Sprache und Geld

Die Utopie der Sprache hat ausgespielt, nein, vielmehr ihr Traum alles und jedes bezeichnen zu können, um den Dingen so nahe zu kommen, bis Worte und Dinge in einem Verhältnis der Äquivokation stehen oder ganz verschmelzen (der ursprüngliche Akt der Benennung), oder bis Sprache und Schrift Körper werden, die eine direkte Wirkung auf die Sinnlichkeit ausüben können. Eine Sprache, die bis in die letzten Winkel jeder Entgleisung (Sade) von Subjekten/Objekten zu kommen gedenkt, und damit zugleich demonstriert, dass es nicht funktioniert, ist vom Bedeutungsverlust per se bedroht. Früher oder später muss eine Sprache, die rein alles kommunizieren will, wiederum auf die rohe Materialität des Zeichenkörpers zurückkommen und zugleich auf ihren unendlichen, arbiträren Verweisungscharakter, der aber die Dinge niemals erreicht, weil diese umgekehrt einen noch nicht versprachlichten Surplus besitzen, der allererst zum Denken zwingt. Sprache bildet sich somit nicht in einer Art Dualismus zwischen den (gesehenen) Dingen und den (gesagten) Worten und Sätzen, sondern in der Übermittlung von Gesagtem, vom Hörensagen, sie schreitet in Sätzen so far zu Sätzen from now on voran (vgl. Gilles Deleuze und Josef Mitterer). Sprache konstruiert die Dinge und tilgt sie zugleich, denn als ein endliches Referenzsystem kann die Sprache die unendliche Singularität der Dinge niemals materialiter abbilden, ohne ihre Funktion als Differenzsystem einbüßen zu müssen. Dinge gehen niemals in der Sprache auf, wobei Sprache als Sinnsystem (ständig die Grenze zwischen Sätzen und Dingen verschiebend) permanent substituiert, das heißt, der zweite Satz sagt, indem er etwas bezeichnet, etwas über den Sinn, das Ausgedrückte, des ersten Satzes aus, wobei der Sinn des zweiten Satzes wiederum von einem dritten Satz generiert werden muss, wodurch von den Dingen permanent in ihrer Nachträglichkeit etwas gesagt wird. (Wir können niemals den Satz und seinen Sinn zugleich sagen.)

Eine poetische Sprache außerhalb des Sinns (der nach Deleuze immer in den Sätzen insistiert, die ihn ausdrücken, und untrennbar dieDinge attributiert), ein reines Abstraktum der poetischen Sprache außerhalb der Zirkulation, eine Sprache ohne (nachträgliche) Verschiebungen, Supplemente und Übersetzungen, eine Sprache ohne die Proliferation des Sinns, kann in Hinsicht auf Bedeutungsoffenheit sowohl mit der Sprache der Vieldeutigkeiten bzw. des Supplements als auch mit dem Medium Geld nicht gleichziehen. Wie der Sinn im Verhältnis zum Medium Sprache angesetzt werden muss, so der Preis im Verhältnis zum Medium des Geldes. Strukturale Gleichwertigkeiten lassen sich zwischen Geld und Zeichen dennoch schwer herstellen; der Bezug sowohl der Zeichen als auch der des Geldes auf die instabilen Kraftfelder der Dinge ist von der Funktion her zwar kein homologer bzw. analoger, aber vielleicht ein verwandter Bezug, denn wie die Münzen zirkulieren die Zeichen, indem sie auf andere Zeichen verweisen und stellen Bedeutung durch die Beziehung zu anderen Zeichen her und auch Geld muss bedeuten, aber was es bedeutet, ist ziemlich egal. Geld besitzt eine spezifisch (immanente) Sogkraft, weil Geld nicht übermittelt bzw. mitgeteilt (oder bei sich gehalten wird), sondern übertragen wird und mit jedem Tausch die Beteiligten verändert (der Zahlende verliert, was er an den Empfänger abgibt), während der Sprechende doch behält, was er an andere weitergibt, und auch mit der Schrift verhält es sich nicht anders, sie wird dem Schriftsteller erst entrissen, wenn das Buch im ökonomischen Kreislauf zu zirkulieren beginnt. Das Denken zirkuliert wie Falschgeld, das wiederum durch die Sprache mit ihren Vieldeutigkeiten und ihrer fehlenden Eindeutigkeit ermöglicht wird, und Denken verwandelt Sprache in bare Münze, wobei der Rezipient dem Text Kredit entgegenbringt, obgleich der Text laut Derrida möglicherweise ein falsches Geldstück ist, eine Maschine, um etwa Ereignisse zu bewirken. Dem korrespondiert die Referenzlosigkeit des Geldes, das nun ganz auf Performativität umstellt, der Umstellung von repräsentativen auf funktionale »Qualitäten«, und so beweist sich die autoreferentielle Funktion des Geldes in der Zirkulation des Scheinhaften, wo Geld wie Bits gegen andere Zeichen austauschbar ist; Geld, das bedeutet, wie flüchtig diese Bedeutungszuweisungen sein können, vielleicht ähnlich flüchtig wie ein Schreiben, das bezeichnen will und sich beständig von der Bedeutung entfernt; Worte und Sätze, die ihren Sinn voranschieben bzw. entschreiben, weil sie zwischen anderen Worten und Sätzen aufgespannt bleiben, dass es sie zugleich berührt, ohne jemals ganz zu ihnen zu gelangen. Die Sprache als Körper (vgl. Jean Luc Nancy, Corpus, S.63). Die Beschreibung des differantiellen Effekts der Schrift als Temporisation ist den Effekten der Temporalisierung des Geldes ko-präsent.

This entry was posted on Wednesday, October 2nd, 2013 at 9:17 am and is filed under Geld, Sprache. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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