Nietzsches Hirn

Haderte Nietzsche damit, dass das Kartographieren der Objekte und der eigenen Beziehung zu den Objekten, was Grundvoraussetzung für so etwas wie Selbstbewusstheit ist, aus den mentalen Verfahren mit internen und externen Milieus entspringt, indem deren Potenziale denkbar werden, wer weiß – ja, diese Milieus zwingen das Denken die Herstellung eines Feldes von Erfahrungen immer neu anzugehen, wenn es aus dem Potenzial der vielen Erfahrungen neue wählt, die das Bewusstsein unter Umständen auf Trab bringen. Dem Selbst ist sein eigenes Sich-Erscheinen immanent, was im Übrigen auch heißt, dass individuelle Entwürfe & Projekte andauernd misslingen, Dinge an einem unbemerkt vorbeiziehen oder etwas eben nur insofern ist, als man es nicht als das wahrnimmt, was es ist, so dass man sowohl keinen vollkommen bewusst durchgestylten Plan hat als auch seine Irrtümer und Illusionen (weiß man etwas von seinen biophysikalischen Synapsenhirnprozessen? Ahnt man, dass es eine Illusion bleiben muss, hinter der Oberfläche des anderen eine opake Tiefe aufbrechen zu können?) immer ganz nahe am Wahren sind, und kommen wir wieder zum Ausgangspunkt zurück, die meisten der Überlegungen (Gründe, die  Aktivitäten motivieren, üben ihre Wirkung nur insofern aus, als sie als Gründe gelten) sind wohl dem bewussten Unbewussten zuzuordnen, das ganz nahe am Erleben des Gehirns sein kann,  Stichwort synaptische Plastizität, wobei Erfahrungen (die immer in einem Feld angesiedelt sind, das den Gedanken das Potenzial anbietet, aktuelle Gelegenheiten (Whitehead) zu entscheiden) neue synaptische Verzweigungen ermöglichen, um vielleicht im Gebrauch von Explosivstoffen des mentalen Denkens auch festgefügte neuronale Verbindungen zu konterkarieren, womit der genetischen Determination/Selbstreferenz des Gehirns tatsächlich neue Formen aufgezwungen werden. Überlegungen entstehen an der Schnittstelle Gehirn, die mit der Fähigkeit der Synapsen, ihre Effektivität zu modulieren und ihre Verzweigungen unter dem Einfluss der Erfahrungen wuchern zu lassen kongruiert, wobei aus einer virtuellen Ansammlung von Erfahrungsfeldern und Erinnerungsschichten jeweils das lebendige Erinnerungsbild oder Gedankending aktualisiert wird. Der Erzähler der Geschichten existiert nur innerhalb seines Erzählens (und diese Geschichte ist immer schon da) und er denkt seine Beziehung zu den Dingen als solche, deren Macht und Potenzialreservoirs er aufspürt, um sie mit neuen Beziehungen der aktuellen Gelegenheiten je zu konstruieren.

Dreierlei will man damit sagen: Wenn wir etwa Nietzsche folgen, ist die Frage nach der Wahrheit immer auch eine Sache des Interesses, das sich artikuliert, indem es Wahrheit produziert. Die Wahrheit ist damit weniger von der Frage nach der Ursache der Illusionen oder Lügen zu trennen, als man denken könnte. Man könnte sogar so weit gehen zu behaupten, dass Lüge und Wahrheit sich gegenseitig bedingen, insofern beide der Genese des Sinns unterliegen. Gemäß dem Sinn, dessen was wir sagen, entpuppt sich etwas entweder als falsch oder wahr. Wer von der Wahrheit spricht (man muss nicht unbedingt gleich an das Paradoxon des Epimenides denken, der von der Insel Kreta kam und sagte: »Ich bin ein Kreter. Alle Kreter lügen«), degradiert den anderen u.U. zum Lügner. Der Begriff der Wahrheit trennt also die Parteien in einem Spiel der Machtinteressen, dessen Regeln uns zumeist nicht bekannt sind. Weswegen Michel Foucault sagen kann, dass das Leben des Menschen zu einem Wesen geführt hat, das herumirrt und dessen Weg es ist, sich zu irren und sich (und die anderen) zu täuschen. Das Machtspiel kennt keinen Täter hinter der Tat oder genauer gesagt, es beruht auf Tätern, die sich in der Tat (im Flug) programmieren müssen, weil sie kein Ziel vor Augen haben, sofern keine funktionale Entsprechung zwischen Wille und Weg stattfindet (vgl. die Konzeption des Projektils bei Heidegger). Dieses im-Flug Programmieren heißt auch, dass die Partizipation jeder Erkenntnis vorausgeht, wobei man stets im Flug zu kommenden Effekten ist und von diesen mitgerissen wird, die ein gemeinames Geschehen der (operativen) Objekte und der Subjektivität inhärieren, eine Aktualität, die als Relation, als Momentum von Übergängen stets inkludiert, dass Subjekte und Objekte immer nur sind, was sie gewesen sein werden. Rückwirkend sind die virtuellen Subjekte und Objekte als Effekte erkennbar/erfahrbar und fallen damit auf die aktuelle Seite.

Was die Logiker bis heute auf die Palme gebracht hat, lässt sich in Spiralen höherschrauben, wenn man beispielsweise dynamische Konzeptionen der dreiwertigen Logik einführt. Die klassische zweiwertige Logik kennt ja nur die positive und die negative Bestimmung, die sich wechselseitig ausschließen und implizieren. Wenn es ist, ist es so und nicht anders, eine absolute Positivität, die in der zweiwertigen Logik im Verbot des Widerspruchs axiomatisiert wird. Die binäre Logik steht im Zusammenhang mit einer Ontologie, die als apriori jeder möglichen kognitiven oder sozialen Operation vorauszugehen scheint. Alle sog. graduellen Differenzierungen, Hierarchien etc. gehen von diesem Urgrund Sein aus, der selbst monokontextural ist. Auf der Basis eines generalisierten tertium non datur, der primordialen Unterscheidung von Sein und Nichts, wird diese Kontextur aufgespannt. Eine Alternative wäre nun mit Gotthard Günther aufzuzeigen, nämlich, dass es eine Vielzahl solcher tnds gibt, und damit auch eine Vielzahl von koexistierenden Ontologien. Probleme treten auf, wenn man die Koexistenz dieser Orte zu fassen versucht. Dabei handelt es sich um notwendige und unlösbare Probleme zugleich. Der freie Wille bzw. das Bewusstsein ist ein bestimmter plastischer Gehirnzustand; so wie die Physiker sagen, die Temperatur eines Gases ist die kinetische Energie der Moleküle, scheint der Geist das Gehirn selbst, und dennoch, könnte man in einem Gehirn spazieren gehen wie in einer Mühle, würde man, wie Leibniz bemerkt, keinen einzigen Gedanken sehen. Die Schwingungen oder synaptischen Feuerungen (elektrisch-chemisch-elektrisch) sind zwar messbar, aber haben die Behauptungen über neuronale Verbindungsketten ihre Ursache in diesen selbst? Die Gedanken insistieren und permutieren, insofern sie Schwingungen bewahren und fortsetzen, und nur indem die Gedanken die Schwingungen kontrahieren, schwingen sie selbst, indem jede Veränderung auch eine kritische Überprüfung ist, was Spuren hinterlässt und andere Bahnen der neuronalen Matrix auslöscht, womit die ursprüngliche biologische Matrix ständiger Transformation und Auflösung unterliegt.

This entry was posted on Tuesday, October 8th, 2013 at 7:37 pm and is filed under Nietzsche, Philosophie. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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