Leseprobe: Kapitalisierung Bd. 1 – Marx` Non-Ökonomie

2.2 Einfache und entfaltete Wertform
Wir nehmen in dieser Schrift einerseits mit der sog. kapitallogischen Lektüre (die, ausgehend von Hans-Georg Backhaus, als Wertformanalyse seit der 1968er Studentenbewegung vor allem in Deutschland breit diskutiert wurde, vgl. Backhaus1997/Elbe 2008) und andererseits in Anschluss an die semio-ökonomische Lektüre des Problems bei Harald Strauß an, dass die Darstellung der Wertformen von der einfachen über die entfaltete bis hin zur allgemeinen Wertform eine formale Explikation der Begriffsfiguren der »Selbstähnlichkeit und Reflexivform« (Strauß 2013: 159ff.) (von Waren) beinhaltet und sich damit gerade nicht auf die Abbildung von
bestimmten historischen Entwicklungsphasen vor oder im Kapitalismus bezieht (einfache Warenproduktion). Wir haben es deshalb mit dem Problem der Darstellung der »contemporären Geschichte« des Kapitals zu tun, in und mit der sich das Kapital selbst setzt, eine Geschichte, für die Marx in Hinsicht auf den Aspekt des »Contemporären« selbst eine griffige Definition abgeliefert hat: »Diese Voraussetzungen, die ursprünglich als Bedingungen seines Werdens erschienen – und daher noch nicht von seiner Aktion als Kapital entspringen konnten –, erscheinen jetzt als Resultate seiner eigenen Verwirklichung, Wirklichkeit, als gesetzt von ihm – nicht als Resultat seines Entstehens, sondern als Resultate seines Daseins.« (Marx 1974: 364) Dem Kapital ist die Enteignung der unmittelbaren Produzenten von ihren Arbeitsmitteln vorausgesetzt, und damit ist es seinerseits gesetzte Form, aber bleibt auch die sich permanent setzende Form dieser Enteignung. In gewisser Weise dauert nämlich der Prozess der Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln durch die Binnengeschichte des Kapitalismus hindurch weiterhin an. Folgt man nun der Position von Althusser, so geht der Auto-Logik des Kapitals, wie sie Marx im Kapital kategorial zu erfassen versucht, das Notwendig- Werden einer zunächst singulären Begegnung von deterritorialisierten Arbeitsströmen und Kapitalströmen voraus, die von der Seite der Arbeiterströme in und mit den Prozessen der ursprünglichen Akkumulation entstanden ist und von Marx im abschließenden Kapitel des Kapital Bd.1 in erster Linie als Trennung der Produzenten von ihren Produktionsmitteln beschrieben wurde, einen Prozess, den Marx als die Vorgeschichte des Kapitals bezeichnet. Diese hat man als eine singuläre, nicht-lineare Geschichte zu verstehen, innerhalb derer die Beziehung zwischen Arbeiter und Kapital nur höchstwahrscheinlich notwendig wurde, denn schließlich ergab sich die Eingliederung von Akteuren in das Lohnarbeitsverhältnis nicht zwingend aus der Verwandlung von Leibeigenen in doppelt freie Arbeitskräfte, aber als dies historisch geschah, konnte Marx hinsichtlich der massenhaften Enteignung der Produzenten von den Produktionsmitteln als einer Aufhebung in die Notwendigkeit kapitalistischer Akkumulation sprechen, und zwar als ihrer geheimen Prämisse, insofern die kapitalistische Reproduktion den doppelt freien Arbeiter perpetuiert, indem sie ihn einem Formprozess subsumiert, der auf der Aneignung des Mehrwerts basiert. Somit impliziert die kapitalistische Akkumulation die andauernde Reproduktion des grundlegenden Prozesses der Trennung. Es handelt sich hier um die Dynamik einer immanenten Statik (Adorno), um ein Werden gesellschaftlicher Verhältnisse, in und mit denen tendenziell alle Fixierungen aufgelöst werden und das »Gesetz« der kapitalistischen Entwicklung dennoch unverändert bleibt. Nur aus der Perspektive des voll entwickelten, des sich selbst setzenden Kapitals vermag die Bedeutung der ursprünglichen Akkumulation, der selbst ja keine Teleologie innewohnt, erklärt zu werden. Zugleich sind bezüglich der Entwicklung der deterritorialisierten kapitalistischen Geldströme sowohl das Aufkommen des städtischen Handelskapitals in Oberitalien als auch der absolutistische Staat und dessen industriell-militärischer Komplex zu beachten, denn nur über eine tendenziell prosperierende Ökonomie war die Finanzierung der Kriege im 16. Jahrhundert in Europa möglich, was schließlich zum Merkantilismus und zum Aufbau von Manufakturen führte.
Kommen wir nun endlich auf die verschiedenen Wertformen zu sprechen. Die Gleichung x Ware A = y Ware B will Marx als Wertausdruck »x Ware A ist y Ware B wert« lesen, als Ausdruck, der anzeigt, dass Waren a) bestimmte Mengen verschiedener Gebrauchsgegenstände sind (die Parameter x und y bedeuten Mengenangaben, während A und B spezifische Warenarten symbolisieren), b) in ganz spezifischer Form gleichgesetzt sind, insofern die vom Zeichen »=« gesetzte Identität eine Differenz verhüllt. Gleichzeitig könnte man auch sagen, dass im Wertausdruck analog zur Bedeutung des philosophischen Terms »Ausdruck« der Ausdruck das Ausgedrückte umhüllt, solange es nicht außerhalb des Ausdrucks existiert. Dabei gilt es hier aber schon zu beachten, dass Marx ökonomische Ausdrücke immer auch auf ihre Möglichkeit hin analysiert, womit er anzeigt, dass sie sich im Zuge der Darstellung der Selbstähnlichkeit der Wertformen verschieben, bis sie schließlich dem Bruch ausgesetzt sind (im »Übergang« von allgemeiner Wertform und Geld), um die Ausdrücke schließlich ganz dem Zerfall anheimzugeben, was als ein Verfahren der Kritik je schon über die Darstellung der verschiedenen Begriffe hinausweist. Im Ausdruck selbst ist somit selbst der Bruch nachgezeichnet, von dem er gekennzeichnet ist.

Zunächst besteht an dieser Stelle das Problem darin, dass der Wertausdruck, wenn er denn als Gleichung angeschrieben wird, eine Art Dimensionsgleichheit benötigt, ohne die wir es sofort mit einer logischen Kontradiktion zu tun bekommen, denn 20 Ellen Leinwand sind so wenig 1 Rock gleich, wie 5 Äpfel 3 Birnen gleich sind. Die die Gleichung explizierende sprachliche Formulierung »20 Ellen Leinwand sind 1 Rock wert« lässt sich auch folgendermaßen formulieren: »Der Wert von 20 Ellen Leinwand = der Wert von 1 Rock«, eine Formel, die jedoch wiederum nichts als eine Tautologie ausdrückt, denn das, was Marx erklären will, nämlich den Wert, das setzt er mit der Fixierung der Gleichung schon voraus. (Vgl. Ruben 1998: 21f.) Um es anders zu sagen, es müsste durch die Analyse der einfachen Wertform gezeigt werden, dass die Waren auf quantitative Weise so etwas wie eine ideelle Identität realisieren. Das Ineins-Setzen von Gleichung und Wertausdruck scheint hier wirklich ein Problem darzustellen, solange man nicht die differenzielle (symbolische) Bestimmung des Wertausdrucks ins Spiel bringt.
Und man müsste schließlich zeigen, dass diese Gleichung sich nur vor dem Hintergrund eines Dritten lesen lässt, denn rein aus den Faktoren Gegenständlichkeit und Relation lässt sich der »Wert der Ware« begrifflich nicht extrahieren. Hans- Joachim Lenger hat darauf verwiesen, dass schon der Satz der Identität A=A auf ein Drittes hindeutet, auf eine Differenz, die der Gleichung vorausgeht, insofern A sich schon vorher in A=A verdoppelt hat und deshalb als erstes A zugleich ein Drittes ist, sodass die Identität aus der Wiederholung von Differenz hervorgeht. A ist nicht einfach mit sich selbst identisch, sondern wird über einen Umweg mit sich selbst identisch gewesen sein, womit A als Ursprung oder als Erstes je schon gestrichen ist. (Vgl. Lenger 2004: 68f.) Wir haben es hier wieder mit einem »Es gibt« zu tun, das als Differenz zur Positivität zu verstehen ist, die aber in der Positivität selbst statthat. Und diese Differenz streift je schon das Ungegenständliche und damit den Wert. Innerhalb der »Gleichung« stehen sich die Waren A und B in einer polaren Beziehung gegenüber, d. h., sie nehmen verschiedene Positionen ein: Während sich die Ware A in relativer Wertform (aktiv) befindet, besetzt die Ware B die Position der Äquivalentform (passiv), wobei es unmöglich ist, dass eine Ware in einer der beiden Positionen gleichzeitig aktualisiert wird, obgleich doch die Positionen virtuell vertauscht werden können. Mit der Möglichkeit des Platzwechsels besitzt die Ware A eine schwache Passivität, weil man ihr schon zugeteilt haben muss, dass sie aktiv ist, während die Ware B von einer schwachen Aktivität als Form der unmittelbaren Austauschbarkeit nicht zu trennen ist, sodass, wie Lenger gezeigt hat, die différance hier schon ins Spiel integriert ist, indem sie dem Wertausdruck die Momente der Aktivität/Passivität verleiht wie auch entzieht, womit der Gegenstand der Marx’schen Theorie an dieser Stelle sich schlichtweg als ein unmöglicher erweist. (Ebd.) Virtualisierung auf dieser Ebene inhäriert also, dass Positionswechsel stattfinden (Positionswechsel sind virtuell und zugleich sind Positionen gegeben), allerdings kann sich keine Ware gleichzeitig in beiden Formen (Wertform und Äquivalentform) aktualisieren. (Vgl. Strauß 2013: 159f.) Die Aussage »20 Ellen Leinwand sind 1 Rock wert« lässt sich daher durch die Aussage »1 Rock ist 20 Ellen Leinwand wert« ergänzen, womit Rückbezüglichkeit bzw. Äquivalenz gesetzt ist. Mit den Begriffen relative Wertform und Äquivalentform hat Marx von vornherein Verhältnisbegriffe ins Spiel gebracht, die zunächst polar und zugleich wechselseitig bestimmt sind, insofern der eine Begriff nicht ohne den anderen Begriff »funktioniert«. Und es sei darauf hingewiesen, dass die beiden Waren A und B sich mit ihrer Positionierung als »relative Wertform« und »Äquivalentform« in einer asymmetrischen Relation befinden, was auch heißt, dass die Gleichung im Moment der Gleichsetzung von einer Ungleichzeitigkeit der Plätze geprägt ist (aktuell können die Waren nur an einem Platz sein), sodass man schon bei der einfachen Wertform von einer Unterbestimmtheit des Ausdrucks bzw. der Fiktion eines Abschlusses ausgehen muss.
Was heißt an dieser Stelle Wertausdruck? Die Ware A macht aktiv die Ware B zu ihrem Wertausdruck und zugleich drückt sie ihren Wert über die Ware B an sich selbst aus, und so unterscheidet sie sich von sich selbst als Gebrauchsgegenstand. Marx schreibt: »Indem sie die andre Waare sich als Werth gleichsetzt, bezieht sie sich auf sich selbst als Werth. Indem sie sich auf sich selbst als Werth bezieht, unterscheidet sie sich zugleich von sich selbst als Gebrauchswerth.« (MEGA II/5: 30) Diese Gleichsetzung der Ware A mit der Ware B (mittels der Produktion von Selbstähnlichkeit) lässt vermuten, die Ware A würde ihren Wert in der Ware B spiegeln (womit die Naturalform der Ware B in eine Reflexivform versetzt wäre), wobei Marx mit der Formulierung »Ausdruck der Ware A im Körper der Ware B« tatsächlich darauf verweist, dass die Ware A im Wertausdruck etwas expliziert bzw. ihren Wert ausdrückt, sodass die Ware B mit ihrem sekundären Gebrauchswert als etwas gilt, nämlich als »Spiegel« des Werts der Ware A. (MEGA II/6: 89) Doch diese Spiegelung schließt ein Als-ob ein, denn die Ware A tritt mit ihrem Wertsein natürlich nicht vor einen Spiegel, sondern diese Art der Spiegelung ist allein das Resultat einer formalen Bestimmung, die sich aus der Gegenüberstellung der beiden Waren ergibt. (Vgl. Strauß 2013: 160) Indem die Ware A auf dieWare B als Äquivalent bezogen ist, gilt die Ware B als Wertausdruck der Ware A, wobei die Geltung in der semiotischen Dimension als Symbol zu fassen ist. Die Ware B gerät damit zum Interpretant des Werts der Ware A, nicht jedoch des Objekts A. Je nachdem, welche Position Waren innerhalb des Wertausdrucks einnehmen, schreibt Marx ihnen entweder einen aktiven oder einen passiven Modus zu; er will zeigen, dass die Ware A, die sich in der relativen Wertform befindet, an der zweiten Ware B etwas bewirkt, was außerhalb dieser Relation niemals statthaben könnte, wobei Ware B in der Reflexivform das zunächst passive Element ist, hierin jedoch als Gebrauchsgegenstand, der als Ausdruck des Werts der Ware A gilt, die Form unmittelbarer Austauschbarkeit (und damit einen Aktivitätsstatus) erlangt. »Der Ausdruck des Leinwandwerths im Rocke prägt dem Rocke selbst eine neue Form auf. In der Tat, was besagt die Werthform der Leinwand? Daß der Rock mit ihr austauschbar ist. Wie er geht oder liegt, mit Haut und Haaren, in seiner Naturalform Rock besitzt er jetzt die Form unmittelbarer Austauschbarkeit mit andrer Ware, die Form eines austauschbaren Gebrauchswerths oder Aequivalents.« (MEGA II/5: 29) (Durch die potenzielle Umkehrung ihrer Position
kann die Ware B über den Umweg Ware A auch den eigenen Wert an sich ausdrücken.)
Hans-Joachim Lenger schreibt zu dieser Marx’schen Begriffsfígur folgendes: »Vielmehr markieren beide Plätze eine Differenz, die sich zunächst als eine von ›Aktivität‹ und ›Passivität‹ zu erkennen gibt.« (Lenger 2007) Dass die Ware A als aktives Moment ihr Anderes (Ware B als passives Moment) durchzieht, um zu sich selbst zurückzukehren, ist im Gleichheitszeichen angezeigt wie eben auch verborgen. An dieser Stelle fügt Lenger in seiner Schrift Marx zufolge dem Marx’schen Wertausdruck Derridas berühmte Figur der différance hinzu. (Lenger 2004: 75) Weil die Ware B in der Gleichung eigentlich gar nicht erst zum Ausdruck komme, sondern der Ware A nur zum Ausdruck des Werts verhelfe, sei an dieser Stelle eine Art »unausdrücklicher Aufschub« im Ausdruck selbst präsent und mit ihm eine Differenz, die ebenso entzogen wie angezeigt bleibe, und somit sei diese Art der Gleichung durch den Aufschub auch immer schon gerissen. Lenger betont hier den Aspekt der (realen) Unmöglichkeit der Formel bzw. des Begriffs der »Wertform«. Er bezieht sich auf Derrida, der hier schreibt: »Jeder Begriff ist seinem Gesetz nach in eine Kette oder in ein System eingeschrieben, worin er durch das systematische Spiel von Differenzen auf den anderen, auf die anderen Begriffe verweist. Ein solches Spiel, die différance, ist nicht einfach ein Begriff, sondern die Möglichkeit der Begrifflichkeit, des Begriffsprozesses und -systems überhaupt.« (Derrida 1988: 37) Bei Derrida erscheint dasjenige, was er als différance bezeichnet, weder als aktiv noch als passiv, vielmehr kündigt die différance eine mediale Form an, das Spiel von Differenz (Medium) und Einheit, und genau in dieser Hinsicht bleibt Lenger zufolge in den Marx’schen Begriffsspielereien um den Wertausdruck der Aufschub tatsächlich präsent wie eben auch entzogen, was gewissermaßen ohne sie je beherrschen zu können. Diese Beherrschung gelingt auch nicht durch die Operation der Umkehrung des Wertausdrucks, durch dessen »rückwärts und vorwärts lesen«, womit Marx Äquivalenz herstellt –, vielmehr kommt nach Lenger erst mit dem Begriff des Kapitals die Struktur mit all ihren Aspekten der Verräumlichung und der Verzeitlichung selbst zum Vorschein, sodass man sich stets in Erinnerung zu rufen hat, dass »kein Term, der sich von anderen unterscheidet, als genealogisches Prinzip einer Struktur fungieren kann, aus der er doch selbst erst hervorgeht.«
Einen interessanten Versuch der Formalisierung der einfachen Wertform unternimmt Peter Ruben, wenn er die der Wertgleichung zugrundeliegende Tautologie – die sofort entsteht, falls man die einfache Wertform rein als Gleichung liest und eben nicht als differenziellen Ausdruck beschreibt – dahingehend auflöst, dass er die sprachliche Aussage Wertform »a/ = b« verwendet, welche die
konkrete Gleichheit – exakt Vergleichbarkeit – von Waren anzeigt. Ruben schreibt bezüglich des Wertausdrucks: »In ihm bezeichnet das Subjekt ›a‹ den Gegenstand der Wertdetermination, das Objekt ›b‹ das Mittel der Wertdetermination und das Prädikat ›= b‹ die Eigenschaft des zu wertenden Gegenstands a.« (Ruben 2008: 93) Und Ruben kommt zu der Auffassung, dass diese Aussage mit der Marx’schen Definition des Wertausdrucks bzw. mit den sich polar gegenüberstehenden Kate-

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