Non-acceleration: Politics of the Black Block

 

Wie Alexander Galloway vermutet hat, korrespondiert der Kybernetisierung, in der die digitale Technologie ganz auf die Eingabe-/Ausgabe-Relation (Black Box)  und das Interface fokussiert ist, eine Politik des Schwarzen Blocks, die sich auf die Frage des Erscheinens und ses Verschwindens konzentriert. Die Politisierung der An- und Abwesenheitsproblematik bedarf dabei einer ganz speziellen Rhythmologie, die sich als bloße Akzeleration nicht fassen lässt. In Zeiten, in denen die Probleme der Transparenz und Kommunkation nur in kleinen Randgruppen diskutiert werden – Problematiken wie soziale Kontrollgesellschaften oder die Immanenz des Kapitals, Klassenkampf und Antagonismus -, und zugleich diffuse Gruppen wie Occupy/99% in den Fokus der Medien rücken, gewinnt das Politische jenseits aller neuen Ontologisierungen neues Gewicht. Wo mit der beinahe wahnsinnigen 99% These Unity und die Absorption der Bewegung in der Masse geradezu propagiert wird und zugleich mit der Parole Occupy! einerseits auf radikale Sichtbarkeit gedrängt wird, andererseits Konstrukte aus den Zeiten der Friedensbewegung hervorgekramt werden, sollen hier Randnotizen zu Fragen der Nicht-Operationalität des Mikropolitischen vorgetragen werden, die immer auch Fragen des Widerstands sind, wenn dieser den Modellen des Majoritären ausweichen und Bewegungen des Minoritären aufspüren will, die mit einem Unwahrnehmbar-Werden verbunden sind.

Wie funktioniert im Film der Übergang vom Sehen zum Nichtsehen? Was passiert zwischen dem Zeitpunkt, an dem man es sieht, und dem Zeitpunkt, an dem man es nicht mehr sieht? Integrallogik/Film: Was passiert zwischen Bild1 und Bild2, in einem Intervall, bei dessen Ortung der menschliche Wahrnehmungsapparat versagt? Die Integralrechnung bricht eine kontinuierliche analoge Entwicklung in diskrete, digitale Schritte auf. Das Cantor Dedekind`sche Axiom besagt, dass sich das Kontinuum aus der Menge aller reellen Zahlen zusammensetzt. Das aktual Unendliche bei Dedekind lässt sich folgendermaßen erklären: eine kontinuierliche Linie kann in unendlich viele Zahlen (reelle, rationale, irrationale) aufgeteilt werden, indem man die Strecke in der Mitte teilt und diesen Vorgang unendlich oft wiederholt. Wie David Foster Wallace richtig sagt, besteht die präzise Eigenschaft der Stetigkeit der Linie nicht in der Dichte, sondern umgekehrt in ihrer Teilbarkeit, d.h., dass der Punkt auf der Linie sich rechts von sämtlichen kleinerzähligen Punkten und links von jeden größerzähligen Punkten befindet, so dass man die Linie sozusagen an jedem beliebigen Punkt schneiden kann. Hier soll genügen, dass das Geheimnis des (unendlichen) Kontinuums involviert, dass jede Zahl als Schnitt dienen kann, als Schnitt in die anfängliche Kontinuität, um somit die Diskontinuität zu verstärken, woraus sich wiederum die (infinitesimale) Annäherung an eine nunmehr messbare Kontinuität ergibt, der Kontinuität unendlich vieler messbarer Schnitte. Kontinuität aus unendlich diskontinuierlichen Schnitten (mathematische Beweisführung, siehe David Foster Wallace, Die Entdeckung des Unendlichen, 263 ff.) Der Clou der Logik des aktual Unendlichen liegt nun darin, dass das Intervall zwischen zwei Punkten immer kleiner wird, je mehr Zahlen man einfügt, aber dieses Intervall niemals verschwinden wird. Es gibt in der Mathematik das Unendliche höherer Mächtigkeit, Zahlen, die in einem noch so kleinen Zahlenintervall unendlich oft enthalten sind. Erster kleiner Einwand gegen Tiqqun: Das revolutionäre Komitee kann niemals ganz unsichtbar sein, es kann nur im Prozess des Unwahrnehmbar-Werdens verschwinden, bis seine Existenz meinetwegen verschwindend gering ist. Die Anwesenheits- und Abwesenheitssemantik wird von seiten Tiquuns überstrapaziert, das Verhältnis von Transparenz und Anonymität zugunsten einer Politik der Unlesbarkeit verschoben, die sich paradoxerweise in einer Dramatisierung der Lesbarkeit artikuliert.
Verschwinden passiert in (gekrümmten) Raum-Zeitkonstellationen, einem Intervall, das gegen Null konvergiert, aber niemals Null wird. Im Rahmen der Infinitesimalrechnung lässt sich die Frage stellen, ob man im Bereich des unendlich Kleinen nur noch auf Diskontinuitäten stößt, sodass man es in Annäherung an Null nicht mit dem Nichts, sondern mit Brüchen, Grenzen und Verschiebungen zu tun bekommt. Die Mystik eines Tiqqun-Strategems besteht darin, dass man die Null einnehmen will (absolute Vernebelung), aber die Null ist nicht nichts, sondern eine Beziehung zu etwas, d.h. es gibt immer eine Zeitlupe, die das Punctum, den momentanen Zeitpunkt in einen Zeitraum ausdehnt, d.h., Verschwinden ist ein Prozess. Schlussfolgerung: NOCH DAS PLÖTZLICHSTE VERSCHWINDEN IST IM REVOLUTIONÄREN PROZESS EIN FADING bzw. EIN UNWAHRNEHMBAR-WERDEN (siehe Deleuze/Guattari, Mille Plateaux, 283 ff). Filmisch gesprochen könnte man sagen, dass das unendlich kleine Intervall zwischen zwei Bildern, in dem alles und nichts geschehen kann, das Verschwinden einschließt. DAS REVOLUTIONÄR-WERDEN IST IMMER EIN FILM DER FALSCHEN SCHNITTE. DAS VERSCHWINDEN DES MINORITÄREN MACHT ES FÜR DIE SCHEINBAR HÖHERE EBENE UNWAHRNEHMBAR, anders ausgedrückt, das Verschwindende (je feiner die Intervalle, desto schwieriger wird die Wahrnehmung für die höhere Ebene, oder umgekehrt je schneller die Wahrnehmung, desto enger die Intervalle) nährt sich daran, dass der molaren Wahrnehmungsebene immer wieder Intervalle verlorengehen. Es werden sich zugleich immer weitere Intervalle durch Schnitte unterscheiden lassen, bis die kleineren Wahrnehmungen einen kontinuierlichen oder diskontinuierlichen Übergang des Mehr oder Weniger unterhalb einer Identität von 1 gewährleisten. Es handelt sich nicht um extensive, sondern um intensive Größen, deren Intensivitätsdifferenz gegen Null tendiert, aber diese nicht erreicht. Intensität ist eine Qualität, die über einen intensiven Grad verfügt, womit das Reale selbst als differenziert gedacht werden kann. Umgekehrt liegt die Todesgefahr der unendlichen Beschleunigung genau darin, eine immer schnellere Wahrnehmung zu erzeugen, so dass z.b letztendlich der Film immer schneller laufen müsste, um den Effekt der kontinuierlichen Bewegung zu erzeugen – DIE PARANOIA DEs MEDIALEN ECHTZEITREGIMES, IN DEM DIE KÖRPER VERDUNSTEN: das ist aber niemals zu 100% möglich: während Verschwinden ein kontinuierlicher / analoger Prozess ist, ist die Wahrnehmung/Kognition diskret/digital. Ist es nicht vielmehr die im Verschwinden generierte Tathandlung (Zukunft), jene Veränderung des Tätigkeitsvermögens, die sich seine Akteure (Gegenwart) schafft und seine Bedingungen (Vergangenheit)? Wahrnehmung ist immer die eines Körpers, und alles was auf den Körper einströmt, strömt auch auf den Intellekt ein, der die Ideen der körperlichen Affektionen erfasst und nicht diese selbst. Aufgrund der Affektionen des Körpers werden die Ideen über den Körper und die äußere Welt gebildet.

Die Apathie eines David Foster Wallace und das Revolutionär-Werden von Deleuze/Guattari haben folgendes gemeinsam: Es ist ein Anonym-Werden, dass unter den Radarschirmen der Macht bzw. dem Radar der offiziellen Wahrnehmungsapparaturen liegt, um ein Welten-Machen zu befolgen (umgekehrt schneiden die Mächte Körper und mind von ihren Tätigkeitsvermögen ab): sowohl optisch (Unwahrnehmbarkeit), kategorisch (Ununterscheidbarkeit) als auch psychisch (Unpersönlichkeit) – man bildet dagegen immer mit den Dingen, mit den Felsen, Steinen, Leuten oder beispielsweise mit den Videoapparaturen Welten, um unwahrnehmbar zu werden; wir haben immer eine Tendenz zu anorganischen, zu asubjektiven und asignifikanten Formen des Lebens. Diese Tendenz zu unterlaufen ist das Geschäft eines asymmetrisch angelegten polizeilichen und politischen Binarismus, der den unterlegenen Term zu eliminieren trachtet.
Deleuze und Guattari schreiben,” [es] besteht keine Unterscheidung mehr zwischen Mensch und Natur: das menschliche Wesen der Natur und das natürliche Wesen des Menschen werden in der Natur als Produktion oder Industrie … identisch. … Mensch und Natur stehen sich nicht wie zwei distinkte Begriffe gegenüber, auch nicht in einem Kausalverhältnis oder einer Beziehung der Erkenntnis oder des Ausdrucks (Ursache-Wirkung, Subjekt-Objekt, usw.), vielmehr bilden sie die gemeinsame wesentliche Realität von Produzent und Produkt.” (Anti-Ödipus, 10) Dies als alles sind Prozesse des und im Unbewussten, aber das Unbewusste muss konstruiert werden. Das Unbewusste ist das nicht-Wahrnehmbare, dass konstruiert werden muss. FÜR DEN RADIKALEN KONSTRUKTIVISMUS DES UNBEWUSSTEN! Das Unbewusste schiebt auf und unterscheidet sich, es generiert Differenzen und sendet Repräsentanten aus. Es ist ein Konstitutionsmoment des Denken und Handelns, andererseits gibt es kein differentielles Unbewusstes ohne Artikulationen und Äußerungen. Das Unbewusste ist immer in Mikrointervallen situiert, es hat in den Wahrnehmungsintervallen statt, es geht darum, die Wahrnehmungsschwellen so fein wie nur möglich zu machen. Deleuze/Guattari, Mille Plateaux,390: “Es gibt immer eine Wahrnehmung, die feiner als die eure ist, eine Wahrnehmung eures Unwahrnehmbaren, eine Wahrnehmung, was in eurer Schachtel (black box) ist.” Ein andere Praxis entspringt also einem Fremden, das praktisch nicht existent ist, und dieses subtraktive Fremde lässt sich am schwierigsten von den Mächten einfangen. Fremde sind nicht einfach gegeben, sondern werden in den mannigfachen und differenzierten Prozessen der Aktualisierung des Unwahrnehmbar-Werdens produziert und produzieren sich selbst, Prozesse, die nach Deleuze solche der subjektlosen Subjektivierung sind. Diese inkludiert ein Sich-Versetzen in nie wirklich werdende Urteile und hält sich damit stets in einer bestimmten Virtualität zurück. Radikale Subjektivierung schiebt sich auf, indem sie das Mögliche und Wirkliche gleichermaßen suspendiert und sich zugleich einer Unruhe aussetzt, die das Kalkül unterläuft. Dieses unmögliche, virtuell bleibende Problematisieren schließt diejenigen in ein unabschließbares Gefüge ein, die vor unserer Zeit waren und nach uns kommen. Es geht hier um eine Öffnnung hin zur Virtualität, jenseits des einerseits die Präsenzmetaphysik zementierenden, andererseits im Futur 2, es wird gewesen sein, verharrenden Kapitals. (Virtualität als der Reichtum einer jeden Menge von Fällen in und mit denen ein (Unwahrnehmbar)-Werden generiert werden kann, das nicht von einer schon konstituierten Totalität von Möglichkeiten abhängig ist, im Gegenteil entsteht dieses Werden quasi aus dem Nichts, da es keinerlei Struktur als Potenzialität (aller möglichen Fälle) enthält, bevor es eben passiert; der Bruch aus dem Nichts erzeugt seine eigene Zeitlichkeit.)

Denken wir auch an die Definition des Geheimnisses bei Francois Laruelle: Das Geheimnis ist die veritas transcendentalis als Endliches. Es gibt nichts und erhält nichts außer der Modalität, in der es gegeben ist. Das Univoke der Nicht-Mitteilbarkeit drückt sich im (unwahrnehmbaren) Teilbaren aus, es erscheint niemals im Licht des logos. Als prä-dialektisches und prä -differenzielles Reales erreicht es niemals den Status des Bewusstseins. Das Geheimnis benötigt keinerlei Kommunikation in Bezug auf das, was es ist, um etwa erkannt zu werden oder um einObjekt der Philosophie oder der Wissenschaften zu sein, während die Kommunikation umgekehrt immer das Geheimnis benötigt, um sich zu konstituieren. Kommunikation als Information soll laut den Postboten der Philosophie so real sein wie die Wahrheit und ihre Bedeutung. Aber das Geheimnis und das Unsichtbare, exakter das Unwahrnehmbare, sind niemals interpretierbar. (Ein Non-Nietzsche und ein Non-Deleuze, die sich beide der Kunst der Interpretation widersetzen.) Kommunikation, so schreibt Deleuze, sei heute völlig vom Geld durchdrungen. “Das Wichtige wird vielleicht sein, leere Zwischenräume der Nicht-Kommunikation zuschaffen, störende Unterbrechungen.” Eine neue Typologie der Ereignisse müsse erfunden werden: Ereignisse,”die der Kontrolle entgehen, auch wenn sie klein sind, oder neue Zeit-Räume in die Welt bringen, selbst mit kleiner Oberfläche und reduziertem Volumen.”
DIE REVOLUTION WIRD FEIN WERDEN, ODER SIE WIRD NICHT SEIN (Nietzsche). Gerade diese Feinheit garantiert, dass in den Praktiken des Widerstands und den Bewegungen der Flucht eine Autonomie erreicht werden kann, die dem Kapital und dem Staat als u.a. einer grob rasternden Maschine abgerungen werden müssen. Der Prozess der Unterwerfung und Unterjochung der Subjekte unter die kapitalistische Maschinerie, der sowohl deren Körper als auch deren Intellekt umfasst, ist derjenige der Realisierung der Verwertungsbedingungen des Kapitals selbst. Hinzu kommt, dass der Staat jeder autonomen Artikulation misstraut, die nicht durch seine Informationskanäle überwacht und durch seine Raster gefiltert werden kann -  mithin er diese Artikulation als nicht repräsentativ benennt oder sie als Gegenstand von Evaluationen, Befragungen und Meinungen nicht anerkennt.

DER REVOLUTIONÄR WIRD IMMER DAMIT ZU KÄMPFEN HABEN, DASS ER PLÖTZLICH, UND DAS IMMER WIEDER, BEMERKT, DASS ER GESTERN NOCH GRÖßER UND HEUTE SCHON KLEINER IST ALS DAS KLEINE VERFLIXTE OBJEKT a SEINER WÜNSCHE … die Gefahr mit dem organlosen Körper eins zu werden.

Wenn Wahrnehmung und Kognition diskret sind, kann man, um das Unbewusste und Kontinuierliche zu konstruieren, dies nur tun, indem man unter eine jeweilige Wahrnehmungsschwelle taucht, sodass das Unwahrnehmbare auf einer molekularen Ebene liegt und man selbst unwahrnehmbar wird. Dies ist jedoch logisch nicht möglich: wie das Cantor-Dedekind Axiom zeigt, kann mit jedem noch so feinen Schnitt eine mathematische Integration erfolgen, d.h. man ist nie zu 100% unbewusst – man muss immer im Denken intensiv-werden (der Einsatz der Affektpolitik und der Vernunft) bzw. unterschwellig werden – Medium-Werden heißt, das Individuum aufzulösen, den Körper in das Verhältnis von Ruhe, Verlangsamung und Beschleunigung zu versetzen. Apathische oder dividuelle, d.h. teilhabende Subjektivierung findetheute  in einem überwachenden und überwachten Puppenkäfig statt, wobei sie insofern fraktal in die Normalität eingebunden ist, als wir immer in verschiedenen unendlich rekursiven Universen leben, es gibt Körper in Körpern, wie es Häuser in Häusern gibt (Leibniz) und die molaren Wahrnehmungsapparate spüren etwas davon, dass sie gegen die immer feiner werdenden Wahrnehmungen des Revolutionär-Werdens nicht ankommen können – deswegen die Paranoia der immer subtileren Überwachungs- und Kontrollmaschinen.

Jedes Unwahrnehmbar-Werden bleibt wahrnehmbar, da wir nicht zu 100% unbewusst leben können, obgleich die Wahrnehmung selbst molekular wird. Deleuze: “Das erste materielle Moment der Subjektivität subtrahiert.” Im Zweifelsfall erfährt ein Atom unendlich vielmehr von der Welt als wir, im Grenzfall die ganze Welt. Andererseits ist die Molekularisierung politisch nichts, wenn sie nicht in gesellschaftliche Institutionen und ökonomische Verhältnisse interveniert, so dass das Unwahrnehmbar-Werden stets mit relativer Komposition gekoppelt wird. Letzten Endes findet die Politik im Dazwischen, in den Übertragungen zwischen dem Unwahrnehmbar-Werden (Molekularisierung) und deren Fixierungen in kontrollierenden und disziplinierenden Organisationen statt. ” Je stärker die molare Organisation ist, um so mehr ruft sie selber eine Molekularisierung ihrer Elemente, ihrer Beziehungen und elementaren Apparate hervor.” (Mille Plateaux, 294) Die Gruppe/Aktion muss immer eine offene, multiplizierende und sich zugleich versteckende Bewegung sein. Umgekehrt vollzieht sich jede Art von Punktualisierung in und mit der Analyse eines weitestmöglichen Kontextes. Die immanente konjunktive Synthese ist eine intelligente und sensible Aktion.

This entry was posted on Tuesday, January 14th, 2014 at 3:37 pm and is filed under Politik. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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