Akzeleration

Tatsächlich soll die Zirkulations- und Umschlagszeit des Kapitals im Kapitalismus sui generis gegen Null tendieren, aber das Kapital kann diesen Zustand der reinen Simultaneität aus prinzipiellen Gründen nicht erreichen. Denn diese Art der Ewigkeit wäre die Stasis der Zeit (Gleichzeitigkeit) selbst – Ewigkeit wäre die Zeit als solche und würde damit zur unendlichen Produktivkraft mutieren. In gewisser Weise spricht das »Kapital« ja ständig von der Präsenz eines Phantoms, das die Präsenz des Kapitals heimsucht, nämlich dem Phantom der Geschwindigkeit, das, wenn es endlich von der Produktion befreit ist, sich sofort in das Gespenst der Zirkulation verwandelt, um in den Netzwerken der Zirkulation rapide bis hin zu seiner eigenen Auflösung zu beschleunigen. Und somit würde sich die Dialektik von Gebrauchswert und Tauschwert, wie dies etwa Arthur Kroker angenommen hat, tatsächlich in einen dritten Term transformieren, nämlich in das Gespenst eines leeren Umlaufs der Zirkulation, der sich von nun an mit der digitalen Geschwindigkeit des Gradmaßes Null bzw. in den Zirkulationen einer Null-Zeit bewegt. (Vgl. Kroker 2004) Aber schließlich bleibt das Kapital im Rahmen der differenziellen Kapitalakkumulation gezwungen, sich immer auch in der Zeit aktualisieren, auch wenn es von sich selbst längst genug hat und sich selbst loswerden will, genug etwa vom referenziellen Gewicht der klassischen Waren, um in ein posthumanes Zeitalter der reinen Virtualisierungen einzutreten. Es will schließlich noch dem Gewicht der Zeit entfliehen, um seine eigene Zukunft mit der Leichtigkeit der virtualisierenden Zirkulationen zu illuminieren. Schon Marx spricht hinsichtlich der Beschleunigung der Zirkulations- und Transportzeiten einerseits von einer Vernichtung des Raumes durch die Zeit, wobei jede Sekunde, die das Kapital für seine Realisierung braucht, eine Sekunde zu viel gewesen sein wird; andererseits muss es die Ökonomie der Umschlags- und Zirkulationszeiten selbst ins Visier nehmen, weil das telos der Verwertung nach der Realisierung von sich selbst übertreffenden Geschwindigkeiten verlangt, bis endlich Null-Zeit einsetzt, der das von Virilio bekannte Phantasma des rasenden Stillstands eingebrannt ist, sodass schließlich selbst die Medialität der Transport- und Kommunikationsmittel infrage gestellt wird. Es ist wie mit dem Zenon’schen Pfeil, der als fliegender Pfeil stillsteht, weil er während des Fluges sich zu einem gegebenen Zeitpunkt immer an einer Stelle befindet, sodass er sich eben nicht im Zustand der Bewegung, sondern der Ruhe aufhält. (Vgl. Mühlmann 2013: 153) Ubiquitäre Echtzeit könnte aber nur aufgrund von Zeitkriegen vonstatten gehen, die die Widerstände von Raum und Zeit in immer geringeren Zeitquanten durchlaufen, bis jede Verortung und Verzeitlichung des Globalen selbst infrage gestellt ist. Das Kapital globalisiert sich ja heute tatsächlich mittels ubiquitärer medialer Technologien, indem es selbst dem Globalen die Zeiträume entzieht, und zwar nach Maßgabe einer medial-technologischen Ökonomie performativer Sätze, die noch das Trauma einer Differenz von Produktion und Zirkulation isolieren, indem sie es kapitalisieren, bis sich Produktion/Zirkulation letztendlich auf dem Globus nicht mehr verorten lässt und doch zugleich keiner exterioren Grenze zustreben kann. (Vgl. Lenger 2007) Aber nicht nur das, diese Zeitkriege führen nämlich dazu, dass selbst die sog. Echtzeit, mit der Signale innerhalb der globalen Netzwerke übertragen werden, zu langsam zu werden droht, sodass sich beispielsweise der Käufer eines CDS, den man in London anbietet, um minimale Zeitvorteile zu nutzen doch eher wieder in Frankfurt ansiedelt und nicht in Hongkong. Genaugenommen ist es dem Kapital nicht vergönnt der Traumatologie der vielfältigen (temporalen) Schnitten durch Produktion/Zirkulation/Konsumtion hindurch zu entkommen, Schnitte, die es nur insofern erfasst, als es seine eigene Grenze intern permanent verschiebt, und zwar als eine »Ökonomie der Einschnitte des Einschnitts« (Deleuze/Guattari), ohne jedoch seine schwarzen Zonen und Zeiten je loszuwerden, wie man auch die Gefahr nicht los wird, sich in seinen Produktions- und Zirkulationszeiten selbst zu erschöpfen, gerade weil man die Zukunft je schon beliehen und damit eigentlich ausgeschöpft hat.

This entry was posted on Monday, December 23rd, 2013 at 9:45 pm and is filed under Akzeleration, Kapital, Kapitalismus. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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