und transformiert. Diese Grenze ist jedoch rein virtuell, reines Differential,welche das Gehirn im Zuge seiner dynamischen Systemeigenschaften eines komplexen, materiellen Gebildes intern denkt, indem das Subjekthirn sich permanent mit unendlicher Geschwindigkeit ohne jegliche Transzendenz immanent durchquert. Das Gehirn ist ein eigentümliches Interface, das man sich als einen Bildschirm vorstellen kann, in den alles hineinprojiziert wird bzw. auf dem die Feineinstellungen vorgenommen werden, womit der Beobachter dieses Fensters eine beobachterabhängige »Objektivität« zur Verfügung hat, die sich jedoch einer objektiven Definitionsmacht zugleich entzieht. (vgl. Deleuze & Guattari: Was ist Philosophie). Das Bewusstsein bzw. das Erleben des Gehirns ist zugleich unbewusste Tätigkeit, womit wir sagen können, dass die Welt nicht der Ort ist, wo man zu sein glaubt, sondern der ortlose Ort der Schnittstelle. Die Schnittstelle enthält meinen Körper, mein Gehirn, mein Hier und Jetzt. Einschluss ist als Gefängnis zu verstehen, als eine Hülle, die man mit sich schleppt und die alles verzerrt, was sich jenseits ihrer, in der Exo-Welt, befindet, andererseits kann man diesen Einschluss auch zur Explosion bringen, indem, wie Bergson sagt, das Bewusstsein als spezifisches Verfahren der Materie und deren Potenziale eine intensive Fabrikation von Explosivstoffen für das Handeln abnötigt, wobei dies im Denken fühlbar wird. Weit davon entfernt Essenz, Bewusstsein oder das objektivierte Gehirn der Neurobiologie zu bergen, ist das Gehirn eine innere Differenzierungskraft, die jedes Neuron in variablen Relationen zu anderen feuern lässt, vielleicht ähnlich wie ein Ton in einem maximal variablen Musikstück in Melodien/Harmonien eingebettet ist, aber auch die Welt ist tönend, und zwar an der virtuellen Grenze, wo man die Töne wahrnimmt und transformiert, als ob man einen Plan justiert, der etwas zum Vorschein bringt, was sich der Objektivität entzieht. Die transdifferenzierende Kraft des Gehirns inhäriert sich verstärkende Nervennetze, während andere Netze wegen Nichtbelastung Aktivitäten reduzieren, womit die Neuronen sich sozusagen an Reizungen erinnern, d.h. neuronale Verbindungen können ihre Differenz/ Plastizität verändern und Programme umgestalten. Die Suche nach den Zukunftsreserven des Gehirns zu beginnen, die ihren ortlosen Ort in den synaptischen Spalten haben, welche das Vermögen besitzen, Informationen umzuformen und zu formen, heißt schöpferisch aktiv zu werden, das Hirn-Denken zu denken, eine konsistente Form, die sich überfliegt und in der Ko-Präsenz zur neuronalen Determination immanent die Hirnlandschaften durchquert und neue Variationen mit unendlicher Geschwindigkeit konstruiert. Und in rauschhaften Momenten gelingt maybe der flüchtigste Besitz von erträumten Dingen. Wiederholt wird also nur die Differenz, indem sie sich differenziert, eine Differenzierung der Differenz (als sich Unterscheidendes) ohne Analogien, d.h. die Differenz wiederholt sich niemals eins zu eins, und somit kehrt die Differenz in allen Differenzen wieder, und zwar immer mit einem Unterschied, singulär und einzeln, »etwas, dass sich unterscheidet – und doch unterscheidet sich das, wovon es sich unterscheidet, nicht von ihm» (Gilles Deleuze: Differenz und Wiederholung, S.51)
Die Bestimmbarkeit des Ich bin durch das Ich denke wird also durch die Zeit geregelt. Somit ist die unbestimmte Existenz des Ich bin, die ja durch das Cogito impliziert wird, nur als Existenz eines passiven Ich bestimmbar, d.h. durch die Zeit mit ihren aktuellen, aber vor allem virtuellen Speichern (vgl. Gilles Deleuze). Das Ego des Cogito konkretisiert sich in riskanter Gleichzeitigkeit, die ohne Verschiebungen nicht zu haben ist; das Ego ist eine Flocke, die in der Zeit im Prozess ihrer Differentation/Differenzierung transportiert wird. Oder um es mit den Worten von Lewis Carroll zu sagen: »Sei niemals ununterschieden von dem, als was du jenen in dem, was du wärst oder hättest sein können, dadurch erscheinen könntest, dass du unterschieden von dem wärst, was jenen so erscheinen könnte, als seiest du anders.«

This entry was posted on Monday, September 16th, 2013 at 3:11 pm and is filed under Deleuze, Differenz, Philosophie. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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