Skizze zu Laruelle und Marx

Ökonomiekritik ist für uns Philo-Science-Fiction. An dieser Stelle greift die Nicht- Philosophie eines Francois Laruelle ein. Das Fazit der Nicht-Philosophie besteht gegenüber der Philosophie in einem rigoros abstrakten Denken, um ein minimumtranszendentales Denken zu erreichen, das sich in einem einzigen Axiom ausdrückt: man startet vom ausgeschossenen und indifferenten Realen (mittels eines Axioms), man wird es aber niemals erreichen, oder wie man im Englischen mit Laruelle schreibt, wir axiomatisieren a Vision-in-One of the Real. Das Präfix, exakter der Operator »Nicht-«, besitzt für Laruelles Nicht-Philosophie die Funktion eines Gebrauchsmittels, er affiziert sowohl den Gebrauch als auch das Verstehen von Begriffen, womit das Nicht- Philosophische keine Negation impliziert, sondern sozusagen eine »breitere«, ja eine pluralistischere theoretische Praxis wie etwa die der nicht-euklidischen Geometrien gegenüber der euklidischen Geometrie betreibt (Aufgabe des Parallelenaxioms). So schreibt die Nicht-Philosophie im Zuge ihrer immanenten Entwicklung unaufhörlich ein minimum-transzendentales und zugleich konzeptuelles Werkzeug, das eine generische Matrix-Philosophie ohne universelle Transzendentalität sowie eine Quantentheorie ohne Kalkulation einfordert und schließlich hin zu einer anti-bürokratischen Philo-Science- Fiction führen soll, die sich in jedem Moment ihrer eigenen Insuffizienz vollkommen bewusst bleibt. (Vgl. Laruelle 2013b) Nicht-Philosophen oder Generische Wissenschaftler im Sinne Laruelles arbeiten nicht mehr über die Dinge der Welt, sondern an wissenschaftlichen Diskursen, die Gegenstand ihrer generischen Forschung sind. Während die Philosophie auf pures Material reduziert wird, dienen die positiven Wissenschaften als gleichberechtigte Interpretationsmodelle für eine Generische Wissenschaft der Philosophie. Schließlich gelangt Laruelle zu einer Vektor- oder Welle- Teilchen-Konzeption von Begriffen. Darunter versteht er begriffliche Quantenphänomene, die als virtuell eingestuft und nicht der Realität, sondern dem Realen im Sinne einer Immanenz des Selben zugerechnet werden – makroskopische Objekte, für die Begriffe wie die der Superposition, der Nicht-Kommutativität und der Idempotenz (die mathematische Regel, mit der man die Interferenz zweier Einzelwellen in einer einzigen Welle beschreibt: 1 + 1 = 1) Geltung besitzen. Und die Methode besteht darin, jeder Disziplin eine minimale Invariante zu entnehmen, wie die imaginäre Zahl in der komplexen Analysis, die Welle in der Quantenphysik, das Transzendentale in der Philosophie, das Kapital in der Ökonomie, und sie zu superponieren. (Diese Gegebenheiten werden als Vektoren in einem Superpositionszustand behandelt, der in der Quantenphysik in imaginären Zahlen indexiert wird.) Die Superposition kommt dann ins Spiel, wenn sich verschiedene Kräfte, Felder, Schwingungen oder Wellen überlagern.Wenn sich bspw. Wellen überlagern, so wirkt jede einzelne davon immer noch so, als sei sie völlig insoliert. Die erste Welle wird nicht beeinflusst, wenn noch eine zweite Welle da ist, jedoch wird das Endergebnis verändert. Daraus lässt sich wiederum folgern: Während auf der einen Seite die Inkommensurabiltät jeder Geschlossenheit, hermetisch abgeriegelt gegenüber anderen Materialien, Paradigmen und Theorien, illustriert wird, so auf der anderen Seite die Inkommensurabilität der Relation und des Austauschs, der damit porös genug wird, um heterogene Gefüge zuzulassen, ohne sie jedoch zu erzwingen. (Vgl. Laruelle 2013a) Die Nicht-Philosophie im Laruell’schen Sinne schmiegt sich keinem Denken des Realen an, sondern bestimmt sich als ein Denken gemäß dem Realen. (Laruelle 1999: 139)

Das Reale gilt es zwar als Minimum-Transzendentales zu denken, aber das Denken hat sich vor allem gemäß der Symptome des Realen zu entwickeln. Dabei lässt sich an das Reale keine Bedeutung anheften, es besitzt keinerlei Wahrheit und es besitzt auch keine epistemische Struktur, da es sich weder als das Resultat einer  bleibt das Reale auf ewig inkonsistent, es zeigt sich als »gegeben-ohne-Gegebenheit« an, als »manifest-ohne-Manifestation«; das Reale ist das, was sich unserer immer schon bemächtigt hat und damit stellt es kein Datum oder kein Faktum dar, das wir vielleicht glauben erfassen zu können. (Vgl. Laruelle 2010) (Insofern hat Laruelle eben nichts mit dem neuen ontologischen Turn zu tun, wo ein Erzählung angeboten wird, die eine anchestrale Objektwelt und ein kryptisches Kommendes heraustellt, um die Gegenwart als ein offenes Feld auszuschließen). Vielmehr ist das Reale immanent gegeben als »beingnothing « (Brassier 2007: 138), es inhäriert eine Insuffizienz, die das Sein immer schon mit dem Nichts konfrontieren lässt.Eine andere Interpretation des Realen bei Laruelle wäre die, es als ein jenseits des Seins zu verstehen, aber als ein gefülltes Jenseits, gefüllt mitden Multiplizitäten der Differenz, die niemals statisch sind, sondern immer immanent in Relation zu in-Einem (in-One). Und dies als Denken des Realen/Einen ohne Einheit, Idee, Logos oder des Seins: Das Reale als solches als multiple Differenz.Die Figur Determination-in-der-letzten-Instanz (durch das Reale) taucht auf, wenn das Minimum-Transzendentale gemäß dem Realen etabliert wird. Kapital ist an dieser Stelle der Name für das Reale. Kapitalanalyse bedeutet in der Tat ein radikales Konzept: Sie grenzt an das Reale und zeigt als transzendentales Minimum an, dass das Kapital in-derletzten- Instanz heute den entscheidend konstitutiven Aspekt der globalen kapitalistischenHegemonie ausmacht. Dies heist für die Kapitalanalyse, den Begriff des Kapitals nicht immer nur irgendwie vorauszusetzen, als ob der Begriff schließlich in einem komplexeren Konzept wie dem der freien Marktökonomie aufgehen müsste, oder als ob das Kapital das Reale selbst wäre, das uns in seiner puren Absurdität gegenübersteht. Andererseits ist die Kapitalanalyse auch nicht identisch mit dem Begriff oder der dialektischen Darstellung. Einerseits muss Kapitalanalyse im althusserschen Sinne als generische Matrix, als Begriffskonstellation konstruiert werden, andererseits im formalistischen Sinne das Mathem der Ökononmie beschrieben werden. Und in Bezug auf ersteres stoßen wir an die Grenzen des Begriffs. Begrifflich lässt sich das Reale und dessen Symptomatologie (Realität des Kapitals) nur mit der Heuristik des »Als-ob« angehen, um damit u. a. den fiktiven Status der Nicht-Philosophie/Nicht-Ökonomie genauer zu explizieren, die selbst aber keine Repräsentation der Welt darbietet, sondern als theoretisches Material Teil des Realen ist. Wir gehen mit Harald Strauß davon aus, dass die diskursive Darstellung, bspw. die Wertformanalyse, so zu betrachten ist, als ob der Modus des Begrifflichen mit dem des Gegenstandes in eins fiele. Einerseits gilt es damit den Abstand zwischen Begriff und dem Gegenstand, z. B. den realen Verkehrsformen des Kapitals zu halten, andererseits soll im Kontext der Marx’schen Problematik der Darstellungweisen der strukturelle Zusammenhang des Kapitals quasi als ein Geschehen uno actu begrifflich erfasst werden, als ob es tatsachlich eine Identität zwischen dem Begrifflichen und dem Auserbegrifflichen gäbe. So bleibt der Hiatus zwischen begrifflicher Selbstsetzung und nicht-begrifflicher Differenz nicht vollkommen uneinholbar, wenn er mittels der begrifflichen Heuristik des „Als ob“ in eine paradoxale (Nicht)-Identitat übersetzt wird, „die nicht zum Begriff gehört, obwohl der Begriff von ihr stammt“ (Brassier 2013: 157). (Bei Adorno heißt dies ähnlich: „Jeglicher Bgriff, noch der des Seins, reproduziert die Differenz von Denken und Gedachtem.“ Adorno 1980:176) An dem Verhältnis von Synchronie und Diachronie lässt sich dies mit Harald Strauß folgendermaßen erklären: Die synchronische Perspektive liefert den Verdacht gewisser Isomorphien, die sich allerdings ohne die Verzeitlichung nicht als gesetzmäßig ausweisen lassen, während die diachronische Perspektive die Isomorphien in historische Entwicklungen einbettet, deren Realisierungen auf kein Gesetz zurückgeführt werden können, weil das Gesetz nicht in der Summe seiner Fälle aufgeht, sondern sozusagen als Vorschrift allen Fällen zugrundeliegt. Zwischen diesen beiden Perspektiven klafft also eine Lücke, in die der Begriff des Gesetzes als Vertretung einspringt, als ob er das Gesetz selbst wäre (Strauß 2013). Oder ein anderes Beispiel: Marx hält die Wertgröße auf der Ebene des Gesamtkapitals für konstant, als ob hinter den Preisbewegungen und den monetären Durchschnittsprofitraten quantitative Wertsummen steckten, obgleich doch der Wert, und dessen war sich Marx wahrscheinlich nicht bewusst, nur als Virtualität oder Virtualisierungs-Aktualisierungsprozess zu haben ist, i.e. er wird in unzähligen semio-ökonomischen Transaktionen auf der Ebene des Gesamtkapitals aufgerufen. Marx geht also von einer Determination der (quantitativen) Wertigkeit des Kapitals im Gesamtzusammenhang aus, als ob der Wert vor jeder Preisbildung vorweg als Quantität existiert hätte (Obsoletheit von quantitativer Werttheorie). An dieser Stelle gebraucht der Nicht-Marxist Marx und die Marxisten, er gebraucht vielmehr deren Texte, um eine kritische Symptomatologie der kapitalistischen Realität zu entwickeln und um schließlich jene radikalen Konzepte auszuarbeiten, die das Reale als Determination-in-der-letzten-Instanz neu zu entdecken und die Realität des Kapitals als Erkenntnisobjekt neu zu analysieren imstande sind. Für die Nicht-Ökonomie heißt dies, sich nicht nur mit dem Theorem zu beschäftigen (also den ökonomischen Wissenschaften als pures Material), sondern vor allem auch mit dem Mathem. Diesesumfasst zunächst das Geld, dessen Algorithmus nicht die besonderen Arbeiten zu Durchschnitten herunter rechnet, sondern der eben mit den Zeichen des Codes Durchschnitte erst herstellt, bspw. Durchschnittsprofitraten. Darüber hinaus sind auch die asignifikanten Semiotiken eines Guattari, Diagramme, Statisitik, Stochastik etc. unter das ökonomische Mathem zu subsumieren. Hierin hat die Nicht-Ökonomie die Grenzen der begrifflichen Darstellung anzuerkennen, sie de-konzeptualisiert zugleich das Material der verschiedenen sozialen Wissenschaften und zeigt damit an, dass ihre eigene Wissensproduktion auf keine Repräsentation der Welt abzielt, und indem sie das tut, beteuert sie, dass es keine abschließbare ökonomische »Welt« gibt. Nicht zuletzt kreist die Nicht-Philosophie oder die Nicht-Ökonomie um einen theoretischen Akt, der die Texte von Marx oder die verschiedener marxistischer Autoren vom 19. Jahrhundert bis hin zur Gegenwart in erster Linie nicht dechiffrieren will, um letztendlich Marxens tragende»Positionen« in all ihrer Tiefe zu verstehen, sondern der diese Texte als ein minimumtranszendentales Material bearbeitet, um schließlich die Symptome/Effekte des Realen selbst aufzuspüren, die immer auch solche der Realität des Kapitals sind. Es lässt sich an dieser Stelle von einem Nicht-Marxismus auch insofern sprechen, als er die Person Marx nicht länger zu einem transzendentalen Ego überhöht, vielmehr geht es darum, »ihn gleichsam wie eine ›Entwicklungsflüssigkeit‹ zu nutzen, als jemanden, der durch seine Analysen dazu beiträgt, die in einer derartigen Idee angelegten Probleme zu enthüllen.« (Balibar 2013: 132)

This entry was posted on Monday, September 29th, 2014 at 5:53 pm and is filed under Laruelle, Marx. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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