Porno, Sade und die Ökonomie des Gangbang

Die Teilnahme an einem Gangbang ist für den Newcomer im Pornobusiness ein Sprungbrett auf der Karriereleiter nach oben. Gangbangpartys versammeln in der Regel ein Minimum an Frauen, die ein Maximum an Männern befriedigen. Die ganze Inszenierung setzt auf Akkumulation und Profit. Gangbangs addieren & optimieren, erhöhen fast fahrplanmäßig die Sexualfrequenz. Im Pornofilm wird die Lust einzig zum Zweck der Erregung der Konsumenten visualisiert, es handelt sich um ein sowohl optisches als auch pragmatisch-chemisches Dispositiv, das die dargestellten und darstellenden Lustmaschinenkörper mit Hilfe der technischen Möglichkeiten des Schnitts ins Irreale bzw. Utopische abgleiten lässt, denn die Lust kennt im pornografischen Set ja keine Erschöpfung und auch kein Ende, vielmehr wird diese zuweilen, auch unter Negation der körperlichen Konstitution der Darsteller, alleine zum Zwecke der Erregung der Zuschauer visualisiert. Ganz im Gegensatz zur Orgie bei Sade, die einer Dramaturgie der zerstörenden Überschreitung folgt (welche das zu Überschreitende und damit das Verbotene voraussetzt), um die Erregung durch die (sprachliche) Kombination von Sex, Philosophie und Verbrechen einzufordern, und um diese Erregung analog zum Überschreitungsgrad bis hin zum Ziel der Orgie (meistens Mord und/oder Inzest) auch zu steigern, obwohl über die Stellungen (die elementare Einheit in der Orgie) genauestens Buch zu führen ist -, ganz im Gegensatz dazu kennt der Gangbang weder bei den Beteiligten noch bei den Rezipienten die Idee/Praxis der Überschreitung. Der Gangbang negiert insofern selbst die fantastischsten Turnerpyramiden de Sades, mit denen dieser die Orgie berechenbar macht, sie sozusagen normalisiert, und was von der Orgie im Pornofilm übrig bleibt, ist die spröde Vernunft des Profits, die neutrale Konstruktion des Addierens und Kopulierens.

Gonzo (die reine Darstellung des Geschlechtsakts und der Verkettung von Partialobjekten im Pornofilm, ohne jeden Hauch einer den Akt umrahmenden Handlung) scheint deswegen so erregend und schal zugleich zu wirken, weil man schon so viele Filme gesehen hat. Die Lust will aber Wiederholung. (Zunächst wiederholt die Wiederholung nicht die Vergangenheit, so wie sie tatsächlich war, sondern deren Virtualität, die man eben nicht nur der Zukunft, sondern auch der Vergangenheit zugestehen muss.) Beim Pornofilm ist die Struktur der Wiederholung allerdings eher der bloßen Kopie zugeneigt, wobei der Film eine spontane Aktivität, so scheint es jedenfalls, jenseits des Triebaufschubs und der Sublimierung (die genau genommen auch wiederholbar, also verschiebbar ist) bis in das letzte Detail ausleuchtet und kodifiziert, um beim Zuschauer eine Erregung zu erzeugen. Körperdesign, Sprache & Geräusche, Stellungen & Szenen, Kameraeinstellungen & Licht unterliegen im Pornofilm einer strengen Kanonisierung. Darüber hinaus inszenieren die Filme und Clips (mit Hilfeder Schnitttechniken) das ewige Fantasma, dass es Sex so einfach gibt, überall, egal ob bei der Autopanne, beim Fernsehen oder am Strand. In ihrer Rolle als verkörperte Erregungsmaschinen können die Akteure immer und sie können alles. Diese Fiktion faket die Sexualität, vor allem im Film, der die Imagination des Zuschauers nicht, wie beispielsweise den Leser pornofiler Texte, in der Schwebe hält, sondern der durch die Abbildung und Darstellung unmittelbar zuschlägt. Während Sade alles sagen will, will der Sexfilm alles zeigen. So substituiert der Pornofilm in Permanenz das Authenzitätswollen der Einbildungskräfte und der Subjekte, deren Begehren inmitten der Bilder/Filme, die vermeintlich nur ein Reales konnotieren, stabilisiert und zugleich destablisiert wird. Die chemisch-elektronischen Bilder des Pornofilms evozieren eine sexuelle Stimulation, die durch Triebabfuhr durch Selbstbefridigung hindurch einen Kreislauf in Gang setzt, der des Partners und des Realen nicht mehr bedarf.

Je mehr die gesellschaftlichen Teilsysteme jedoch ihre kulturellen Bezüge zur Sexualität kappen, desto drastischer werden die Bilder, die massenhaft auf den Aufzeichnungsflächen der Pornografie erscheinen, sowohl um der verbliebenen Sehnsucht nach greifbarem Sex Nahrung zu geben als auch die Neutralität des puren Sex hervorzukehren bzw. über ihren Verlust zu trösten. Der Imperativ eines Genießens, das in der normalisierten Variante der Werbeindustrie den Sex ohne Körper serviert, zieht die Produktion von Bildmaschinerien nach sich, die ein programmatisches Interesses an dem Konsum von Sexualität befriedigen. Die Konsumenten des Sex bzw. die Süchtigen nach Sex pendeln permanent zwischen den Polen oversexed und underfucked, wobei die neofeudale Klasse der Superreichen den Sex eher in der Berlusconi-Variante vorführt, während die Underdogs eine internetgestützte Porn-Porn-Variante ausleben. Der Pornofilm besitzt ein variables Gefüge von Techniken des Sehens, die Kamera ist das alles überragende Toy, das die Körper quasi auf Dauer penetriert. Körper, die sich in ihrer Ausrichtung auf die Stecher-Apparaturen optimieren.

In ihrem Buch»King Kong Theorie« stellt Virginie Despentes die Pornografie sowohl in das oszillierende Verhältnis von postmodernem »Sexdelirium«, der totalen Sexualisierung der Werbe- und Fernsehoberflächen, als auch der pornografischen Fiktion, die besagt, dass es Sex per se gibt. Ein Verhältnis, das der Porno laut Despentes nährt, weil er die Wirklichkeit und die Wirklichkeit den Porno nicht (aus)halten kann, und nichts ist einfacher, als einen Akt zu vollziehen, der an einem Authentizitätsmakel leidet, denn irgendwie ist der Akt vor der Kamera immer Arbeit und Spiel zugleich, wobei die weibliche Lust im Porno geheuchelt sein mag, und gerade das würden angeblich die männlichen Konsumenten einer Pornodarstellerin mehr als übel nehmen, aber mit seiner perfekten Fakeologie holt der Pornofilm das, was Sade in die dunklen Cabarets und der berühbaren Prostituierten verlegt hätte, in das Feld des Sichtbaren zurück, überbietet es und macht das Sexualobjekt zum Produkt eines globalisierten virtuellen Schaufensters.

This entry was posted on Thursday, September 26th, 2013 at 12:38 pm and is filed under Politik, Sex. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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