Der Semiopath

Mit der Figur des Semiopathen zieht schließlich ein neues hyper-technologisches Szenario am Horizont der Kontrollgesellschaften herauf. Der Semiopath ist viel eher ein Voyeur von Zeichen als deren Kreator, er ist ein Cyberzombie, der eingefroren vor den leise summenden Cyberscreens in einer endlosen Nacht der Zivilisation dahindämmert. Der Mediator der Kausalität ist nicht länger Gott oder Geist, sondern, wie Žižek uns erinnert hat, der Software-Algorithmus im Verbund mit einer Hardware, die man Computer nennt. Es könnte sein, dass die Kommunikation der Maschinen mit den Maschinen in Zukunft auch ohne das regulierende oder steuernde Humane in fast geräuschlosen Tagen und Nächten stattfindet, in denen die Humanen selbstvergessen zu einer gedimmten Muzak in den Sog des Maschinellen eintauchen, um wie apathische Streicher an den pulsierenden Dioden zu spielen oder um wie die Troubadoure einer neuen und ihnen fremden Soundpoetry durch die Global City, die virtuelle Stadt und deren Informationsströme und Datenautobahnen zu gleiten. Wir leben längst schon im Zeitalter der Zettabytes (ein Exabyte ist gleich einer Milliarde Gigabytes, Zettabytes sind 1000 Exabytes). Im Jahr 2011 überstieg die Menge der kreierten und replizierten Informationen die Menge von 1.8 Zettabytes (1.8 Trillionen Gigabytes). Jeden Tag werden weltweit Daten generiert, um mit ihnen alle US-Bibliotheken achtmal zu füllen. Wir leben in einer Infosphäre, die immer stärker synchroniziert wird, was die Zeit anbelangt, und zugleich delokalisiert in Bezug auf den Raum ist, um schließlich das Humane und selbst noch die Global Cities an den Tropf der Datenautobahnen zu hängen. Der digitalen Trennungen generieren neue Formen der Diskriminierung, zwischen denen, die Bewohner der Infosphäre sind, und solchen, die es nicht sind, zwischen Insidern und Outsidern des Informationellen, zwischen Informations-Reichen und Informations-Armen. (Digital Divide) Diese Kluft lässt sich nicht auf eine Distanz zwischen reichen und armen Ländern reduzieren, da sie inzwischen alle Gesellschaften durchquert. Wir durchschreiten derzeit eine Passage, die von einer nominalistischen Welt der unverwechselbaren Objekte hin zu einer platonischen Welt von Typen von Objekten führt, alle perfekt reproduzierbar und alle in einer modularen Identität gefangen. Heute kann es sein, dass zwei Automobile virtuell identisch sin, und wir sind zur Testfahrt eingeladen und kaufen eher das Modell als die Verkörperung des Modells. Wir begeistern uns für die Kommodifizierung der Objekte, welche die Reparatur mit Ersetzung gleichsetzt, selbst wenn es um große Gebäude geht. Die Industrialisierung bis zum Äußersten hatte schon Pierre Klossowski mit einer seriellen Produktion identifiziert, mit der jeder Gedanke an die Haltbarkeit der Produkte verlorengegangen ist. Wir wollen einen hohen Level privater Information beibehalten, als ob dies unser kostbarstes Kapital wäre, das wir im öffentlichen Raum  investieren, ja vergeuden können, um uns dort als informierte Individuen zu konstruieren, die von anderen leicht
wahrzunehmen und zu identifizieren sind.
Der Philosoph Luciano Floridi beschreibt diese technologischen Transformationen bzw. den posthumanen Umbruch als die vierte technologische Revolution und zugleich als die Evolution von Inforgs oder informationalen Organismen. (Floridi 2013) Dabei sollte man einen Inforg nicht mit der Sci-Fi-Vision eines humanisierten Cyborgs verwechseln, ganz und gar nicht, denn der Inforg haust heute schon Tag für Tag in unseren technologischen Umgebungen, wenn er etwa mit seinem Bluetooth Wireless Headset, das in sein Ohr implantiert ist, in den Global Cities herumspaziert und sein Dividuum der Untertänigkeit gegenüber den neuen technologischen Umgebungen zuführt, in denen die Grundlagen seiner Identität umgestaltet und redefiniert werden, ohne dass er es noch bewusst wahrnimmt. Man sollte sich fragen, was geschieht, wenn die Technologien des Ohrs (IPod) und des Auges (Webcam) sich mit den verborgenen Technologien in der Kleidung, die wir tragen (RFID Chips), der Nahrung, die wir zu uns nehmen (Genfood), den Geheimnissen der digitalen Archive und den Wörtern, die wir sprechen (Podcasts) zu einer digitalen Hyper-Kultur verschweißen. In den Begriffen von Deleuze oder Simondon würde das bedeuten, dass die klassische Theorie der Information, die besagt, dass humane Aktanten in die zikuläre Kausalität der Kybernetik (Sender-Message-Empfänger) integriert sind, obsolet wird, vielmehr sind die Aktanten nun in eine immanente Diffusion derjenigen informatorischen Strukturen verwebt, die ihr Leben kontrollieren und regulieren. Das SciFi- Paradigma der Cyborgs oder der posthumanen Maschinen ist also überholt, stattdessen sollten wir uns mit den uns jetzt schon umgebenden unsichtbaren Ebenen der technologischen Informations- und Kommunikationssysteme beschäftigen, die ganz aktuell unsere Lebens- und Denkweisen determinieren. Wir sind in eine Infosphäre der elektronischen Umwelten hineingeschleudert, die den newtonschen Raum aufsaugen und absorbieren. Die ontologische Differenz zwischen Infosphäre und physikalischer Welt scheint eingeebnet, es bleibt schließlich nur noch die Differenz von verschiedenen Levels der Abstraktion übrig. Die sog. Informationsgesellschaft ist eine neoindustrielle Gesellschaft, in der Ströme von Daten und Information, in die der Ablauf von zerebralen Prozessen integriert ist, die rohen Materialien und die Körper als träge Massen in ihrer sozialen Relevanz ablösen. Die schiere Kraft der technologischen Innovationen drückt alle traditionellen humanistischen Visionen an die Wand, um den Platz für die posthumane Konzeption frei zu machen (rekombinante Technologien, figurale Ästhetik, Neuroplastizität etc.), sodass das Humane nur noch die phantasmagorische Essenz eines technologischen Posthumanismus zu sein scheint. Wenn sich Google als die neue Lebensform einer artifiziellen Intelligenz (Bilderkennung, Sprachmodellierung, maschinelle Translation etc.) anpreist, dann geht es um die Relativierung des Humanen durch die Mutationen eines empfindenden Google-Systems, demgegenüber dem menschlichen Bewusstein anscheinend nur noch die Rolle eines marginalen Algorithmus zukommt, eine langsam prozessierende Kraft, die ständig einer Erweiterung durch die Wirkungsmacht komplexer neuronaler Netzwerke der neuen Kommunikationstechnologien bedarf. Wenn der digitale Code fast jeden Aspekt des Humanen und Ahumanen durchquert, dann durchlöchert seine Komplexität die Grenzen zwischen Maschinen, Menschen, Tieren und letztendlich allen anderen Dingen. Und schließlich kann es sogar sein, dass unter dem massiven Stress des technologischen Wandels das Bewusstsein die figurative Identät einer Drohne annimmt: vollgepackt mit Daten, konstituiert durch die Infomationsströme, profund relational in seinem Charakter, sich selbst als einen Algorithmus, der mit einer Personalität ausgestattet ist, empfindend und denkend, einen Zeitraum bewohnend, der immer schon im Dazwischen ist, nämlich in der indeterminierten Kluft zwischen Physikalität und Unsinnlichem. Wenn die Migration in die Infosphäre endgültig gelungen ist, werden wir uns zunehmend depressiv, ausgeschlossen oder gehandicapt und ausgelaugt fühlen, bis zur totalen Paralyse erstarren oder dem psychologischen Trauma frönen, wann immer wir von der Infosphäre getrennt sind – wie ein Fisch ohne Wasser. Denn die digitalen Subjekte sind heute konstant vernetzt, sie zirkulieren, kommunizieren, sie lechzen nach Bewegung und sitzen doch fest, ihre Trans-Subjektivität scheint ihre Anwesenheit negieren zu wollen, um sie in den Orbit einer High-Intensity-Konnektivität zu schießen. Es gibt ein neues Double des technologischen Bewusstseins: Auf der einen Seite steht das Bewusstsein unter dem Regime der Berechnungen; es ist distributiv, eine relationale Matrix, dessen Perzeption durch Algorithmen geformt wird und dessen Verstand sich durch die Anwesenheit digitaler Konnektivität auszeichnet, während das Gedächtnis in all den digitalen Archiven aufbewahrt wird. Auf der anderen Seite haben wir es mit der Emergenz einer neuen Form des technologischen Bewusstseins zu tun, dessen Verstand überhaupt keine Existenz außerhalb des Realen der Daten mehr hat, wobei es das ganze Feld des Technologischen durchquert, um an den gefalteten Kanten der Biologie und der Digitalität zu partizipieren und um sich selbst in den Sprachen des Dispersiven, Fragmentarischen, der wandernden Partikel zu artikulieren, um durch die sanfte Materialität der Einschnitte und der Mediation bis zu einem Punkt geformt zu werden, an dem das technologische Bewusstsein beginnt, sich ganz dem Universum des Experimentellen und Unentdeckten zuzuwenden, um schließlich Open-Source Denken zu werden. Die neuen technokapitalistischen Eliten, egal ob es sich um die gouvernementalen oder unternehmerischen Zirkel handelt, investieren heute schon unaufhörlich in Data Mining, Big Data, Informationssysteme und Communication-Technologies etc., um ihre eigene Kontrollagenda zu maximieren. So sehen die neuesten Strategien des US Militärs vor, den humanen Aktanten aus vielen Bereichen der Kommandos, Kontrollen und Exekutionskreisläufe der technologischen Ensembles zu eliminieren. Und wo man Hightechgeräte wie Drohnen für den Kriegseinsatz nicht benutzen kann, setzt man auf schlafresistente und furchterprobte Soldaten, um Missionen mit unbegrenzter Dauer auszuführen. Wie die Geschichte gezeigt hat, werden militärische Innovationen fast zwangsläufig in einen breiteren sozialen Kontext integriert, sodass der schlaflose Soldat den
schlaflosen Arbeiter und den schlaflosen Konsumenten generieren wird. Anti-Schlafprodukte könnten, wenn die Pharmaindustrie sie nur aggressiv genug promotet, eine erstklassige Option für die Lifestyle-Industrie werden, eventuell für viele Agenten sogar zu einer Notwendigkeit.

This entry was posted on Friday, August 22nd, 2014 at 12:18 pm and is filed under Akzeleration, Maschinen, Technik. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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