Die Kapitalisierung des finanziellen Kapitals

Mit der Darstellung der vier Wertformen bei Marx wollten wir zeigen, dass man durch den Versuch der »Entfaltung« der einfachen Wertform nicht zum allgemeinen Äquivalent gelangt und in der Folge auch nicht zur Geldform vordringt, insofern sie als existent ausgewiesen werden soll. Die Analyse steht nun vor der dringlichen Aufgabe, nach den Bedingungen der Geltung des Geldes zu fragen. Geld kommt von gelten, spielt darauf an, dass etwas Bedeutung erlangt, egal was es bedeutet. Das Geld nimmt die Funktion des Maßes (von Warenwerten) nicht nur einfach passiv in Anspruch, sondern es nutzt die Kraft einer Geltung, die seine Funktion auszeichnet, und zwar so, als hätte es diese Funktion der Gleichsetzung je schon erlangt, und dies kann es, weil seine Funktionen – des Maßes und des Zirkulationsmittels – selbst Resultate des Geldes als Kapital sind. (Hier ist das „Es gibt“ einzuführen, aber nicht im Sinne eines Abgebens eines Maßes („Es gibt Geld“). Wir sprechen mit Laruelle dagegen von der letzten Instanz. („Es gibt Kapital“) In der letzten Instanz ist das Kapital gegeben, und zwar als eine auktoriale Existenzaussage, die aber in einem radikal de-onotologierten Kontext verbleibt. Oder um es anders zu sagen, die Kapitalfrage (Kapital als Realität) wird dem Theoretiker aufgezwungen als in der letzten Instanz determinierende Bedingung, genauer gesagt als eine unter-determinierende Bedingung, als eine unter-fundierte Kausalität. Dies ist die Voraussetzung, um eine unilaterale Logik in Gang zu setzen. Laruelles unilaterale Logik geht nicht davon aus, dass zwei Terme durch einen dritten Term synthetisiert werden, sondern durch den ersten Term determiniert werden. Oder um es anders zu sagen, der zweite Term und die Relation zwischen dem ersten und dem zweiten Term sind immanent in Beziehung zum ersten Term. Der zweiter Term ist der unilaterale Klon des ersten Terms. Letztendlich werden sowohl Analyse als auch Synthese durch die Methode der unilateralen Dualysis ersetzt. Das Eine ist das endliche a priori des Realen. Für eine begriffliche, nicht-dialektische Bestimmung des Kapitals könnte dies heißen, das Kapital als eine radikal unilaterale »Logik« zu begreifen, bei der zwei Terme nicht durch einen dritten Term (abstrakte Arbeit) vereinheitlicht werden, sondern durch den ersten Term (Geld als Kapital) determiniert werden. Der beiden Terme (der zweite Term ist eine Ware, Produktion, Arbeitskraft etc.) und die Relation Geld-Ware-Produktion-Ware-Geld` sind dem ersten Term (Kapital) immanent. Der zweite Term ist immer schon ein unilateraler Klon des ersten Terms, was nichts anderes bedeutet, als dass man je schon von einer monetären Werttheorie bzw. Kapitaltheorie auszugehen hat. Und dies als Determination-in-der-letzten-Instanz, sodass das Kapital a priori als Gesamtkapital zu denken ist (und nicht vom individuellen Kapital auszugehen ist). Es gibt Kapital heißt dann, es gibt das Kapital nur als Gesamtkapital, das wir als quasi-transzendental bezeichnen, quasi. insofern es nicht nur bedingend ist, sondern auch bedingt wird (qua Einzelkapitale).
Und dem Begriff des Kapitals wäre das Mathem des Kapitals hinzuzufügen, das heißt das (begriffliche) Kapital und sein ökonomisches Mathem (Differenzkalküle) wäre auch zu superponieren. Die vektoriale Dimension des Kapitals wird also durch das Mathem der Ökonomie komplementiert. Die informatorische Entropie, die der Gesamtheit der Produktion von Einzelkapitalen oder der Bildung von Durchschnittsgrößen (Profitrate) entspringt, muss einer Reduktion unterliegen, die unweigerlich das ökonomische Mathem als Codierung ins Spiel bringt, eine Formalisierung, die mit Wahrscheinlichkeiten rechnet; damit, dass Systeme der Wahrscheinlichkeit die Gleichwahrscheinlichkeiten von Größen korrigieren, indem Messungen durch das Geld vorgenommen werden, die verifizieren, dass eben Durchschnitte hergestellt werden wie eben auch Abweichungen vom Durchschnitt stattfinden. Es wird dabei mit dem Geld als Code gerechnet, der die Durchschnittsbildungen ausdrückt, d. h., man rechnet mit einer spezifischen Syntax der Austauschrelationen, in der die besonderen Arbeiten ganz und gar nichtig sind. Dbnei gilt es festzuhalten, dass der Kult um »die« Dialektik als Ariadnefaden zur Beherrschung des Labyrinths des Kapitals im Grunde immer versucht hat, das Algebraische als vom Sprachlich-Begrifflichen abgeleitet zu denken. Darin liegt zwar eine gewisse Notwendigkeit des Zugangs, doch wurde dabei die Polarität dieser Opposition zugunsten des logos verschoben.
Seine Geltung erreicht das kapitalistische Geld als eine symbolische Markierung, die reine Kaufkraft darstellt – mit einem Schlag (Konvertabilitat an sich) verweist Geld auf die unterschiedlichsten Waren, die dem Geld als sämtliche Inhalte gegenüberstehen, und damit sind Waren eben nicht Geld und Geld nicht sie. Der Geldbegriff lässt sich also nicht aus der Warenform/Wertform ableiten, er holt auch nicht die Wertformen ein, vielmehr zeichnet sich das kapitalistische Geld, das von vornherein als ein Resultat des Kapitals zu verstehen ist, at once als symbolisches Geld aus (allein der Name reicht dann schon hin, um seine Wirksamkeit zu setzen) und zieht dafür ein allerdings nicht beliebiges Material aus den Warensammlungen zu seiner Verkörperung heran. Dieses Schlagartige des Einschlagens, mit dem das symbolische Geld, das zugleich messendes Geld ist, allen Waren gegenüber steht, womit diese in die unmittelbare Austauschbarkeit versetzt sind, wird supplementiert, wenn das Geld sich in ein quasi tautologisches Verhältnis (Verwertung) zu sich selbst setzt (Der einzige Sinn dieser Relation kann nur in der quantitativen Vermehrung bestehen. Unilateration, die der quantitativen Addition fähig ist.). Oder um es anders zu sagen, die Geltung des Geldes qua Kaufkraft markiert eine Abspaltung des Geldes gegenüber allen Waren, womit das Geld als materielles Symbol einer Entwicklung anheimgegeben ist, die auf Vermehrung und Verwertung in primärer Potenz abzielt, was wiederum die Waren in der Äquivalenzrelation gar nicht leisten können. (Freilich ist von einer virtuellen Gleichzeitigkeit von Ware, Geld und Kapital auszugehen, und dies unter der Dominanz des Kapitals. Man müsste in diesem Zusammenhang der Frage nachgehen, die mit Laruelle aufgeworfen werden kann, was es denn mit der tautologischen Formel G-W-G, die z.B. der DDR Ökonom Peter Ruben als nichtssagend bezeichnet hat, wirklich auf sich hat. Hier wird der Surplus als Quantität in die tautologische Kette injiziert. Dabei wird Geld nicht verausgabt, sondern vorgeschossen. Zugleich ist das Geld als Kapital die Kapazität sich als Selbstzweck zu setzen, womit es umfassend die Produktionssphäre beherrscht, um diese in die primär-monetäre Zirkulation G-W-G` zu integrieren, oder anders gesagt, das Geld fungiert als Kapital, innerhalb dessen selbstreferentieller Relation G-G` es zirkuliert. Die Warenproduktion und -zirkulation sind rein als integrierte Teile (sowohl strukturell als auch temporär) der kapitalistisch-monetären Ökonomie aufzufassen, das heißt als Teile des Umlaufs des Geldkapitals. Wir könnten dies mit Laruelle als die irreversible Logik der unilateralen Dualität oder als die monolaterale Natur der Determination-in-der-letzten-Instanz. denken. Damit muss der Sinn der Relation für die Nicht-Ökonomie umgestaltet werden, nämlich in den einer unilateralen Relation oder eben Nicht-Relation.
Jedes Einzelkapital, egal in welchem Sektor es prozessiert, beschäftigt Arbeitskräfte, kauft Produktionsmittel ein, extrahiert Mehrwert und realisiert möglicherweise den Geldmehrwert, wobei das monetäre »Mehr« sämtliche mikroökonomischen Entscheidungen setzt und den makroökonomischen Vergleich (qua finanziellem Kapital) voraussetzt. Dies gilt auch für das finanzielle Kapital. Das Geld ist somit das Resultat einer Wirkung, namlich der Immanenz des Kapitals als Gesamtkomplexion, und eben nicht das Resultat einer Voraussetzung, womoglich der dialektischen Entwicklung der Wertformen von der einfachen über die allgemeine Wertform bis hin zur Geldform. Das Geld als Symbolisierung einer nicht-symbolischen Differenz dient der Stabilitat des Kapitals, wobei das logisch Dritte die Geltung des Geldes erst hervorbringt, das logisch Dritte, das nicht etwa die Arbeit oder die Arbeitszeit, sondern die quasi-transzendentale Struktur des Kapitals als Gesamtkomplexion betrifft, ohne die keinerlei gesellschaftliche Gültigkeit hergestellt werden kann. Dies zeigt sich sowohl als Nachträglichkeit an, mit der das Kapital über Durchschnittsbildungen (Ausgleich der Profitraten) seine Verwertungsprozesse reflektiert, als auch als immanenter Zwang die Zukunft zu beleihen, um mit der Verwertung wenn möglich auf ewig fortzufahren. Dabei gilt es folgendes zu bedenken: Zum einen rechnet der Algorithmus des Kapitals nicht direkt besondere Arbeiten zu Durchschnitten herunter, sondern er rechnet mit den asignifikanten Zeichen des Codes, die den Durchschnitt, bspw. die Durchschnittsprofitrate, erst herstellen. Es müssen ungleiche Arbeitszeiten und -intensitäten, verschiedene Produktionsbedingungen auf einen jeweiligen Durchschnitt reduziert werden. Dies wird über einen Code bewerkstelligt, der sich rein formal ausdrückt. Das Mathem der Ökonomie rechnet nicht mit den besonderen Arbeiten, sondern mit den Zeichen, die de Durchschnitt herstellen. Zum anderen bedarf die Kapitalisierung der Zukunft des Einsatzes von asignifikanten Semiotiken (wahrscheinlichkeitsorientierten Codes), mit denen der (diskontierte) gegenwärtige Wert einer ökonomischen Einheit aus in der Zukunft erwarteten, risikobereinigten Gewinne berechnet wird. Das Mathem der Ökonomie muss, indem es das Kapital vertritt, mit Zeichen operieren.
Deleuze/Guattari sprechen hinsichtlich des ökonomischen Mathems, dessen wichtigster Operator nach wie vor das Geld (Preisform) ist, von asignifikanten Semiotiken, welche die verschiedenen humanen Agenten, ihre Organe und ihre perzeptiven Systeme direkt mit den ökonomischen Maschinen und deren Prozeduren und Zeichen verbinden. Geld, Aktienindizes und Arbeitslosenstatistiken, Algorithmen und wissenschaftliche Diagramme, Formeln und Modelle, Funktionen und Computersprachen – sie alle produzieren jenseits der Signifikationen (Sprache, Schrift) als asignifikante Semiotiken weder Diskurse noch Narrative, vielmehr operieren und multiplizieren sie in einem algebraischen Modus der ökonomischen Semiosen die produktiven Kräfte der Assemblagen und ihrer Netzwerke, seien es die der ökonomischen, militärischen, politischen und kommunikativen Maschinen. Mathematische Modelle, Computersprachen und Diagramme partizipieren direkt am Prozess der Entstehung ihrer Objekte, sie interagieren direkt mit den materiellen Strömen, indem sie bspw. technische Maschinen wie den Computer zum Funktionieren bringen, während sie als monetäre Zeichen die Geldkapitalströme der finanziellen Ökonomie unaufhörlich aktivieren. Sie arbeiten also keineswegs auf der Ebene der sozialen Repräsentation und produzieren auch keinerlei Bedeutungen, vielmehr involvieren sie Modi von weitaus abstrakteren deterritorialisierten Semiosen, wie wir sie etwa in den verschiedenen wissenschaftlichen, ökonomischen und technologischen Bereichen vorfinden. Es handelt sich hier um eine rein operationale Sinnproduktion oder um einen Sinn ohne jede Bedeutung.
Es ist die Geltung des Geldes, die mittels der Macht-Zeichen auf Geld als Kapital verweist und auf die ihm zugeordneten Formen des Kredits, des fiktiven und spekulativen Kapitals (auf die Leere, die es zu füllen gilt). Macht-Zeichen repräsentieren nicht, sondern sie antizipieren und kalkulieren, sie produzieren, gestalten und materialisieren. Sie konstituieren eine Semiotik der Ökonomie von Virtualisierungen/Aktualisierungen. Hier ist der Einsatzort der Stochastik und ihrer Modelle wie z.B. die Black Scholes Formel, die zur zukünftigen Berechnung des Preises einer Option dient. Die quantifizierende Maschinerie inklusive ihrer asignifikanten Semiotiken und Abstraktionsleistungen ist jedoch gleichzeitig als ein Effekt zu verstehen, insofern sie in einem Zusammenhang operiert, der dem ökonomischen Mathem je schon vorausgesetzt bleibt. Es ist der quasi-transzendentale Zusammenhang des Kapitals, Gesamtkapital, der die verschiedenen Geldfunktionen und -formen (Maß der Werte, Zirkulationsmittel, Geldkapital, fiktives/spekulatives Kapital) und ihre Matheme integriert, sodass Einzelkapitale nur unter der Voraussetzung der virtuellen Gleichzeitigkeit zur Aktualisierung der Verteilbarkeit qua Geld und Preis fähig sind. (Der Wert aktualisiert, und das betrifft die Geltung des Geldes, zum ersten die virtuelle Verteilbarkeit physischer Mengen. Güter werden produziert und in die Zirkulation geworfen, womit ihr Verkauf längst noch nicht realisiert ist. Der Wert, der nicht der einzelnen Ware angehört, wird in einer Vielzahl semio-ökonomischer Transaktionen aufgerufen. Die Prozesse der Preisfindung aktualisieren wiederum die virtuelle Verteilbarkeit der Mengen in Geldform.) Es verschränken sich virtuell fluide Struktur und virtuell fixierbarer Prozess.
Mit den synthetischen Finanzinstrumenten, CDOs oder CDS, einem von Algorithmen angetriebenen Wertpapierhandel, den Hochgeschwindigkeitscomputernetzwerken und den »dark pools« eines unauffindbaren Kapitals, expandiert das monetäre Diagramm der Kapitalisierung seit dem Kollaps des Bretton Woods Systems und des Goldstandards global in einem solch gewaltigen Umfang, dass die Finanzmärkte ein Vielfaches an monetären Größen gegenüber den monetären Outputs sog. Realökonomien bewirtschaften, und damit fast schon fähig sind den Globus mit einem einzigen, hochgelevelten Schluck zu kannibalisieren. Die Menge der Kredite, des fiktiven und spekulativen Kapitals übersteigt den monetären Output der sog. Realökonomie um ein Vielfaches (der Gesamtwert der im Umlauf befindlichen Derivate erreicht inzwischen das Zwölffache des globalen BIP), und dies heißt, dass insbesondere die synthetische Risikoökonomie (Derivate) ihre Relation zu den sog. Underlyings oder Basiswerten permanent umgestaltet, ja die finanzielle Risikoökonomie generiert in gewissem Maße die »Realökonomie«, die wir nun getrost als ein Derivat bezeichnen können, womit die Finanzsysteme die globale kapitalistische Ökonomie in der letzten Instanz determinieren. In der Subprime-Krise von 2007f führten u. a. die Preisbewegungen der CDS-Versicherungen (Verteuerungen), die sich auf Hypothekenkredite bezogen, gewaltige Wertminderungen dieser Kredite nach sich, was sich schließlich in höheren Zinsraten auf Hypothekenkredite mit variabler Verzinsung, in sinkenden Preisen für Häuser und anschließend in massenhaften Ausfällen der Kredite selbst artikulierte. Es kam also zu Preissteigerungen der CDS, sodass auch die Zinsen für den sog. Referenzschuldner in die Höhe gingen. Mit den Zinsen des sog. Refernzschuldners, Hausbesitzers oder von Staaten, müssen die nämlich auch die Kosten der CDS für diese Realkredite gedeckt werden.
Es lässt sich nun die Frage stellen: Wenn der Marktwert eines physikalischen ökonomischen Objekts (klassische Waren wie Kleidung, Nahrungsmittel, Computer etc.) direkt durch einen Kredit affiziert wird und dieser sich wiederum durch den Wert seines synthetischen »Replikanten« massiv beeinflussen lässt, kann man dann wirklich die bisherige hierarchische Ordnung der Klassen von exakt drei ökonomischen Objekten beibehalten, wobei man von den synthetischen Wertpapieren immer noch als rein abgeleiteten Papieren spricht, von Derivaten? Ein Tisch mag ja ein Ding zur Bereitstellung einer Mahlzeit sein, aber wenn Faktoren wie die Zinsraten auf Kredite des Tisches produzierenden Unternehmens, Optionen und Versicherungen auf den Holzpreis und schließlich Währungsschwankungen dann etwa mit den entsprechenden Faktoren in der Produktion übereinander geblendet werden, und dies im Kontext der Produktion weiterer Güter und Dienstleistungen, so wird doch über den äußerst bescheidenen Tisch (als physikalisches Objekt) ein globales Festgelage des monetären Kapitals platziert. Wir sollten also davon ausgehen, dass die synthetischen finanziellen Assets eine weitaus höhere Wirkungsmächtigkeit gegenüber den klassischen Finanzinstrumenten (Kredit) sowie den klassischen Waren besitzen, weil sich die Größe (von ökonomischen Objekten) und die damit zusammenhängende Wirkungskraft je schon als eine abhängige Variable der Relationen und der graduellen Verbindungen der ökonomischen Objekte erweist, wobei dies als eine Strukturdominante zu verstehen ist.
Die Finanzmärkte des gegenwärtigen Kapitalismus generieren eine instabile, multiple Struktur zur Kontrolle der Effektivität von Unternehmen, sie sind als eine Art flexibilisierende Oberaufsicht über die Kapitalbewegungen zu verstehen, sodass sich sämtliche Unternehmen permanent den Erfordernissen des finanziellen Kapitals anzupassen haben, von dem sie auf Dauer getestet werden. Gleichzeitig verbessert die Governance der Finanzmärkte die Verwertungsmöglichkeiten für die Unternehmen, indem sie permanent deren monetäre Verwertung moduliert und damit die Unternehmen wiederum den monetären Anforderungen an eine rein auf die Zukunft bezogene Kapitalisierung unterwirft. Finanzmärkte, die hier nicht nur als Realisierungsinstanzen, sondern als Produktionssphären des Geldkapitals zu verstehen sind, gleichen die Mobilitäten und Verwertungsbedingungen der Unternehmen untereinander an, sie modulieren im Zuge einer instabilen Herstellung von Durchschnittsprofitraten die Bedingungen für den Wettbewerb ständig neu. Ganz im Gegensatz zu keynesianischen Positionen, die im Gleichklang mit dem Arbeitswertmarxismus, der Occupy-Bewegung und selbst Teilen der Rechten vom gegenwärtigen Finanzregime als einem Ausdruck der räuberischen Gier von Finanzkapitalisten und/oder unproduktiven Rentiers sprechen, erweist sich das neoliberale Modell der Kapitalisierung als eine außerordentlich effektive Strategie zur Aufrechterhaltung der kapitalistischen Hegemonie. Schließlich steht im aktuellen finanziellen Kapitalismus die molekulare Bewertung der Unternehmen ganz im Vordergrund, d. h., es werden justament sämtliche Attribute der Unternehmen (sämtliche relevanten Dimensionen der Profitproduktion) skizziert, bewertet und schließlich diskret ausgepreist (Shareholder Value). Das Shareholder-Value-Konzept impliziert die finanzkapitalistisch maßgebliche Bewertung der Unternehmen an den Kapitalmärkten zugleich als Entscheidung über deren – bisherige wie künftige – Tauglichkeit als Geldanlage. Es werden in jedem Fall Kapitalrenditen angestrebt, umm im Prinzip den sog. Risikoeinsatz der Investoren und Aktionäre (plus den sog. Leistungseinsatz der Manager) mit einem Plus zu bestätigen (auch wenn die Investoren zum Teil zuletzt bedient werden), um zugleich permanent die Liquidität der Unternehmen an den Finanzmärkten zu erhöhen, während man innerbetriebliche Parameter wie die Individualisierung der Vergütungs- und Verteilungssysteme, Flexibilisierung der Arbeit, atypische Arbeitsverhältnisse, Effektivierung des in Maschinen und Arbeitskraft kondensierten Wissens, Outsourcing von Produktionsbereichen und Politiken permanent neu justiert, um im Zuge der sich immer schneller wandelnden digitalen Distributionsnetzwerke (schnelles Veralten neuer Technologien, permanent aggressives Marketing, wandelnde Konsumentenpräferenzen etc.) stets auch neue Geschäftsfelder für das Unternehmen zu erobern. So interessieren sich Hedgefonds weniger für den Kursverlauf einer Aktie, sondern sie zerlegen die Unternehmen in verschiedene Teile und untersuchen dann ganz spezifische Aspekte, z. B., in welchem Land das Unternehmen angesiedelt ist, ob es ein Technologieunternehmen ist, ob die Aktie des Unternehmens als Teil eines bestimmten Index gehandelt wird, etc. Indem die Hedgefonds Matheme der Ökonomie wie die Black-Scholes Formel verwenden, lassen sich Relationen zwischen den Parametern, aus denen die jeweiligen Preisverläufe resultieren, herstellen, um dann konsequenterweise Arbitrage zu betreiben.E s soll jedoch auch nicht unterschlagen werden, dass das Shareholder-Value-Konzept mit seiner Orientierung auf kurzfristige Gewinne erforderliche Forschungen und Innovationen auch behindern kann, sodass bspw. in den USA vor allem der Staat den Einsatz neuer Technologien vorantreibt. In diesem Kontext sind die sog. Derivate noch in ihren exotischsten Modellen als funktionale Instrumente zu begreifen, die der Implementierung der Finanzialisierung in alle gesellschaftlichen Bereiche dienen und diese auch aktiv vorantreiben, indem sie eine formgebende Perspektive auf die aktuellen konkreten Risiken werfen, die sie untereinander kommensurabel machen, um deren Heterogenität auf eine einzige Singularität (abstraktes Risiko) zurückzuführen. Die Formatierung eines abstrakten Risikos verlangt sui generis nach dessen monetärer Bewertung. Die Doppeldeutigkeit der sog. Derivate besteht genau darin, solche Prozesse der Normalisierung und Maßregelung zu organisieren und zugleich als Geldkapital zu fungieren. Indem das finanzielle Kapital die Zukunft bewirtschaftet, diszipliniert es zugleich die Gegenwart, die nur noch um ihre eigene Aktualität kreist, oder um es anders zu sagen, die Finanzmärkte repräsentieren die Zukunft als Risiko und fundieren in der Jetzt-Zeit die Valorisierung des Kapitals auf diese Repräsentation hin. Dabei gilt es stets zu berücksichtigen, dass der »Wert« einer finanziellen Anlage (Wert des Geldkapitals) dem kapitalistischen Produktionsprozess nicht nachgeordnet ist, sondern ihm vorausgeht (logisch), i.e. er existiert nicht, weil entweder Mehrwert produziert oder eine andere Art des Einkommens oder des Vermögen an den Märkten realisiert wurde, sondern weil das finanzielle Kapital bis zu einem gewissem Maße zuversichtlich ist, dass die Realisierung von Rendite im Rahmen der Produktion/Zirkulation von Kapital in der Zukunft stattfinden und sich nach den Maßstäben der erweiterten Reproduktion auch wiederholen wird. Risiko wird hier generell als eine sozio-ökonomische Dimension verstanden, innerhalb derer das Potenzial zukünftiger ökonomischer Ereignisse zu bewerten ist, und dies, um die Chancen, dass ganz bestimmte, das heißt erfolgsversprechend Ereignisse auch eintreten, zu erhöhen. Es gibt im finanziellen Kapitalismus keine Kapitalisierung ohne die Spezifizierung und den Vergleich von Risiken, ohne dass man ökonomische Ereignisse im Kontext konkreter Risiken identifiziert um diese dann zu objektivieren, das heißt Risiken als Risiken (abstrakte Risiko) adressiert.
Die Systemtheoretikerin Elena Esposito hat an dieser Stelle allerdings auf eine prinzipielle Unmöglichkeit hingewiesen: Nach ihrer Ansicht sind die schreibenden und damit zugleich axiomatisierenden Systeme der derivativen Kapitale generell nicht in der Lage, die Differenzen zweier Zukünfte zu bändigen. (Vgl. Esposito 2010: 177f.) Wenn gegenwärtige Zukunft, die dasjenige ausdrückt, was man von der Zukunft erwartet, und künftige Gegenwart, die jene Zukunft bezeichnet, die tatsächlich eintritt, eben nicht deckungsgleich sind, dann wird im Zuge des Einsatzes von performativen mathematischen Kalkulationsverfahren immer eine künftige Gegenwart real, mit der sich der Unterschied zu jener Zukunft aktualisiert, die man erwartet und gewissermaßen fixiert hat und deren Potenziale man unter Umständen auch genutzt hat.
In der sog. Derivatindustrie kaufen und verkaufen Akteure mit den generischen Derivaten wie Futures oder Optionen immer auch Zahlungsversprechen. Man handelt also keine Waren, sondern klinkt sich in tripetale Ketten von monetären Transaktionen ein, investiert in die Volatilität von Waren, Indizes und Ereignissen. Es gibt heute allerdings noch weitaus flexiblere Formen des synthetischen spekulativen Kapitals: Parallel zu den Verbriefungen von Krediten (CDO) wuchert seit dem neuen Jahrtausend verstärkt eine neue Form der synthetischen Derivate, sog. credit default swaps (CDS), mit denen ein Versicherungsnehmer sich bei einem Versicherungsgeber gegen einen unvorhersehbaren Zahlungsausfall seines Referenz-Schuldners versichert, wofür der Versicherungsgeber eine Gebühr bezieht. Je größer die Wahrscheinlichkeit, dass der Schuldner zahlungsunfähig wird, desto höher wird die Gebühr für die Versicherung sein (eine Gebühr, die für die Versicherung als Rendite gilt), und je risikoreicher generell die Rückzahlungsfähigkeit des Schuldners gilt, desto größer wird der Einfluss des Zufalls in diesem Geschäft und desto höher könnten aber auch die erwarteten Gewinne sein. Solche spekulativ-monetären Industrien handeln mit spezifischen Techniken den Rohstoff Zufall (gr. Tyche, dazu Mühlmann 2013: 15f.), womit sich die synthetische Kapitalisierung schließlich einem reinen Kontingenzversprechen annähert. Diese Art der Versicherungs- und Kreditökonomie inkludiert per se eine asymmetrische Zeitmaschinerie, indem sie die irreversible Zeit des Risikos (die Zahlungsunfähigkeit eines Schuldners impliziert Irreversibilität – tritt sie ein, dann muss ein Versicherungsgeber, der einen credit default swap mit dem Gläubiger eines Referenz-Schuldners ausgehandelt hat, dem Gläubiger den vollen Kreditbetrag ausbezahlen) mit der reversiblen Zeit des Risikos mischt, in der das Risiko aufgehoben scheint, nur weil es aufgeschoben ist, da z. B. eine Versicherungsgesellschaft als Versicherungsgeber ersten Grades, die einen credit default swap (CDS) bspw. an eine Bank verkauft hat, eine zweite Versicherung als Versicherungsnehmer abschließen kann. Muss nun der Versicherungsgeber ersten Grades an die Bank wegen der Zahlungsunfähigkeit eines ihrer Schuldner den vollen Kreditbetrag ausbezahlen, so wird ihm derselbe Betrag von einem Versicherungsgeber zweiten Grades erstattet, womit die Zahlungsunfähigkeit für den Versicherungsgeber ersten Grades ein Ereignis der reversiblen Zeit wird. Gegen den Ausfall eines verbrieften Kredits (CDO), dessen Kauf nichts weiter als das eines abstrakten Risikopotenzials ist, kann sich also ein Investor mittels des Kaufs eines CDS versichern, dessen Preis desto höher ist, je wahrscheinlicher ein Kreditausfall des CDO angenommen wird, der natürlich an irgendeinem Punkt der Kette der Verbriefung der CDOs tatsächlich auch eintreten kann.
Sowohl die Kreditrelation als auch die Emission von Aktien oder Anleihen geht schon mit einer Duplizierung des Geldkapitals einher, deren Implikationen, wie Lohoff/Trenkle in ihrem Buch Die große Entwertung betonen, in der traditionellen marxistischen Diskussion meistens ausgeblendet wurden und werden. (Lohoff/Trenkle 2012: 121ff.) Die ausgeliehene Geldsumme verwandelt sich nämlich nicht nur in den Händen des Schuldners in Kapital, soweit er als fungierender bzw. industrieller Kapitalist agiert, sondern auch aufseiten des Gläubigers entsteht Kapital, denn er erhält bzw. fundiert für den Verleih der Geldsumme einen rechtlich kodifizierten Anspruch auf Rückübertragung einer höheren Summe ausgeliehenen Geldes, und somit besitzt diese ausgeliehene Geldsumme zumindest für eine gewisse Frist, nämlich bis zur Liquidierung des Kreditvertrags, eine doppelte Existenz. (Ebd.: 128ff.) Dabei geschieht tatsächlich etwas höchst Merkwürdiges: Aufgrund des puren Daseins des Kredits gewinnt das Ausgangskapital eine doppelte Existenz, befindet es sich doch einerseits in der realen Verfügung beim Kreditnehmer, gleichzeitig hält aber der Kreditgeber ein ganz besonderes Spiegelbild seines Ausgangskapitals in seinen Händen, fiktives Kapital. Findet eine Verwandlung der Transaktionen in verbriefte Ansprüche statt, dann setzt sich mit der oben beschriebenen Art der Verdopplung von Kapital der Vervielfältigungsprozess von Geldkapitalströmen in Form von quasi-postalischen Prozederes fort, sodass mit jedem neuen Kettenglied auch ein neues fiktives Kapital entsteht.
Es zeigt sich, dass schon die traditionell generischen Finanzderivate (Optionen, Futures) aufgrund einer doppelten Dopplung funktionieren: Die erste Dopplung des Geldkapitals, das mit dem Abschluss eines Kreditvertrags sowohl beim Gläubiger (Bank) als auch beim Schuldner (fungierender Kapitalist) existiert (bilanziell haben wie es hier schon mit einer doppelten Dopplung zu tun, insofern für beide Seiten ein Aktiv-Passiv entsteht), finden wir auch in der Relation zwischen Investor (Gläubiger) und Investmentbank (Schuldner) wieder, und zum zweiten lässt sich vor allem bei den synthetischen Geldanlagen eine »Verdopplung« und schließlich Vervielfältigung der geschriebenen Quantenpakete feststellen, insofern diese gehandelt werden, um die differenzielle Kreation von spekulativem Geldkapital mit höchster Fungibilität und Symmetrie in spezifischen Simulationsräumen, die man Märkte nennt, in Permanenz voranzutreiben, den Geldkapitalstrom einer äußerst flexiblen Zweitcodierung qua ökonomischer Matheme bis hin zur n-fach Codierung und Dimensionierung von neuen Finanzinstrumenten zu unterwerfen. Man schraubt die Wertabstraktion buchstäblich um Potenzen höher, wenn man anstatt eines »allgemeinen Äquivalents« nun ein reines synthetisches Objekt bzw. ein Differenzphänomen (Volatilität) handelt, das es zeitpunktgerecht ermöglichen soll, eine zugleich hyper-flexible Relation zwischen Preis, Zeit, Risiko und Potenz an den Geld- und Kapitalmärkten herzustellen (es wird aber nach wie vor in Geld realisiert). In gewisser Hinsicht könnte man bei den aktuellen stochastischen Modellen von einem objektiven Preis im präzisen kantianischen Sinn sprechen, der die universelle Bedingung der Feststellung der Volatilität eines generischen oder synthetischen Derivats bereithält. Während bei Marx das Geld in seiner ersten Funktion als allgemeines Maß, in dem die heterogenen Waren ihre Werte darstellen, konzeptualisiert worden war, finden wir heute in der Volatilität ein wesentlich abstrakteres und fungibleres »Maß« vor. Weil für die Händler die traditionellen Derivate wie Futures oder Optionen in der Anfangsphase noch zu stark an die Zeit (Fristigkeit) und an die Möglichkeiten einer rigiden Festlegung von Preisen gebunden waren, mussten sie im Zuge flexibler Kapitalisierungen schließlich weitaus flexiblere »Maße« erfinden, die es ermöglichen, synthetische Berechnungen anzustellen, um eben noch fluider und zugleich exakter die Differenz zwischen Preis, Zeit, Risiken, Optionen und cashflow berechnen zu können. Letztendlich handelt sich bei der Volatilität aber nicht um ein abstraktes Maß jenseits des Geldes, auch nicht einfach um eine neue Maßeinheit, sondern um die Herstellung eines völlig neuen ökonomischen Simulationsraumes, in dem die Kommensurabilität diverser Parameter und Relationen eine fortwährende Berechnung von Wert erlaubt.
Mit dem französischen Broker und Kontingenztheoretiker Elie Ayache ließe sich wiederum sagen, dass synthetische Derivate, die Ayache kontingente Forderungen nennt, Kontingenz handeln, insofern die Differenz, die mit ihrem Handel in der Zukunft hergestellt wird, gleichzeitig eine Differenz in der Gegenwart markiert (7.5). Kontingenz besagt in der Minimaldefinition, dass, so wie etwas ist, war oder sein wird, es sein kann, aber auch anders möglich ist. (Vgl. Luhmann 1984: 152) Im Vergleich zu Luhmann, der von relativen Kontingenzen ausgeht, die das bezeichnen, was aus der Perspektive einer Realität möglich ist, setzt Ayache Kontingenz als absolut und unaustauschbar, sozusagen als das Ding-in-sich im Gegensatz zu der Vorstellung »Dinge sind«. Im Angesicht des schlichtweg Unverifizierbaren hat der Händler einen komputierbaren Preis aus den schier unendlichen Möglichkeiten der Möglichkeiten zu produzieren (ein spezifisch Gegebenes ohne Gegebenheit). Wenn Händler kontingente Forderungen schreiben, dann kreieren sie Ayache zufolge Formulare der absoluten Kontingenz, und dies eben mit dem Wunsch, dass die Differenz, die in die Zukunft projiziert wird, eine Differenz schon im Jetzt macht, aufgrund dessen, dass der Preis ein Differential ist. (Vgl. Ayache 2010) »Derivatschriften« vermischen zugrundeliegende Basiswerte mit den Marktpreisen kontingenter Forderungen, lassen die informatorische Opazität der Letzteren wuchern und unterhöhlen damit die empirischen Ansprüche, die ökonomische Markt-Modelle mit der Bearbeitung und Simulation ihres Zahlenmaterials an sich selbst einfordern. Und kein mathematisches Gesetz ist in der Lage, im Voraus eine sichere Vorlage für den jeweils empirisch gegebenen Preis am Markt zu liefern. Für Ayache belegt der Preis als ein durch den Markt gegebenes Datum den Übergang von der Möglichkeit der Preisfindung hin zum Vermögen, kontingente Forderungen zu schreiben. Dabei sollte Ayache zufolge jede dynamische Trading-Strategie dem jeweiligen Auspreisen eines Derivats äquivalent sein. Aber es sind nicht die Händler oder Beobachter, die die jeweiligen Volatilitätslevels setzen, denn sie beziehen sich je schon auf die Marktpreise von korrespondierenden Derivaten sowie auf die Beobachtungen von Händlern. Womit wir es mit einer unendlichen Hierarchie von Derivaten zu tun haben, Derivate bezogen auf Derivate bezogen auf Derivate etc. …, i.e. unter temporalen Gesichtspunkten eine unmögliche Instantaneität der Preisbewegungen auf einer Oberfläche, die Ayache mit dem Namen Markt belegt. Virtuell gesehen gibt es kein Anfang und kein Ende der Ketten der Kalibierung und Rekalibierung von sog. Derivaten. Wenn Ayache schreibt, dass die Quantifizierung ein Derivat der absoluten Kontingenz ist, dann versucht er aber gerade auf die Grenzen der kapitalistischen Verwertung hinzuweisen.
An dieser Stelle fällt wiederum auf, dass die synthetischen finanziellen Objekte wie CDO oder CDS doppelt in die ökonomische Realität inskribiert sind, zum einen sind sie als partielle Objekte von prä-existenten Objekten wie den generischen Assets (Kredite) abgeleitet, um sich als ökonomische Objekte zu aktualisieren; zum anderen bleiben sie in selbstreferenzielle Prozesse des Werdens integriert, die vom Virtuellen zum Aktuellen treiben. Dabei inszeniert die synthetische Wiederholung als synthetischer Handel in einem Simulationsraum namens Markt je schon die kreative Zerstörung der virtuellen und aktuellen synthetischen Objekte, insofern die Objekte gerade nicht wie die klassischen Objekte (Waren) und generischen Assets (Kredite) reflexiv und invariant im Austausch bleiben. Folglich handelt es sich bei den synthetischen Wertpapieren immer um eine partiell determinierte Aktualität sowie um eine virtuelle Struktur (ohne Inhalt), deren radikale Determination allerdings nach wie vor das Kapital als differenzielle Bewegung betreibt. Im Prozess der Securitization (Verbriefung) findet eine radikale Transformation von Assets insofern statt, als das schon bestehende generische Asset (Kredite, Optionen, Futures) ständig geteilt wird und im Prozess der Teilung selbst seine ökonomische Qualität verändert. Und die darauf folgende Bündelung einer beliebigen Anzahl von generischen Assets in einem einzigen Portfolio, womit man versucht verschiedene Risiken und Geldströme in einem einzigen Asset, das nur ein einziges Risiko und einen einzigen Geldstrom enthält, zu homogenisieren, erlaubt gleichzeitig eine Redifferenzierung bzw. Streuung von neuen Risiken und neuen Geldströmen, und dies so different und flexibel, wie man es sich als Händler eben wünscht.
Gegenwärtige Finance hat es u. a. mit den Preisfindungsprozessen von synthetischen Assets (CDO, CDS) und mit deren Möglichkeiten, den Wettbewerb und die Kapitalisierung voranzutreiben, zu tun, und damit übernimmt sie eine aktive Rolle in der Reproduktion kapitalistischer Machtbeziehungen. Dabei spielen die zuverlässigen, die gewinnorientierten Rückführungen der Investitionen auf Grundlage eines permanenten Risikomanagements, das die Möglichkeit auszuschließen hat, dass ein erwarteter Rückfluss nicht stattfindet, ein zentrale Rolle in der Kapitalisierung der internationalen Märkte. Wir können das abstrakte Risiko als ein singuläres Risiko auffassen, insofern man es unter dem Gesichtspunkt des allgemeinen Vergeichs und der Formation von konkreten Risiken sowie der Messung des Risikos als Risiko betrachtet, wobei das abstrakte Risiko qua Derivat je schon in Geld realisiert wird, und damit darf das Derivat als eine wichtige finanzielle Relation innerhalb der erweiteren Reproduktion des Kapitals und des Gefüges der kapitalistischen Macht gelten. Die Form des abstrakten Risikos bzw. seine Inkorporation als Derivat beinhaltet also das in Geld gemessene Risiko. (Ebd.: 178) Die Bedingungen für die Abstraktion der (virtuellen) Risikokomplexionen sind durch das Geld gegeben, was auch heißt, dass die Unterscheidung zwischen konkreten und abstrakten Risiken nicht die Existenz zweier Risiken, sondern von zwei untrennbaren Dimensionen von Risiken bedeutet, die in der Konstruktion und der monetären Zirkulation von Derivaten impliziert sind. Dabei inhäriert das abstrakte Risiko eine vermittelnde Funktion und eine dementsprechende Dimensionierung der konkreten Risiken, wodurch diese überhaupt erst eine soziale Dimension annehmen können. Der Vergleich von kontingenten, differenten, konkreten Risiken setzt also eine Abstraktion von ihrem konkreten Charakter und ihre anschließende Modifikation in ein singuläres und zugleich quantitativ vergleichbares Risiko voraus. Man benötigt per se eine abstrakt-formative Perspektive auf die aktuellen konkreten Risiken, die Teil des jeweiligen Risikoprofils eines Marktteilnehmers sind. Derivate können, wenn sie eine Reihe von bekannten konkreten Risiken in ganz spezifischer Weise inkorporieren und »abstraktifizieren«, als die Kommodifizierung oder als die Kapitalisierung von Risiken verstanden werden. John Milios hält in diesem Kontext zwei Aspekte für ganz wesentlich: Zum einen sollte man ihrer Ansicht nach Derivate nicht als Geld, sondern als (fiktive) Waren kategorisieren, denn sie werden je schon in Geld getauscht. Sie sind zudem als Instrumente zu verstehen, die einer spezifischen Form der Macht und der Organisation der Zirkulation des Kapitals entsprechen. Wenn Milios dann schreibt, dass Derivate innerhalb eines finanziellen Universums von partiellen Repräsentationen (solche, die in den verschiedenen Typen von Portfolios involviert sind) als Duplikate der Kapitalrelation an der Profitproduktion partizipieren und diese Relation komplementieren, dann erscheint es doch gerade angezeigt, von den Derivaten eben nicht als Waren (auch nicht als Geld), sondern als einer spezifischen Kapitalform auszugehen.
Man nehme bpsw. an, dass die Sicherheiten A und B die Schulden zweier kapitalistischer Unternehmen involvieren. Wenn dann ein Swap auf einem abstrakten Level in sich selbst die »Gleichung« zwischen zwei zukünftigen Geldströmen dieser Sicherheiten zum Ausdruck bringt, dann handelt es eben nicht um die Tauschwerte zweier Waren, die miteinander verglichen und der monetären Verwertung ausgesetzt werden, sondern eben um den Vergleich bzw. Tausch von zwei künftigen Geldkapitalströmen. Demzufolge wären Derivate dann als eine spezifische Form des Geldkapitals, als die aktuell profitabelste Form des Geldkapitals selbst (spekulatives Kapital) strukturell zu erfassen und zugleich eben als wirkungsmächtige Funktionsweisen, mit denen man die Bedingungen, Strukturen und Trajektoren gegenwärtiger kapitalistischer Reproduktionsprozesse auf den Ebenen des Einzel- und des Gesamtkapitals effektiver als je zuvor beobachten kann, und zwar sowohl hinsichtlich der prinzipiell normfreien Art und Weise, die der monetären Reproduktion des Kapitals per se eigen ist, als auch der flankierenden Art und Weise, mit der Prozesse der Normalisierung die Kapitalakkumulation begleiten.
Ein anderes Beispiel: Davon ausgehend, dass der Swap als eine Keimform für alle typischen finanziellen Derivate zu gelten hat, führt man einen trivialen fixed-for-floating rate swap ein. (Ebd.:175) Generell handelt es sich beim Swap um einen beiderseitig abgeschlossenen Vertrag, der dazu dient, die zukünftigen Cash Flows von Assets, die auf Risiken basieren, auszutauschen (unter ganz bestimmten Bedingungen natürlich). Futures oder zukünftige Derivatverträge können durch einen Swap repliziert werden.
Man nehme nun an, dass das Asset A aus einer Staatsanleihe eines souveränen, entwickelten kapitalistischen Landes besteht, das ein fixes, festverzinsliches Einkommen Ra garantieren soll, während B ein Darlehen ist, das ein kapitalistisches Unternehmen aufnimmt, und zwar mit einer flottierenden Zinsrate Rb. .Auf einem abstrakten Level bringt nun der fixed-for-floating rate swap quasi in sich selbst den Vergleich zwischen zwei zukünftigen Geldströmen zum Ausdruck (zwei differente Gewinnströme werden getauscht). Und zwar, indem er sich auf einen interest rate swap, der auf die Staatsanleihe abgeschlossenen wurde, und auf einen CDS, eine Versicherung, die auf das Darlehen abgeschlossen wurde, bezieht. CDS (credit default swap) und eines IRS (interest rate swap).
x ·Ra= y ·Rb. (Ebd.: 176)
Die zukünftigen Einkommensströme Ra und Rb sind also je schon auf monetärer Ebene kommensurabel. Es kommt aber noch zu einer anderen Kommensuration, der von konkreten Risiken, die von den Derivaten kommodifiziert und in Preise übersetzt werden. Wie muss man nun die supplementären sozio-ökonomischen Bedingungen verstehen, die notwendig sind, damit es zu einem quantitativen Vergleich der Rate x/y kommen kann? Die beiden Einkommensströme lassen sich nur dann in Geld messen und austauschen, wenn die sozio-ökonomischen Relationen, nämlich die der staatlichen Governance im Fall A und die der privaten Exploitation im Fall B in einem gewissen Maße einheitlich, das heißt zur Zufriedenheit der Märkte repräsentiert werden, wass eben eine Art Vergleich der Assets (neben ihrer Messung in Geld) erfordert. Die obige Gleichung basiert auf dieser fundamentalen Bedingung: Es wird eine Serie von Klassenkonflikten, die je schon als Risiken identifiziert und in die kapitalistische Verwertung eingebunden sind, dem Vergleich ausgesetzt, oder um es anders zu sagen, der Vergleich der beiden zukünftigen Einkommensströme, die je schon in Geld ausgedrückt sind, bedarf zusätzlich einer objektiven Repräsentation und Kommensuration des Universums der konkreten Risiken (das je schon der Verwertung des Geldkapitals unterworfen ist). In diesem Zusammenhang basiert die neue institutionelle Qualität des finanziellen Kapitals, die durch die Existenz der Derivate signifiziert wird, auf einer gegenüber dem klassischen Kapital wesentlich stärker integrierten, normalisierenden und »spohistacted« Art und Weise, wie ökonomische Ereignisse im Kontext der monetären Kapitalzirkulation verwertet, kontrolliert und repräsentiert werden: Konkrete, differente Risiken sowie die dazugehörigen Wahrscheinlichkeiten tendieren nun dazu, einer objektiven Bewertung und dem entsprechenden Vergleich ausgesetzt zu werden, i.e. sie erhalten in der Form des abstrakten Risikos einen quasi-autonomen Status, das heißt sie fungieren weitgehend unabhängig von den subjektiven Einschätzungen der Marktteilnehmer. Das abstrakte Risiko gilt damit als ein vermittelnder Faktor, der es ermöglicht, völlig differente konkrete Risiken zu vereinheitlichen, das heißt, die Pluralität der heterogenen Typen von Risiken wird im Zuge ihrer Bündelung auf ein singuläres Niveau reduziert, indem man das abstrakte Risiko als Derivate tauscht.
x·IRS= y·CDS= z·[FXfuture] = . . . (ebd.: 178)
Fassen wir zusammen: Als ein Asset darf im Prinzip alles gelten, was in der Lage ist, einen zukünftigen Einkommens- oder einen Renditestrom zu erzeugen, und Unternehmen handeln tatsächlich viele solcher Assets Securitization impliziert das Framing oder die Zusammenfassung der Assets in Hinsicht des Risikomanagements, das erwartete Gewinnströme bewirtschaftet, auf die man wiederum Rechte verkaufen kann, wobei nicht notwendigerweise ein Transfer der zugrunde liegenden Assets selbst stattfinden muss. Jedes Asset, das einen Renditestrom erzeugt, lässt sich mit anderen Assets bündeln und/oder in ein einziges Asset zusammenfassen, was man oft als synthetische Finance bezeichnet. Zudem brauchen die Assets nicht alle demselben Typus zu entstammen, d. h., es gibt hier die seltsamsten Kombinationen, bspw. die Zusammenfügung von Hypothekenkrediten, Waren, Aktien und Dingen wie Wasservorräte und CO2-Werte. Dabei verkauft man quasi das »Eigentum« der zukünftigen Performance von Assets, während man selbst Eigentümer der Assets bleibt. Wenn man nun verschiedene Typen von Assets zusammenfügt, um eine einzige Sicherheit zu generieren, so registrieren wir an dieser Stelle schon eine Überwindung der Restriktionen, die den verschiedenen physischen Kapitalformen eigen sind, und dies steht mit der Fokussierung der Assets auf ihre differenziellen ökonomischen Charakteristiken im Zusammenhang, die schließlich in ihrer gemeinsamen Kapazität münden, nämlich einen Surplusstrom zu generieren. Um den damit zusammenhängenden Risikotransfer zu erleichtern, gilt es qua Securitization sämtliche fixe Einheiten der Unternehmen in liquide Teile zu konvertieren, und es ist genau diese Konversion, die der Marx’schen Konzeption des Kapitals komplementär ist. Synthetische Derivate wiederum beinhalten vielfältige Instrumente, die an dieser Stelle notwendig sind, um den Assets einen Preis zu geben und sie zu handeln, ohne notwendigerweise auch die zugrunde liegenden Basiswerte zu handeln – sie beliefern das Kapital mit der gleichen Fluidität und kompetitiven Determination wie die Securitization, aber eben auf einem noch höheren Level des Leverage. Sie erzeugen Liquidität für das Kapital, das mithin als ein soziales Verhältnis der Selbstverwertung zu verstehen ist. Während der Kauf einer mortgage backed security einen Einkommensstroms generiert, der auf der Performance eines ganzen Bündels von Hypothekenkrediten basiert, involviert dagegen ein Derivat keinen derartigen Einkommensstrom: Es handelt sich hier um den puren Handel von zukünftigen Performance-Messungen, womit Gewinne und Verluste sich einzig und allein aus der Preisveränderung des Derivats selbst ergeben. In dieser Hinsicht ist die Finanzialisierung ganz verschieden vom Kreditsystem: Während das Kreditsystem auf der Potenz des Kapitalismus zu expandieren beruht, geht es bei der Securitization und den finanziellen Derivaten nicht um die Expansion des Angebots an Geldkapital am Beginn eines Zyklus, und auch nicht um das Teilen des Profits (in Unternehmensgewinn und Zins) am Ende eines Zyklus. Vielmehr steht die molekulare Bewertung des Kapitals und seiner Teile während eines Zyklus ganz im Vordergrund, d. h., es werden nun mehr und mehr Attribute des Kapitals (die relevanten Dimensionen der Profitproduktion und des Akkumulationsprozesses) selbst skizziert, bewertet und schließlich diskret ausgepreist, wobei die Preise von ihrer relativen Effizienz im Akkumulationsprozess abhängig bleiben. Für den individuellen Kapitalisten oder die Aktiengesellschaften stellt sich noch die Frage, ob die individuell erzielten Profitraten mit den Durchschnittsprofitraten übereinstimmen oder diese übersteigen, während mit der Securitization und den finanziellen Derivaten diese Frage komplett im Kontext der Mikro-Attribute der Unternehmen steht, so dass jedes einzelne Teil und Segment der Unternehmen von jetzt an einer monetären Bewertung unterzogen werden kann.

This entry was posted on Monday, November 17th, 2014 at 3:07 pm and is filed under Finance, Geld, Kapital, Kapitalismus, Marx, Ökonomie. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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