Das Echtzeitregime der Börse

Im Kontext der globalen »Echtzeitökonomie « treibt und flieht heute auf Grundlage der Funktionsweisen der Telekommunikations-, Informations- und Unterhaltungsindustrien die Kapitalverwertung in die Zukunft. Die Instantaneität der Datenübertragung – minimale
Zeitspannen von der Order bis zum Backend und deren Bestätigung zurück zum Kunden – hat nur noch die Lichtgeschwindigkeit als Grenze, womit die Zeit noch jenseits der operativen Sekundenaktivität selbst zu einem außerordentlich wichtigen Parameter der Zahlungen wird, Zeit, die man permanent zu berechnen, justieren und zu korrigieren hat, weil die Händlerentscheidung vom frühen Morgen spätestens am Mittag schon wieder Schnee von gestern ist – insgesamt folgt man mit seinen Entscheidungen den flüssigen maschinellen Bewegungen der Algorithmen, um jederzeit die Möglichkeit des rechtzeitigen Geldanschlusses für Banken und Finanzinstitutionen zu gewährleisten. Echtzeit ist jene (strömende) Zeit, die durch den Gebrauch der digitalen Übertragungsgeschwindigkeit in infinitesimaler Annäherung an die Lichtgeschwindigkeit die sofortige Verfügung über Datenpakete, Informationen und Metadaten auf allen Börsenplätzen und in allen Zeitzonen weltweit ermöglichen soll. Die Signale des Internets werden also in Lichtgeschwindigkeit übertragen, aber selbst diese kann im heutigen Computerhandel noch zu langsam werden, sodass z. B. eine Transaktion, die ein Broker in Frankfurt tätigt, mit höherer Wahrscheinlichkeit mit einem Händler in London als mit einem Händler in New York abgeschlossen wird, weil das Signal aus Frankfurt London früher als New York erreicht. Sender, Kanal und Empfänger sind dabei Teile einer (materiellen) Netzwerktechnologie, die diese extrem beschleunigende Zeitkonstruktion in einem digitalen Übertragungsraum weltweit aufzuspannen hilft, sodass tatsächlich alle Informations-, Metadaten- und Geldkapitalströme (in einem glatten Raum oder einer Topologie der Oberfläche) gleichzeitig zu sein scheinen, womit Differenziale, Asymmetrien und Codierungen der Geldkapitalzirkulation zu Millisekunden zusammenschmelzen. Die auf globaler Ebene deterritorialisierten Geldkapitalströme sitzen also dem Echtzeitregime der Telekommunikations-, Informationsindustrien und deren Managementtechniken auf. (Vgl. Reichert 2009: 49f.) Und nur mühsam wird die rasante Dromologie, die Fluidität und Flexibilität dieser Geldkapitalströme durch Regeln und Gesetze der Kreditvergabe, durch nationale und transnationale Politiken und durch die Politik der Notenbanken codiert bzw. reterritorialisiert. Die getaktete Zeit im Börsenhandel bleibt dabei von der Leistungskapazität der jeweils eingesetzten Computersysteme abhängig, wobei dominante Gruppen von Spekulanten heutzutage ihre Serverfarmen in unmittelbarer Nähe der Börsen zu platzieren versuchen, um noch zeitintensiver ihre Transaktionen über die schnellsten Kabelverbindungen ausführen zu können – und damit wird letztendlich die sog. Latenzzeit zwischen der Generierung einer Order und deren Verarbeitung an der Börse nur noch von physikalischen Konstanten und einer topologischen Geometrie begrenzt. Grzebeta schreibt: »Auf algorithmischen Handel spezialisierte Banken können bei Bedarf über 100 Orders pro Sekunde generieren und diese unmittelbar an die Börse leiten. Eine Order braucht derzeit, je nach Ort und Börse, zwischen 5 und 150 Millisekunden, um vom Teilnehmersystem zur Börse gesendet und dort im Börsensystem verarbeitet zu werden.«55 Wenn Derrida den heutigen Kommunikationstechnologien »die Essenz des Geldes selbst als Zeit« zuschreibt (vgl. Derrida 1999), so unterliegen die monetären Transaktionen auf Grundlage der zunehmenden Konvergenz der Telekommunikations und Informationsindustrien einer äußersten Geschwindigkeit, sodass selbst das Echtzeitregime der Börse die Funktion eines Second-Order-Operators bezüglich der Verkettung von Zahlungen übernimmt, was aber durchaus zu »Kausalitätsvazillationen « (Otto Rössler) führen kann, einer Art Verrauschtheit der Zeit,
und dies als Resultat der sukzessiv und simultan verlaufenden Kapitalisierungen, ihrer Instantaneität. Ein Echtzeitregime und seine Feld- und Zeitoperatoren kann man auch nur schwerlich über die rigide Organisation einer Antwortzeit bremsen (welche ein ganz spezifisches Management der zeitlichen Intervalle zwischen den verschiedenen Transaktionen beinhalten müsste), da deren Geschwindigkeit stets in bestimmte Zeit-Differenziale eingebunden bleibt. Echtzeit löst tatsächlich die statistischen und statischen Archive auf und schiebt unaufhörlich die Zeit als Strom voran. Und schließlich ist es die Hardware, die jede Software zur Berücksichtigung der Zeit zwingt. Nun suggerieren die Modi der Simultaneität, denen sich das Echtzeitregimeapproximativ annähert, dass es jedem Finanzakteur möglich sei, innerhalb des 24-Stunden-Online-Business mit dem digitalisierten Zugriff auf alle weltweit verfügbaren Kursnotierungen und Kursbewegungen ortsunabhängig Transaktionen mit Finanzderivaten jederzeit durchführen zu können, womit der Akteur einerseits in einen extrem flexiblen Zeithorizont integriert wird, andererseits die Preis- und Kursbewegungen die absolute Vorherrschaft des Hier und Jetzt einfordern, das Paradox einer ewigen Aktualität, die von den technologischen und ökonomischen Dispositiven nur noch gesiebt und performativ gedeutet werden muss. Das Jetzt, die Gleichzeitigkeit der Verfügbarkeit aller kapitalistischen Börsengeschäfte würde damit zum alles beherrschenden, zeitbezogenen Imperativ, der sich technologisch ins Werk setzt, allerdings nicht verhehlen kann, dass a) weiterhin Marktbarrieren und -schranken existieren, wenn auch die Zahl der Day- und Hobbytrader heutzutage enorm zugenommen hat und b) das abstrakte, ungleichgewichtige und dynamische Zeitregime des Kapitals bzw. die Kapitalisierung diesen spezifischen Modus der Gleichzeitigkeit steuert, moduliert & modifiziert und in der-letzten-Instanz determiniert, sodass leicht übersehen wird, dass das kapitalistische Zeitmanagement immer den Maßen der Kapitalisierung untersteht, womit gerade Zeitpakete erzeugt werden, mit denen in der differenziellen Konkurrenz der Kapitale wenn auch noch so minimal ungleichzeitig operiert wird. Obgleich das operative Zeitkonzept der Einzelkapitale im Rahmen der Produktion, des Managements, des Planungshorizonts und der doppelten Buchführung Zeit (als Fluss-, Mess-, Codierungs- und Steuergröße) vor allem als die Dimension kennt, die linear in die Zukunft verläuft, und dies scheinbar ohne jegliche Brüche, Verschiebungen und Setzungen, bleibt diese Art der Homogenität des linearen Zeitflusses stets Teil der differenziellen Akkumulation bzw. einer nicht-linearen, ungleichzeitigen und abstrakten Zeit der pluralen Kapitale. Nicht zuletzt deswegen entsteht auch jene Welt des globalisierten Weltwirtschaftskrieges, deren verschiedene Echtzeitregime nur scheinbar in einer ökonomisierten Weltzeit konvergieren, wobei diese Zeit, die sich u. a. als Aktualität der Börsen artikuliert, jedoch nicht an sich gegeben ist, sondern eben gerade von transnationalen Kapital- und Mediendispositiven und deren Matheme permanent performativ erzeugt wird. Und generell wäre zu sagen: Geld ist Zeit, und weil diese selbst an sich keinen Maßstab hat, bleiben alle Kreditbewegungen und monetären Geschäfte risikobehaftet und als Erwartung an Gewinne in der Zukunft, auf die trotz der noch nicht vorhandenen Werte in der Gegenwart jetzt schon zugegriffen wird, systemisch unsicher. Und es gilt zu bedenken, dass Finanzmärkte hinsichtlich ihrer Zeitlichkeit im Dazwischen von objektivistischem Echtzeitregime und operationalisierbarer Kapital-Zeit aufgespannt sind.

An den Börsen beobachten Aktanten Zahlungen und Preisbewegungen und operieren auf der Basis dieser Beobachtungen (Beobachtungen von Beobachtungen), wobei sichdie finanziellen Operationen (Operabilität generiert immer auch Nichtoperabilität) überInterfaces und Intrafaces vollziehen, die im digitalen Medium derart ineinander verschachteltsind, dass sich andauernd Übersetzungsprobleme und dynamische Ungleichgewichteergeben. (Luhmann war gerade davon beeindruckt, dass der Bildschirm das einzige Interfaceist, das uns mit der Tiefe der Rechner und ihrer Netzwerke verknüpft.) Und wenn historischeFormationen, die von Sichtbarem und Sagbarem durchkreuzt werden, heterogenund sich wechselseitig voraussetzend bleiben, dann sind Medien selbst von einem Rissin-formiert, dem Un-Ort des Medialen, der immer auch der Un-Ort des Politischen ist. Indiesem Kontext wären Maschinen als Black-Boxes zu definieren, deren Funktionen derÜbermittlung von Inputs und Outputs dienen. Computer, Codes, Datenbanken und Protokoll-Interfaces sind Elemente dieser Funktionen, die man in kybernetische Regelkreise einschleift, wobei Outputs derart auf Inputs zurückgekoppelt sind, dass die Inputs ständigneu selektiert werden – Inputs, zu denen, was gerne übersehen wird, eine Vielzahl ökonomischer,sozialer, juristischer, kultureller Funktionen gehören, wie eben auch zu den Outputs.Dabei stellen Preise unter der Voraussetzung, dass jede Zahlung einer Preisfeststellung entspricht, Indikatoren oder Informationen dar, die sozusagen Rückkopplungen über die Funktionsweisen der Börsenmärkte liefern, um damit wiederum auf Preise wirken zu können, womit Wirkungen stets Wirkungen erzeugen; jeder Output des Systems ist ein Input und jeder Input ein Output, und dies in einem beschleunigt schwingenden und per se instabilen Finanztransaktionssystem.
Die Instrumentenmetapher des Barometers steht in den Börsendiskursen seit dem 19. Jahrhundert (anders als das Thermometer, das in der Kybernetik die Steuerung gegenwartsbezogener Zustandsgrößen anzeigt) für die Prognostizierbarkeit der Aktienkurse. Als technisches Bild der Kontrollierbarkeit soll das Barometer Wellenbewegungen der unsichtbaren Finanzgeldströme dokumentieren, die millisekündlichen Fluktuationen an den Echtzeitmärkten. Gleichzeitig gelten Diagramme, Charts und Kurven bis heute als Sinn- und Leitbilder oder als performative Darstellungsformen der Börsenlagen. Und als Verfahren der Zukunftsantizipation treiben die diversen Modelle der Chartanalyse die Spekulation voran. Obgleich die visuelle Darstellung von Aktienkurven eine kontinuierliche Bewegung nach oben oder nach unten vortäuscht, zeigt die Chartanalytik, dass die Oberflächen, auf denen die Charting Software visualisiert wird – statistische Indikatoren, Charts und Muster – ein ganz spezifisches Prognosewissen vorführen, visuell basierte Wissenstechniken bzw. Blendwerke, mithilfe derer sich die verschiedenen Brokerteams innerhalb der Börsenmaschinerie permanent gegenseitig zu übertrumpfen oder zu unterbieten versuchen. Zahlen, Formeln, Funktionen, Charts, Tabellen und computergestützte Kalkulationen fundieren nicht nur die kalkulatorischen Praktiken an den Finanzmärkten, sondern beschleunigen und strukturieren die ökonomischen Geldkapitalströme selbst. Dabei bleiben die deterritorialisierten Geldkapitalströme in der Black Box finanzieller Transaktionsbewegungen sichtbar und unsichtbar zugleich; es geht um eine Syntax der seriellen und kontinuierlichen Reihung der Variablen, Zahlen und Symbole der Geldkapitalströme plus ihre Funktionsbeziehungen zueinander, die für die Händler als kontinuierliche Daten- und Informationsströme auf Monitoren sichtbar wird. Diese Syntax lässt aber oft vergessen, dass die Geldkapitalströme immer auch geschnitten und in diskrete Pakete aufgeteilt werden, eben an die diskret operierende Digitalität gebunden bleiben. Dabei erzeugt die Semantik der Naturalisierung und des Szientismus in den medialen Diskurssystemen und Meinungsfabriken meistens die Figur einer im Durchschnitt kontinuierlichen Aufwärtsentwicklung der Preise und Kurse, womit dann auch die Partizipation der kleinen Shareholders an den Börsen zunehmend attraktiver werden kann. Dabei bleibt der Störfall oder der Börsenskandal selbst Teil des Börsenevents, während gleichzeitig die gigantischen in Realtime bewegten Datenmengen von Finanzprodukten, Derivaten und Transaktionen die Kategorien der chronologischen Zeit und der Vermessbarkeit des Raumes sprengen. Realtime an der Börse lässt die Zeit flirren, sie wird rhythmologisch und hyperkomplex, obwohl der Rhythmus stets in den Grundtakt des 0 und 1 des binären Codes integriert bleibt.

This entry was posted on Thursday, August 28th, 2014 at 9:55 am and is filed under Akzeleration, Finance, Kapital, Kapitalismus, Maschinen, Ökonomie. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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