Günther Anders zum Begriff der Zerstreuung

“Seine Arbeit hat ihn so endgültig daran gewöhnt, beschäftigt zu werden, also unselbständig zu sein, daß er im Moment, in demdie Arbeit beendet ist, der Aufgabe,sich selbst zu beschäftigen,nicht gewachsen ist: denn ein „Selbst”, das diese Tätigkeit über-nehmen könnte, findet er ja nicht mehr vor. Jede Muße hat heute heimliche Familienähnlichkeit mit Arbeitslosigkeit. Bleibt er in diesem Augenblicke sich selbst überlassen, dann bricht er, da er als organisierendes Prinzip ausfällt, in seine einzelnen Funktionen auseinander. Aber natürlich sind diese seine Funktionen genau so an bloßes Beschäftigt-werden gewöhnt wie er selbst. Daher greifen sie nun — jede einzelne von ihnen — im Augenblick der einsetzenden „Arbeitslosigkeit” nach dem ersten besten Inhalt; und jeder erste ist eben ein bester, weil er überhaupt ein Inhalt ist, weil erüberhaupt einen Halt darstellt, an den die Funktion sich anklammern kann.* Ein Inhalt, ein Halt genügt auf keinen Fall, jedes Organ braucht den seinen, weil, wenn auch nur ein Organ unbeschäftigt bliebe, dieses unbeschäftigte eine Bresche darstellen würde, durch die das Nichts eben doch hereinfluten könnte.Nur zu hören oder nur zu sehen,  ist also ganz un-zulänglich — ganz abgesehen davon ,daß ja die Ausschließlichkeit eines solchen „nur-Tuns” Abstraktions- und Konzentrationsfähigkeit erfordern würde, und diese Leistung beim Fehlen eines organisierenden Zentrums nicht in Frage kommt. Dies übrigens der Grund, warum wir beim Stummfilm stets Musik benötigten; und nach Luft zu schnappen begannen, wenn die Musik aussetzte und das nur-Optische weiterging. Kurz: Um gegen das Nichts ab-gedichtet zu sein, muß jedes Organ„besetzt” sein. Und „Besetzt- sein” ist als Beschreibung des Zustandes ungleich treffender als „Beschäftigtsein”.

This entry was posted on Wednesday, September 25th, 2013 at 11:20 pm and is filed under Anders, Philosophie. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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