Günther Anders zur Arbeit als höchste Stufe kapitalvergesellschafteter Idiotie

“Aber was ich glaube, ist, dass der Mensch ohne Arbeit, zu der er nun einmal verflucht ist, nicht leben kann, dass er unfähig ist, around the clock Unterhaltung auszuhalten. (…) Die Frage ist nicht mehr die, wie man die Früchte der Arbeit gerecht verteilt, sondern wie man die Konsequenzen der Nichtarbeit erträglich macht.”

“Im Nebenzimmer wäscht der Fensterputzer meine Fenster – was gehen ihn meine Fenster an? Und was die Fenster der anderen, die er morgen und übermorgen, froh darüber, nicht arbeitslos zu sein, putzen wird? Was geht die Wäscherin meine Bettwäsche an? Und die ihrer morgigen und übermorgigen Kunden? Wenn ich bedenke, dass die meisten sich eine andere Art von Arbeit schon gar nicht mehr wünschen, gar nicht mehr wünschen dürfen oder sollen oder können! Und dass sie nicht nur alle froh darüber sind, diese jobs zu haben, weil diese Nichtarbeitslosigkeit bedeuten, dass viele von ihnen sogar ihren Stolz darein setzen, diese sie nichts angehende Arbeit, also diesen ‚Zeitverlust’, so ‚getreulich’ und so ‚freudig’ wie möglich zu verrichten, so als wäre dies doch ‚ihre’ Arbeit.”

“Wenn ich, der ich schließlich mit Recht als extremer Linker verschrien bin, diesen Satz, der sich leicht hinschwätzt, bezweifle, so wird man mich ja nicht als ‚reaktionären Klassenfeind’ zu bezeichnen wagen. Als Philosophierender frage ich aber: Worauf haben wir eigentlich diesen Anspruch, dieses ‚Recht’? Was für eine Sorte von Seiendem ist dieses ‚angebliche Recht’?”18 Das angebliche Recht entpuppt sich schnell als Pflicht. Dass der Sozialismus doch etwas anderes ist als ein Arbeitshaus mit Arbeitspflicht, will ja in die Köpfe vieler Sozialisten bis heute nicht hinein. Die Linke teilt mit der Rechten die Apologetik der Arbeit, im Arbeitsfanatismus steht sie ihr nicht nach. Nur wenige wie Paul Lafargue oder der Austromarxist Max Adler (1873-1937)19 können als Arbeitskritiker genannt werden. Marxens Standpunkt ist hier durchaus ambivalent, am bekanntesten sind jedoch jene Stellen aus dem Ersten Band des Kapitals, wo Marx die Arbeit als “ewige Naturbestimmung des menschlichen Lebens”

“Als ich dem arbeitswütigen G. gegenüber beiläufig erwähnte, dass es die Arbeit, gemessen am Alter der Menschheit, erst seit einer relativ kurzen Zeit gebe, da schnappte er nach Luft.”

“Das Postulat der Vollbeschäftigung wird also um so weniger erfüllbar sein, je höher der technologische Status einer Gesellschaft ist. Die Dialektik von heute besteht in diesem Widerspruch zwischen Rationalisierung und Vollbeschäftigung. Dies offen zuzugeben, bringt kein Politiker über sein Parteiherz.Tatsächlich sind die ‚Arbeitsplätze’ heißenden Produkte so wichtig, dass Politiker, die nie welche erfinden oder organisieren, ebensogut gleich ihren Hut nehmen können. Die keine versprochen haben, gibt es keine. Freilich auch keine, die auf die Dialektik von heute, die Geläufigkeit von steigender Technik und sinkendem Bedarf an Arbeitern bzw. Arbeitsplätzen eine Antwort wüssten.”

“Wenige heutige Ausdrücke sind so rücksichtslos demaskierend wie der Ausdruck ‚Arbeitnehmer’. Er stammt natürlich von den Arbeitgebern. Und da Geben seliger ist als Nehmen, fällt auf den dem Ausdruck ‚Arbeitnehmer’ entsprechenden Ausdruck ‚Arbeitgeber’ sogar ein gewisser religiöser Schimmer. In meiner Jugend gab es nur Arbeiter. Die wussten, was sie galten, wie sie sich ausgaben und was ihnen genommen wurde. Und der Schlachtruf: ‚Arbeitnehmer aller Länder, vereinigt euch!’ wäre ungehört verhallt. Auch die Arbeiter hatten natürlich ans ‚Nehmen’ gedacht, d.h. sie waren darauf bedacht, soviel Lohn zu kriegen wie möglich; und die sozialistischen unter ihnen auch darauf, die Produktionsmittel zu nehmen. Aber auf den Gedanken, sich die Arbeit, die sie ja (sofern sie nicht arbeitslos waren) ohnehin hatten, bzw. die sie hatte, zu nehmen, auf den Gedanken wäre natürlich keiner gekommen. Heute dagegen empfinden viele ihre neue Firmierung, die ja durch die falsche Bezeichnung dessen, was es zu nehmen gilt, den totalen Verzicht auf das ehemalige Ziel besiegelt, als ehrenvoll. Offenbar haben sie auf Grund der neuen Etikette das stolze Gefühl, sich wirklich etwas genommen zu haben und wirklich einen Gipfel erstiegen zu haben: nämlich den Gipfel der Sozialpartnerschaft. Dass es sich dabei um den kümmerlichen Gipfel des Godesberges handelt und nicht um den Gipfel, den ihre Großväter vor hundert Jahren im Auge gehabt haben, das spüren sie nicht nur nicht, das wollen sie auch nicht spüren.”

“Solange die maschinelle Arbeit glatt, das heißt: ohne Reibung zwischen Mensch und Maschine abläuft; solange der Arbeitende als ‚Konvertit’, als ‚Rad’, linientreu mitfunktioniert, solange ist das Ich gar nicht ‚bei sich’, solange ist es überhaupt nicht, jedenfalls nicht als Ich. Erst in demjenigen Moment, da der Konformismus etwas zu wünschen übrig lässt, oder da die Arbeit schlagartig misslingt, kommt das Ich ‚zu sich’, erst dann begegnet es sich: nämlich als etwas Anstößiges: als Versager.”

“Dass sich der Stil unseres heutigen Machens, also der Arbeit, von Grund auf verwandelt hat, darüber gibt es keine Meinungsdifferenzen. Bis auf uncharakteristische Restbestände ist Arbeiten heute zu einem vom Betrieb organisierten und dem Betrieb gleichgeschalteten ‚Mit-Arbeiten’ geworden.”

“Der Betrieb ist also der Ort, an dem der Typ des ‚medial gewissenlosen’ Menschen hergestellt wird; der Geburtsort des Konformisten. Der dort geprägte Mensch braucht nur in einen anderen Aufgabenkreis, in einen anderen ‚Betrieb’ versetzt zu werden, und plötzlich wirkt er, ohne sich wesentlich zu verändern, monströs; plötzlich erfüllt er uns mit Grausen; plötzlich nimmt die Suspension seines Gewissens, die schon zuvor ein fait accompli gewesen, das Aussehen nackter Gewissenlosigkeit, die Suspension seiner Verantwortung das der nackten ‚moral insanity’ an. Solange wir dieser Tatsache nicht ins Auge blicken, also nicht erkennen, dass der heutige Betrieb die Schmiede, der Arbeitsstil das Vorbild der Gleichschaltung ist, bleiben wir unfähig, die Figur des konformistischen Zeitgenossen zu verstehen; also zu verstehen, was es mit jenen ‚verstockten’ Männern auf sich hatte, die sich in den erwähnten Prozessen weigerten, ihre ‚mit-getanen’ Untaten zu bereuen oder zu verantworten.”

“Ich habe nur meine Pflicht getan!” Egal was, egal wie, egal wozu. Manche hatten tatsächlich ‚bloß’ ihre Pflicht getan, nicht jeder Täter war ein Überzeugungstäter, manche waren überhaupt ‚nur’ Schreibtischtäter. “Der Angestellte im Vernichtungslager hat nicht ‚gehandelt’, sondern, so grässlich es klingt, er hat gearbeitet.”

“Wenn es heute überhaupt eine anerkannte ‚equality’ gibt, dann besteht diese eben darin, dass alle Arbeiten qua Arbeiten gleichberechtigt, und deshalb gleich viel wert, sind. Moralistisch formuliert: darin, dass keine Arbeit den Arbeiter schuldiger macht als eine andere, weil Arbeiten gar nicht schuldig machen kann.” Kein noch so übles Arbeitsziel kann den Arbeitenden beflecken.”Arbeit erscheint als die geborene Unschuld. Sie ist die konformistische Tätigkeit des Subjekts, beliebig austauschbar nicht nur in den obligaten Tauschvorgängen des Kaufens und Verkaufens, sondern auch eindringliches Prinzip alle Handlungen, Begriffe, Lebenslagen betreffend. “Die Gerätewelt schaltet uns diktatorischer, unwiderstehlicher und unentrinnbarer gleich, als es der Terror oder die dem Terror untergeschobene Weltanschauung eines Diktators jemals tun könnte, jemals hat tun können.”

“Wer sich umgekehrt auf die angebliche Pflicht beruft, ‚bei seiner Sache zu bleiben’, sich auf diese zu konzentrieren, sich so borniert zu machen, dass er weder rechts noch links etwas sieht, der ist nicht nur unmoralisch, sondern unmoralisch aus Prinzip. Moralischsein heißt: sich um diejenigen Dinge zu kümmern, die, obwohl außerhalb der eigenen oder einem zugeteilten Absichten oder durch Arbeitsteilung definierten Kompetenz befinden, eben doch nicht außerhalb der eigenen Einflusssphären liegen. Moralischsein heißt: die durch Administration oder Arbeitsteilung gezogenen Grenzen durchbrechen; sich um das zu kümmern, wovon man vorgibt, dass es einen, obwohl man es ‚angeht’ und tangiert, gefährdet oder vernichtet, nicht ‚angehe’.“Sag mir, was du ‚sollst’, und ich werde dir sagen, was du (…) nicht darfst”

 

“Wahrhaftig, angst und bange kann einem werden, wenn man sich klarmacht, daß auch jetzt, in diesem Moment, Hunderte von Millionen sogar noch dankbar dafür sind, daß es ihnen, im Unterschied zu Millionen weniger Glücklichen: den Arbeitslosen, noch vergönnt ist, diese Gymnastik zu treiben; und daß sie verbissen das Recht auf Gymnastik als politisches Grundrecht proklamieren, in der Tat proklamieren müssen, weil sie ohne derart nichtige Gymnastik im Nichts stehen, oder – aber dieses “Tun” ist nur eine Verbrämung von Nichtstun – vor dem Bildschirm sitzen würden; und weil sie gezwungen wären sich täglich durch den sich immer neu vor ihnen aufstauenden Zeitbrei durchzufressen.”

This entry was posted on Tuesday, July 8th, 2014 at 5:38 pm and is filed under Anders, Arbeit. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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