Zu John Milios: Derivat, Risiko und Struktur des finanziellen Kapitals

Das Autorenteam Sotiropoulos/Milios/Lapatsioras (S/M/L) stellt in seiner Schrift A political economy of contemporary capitalism and its crisis (Sotiropoulos/Milios/Lapatsioras 2013a) generell die Frage, was die Marx`sche Theorie für die Analyse des gegenwärtigen Kapitalismus noch leisten könnte, und dabei setzen sich die Autoren unbedingt von in der Linken derzeit vielbeachteten theoretischen Positionen ab, wie sie etwa David Graeber oder Maurizio Lazzarato referieren, die beide das Gläubiger-Schuldner-Verhältnis als eine historisch-logisch vorrangige und zugleich als eine herausragende soziale Relation im Kapitalismus begreifen, was ihnen zudem das Paradigma einer allgemeinen Subjektivitätsform an die Hand gibt, nämlich das des universell verschuldeten Menschens. Dieser asymmetrischen Gläubiger-Schuldner-Relation seien heute sämtliche sozialen Beziehungen und Aktivitäten im Kapitalismus entweder subsumiert oder die Gläubiger-Schuldner-Relation koexistiere mit jeglichen politischen und sozialen Aktivitäten in einer zum Teil allerdings antagonistischen Art und Weise. S/M/L wenden sich jedoch ganz entschieden von diesen Positionen ab und weisen mehrfach darauf hin, dass auch die Marx`sche Theorie sich beträchtlich von den Positionen von Graeber & Co unterscheide. (Ebd.: 178)
Um die Argumentationslinie von S/M/L hinsichtlich der neuen Mechanismen der Finanzialisierung besser zu verstehen, gilt es zunächst in aller Kürze deren Interpretation der Marx`schen Wertformanalyse zusammenzufassen. (Wir hatten die Marx`schen Wertformen schon in Band1 unserer Schrift ausführlich problematisiert.) Die Marx`sche Konzeption des Werts/Geldes und insbesondere die des Kapitals als durch- und umgreifende soziale Beziehungen bilden den Ausgangspunkt der Überlegungen von S/M/L. Die Autoren weisen zunächst darauf hin, dass ganz im Gegensatz zur Marx`schen Geldtheorie ein Teil des Mainstreams der Wirtschaftswissenschaften das Geld im Zuge des Metallismus rein als ein zweckdienliches Medium oder Mittel, ja als ein knappes Gut versteht, das vor allem dazu dient, den Tausch von präeexistierenden Waren zu erleichtern, ja man zelebriert das Geld als eine brilliante Erfindung, die signifikant die Kosten, die bei den verschiedenen Marktransaktionen anfallen, zu reduzieren hilft. [Obgleich der Metallismus noch immer die Basis der neoklassischen Geldtheorie darstellt, definiert die Neoklassik das Geld nur noch anhand seiner Funktionen: a) Wertaufbewahrungsmittel, a) Tausch- oder Zahlungsmittel und c) Recheneinheit oder Wertmaßstab. Oder wie Heidenreich/Heidenreich es kurz und knapp resümieren, Geld funktioniere als »Zahlen, Speichern und Bewerten«. (Heidenreich/Heidenreich 2008: 9)] In der Tat sei das Geld, so werfen S/M/L an dieser Stelle ein, ein machtvoller »Faktor«, der ganz leicht die Gleichgewichtsbedingungen in einer Ökonomie stören könne und daher gälte es heute nach wie vor als eines der wichtigsten geldpolitischen Ziele von Regierungen, die ökonomische Funktion des Geldes so gut wie möglich zu neutralisieren. Die Gegenposition zur metallistischen Hypothese nehmen die Chartalisten ein, die das Geld als universelle Schuldenbeziehung konzipieren, als Kredit, der den Austauschprozessen von Waren und Geld logisch und historisch vorausgeht. Dabei fasst man die verschiedenen Kreditformen als integrale Teile eines strukturierten hierarchischen Systems, als dessen Basis gemeinhin der Staat gilt. Es ist also hier die Souveränität des Staates, welche das Geld generiert, indem der Staat als ein Vereinahmungapparat (Deleuze/Guattari) für ausnahmslos jeden Bürger eine Steuerpflicht ausspricht und diese qua Gewaltmonopol auch durchzusetzen in der Lage ist. Diese beiden Denkweisen zum Geld besitzen unabhängig von ihren jeweiligen Differenzen doch einen gemeinsamen Kern: Beiden Theorieansätzen erscheint es nicht möglich, den Wert oder das Geld im Kapitalismus als eine soziale Relation zu begreifen. Im Fall der Metallismus steht die Ware logisch vor dem Geld und der Begriff des Werts erhält bezüglich der Tauschbeziehung voll und ganz den Status der Exteriorität zugesprochen (Geld und Wert fallen unvermittelt auseinander), während die Chartalisten die kausale Beziehung von Ware und Geld geradezu umkehren, wobei hier wiederum das Geld, das man als eine Verpflichtung von Schuldnern gegenüber Gläubigern auffasst, aus der Austauschbeziehung herausgerechnet wird.
Bei Marx, so sehen es jedenfalls S/M/L, inhärieren die Begriffe Ware und Geld eine soziale Beziehung, in die sie integriert sind: Das Wertverhältnis. (Sotiropoulos/Milios/Lapatsioras 2013a: 32f.) Beide Begriffe, Ware und Geld, können keinesfalls autonom, also außerhalb des Wertverhältnisses anwesend sein, obgleich dieses selbst keine logisch vorrangige Bedeutung gegenüber den ökonomischen Kategorien wie Ware, Geld und vor allem Kapital besitzt, da es sich nur in diesen Begriffen ausdrücken kann. An dieser Stelle beziehen sich S/M/L auf Althussers Begriff der strukturellen Kausalität, der besagt, dass die Ursache ihren Effekten immanent ist, ja die Struktur selbst ist nichts außerhalb der Effekte, oder besser gesagt, sie ist diese Effekte. (Ebd.: 34) Das Konzept der strukturellen Kausalität, die Idee, dass eine Ursache nur in ihren Effekten existiert, die schon von Spinoza benutzt wurde, um die Relation zwischen Gott und Universum, Kreator und Kreation zu verstehen, löst für Althusser das Problem, wie exakt der Wert im Kapitalismus in nichts anderem als in seinen Effekten bestehen kann, oder, um es anders zu sagen, der Wert existiert nicht unabhängig von seinen Formen, i.e. der Waren-, Geld- und Kapitalform. Dabei sagt laut S/M/L die einfache Wertform im Kapital im wesentlichen aus, dass eine Einheit der Ware A den Wert von y/x Einheiten von B hat. Die Autoren gehen hier von einer einzigen Ware aus, die sich in zwei Komponenten ausdifferenziert. (Ebd.: 31) (Wir haben das im ersten Band unserer Schrift genauer problematisiert.) Wenn das Geld auch eine spezifische Materialität besitzt (und diese kann man heute nicht mehr unabhängig vom institutionellen Kontext des finanziellen Systems verstehen), so verdankt es doch seine Existenz der Immanenz der Wert- und Kapitalrelation selbst, es ist als ein Effekt des Kapitals (soziale Beziehung) aufzufassen, wobei das Geld das Potenzial zur jederzeitigen Konvertabilität der Waren besitzt, was für die Ware heißt, dass sie je schon einen Preis hat, bevor sie überhaupt in die Austauschprozesse eintritt; die Ware wird somit einzig und allein für den Austausch produziert und existiert in ihm niemals außerhalb ihrer (fiktiven) Relation zum Geld. (Ebd.: 63) Marx, wie im übrigen in dieser Frage weitestgehend auch Keynes, bestand damit auf dem nicht-neutralen Charakter des Geldes, dessen Bedeutung keineswegs darin besteht, als bloßes Tauschmittel, das die Transaktionen an den Märkten erleichtert, zu fungieren. Die erste »Funktion« des Geldes bestimmt Marx als die des allgemeinen Äquivalents bzw. des äußeren Maßes der Werte, womit die allgemeine Austauschbarkeit der Waren untereinander nur durch das Geld ausgedrückt und vermittelt werden kann. Marx konzipiere also, so sehen es jedenfalls S/M/L, von vornherein eine monetäre Werttheorie (Theorie der kapitalistischen Ökonomie), insofern er das Geld als eine immanente und notwendige Relation innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsbeziehungen interpretiere. Demzufolge kann es im Marx`schen System kein anderes (äußeres) Maß des Werts als das des Geldes geben, das keinen Preis hat, sondern der Preis ist.
Und last but not least ist das Geld als Kapital die Kapazität sich als Selbstzweck zu setzen, womit es umfassend die Produktionssphäre beherrscht, um diese in die primär-monetäre Zirkulation G-W-G` zu integrieren, oder anders gesagt, das Geld fungiert als Kapital, innerhalb dessen selbstreferentieller Relation G-G` es zirkuliert. (Ebd.: 43) Die Warenproduktion und -zirkulation sind S/M/L zufolge rein als integrierte Teile (sowohl strukturell als auch temporär) der kapitalistisch-monetären Ökonomie aufzufassen, das heißt als Teile des Umlaufs des Geldkapitals. S/M/L schreiben: »In the Marxist theory of the capitalist mode of production both value and money are concepts that cannot be defined independently of the notion of capital. They contain (and are contained in) the concept of capital. Being a monetary theory of value, Marx’s theory is at the same time a monetary theory of capital.« (Ebd.: 32-33) Und Marx habe gezeigt, so schreiben S/M/L, dass auf der Ebene des individuellen Kapitals die Formel G-W-G` den entscheidenden Ausdruck aller ökonomischen Relationen im Kapitalismus darstelle, und damit selbstverständlich die Warenproduktion als eine Phase miteinschließe, die nun ein rein funktionaler Prozess, ein Prozess für den Tausch bzw. für den Profit geworden sei. Im Kontext der kapitalistischen Ökonomie und deren sozialer Relation bindet das Geld als Kapital den Produktionsprozess also je schon an die (monetäre) Zirkulation, i .e. die Warenproduktion regrediert rein zu einer Phase oder zu einem Moment der Zirkulation des (individuellen) Kapitals, die sich schließlich in folgender Formel weiter ausdifferenzieren lässt: G- W – … P … W` … G` (Ebd.: 43)
Damit muss jedes singuläre kapitalistische Unternehmen als gleichwertig mit jedem anderen gelten, und diese Gleichwertigkeit bezieht sich auf das Unternehmen als einem struktural-funktionalen »Ort«, an dem und von dem aus die wichtigsten Aktivitäten des Geldkapitals generiert werden. Jedes kapitalistische Unternehmen, egal welchem ökonomischen Sektor es angehört (primärer, sekundärer oder tertiärer Sektor, Zirkulation, Finance), muss strukturell gleichwertigen Kapitalprozessen nachgehen, angefangen vom Kauf der Waren, der Kosten generiert (Kauf von Produktionsmitteln und Anmietung von Arbeitskräften), um dann im Zuge einer temporären Differenz, also nach dem Produktionsprozess Waren, die einer differenten Quantifizierung gegenüber den eingekauften Waren angehören und zudem einen Gebrauchswert besitzen, zu verkaufen, und diesem kapitalistischen Prozess sui generis ist auch die Produktion der finanziellen Waren bzw. des spekulativen Kapitals unterworfen. Es geht also um einen durch das Geld eingeleiteten und immer nur vorläufig abgeschlossenen »Kreislauf«, oder exakter, um eine sich wiederholende Spiralbewegung bzw. um einen durch das Geld homogenisierten Prozess der erweiterten Reproduktion (inklusive Produktion und Zirkulation), der auf der Ebene des Gesamtkapitals als Ganzes seine quasi-transzendentale Bedingung besitzt. Und da das Geld die Form des Kapitals sui generis darstellt, kann man es sicherlich nicht in erster Linie als ein Resultat der Aktivitäten des Staates verstehen, vielmehr muss man seine grundlegende Bedeutung im Selbstverwertungsprozess des Kapitals suchen. (Das heißt für S/M/L, dass das Geld hauptsächlich Gutschriftgeld ist.) Staatlich emittiertes Geld (Papier- oder sogar Warengeld) hat infolgedessen als ein dem Kapital untergeordnetes Geld zu gelten, mit dem man die Höhe der Gesamtgeldzirkulation innerhalb einer Ökonomie keinesfalls festsetzen oder -stellen kann, denn diese Messung hängt vielmehr vom Prozess der Kapitalakkumulation selbst ab, der sich in erster Linie auf das Kreditgeld gründet. Mit der Entwicklung der Binnengeschichte des Kapitals gerinnt nämlich der Kredit (zinstragendes Kapital) zur konkretesten Form des Geldkapitals, dessen Umlauf vor allem von der ökonomischen Entwicklungsstufe eines Landes und den jeweiligen konjunkturellen Faktoren der Kapitalakkumulation abhängig bleibt.
In diesem Zusammmenhang gilt es festzuhalten, dass Einzelkapitale oder kapitalistische Klassenfraktionen innerhalb der sozio-ökonomischen Formation des Kapitals als Ganzes keine komplett unabhängigen oder selbstbewussten Entitäten bilden, die etwa gegenüber der Einheit der Klasse logischen Vorrang besitzen, vielmehr werden beide Strukturelemente des Kapitals durch die Mechanismen der kapitalistischen Konkurrenz hindurch andauernd transformiert, und zwar als die Entitäten eines je schon sozio-ökonomischen Kapitals als Gesamtkomplexion, das wiederum dem kapitalistischen Wettbewerb vorausgeht und diesen erzwingt [die Einheit der kapitalistischen Klasse wird eben nicht in erster Linie durch den Staat hergestellt, den man, wie dies in der marxistischen Diskussion in der Nachfolge von Gramsci oft getan wurde, als die materielle Verdichtung eines Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen und Klassenfraktionen (vgl. Poulantzas 1978: 119) begreift, wobei der Staat aufgrund der Existenz eines hegemonialen Blocks, den immer eine bestimmte Fraktion des Kapitals dominiert, quasi von außen in die Ökonomie interveniert]. Nur im Kontext ihrer gegenseitigen Abhängigkeit untereinander, die sich in der Konkurrenz herstellt, wobei diese eben als Wirkung und nicht als Ursache der Kapitalakkumulation als Gesamtkomplexion zu verstehen ist, erlangen die diversen Einzelkapitale oder die verschiedenen Klassenfraktionen des Kapitals den Status einer homogenen sozialen Klasse, die eine integrierte soziale Kraft bildet, die der Arbeiterklasse gegenübersteht und diese auch dominiert.
Unter all diesen Gesichtspunkten bleibt auch die Schuldenproblematik von vornherein unter die »Logik« des Kapitals subsumiert, wobei die konkretesten Formen des Kapitals innerhalb der Binnengeschichte des Kapitalismus, so sehen es jedenfalls S/M/L, von Anfang im zinstragenden und fiktiven Kapital bestanden. (Sotiropoulos/Milios/Lapatsioras 2013a: 51) Gerade deswegen insistiert in der Marx`schen Theorie die Schuldenproblematik, und dies nicht nur, weil sie unter dem Aspekt der Quantifizierung (Schulden determiniert durch die Nachfrage nach Kapital) die Dynamik der Kapitalakkumulation permanent begleitet, in dem sie sie forciert, sondern weil das Kapital die Gläubiger-Schuldner-Relation von Anfang an umfasst, um ihr schließlich in den gegenwärtigen Regimen der Finanzialisierung die gewichtige Form einer finanziellen Sicherheit zuzuweisen. S/M/L sprechen in diesem Kontext wiederholt von einem Prozess der fetischisierten Vergegenständlichung, insofern eine soziale Beziehung, Geld als Kapital, im finanziellen Kapitalismus die Form einer Ware sui generis annimmt, heute insbesondere die fiktive Ware Asset bzw. finanzielle Sicherheit, deren Funktion u. a. auch darin besteht, das Gläubiger-Schuldner-Verhältnis in seiner sozialen Existenz zu garantieren. (Ebd.: 50) Es gilt daran anschließend zu entwickeln, inwiefern diese Art der finanziellen Sicherheit (Derivat) im Kapitalismus als eine Ware zirkuliert, die je schon mit einem Preis ausgestattet ist, der von dem Betrag, der bspw. einer Obligation vertraglich zugeschrieben wurde, in der Zeit differiert. Dabei ist die moderne Finance in die allgemein-monetäre Dimension des Kapitals, innerhalb derer auch die Bestimmung der Funktionsweisen der Einzelkapitale in ihrem Verhältnis zum Gesamtkapital vorgenommen werden muss, vollkommen integriert, denn ihre Finanzunternehmen beschäftigen wie alle anderen kapitalistischen Unternehmen auch Arbeitskräfte und kaufen Produktionsmittel ein (generieren also Kosten), um Waren sui generis (Option, Future, Derivat etc.) herzustellen und diese zu verkaufen, i. e. Tauschwerte, die zugleich Gebrauchswerte für andere wirtschaftlichen Akteure sind. Die finanzielle Vermittlung der Unternehmen untereinander mag auf bestimmten Entwicklungsstufen der kapitalistischen Historie verschiedene Geld- und Kapitalformen angenommen und differente Typen von Institutionen umfasst haben, aber jedes einzelne ökonomische Ereignis war von Anfang an auf ein Set von monetären Vermittlungen und den entsprechenden Gestalten des Kapitals bezogen, die in der Sichtweise von S/M/L, wenn es sich um Geld als Kapitals handelt, kapitalistische Waren sind. (Ebd. 177) Diese Waren, vom Kredit bis hin zu den Derivaten, sie vermitteln die verschiedenen Investments, auch diejenigen, die auf Grundlage eines spezifischen Niveaus der Profitraten in die klassische Produktion fließen, sie komprimieren kapitalistische Dienstleistungen und sind von daher von vornherein als das Resultat produktiver ökonomischer Aktivitäten zu verstehen, die dazu dienen, dass die Unternehmen ihre Profitstrategien heute effektiver als je zuvor betreiben können, egal welchen Sektoren der Ökonomie die Unternehmen angehören. Demzufolge betrachtete Marx das industrielle Unternehmen, wie übrigens jede andere Form des Kapitals (Finance, Dienstleistung, Handel etc.), in erster Linie als eine monetär organisierte Form des Einzelkapitals, d. h., es muss im allgemeinen Kreislauf des Kapitals immer wieder die den Zyklus determinierende Gestalt des Geldkapitals annehmen. Damit ist unabhängig von der Verwertung des Geldmehrwerts keine Erhaltung des Kapitals mehr möglich, und darin findet eine Überbetonung des Nominalismus in Sachen Geldproblematik seinen keineswegs nur irrationalen Ausdruck, wobei es mit Marx zu zeigen gilt, dass jeder Versuch einer Überbetonung der ökonomischen Bedeutung der klassischen Industrieproduktion die Produktion des Gebrauchswerts oder die Natur dogmatisiert und damit eine spezifische Ideologisierung des Kapitalverhältnisses inhäriert. Jedes Einzelkapital, egal in welchem Sektor es prozessiert, beschäftigt Arbeitskräfte, es extrahiert Mehrwert und es realisiert den Geldmehrwert, wobei das monetäre »Mehr« sämtliche mikroökonomischen Entscheidungen und den makroökonomischen Vergleich (qua finanziellem Kapital) setzt (vgl. Schwengel 1978: 294); Geldmehrwert impliziert einerseits differenzielle Wiederholung als quantitative Variation, andererseits selbstreferenzielle Setzung, die jedoch zu keinem fixen Resultat führt und nur definitorisch wirken kann, indem sie die Vermehrung permanent voranschiebt. Als solchermaßen restringierte Setzung ist sie mit der differenziellen Wiederholung kompatibel. Mehrwert wird jetzt zur (abwesenden) Instanz, die at once die Anweisung auf zukunftige Verwertung beschließt, wobei von Anfang an die Okkupation der Zukunft, die mit Beleihung, Produktion und Übergriff auf sie zusammenfällt, gesetzt ist. Dies gilt auch für das finanzielle Kapital. S/M/L schreiben: »At the same time we must not forget that, in the context of the analysis of this chapter, financial intermediation is definitely a ›productive‹ capitalist activity: it produces surplus-value and exploits labor according to the established capitalist patterns.This insight has also a series of important results for the understanding of Finance. For instance, financial firms are also goverened by the two mechanisms of absolutely and relatively increasing the rate of surplus-value (i.e., surplus- value as a ratio of variable capital), namely: the production of absolute and relative surplus-value.« (Sotiropoulos/Milios/Lapatsioras 2013a: 56)
Marx will mit der Einführung des Begriffs des zinstragenden Kapitals im dritten Band des Kapital die im Verlauf seiner bisherigen diskursiven Darstellung konkreteste Form des Kapitals beschreiben, und S/M/L nehmen die Marx`schen Formulierungen auf, um daran anschließend die Art und Weise, wie das fiktive Kapital als eine spezifische Form des Kapitals in der gegenwärtigen ökonomischen Realität fungiert, zu entwickeln, insofern ihrer Ansicht eben schon der Begriff des zinstragenden Kapitals die Grundlage dafür ablieferte, um das Konzept des fiktiven Kapitals überhaupt einführen zu können, und zwar als eine weitere Konkretisierung der Kapitalformen im Kontext des Kapitals als Gesamtkomplexion. (Ebd.: 47) Die Ausarbeitung des Konzepts des zinstragenden Kapitals führt laut S/M/L direkt zum Begriff des fiktiven Kapitals, wo es schließlich um die Diskontierung oder die Verzinsung finanzieller Sicherheiten geht, die für die jeweiligen Eigentümer auf der Basis der in der Zukunft erwarteten monetären Rendite- und Einkommensströme einen (fluktuierenden) Preis besitzen (Kapitalisierung von Wertpapieren entsprechend einer Zinsrate, die das jeweilige Risiko enthält), wobei diese Geldströme für marxistische Ökonomen wie S/M/L einen Teil des Geldmehrwerts darstellen, der in der Zukunft erst noch produziert und realisiert werden muss. (Ebd.: 140f.) Zunächst sollte man das fiktive Kapital – ein Eigentumstitel – als ein Papierduplikat auffassen, das entweder mit der Funktion eines vertraglich fixierten Versprechens ausgestattet ist, dass eine bestimmte Geldsumme zu einem fixierten Zeitpunkt, wie im Falle der Bonds, zur Auszahlung kommt, oder es handelt sich um »materielles« Kapital wie im Falle der Aktien. (Ebd.: 53) Dabei leitet sich der Preis eines Eigentumstitels nicht aus dem Wert des Geldes ab, das etwa die Verwertung eines »realen« materiellen Kapitals repräsentiert, sondern rein aus der Kommodifizierung des fiktiven Kapitals, wie S/M/L dies konzipieren (ebd.), oder aus der Kapitalisierung (wie wir das darstellen) der in der Zukunft erwarteten Einkommens- und Vermögenssströme, die schließlich als Derivate inkorporiert und als solche auch gehandelt werden. Der die Kapitalakkumulation dominierende finanzielle Modus des Kapitals, als ein Versprechen und zugleich als eine in die Zukunft gerichtete Forderung, Geldmehrwert zu realisieren, der in Zukunft aller Voraussicht nach auch produziert werden wird, macht heute prinzipiell jede Form des Kapitals selbst zu einem finanziellen Derivat, wobei die Verwertung nach wie vor von der Kapazität eines Unternehmens abhängt Profite zu generieren. (Ebd.)
Gehen wir mit S/M/L noch einmal kurz auf den Prozess der Verwertung des zinstragenden/fiktiven Kapitals ein: Ein Geldkapitalist (A) vergibt einen Teil seines Geldkapitals als Kredit (M), der ein geschriebenes Versprechen auf Zahlungen beinhaltet, die von einem fungierenden Kapitalisten (B) zu leisten sind. (Ebd.: 52f.) Das Versprechen des fungierenden Kapitalisten (B) inkludiert, dass Geldkapitalist (A) de jure der Eigentümer des Geldkapitals (M) bleibt, womit er sein Geldkapital nicht an den fungierenden Kapitalisten (B) überschreibt, aber diesem zumindest das Recht gewährt, diese Geldsumme für eine spezifische Periode in bestimmte Projekte investieren und diese verwerten zu können, i. e. das geliehene Geld ermöglicht es dem fungierenden Kapitalisten (B) den eigenen kapitalistischen Produktionsprozess in Gang zu setzen und diesen auch zu kontrollieren. S/M/L nehmen hier zwei generelle Typen von Sicherheiten an: Bonds und Aktien. Im Fall der ersten Sicherheit muss das Unternehmen eine im voraus arrangierte, fixe Geldsumme – unabhängig von der Profitabilität seiner eigenen Operationen – zu einem bestimmten Zeitpunkt zurückzahlen, während es im zweiten Fall einen Teil seines Eigentums zurückhalten muss, um irgendwann Dividenden, die in Relation zu den Profiten (bezüglich zukünftiger Investmentpläne) stehen, an die Aktienbesitzer des Unternehmens auszahlen zu können. Wenn das Unternehmen nun am Aktienmarkt tätig ist, dann korrespondiert dem fungierenden Kapitalisten (B) der Manager und dem Geldkapitalisten (A) der Eigentümer.1 (Ebd. 52)
Geld nähme als Kapital, wie S/M/L wiederholt schreiben, immer schon die Form einer Ware an, die einen bestimmten (monetären) Tauschwert (Preis) besäße, es inkorpiere also die Form W-G. Dabei ist der Preis weder als imaginär noch als aleatorisch, sondern als fiktiv bzw. virtuell aufzufassen, ganz im Sinne der realen Wirkungsmächtigkeit einer Fiktion, die einer unwahrscheinlichen, das heißt mit den Methoden der Statistik/Stochastik nicht zu 100% vorauszuberechnenden ökonomischen Realität korrespondiert, obgleich das Mathem der Ökonomie doch exakt darin, nämlich in seiner Reflexivität, der Verwahrscheinlichung des Unwahrscheinlichen, seine Wirkungskraft auf diese ökonomische Realität besitzt.2 Jedenfalls repräsentiert der Preis von fiktiven Waren weder rein die Kosten der Produktion, noch kann man ihn bloß als eine zur Initiierung des Produktionsprozesses ausgegebene Kreditsumme verstehen, sondern laut S/M/L reflektiert der Preis insbesondere die auf Zukunft ausgerichtete kapitalistische (monetäre) Verwertung, insoweit sie u. a. die Übersetzung und Transformation des Klassenkampfes in quantitative Zeichen (ebd.:156), oder wir wir das nennen, in das ökonomische Mathem betrifft. Wenn der Preis daher eine partikulare Repräsentation kapitalistischer Realität anzeigt, dann scheint das Problem der informatorischen Effizienz an den Finanzmärkten nicht, wie man gemeinhin annimmt, dermaßen bedeutend für das Verständnis der Strukturen und Prozesse des finanziellen Kapitals zu sein, denn der Wertbildungsprozess des fiktiven Kapitals hat im Rahmen der modernen Finance nicht nur mit der wettbewerblichen Determination der Preise von Sicherheiten im Rahmen des Einsatzes von Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung zu tun, wobei hier die informatorischen Dispositionen in der Tat eine gewichtige Rolle spielen, sondern es gilt hier laut S/M/L vor allem auch zu zeigen, inwiefern das fiktive Kapital selbst eine ausgezeichnete, eine aktive Kraft in der Reproduktion der kapitalistischen Machtbeziehungen darstellt. (Ebd. 110) Die »Verdinglichung« dieser Machtbeziehungen, das heißt ihre Transformation in finanzielle Produkte lässt Relationen als Objekte erscheinen, die im Kontext eines Gefüges von Wissensformationen und mathematischen Modellen (von der Ökonometrie bis hin zu dynamischen stochastischen Gleichgewichtsmodellen) zum ersten quantifizierbar und zum zweiten scheinbar auch dafür verantwortlich sind, dass bestimmte Handlungen und Verhaltensweisen an Marktteilnehmer adressiert und von diesen auch abgerufen werden können.3 (Ebd.: 225)
Im Kontext der Marx`schen Theorie muss die Vorstellung von der Existenz einer Information, welche die kapitalistischen Machtrelationen rein und transparent darstellt, unausweilich dem Irrtum unterliegen, denn Marx hält ganz in der Nachfolge der Aufklärung die Opazität für ein notwendiges Moment der kapitalistischen Realität, deren Transparenz also eher als die einer verdunkelnden Trübung zu umschreiben ist, sodass das komplexe Arrangement von sozial-ökonomischen Machtrelationen immer auch den Ausschluss des Schauenden einschließt, insofern in dessen alltäglichen Denkweisen, Wahrnehmungen und Perzeptionen die kapitalistischen Machtrelationen nur als ganz spezifische Konstruktionen der Realität, die von deren Vagheit und Opazität nicht zu trennen sind, auftauchen. (Ebd.: 148) Die kapitalistischen Machtrelationen erfahren, so sehen es jedenfalls S/M/L, in partikularen Wissensformen, Semiotypen, Ideen und Diskursen ihre spezifische Komprimierung, insofern diese Komplexe die sozio-ökonomische Realität repräsentieren, d. H, indem sie die Realität in gewisser Weise auch verzerren oder unkenntlich machen, und dies geschieht im Mainstream der Wirtschaftswissenschaften mit der Aktualisierung von ökonomischen Ereignissen in der Theorie, im Zuge derer die (ideologische) Repräsentation in Permanenz auch Normalitäten und Regeln zur Steuerung der individuellen Handlungen der Markteilnehmer aufruft (Performanz), die von den ökonomischen Agenten als die Wahrheit ihrer eigenen Realität unzweifelhaft anerkannt werden. (Ebd.: 103) Und es ist die moderne Finance, die das Trauma der Mainstream-Diskurse in den Wirtschaftswissenschaften darzustellen scheint, ein Trauma, das S/M/L ganz in der Tradition des Lacanschen Realen begreifen (insofern dieses nicht exakt symbolisiert werden kann). S/M/L schreiben: »Mainstream thinking offers an interpretation of the capitalist system by symbolizing capitalist reality in a particular way. It sets forth and reproduces practices containing particular symbols, ideas, concepts, questions, and visions that all together comprise what we may call the symbolic ›misrecognition‹ of reality. Nevertheless, there is one element that persistently resists this symbolization in the context of mainstream analytical speculations: Finance.« (Ebd.)
Für S/M/L bleibt auch die Preisbildung und die ihr entsprechende Informationalisierung im Kontext des finanziellen Kapitalismus in die Prozesse der kapitalistischen Ideologisierung eingebettet oder integriert, oder anders gesagt, die Mechanismen der finanziellen Preisbildung (ökonomische Modelle) sind, egal ob sie effizient sind oder nicht, im Kapitalismus je schon Teil der ideologischen Apparate. (Ebd.: 149) S/M/L beziehen sich hier auf Althusser und dessen Theorie der ideologischen Staatsapparate, mit der die Emergenz von sozial notwendigen Verkehrungen vorgeführt werden soll, wobei Althusser diese Problematik in den umfassenderen Kontext der Konstitution des ideologischen Diskurses integriert, in dem das Subjekt als Person per se dem Effekt der Verkennung ausgesetzt bleibt, womit das Subjekt ausschließlich als eine ideologische Funktion betrachtet und als eine von der Struktur der Verkennung und deren spekulativer Verdopplung nicht ablösbare Kategorie entwickelt wird.4 Es geht hier um einen Begriff der Ideologie, den Althusser als Pragmatik (Anrufung) erfasst, ja als ein Set von sozialen Verhaltensweisen und Praktiken – Gewohnheiten, Gesten und Verbote – die von Subjekten in den staatlichen (bei Althusser sind die zivilgesellschaftlichen Bereiche Teil der staatlichen Institutionen) Institutionen reproduziert werden, ja sie werden dort gelernt, eingeübt und implementiert, sie sind damit an den Staat und dessen Institutionen angekoppelt, um letztendlich die soziale Ordnung im Kapitalismus funktional zu garantieren. (Vgl. Althusser 1977) Dabei akzeptieren die sozialen Akteure nicht nur die ideologischen Diskurse und die von ihnen in spezifischer Weise repräsentierten sozialen Relationen, sondern sie erfahren die Ideologie auch als ein Ausdruck der Wahrheit ihres eigenen sozialen Lebens, und damit stellt die Ideologie eine notwendige Relation zwischen den Subjekten und den Bedingungen ihrer sozialen Existenz her. (Ebd.) Wenn Individuen als Subjekte angerufen werden, bekommen sie gleichzeitig die notwendigen Motivationen übermittelt, um sich mit den herrschenden imaginären und symbolischen Verhaltensweisen, Diskursen und Vorstellungen im Kapitalismus zu identifizieren. Bei dieser Herangehensweise an die Problematik der kapitalistischen Machtrelation besteht also eines der wichtigsten begrifflichen Scharniere in der Verknüpfung von Ideologie und Subjekt (und seiner Verkennung), d.h., kapitalistische Gesellschaft ist wesentlich opak, und damit sind ihre »organischen« Repräsentationen, die sie als polit-ökonomische Einheit darstellen, im Kontext der entsprechenden Perzeptionen und Erkenntnisse der Individuen keineswegs als extern zu verstehen. Die reale Struktur des Opaken im Kapitalismus konstituiert absolut notwendige Komponenten einer sozialen Realität, das heißt u. a. wiederkehrende Irrtümer und naturalisierende Projektionen als jeweils historische Konstruktionen, die – von S/M/L per se als Ideologien identifiziert – schließlich entsprechend real sind wie die nicht-transparenten Praktiken der Akteure selbst, welche Teil der ökonomischen Realität sind. (Sotiropoulos/Milios/Lapatsioras 2013a: 103)
Das deckt sich insoweit mit der Herangehensweise eines Deleuze, der an dieser Stelle davon spricht, dass das Ökonomische nicht an sich gegeben sei, sondern immer auch eine interpetationsbedürfige differenzielle Virtualität (vgl. Deleuze 1992a) bezeichne, die durch bestimmte Formen der Aktualisierung überdeckt werden könne. Allerdings lehnt Deleuze bekanntermaßen den Begriff der Ideologie ab. Vor allem Guattari hat gegen den Begriff der Ideologie die asignifikanten Semiotiken (Diagramme, mathematische Gleichungen, Indizes, Computersprachen, statistische Gesamtrechnungen etc.) stark gemacht, die nicht unter die »ideologischen Staatsapparate« zu subsumieren sind, deren Semiologie der Signifikationen und Interpretationen duale Subjektierungen involvieren (Mann/Frau, Ich/Andere, ökonomisches Subjekt/Bürger etc.). Mit Deleuze/Guattari wäre zu vermerken, dass es sich bei den asignifikanten Semiotiken im Bereich der kapitalistischen Ökonomie nicht um sprachzentrierte Dispositive zur Reproduktion der Ideologie handelt, sondern um abstraktere Modi von Semiotiken als die Sprache, u. a. um binäre oder wahrscheinlichkeitsorientierte Codes, wobei deren Algorithmus (Regel) in temporaler Hinsicht die Kapitalbewegungen vergangenheits- und zukunftsorientiert operiert. Einerseits rechnet der Algorithmus (des Kapitals) nicht direkt besondere Arbeiten zu Durchschnitten herunter, sondern er rechnet eben mit den Zeichen des Codes, die den Durchschnitt, bspw. Durchschnittsprofitrate herstellen, das heißt die besonderen Arbeiten zu homogenen Repräsentationen (abstrakte Arbeit) neutralisieren. Dies ist der Aspekt der Vergangenheit. Andererseits operiert der Algorithmus mit Zeichen (der Macht), die nichts repräsentieren, sondern etwas antizipieren, erschaffen und gestalten. Diese asignikanten Zeichen konstituieren eine Ökonomie der Virtualisierung mit, sie eröffnen einen Spielraum für künftige Optionen, sie dienen der Kalkulation der Zukunft in Hinsicht auf ihre kapitalkonforme Verwertung. Die asignifikanten Semiotiken sind sozusagen als materielle Zahnräder zu verstehen, die in den kapitalistischen Apparaten, den maschinellen Funktionen und den Mensch-Maschine-Komplexen funktionieren. Die sozio-ökonomische Maschine ist jenseits der technologischen Apparate sowohl materiell als auch semiotisch, sie ist eine Gefüge, das mittels der Virtualisierung-Aktualisierung-Verschaltung (synchron und diachron) operiert. Schließlich ist die Maschine diagrammatisch (Pläne, Geichungen, Formeln), und diese sichtbare Dimension wird durch die aktuell/virtuell Dimension gekreuzt, insofern die Maschine an den Kreuzungen der Serien von vergangenen Maschinen und an die Unendlichkeit von Maschinen, die noch kommen werden, existiert. Für Deleuze/Guattari erscheint das Kapital nicht in erster Linie als ein linguistischer, sondern vor allem als ein semiotischer Operator (dessen Regelhaftigkeit wiederum zu eruieren ist). Zeichen und Semiosen operieren heute als Teile von zwei heterogenen und zugleich Logiken/Maschinen: Zum einen produzieren die signifikanten Semiologien mittels einer Vielzahl von Diskursen und Narrativen homogene Bedeutungen, Signifikationen und Repräsentationen qua Sprache. Andererseits inaugurieren die molekularen Maschinen Operationen und Praktiken, bei deren Vollzug asignifikante Semiotiken benötigt werden, die verschiedene Input-Output-Relationen, Konjunktionen und Disjunktionen, ja die Komponenten einer sozialen Maschine mit-konstituieren. Wie die große Spannbreite linker Autoren (Badiou, Rancière, Zizek, Butler, Negri/Hardt etc.) legen an dieser Stelle auch S/M/L den Schwerpunkt, was die Frage der Funktionsweisen des Kapitals und der Subjektivierungen betrifft, auf die Analyse der linguistischen Diskurse bzw. auf die Semiologien der Signifikation. Dabei werden die molekularen Maschinen und ihre asignifikanten Semiotiken weitestgehend ignoriert, obgleich es doch gerade diese im Kontext einer maschinischen Indienstnahme sind, die noch durch die Diskurse, Funktionen und Signifikationen, in denen sich die Individuen erkennen und ihre Realität gestalten, hindurch wirken. Über die asignifikanten Logiken bzw. die maschinische Indienstnahme bemächtigt sich heute das Kapital der Wünsche und der Begehrensaufladungen. Und selbst die Organisation der Arbeit wird heute in erster Linie durch den Einsatz der asignifikanten Semiotiken im Kontext von diagrammtischen Pragmatiken (Guattari) geregelt. Die linguistischen Imperative, die Management-Kontrollen, die Marketingkampagnen und Sprechhandlungen werden (auch was die Subjektivierungsformen betrifft) durch asignifikante Semiotiken, die nicht sprechen, sondern funktionieren, weniger gestützt oder supplementiert, vielmehr läuft es gerade umgekehrt: Computerprogramme und -netzwerke, Statistiken, Charts, Datenbanken, Bilanzierung etc. sind konstitutive Teile der betrieblichen Aussagesysteme. Die Kommunikation in den Betrieben erfolgt nicht nur qua Kognition, sondern vor allem auch mittels Ansteckungen, welche von den asignifikanten Semiotiken initiiert werden.
Die asignifikanten Semiotiken gehen direkt in verschiedenen materiell-diskursiven Prozesse der Ökonomie ein, sie überschreiten die Grenzen der diversen Zeichenarten und vereinigen diese wiederum mit verschiedenen Materialien, wenn sie in den selbstreferentiellen, produktiven Maschinen zur Wirkung kommen und funktionieren: Es handelt sich um Übersetzungen eines realen Zustandes in einen anderen realen Zustand. Darin, dass die Grenzen zwischen Produktion und Repräsentation durchlässig werden, liegt eine entscheidende Stärke der asignifikanten Semiotiken: Auf der einen Seite integrieren sie Formen einer maschinischen Evaluation und Messung des Kapitals, auf der anderen Seite homogenisieren sie heterogene Bereiche von asymmetrischen Kräfteverhältnissen, indem sie sie in die Kapitalakkumulation integrieren. Asignifikante Semiotiken, insofern sie das ökonomische Mathem ausdrücken, sind Teil der Geldkapitalströme, die der Materie, den Zwecken und dem Subjekt gegenüber indifferent bleiben. Es handelt sich um nicht-figurative Ströme, die zu jeder beliebigen Produktion Anlass geben können, wobei es das finanzielle Kapital ist, das die Frequenzen und Amplituden der Investitionen heute in letzter Instanz moduliert, um prinzipiell jede beliebige Produktion in jedem beliebigen Sektor zu veranlassen. Und demnach sind sowohl die (unkörperlichen) Repräsentationen als auch die asignifikanten Semiotiken, die man mit den gegenwärtigen finanziellen Instrumenten (Derivate) assoziiert, durchaus als aktive Funktionsweisen zu verstehen, die der Organisation kapitalistischer Macht dienen, das heißt, die dermaßen gestalteten finanziellen Verwertungsprozesse beinhalten nicht nur die kompetitive Realisierung der Preise von Wertpapieren im Zuge der Vermehrung des Geldkapitals, sondern, insofern sie sich in Repräsentationen und asignifikanten Semiotiken artikulieren, spielen sie eine aktive Rolle in der Reproduktion der kapitalistischen Machtbeziehungen und dem Modus ihrer Operationen.
Für S/M/L ist ihr Bezug auf die Marx`sche Theorie des Fetischismus ganz entscheidend, wenn sie denn entwickeln wollen, wie das Kapital den Wahrnehmungen und den Erkenntnisweisen der Marktteilnehmer als eine selbstreferentielle und deswegen mysteriöse Geldquelle erscheint, die mit einem immanenten Potenzial zur Vermehrung ausgestattet ist, wobei diese Art der Verwertung des Kapitals ja scheinbar eine Eigenschaft inhäriert, die einem Ding intrinsisch zukommt. Für Marx findet man den Wert jedoch weder in einem Ding, noch stellt er eine imaginäre Relation dar, vielmehr erscheint er zunächst in zwei distinkten und polarisierten Relations-formen: Geld und Ware. (Sotiropoulos/Milios/Lapatsioras 2013a: 63) Wenn nun das Wertpapier – eine Ware sui generis – eine »Verdinglichung« der Kapitalrelation darstellt, dann ist sein Tauschwert (neben dem Aspekt der Quantifizierung) stets auch im Kontext der Repräsentation von spezifischen sozio-ökonomischen Machterhältnissen im Kapitalismus zu sehen. Die multiplen ökonomisch-technopolitischen Ereignisse, die den Aktivitäten eines Unternehmens entspringen oder dessen Aktivitäten zumindest berühren, werden an den Finanzmärkten »spontan« in objektive Perzeptionen und quantitative Zeichen übersetzt. Und all diese objektiven Wahrnehmungen (und Zeichen) gestalten die Dimensionen eines konkreten und eines abstrakten Risikos mit, oder, um es mit den Worten von Luhmann zu sagen, die Ökonomie besitzt die Fähigkeit sich unter dem Gesichtspunkt des Risikos selbst zu beobachten, und dies, das gilt es hier anzuhängen, mit Hilfe der dominanten Mechanismen und der regulierenden Wirkungsweise des finanziellen Kapitals selbst, das heute auf alle weiteren sozialen und politischen Bereiche ausstrahlt.
S/M/L versuchen nun die gegenwärtigen kapitalistischen Machtrelationen in und aus den Strukturen der modernen Finance zu explizieren. Ihrer Ansicht nach tragen die Mechanismen des finanziellen Kapitalismus und der Finanzmärkte heute eindeutig zur Intensivierung der Konkurrenz zwischen den Unternehmen, egal welchem Sektor sie denn nun angehören, und damit zu deren erhöhter Mobilität bei, indem die finanziellen Kapitale die Tendenz zur Herstellung einer einheitlichen Profitrate und gleichzeitig zur Realisierung von Extraprofiten forcieren und damit Prozesse der Kontrolle der Effizienz von Unternehmen, was wir ja in unserer Schrift schon mehrfach dargestellt haben, über jene Marktmechanismen eindeutig auch verstärken. Die in die Kapitalisierung integrierten Prozesse sichern immanent bessere Bedingungen der Verwertung (Mehrwertabschöpfung) der Unternehmen, insofern sie die Ersparnisse verschiedenster Herkunft in Investitionen jeglicher Art umzuwandeln helfen, wobei exakt diese Funktion für die monetäre Verwertung des Kapitals heute eine kausale Priorität besitzt. Was man laut S/M/L an dieser Stelle nicht vergessen darf, das besteht einfach in dem Sachverhalt, dass die moderne Finance, speziell in ihrer neoliberalen Version, normalisierende Verfahren der Evaluation generiert, die der umfassenden Beobachtung, Bewertung und Regulation der ökonomischen Effizienz der Unternehmen dienen, wobei diese normalisierenden Prozesse zwar auf der permanenten Kapitalisierung der an den Finanzmärkten gehandelten Assets und Derivate beruhen, aber die gegenwärtige Finance setzt eben mit Hilfe des ökonomischen Mathems – mathematische Modelle und die ihnen entsprechenden Finanzinstrumente, Derivate – zugleich allzu gerne übersehene Praktiken zur ständigen Kontrolle (qua statistischer Durchschnittswerte) der kapitalistischen Unternehmen in Gang, die auf eine Verbesserung ihrer Effektivität und auf die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Machtrelationen insgesamt abzielen.
In diesem Kontext besitzen selbst die ökonomischen Fundamentaldaten der Unternehmen keinen objektiven Status in dem Sinne, dass sie als vorrangig gegenüber den verschiedenen Wissensformen und Repräsentationen der Finanzindustrie zu bewerten wären, sondern sie existieren selbst als eine Form der Interpretation der kapitalistischen Realität, oder um es anders zu sagen, sie sind je schon Teil der diversen Konstruktionsweisen, mit denen die Marktteilnehmer die ökonomischen Strukturen perzipieren, modellieren und auch meistern, indem sie selbst bestimmte theoretische Praktiken in den Feldern der Ökonomie ausüben. (Ebd.: 152) Diese nicht-empiristische Sichtweise verneint ganz entschieden eine prinzipielle Unterscheidung zwischen Fundamentaldaten und den auf sie bezogenen Informationen, insofern selbst der Wettbewerb zwischen den verschiedenen Händlern in der Finanzsphäre auch dazu dient, neue Informationen über die Fundamentaldaten der Unternehmen in aktuelle Preise zu übersetzen. (Ebd.: 51) (Wir haben dies im ersten Band der Schrift anhand der von Bichler/Nitzan beschriebenen Kategorie des Hype-Koeffizienten diskutiert.) Normalerweise geht man davon aus, dass im Falle einer idealen Markteffizienz und -transparenz die Aktienkurse eines Unternehmens die Dynamik der Mehrwertabschöpfung so ausdrücken, wie dies mit dessen Fundamentaldaten auch angezeigt ist. Ein Unternehmen, das die als kapitalkonform angezeigten Ensembles an Informationen und Faktoren, die notwendig sind, um zumindest seine durchschnittliche Verwertung zu erzielen, in einer als Quantifizierung zwar nachvollziehbaren, aber jedoch ungenügenden Weise organisiert, wird an den Märkten schnell das »Vertrauen« der Investoren verlieren, was sich umgehend in eine Reduktion der Marktkapitalisierung des Unternehmens übersetzt. Für den ökonomischen Mainstream besitzt diese Art der Korrektur vor allem die Funktion, diejenigen kapitalistischen Investoren, die nach wie vor bereit sind, in das Unternehmen zu investieren, für die Affirmation eines nun erhöhten Risikos, das den verschlechterten ökonomischen Perspektiven des Unternehmens entspricht, umgehend zu entschädigen. Das Unternehmen muss deshalb mit schwierigeren Finanzierungsmöglichkeiten an den Finanzmärkten rechnen.5
Aber was wäre, wenn die Preisbewegungen von bestimmten Assets sich nun weitestgehend von den Fundamentaldaten der Unternehmen abgekoppelt hätten? Natürlich zöge das für die konkreten ökonomischen Analysen eine Reihe von wichtigen Konsequenzen nach sich, aber unter strategischen Gesichtspunkten, so behaupten jedenfalls S/M/L, verändere sich die Problematik um diese Analysen nicht grundsätzlich, da die Finanzmärkte ja nun nicht aufgehört hätten, die Unternehmen innerhalb der »Frameworks« von spezifischen Repäsentationen zu beaufsichtigen, zu kontrollieren und bis zu einem gewissen Maße sogar zu steuern. (Ebd.: 156ff.) Die Börsenkapitalisierung eines Unternehmens ist niemals eine streng fixierte Größe, sie kann sich im Zuge der jeweiligen Marktbewertungen durch institutionelle Unternehmen sehr schnell verändern. Wie auch immer der Verlauf der ökonomischen Entwicklung eines Unternehmens einzuschätzen ist, die permanente Überwachung durch das finanzielle Kapital beinhaltet die fortwährende molekulare Interpretation des Unternehmens auf der betriebswirtschaftlichen Ebene, und das geschieht systematisch unter Verwendung mathematischer und stochastischer Modelle, die eben ganz darauf abzielen, noch die partikularsten Verfahren, die innerhalb der Produktionsprozesse des Unternehmens eingesetzt werden, einzuschätzen und zu bewerten, um anschließend dann auch spezifische Strategien zur Profitmaximierung auszuarbeiten. Und die Finanzialisierung steigert über die Prozesse zur Herstellung von Durchschnittsprofitraten den Druck auf die Unternehmen, damit diese die Methoden der absoluten/relativen Mehrwertproduktion intensivieren bzw. ihre Profitibilität insgesamt erhöhen. Dieser Druck wird durch den Einsatz einer Vielzahl von Instrumenten, die aus ökonomischen Programmierungen, Mathemen und Modellen bestehen, ganz praktisch übermittelt. Wenn bspw. ein großes Unternehmen bei seiner Finanzierung von den Finanzmärkten abhängig ist, dann erhöht jeder Verdacht einer inadäquaten Verwertung, selbst wenn er unbegründet sein mag, für das Unternehmen die Kosten der Finanzierung (erhöhtes Risiko) und reduziert damit seinen ökonomischen Handlungsspielraum, i. e. drückt also dessen Aktien- und Anleihenkurse. (Ebd.: 153) Sind damit gleichzeitig auch die Arbeiter eines Unternehmens solch ökonomischen Restriktionen ausgesetzt, so stehen sie vor dem Dilemma, in den Tarifverhandlungen für sie ungünstigere Ergebnisse zu akzeptieren, oder durch einen militanten Standpunkt das Unternehmen zur Insolvenz oder zur Übernahme zu nötigen (Transfer des Kapitals in andere Anlagesphären und/oder Länder). Die letztere Option ist für die Arbeiter fast immer mit einer gewaltsamen Restrukturierung ihrer eigenen Arbeitsbedingungen verbunden. (Ebd.) Es geht für die Arbeiter also exakt darum, die »Gesetze« des Kapitals zu akzeptieren oder mit einer höheren Unsicherheit oder gar mit dem Absturz in die Arbeitslosigkeit zu (über)leben. Dieses Dilemma ist der Wirkung und Funktionsweise des fiktiven Kapitals durchaus immanent, denn dessen Effekte berühren schließlich insgesamt die Organisation der kapitalistischen Produktionsprozesse, die spezische Organisationsform des kollektiven Arbeiters und last but not least die Einkommensrelation zwischen Arbeit und Kapital. Die Finanzialisierung befördert also in Permanenz die Notwendigkeit zur Umstrukturierung der kapitalistischen Produktionsprozesse, und in infolgedessen gibt heute nicht weniger, sondern mehr Arbeitsunterbrechungen und Entlassungen, während die Forderungen der Arbeiter nach Lohnerhöhungen kontinuierlich stillgestellt werden, was u. a auch auf die Fragmentarisierung der Arbeiterklasse und generell die Prekarisierung im gegenwärtigen Kapitalismus zurückzuführen ist. Diese Entwicklungen setzen einerseits eine steigende Macht der kapitalistischen Klasse insgesamt voraus, andererseits die Möglichkeit zur Ausschöpfung eines fast unbegrenzten Instrumentariums der modernen Finance, um möglichst alles inadäquat verwertete Kapital zu liquidieren (Schließung von Unternehmen) und damit auch zur effektiveren Ökonomisierung des Umgangs mit konstantem Kapital beizutragen.
So sollte man die Problematik um Effizienz und Kontrolle nicht auf die Analyse der Einzelkapitale reduzieren, sie muss auf die Ebene des Gesamtkapitals (Tendenz zur Herstellung einer durchschnittlichen Profitrate) übertragen werden, und nicht zuletzt natürlich auf insgesamt alle Marktteilnehmer, man denke nur an den Fall eines souveränen Schuldners (Staat), bei dessen Bewertung die moderne Finance den Staat auffordert, die Produktion der neoliberalen Form kapitalistischer Macht qua Austeritätspolitik durchzusetzen; es geht hier um die ununterbrochene Implementierung der neoliberalen politischen Agenda in das gesamte gesellschaftliche Feld.6 Wenn heute souveräne Schuldner – Staaten – von der fiskalischen Disziplin, die ihnen von der internationalen neoliberalen Agenda aufgezwungen wird, abweichen, dann destabilisiert das ihre Position an den internationalen Geld- und Kapitalmärkten und zudem verlieren sie schnell das »Vertrauen« der Finanzmärkte und werden bspw. wie bestimmte EU-Staaten den restriktiven Maßnahmen einer Troika (EU-Kommission, EZB, IWF) ausgesetzt. (Ebd.: 168) Die Aufforderung an die Regierungen, konsequente Austeritätspolitik zu betreiben, u. a. Budgetkürzungen, die Sanierung der Staatshaushalte und Privatisierungen vorzunehmen, impliziert, dass die Finanzmärkte jederzeit bereit sind, die jeweiligen Risiken der Finanzierung von Staaten neu einzupreisen, um so den Verlust ihres Vertrauens zu signalisieren, i.e. die Kreditkosten für die Staaten an den Geld- und Kapitalmärkten zu erhöhen. Der gegenwärtige Kapitalismus läuft somit auf eine ständige Rekomposition oder Restrukturierung, auf eine Umgestaltung der Relation zwischen den kapitalistischen Staaten hinaus, zwischen den Staaten und den Einzelkapitalen, wobei letztere immer auch in Relation zu einem partikularen nationalen Kapital als Gesamtkomplexion stehen, und nicht zuletzt auf die Mobilisierung der Beziehungen zwischen den Einzelkapitalen und den »liberalisierten« Finanzmärkten. (Ebd.: 154)
Zusammenfassend und gleichzeitig vorausblickend kann man an dieser Stelle laut S/M/L davon sprechen, dass der gegenwärtige finanzielle Kapitalismus eine spezifische Organisation und Vertiefung der kapitalistischen Macht in breitestem sozialem Ausmaß inkludiert, ja diese komprimiert und kondensiert, innerhalb derer nun der Gouvernementalität an den Finanzmärkten eine ganz entscheidende Rolle zukommt. (Ebd.: 165ff.) Die Autoren versuchten bisher mit kurzen Bemerkungen zu Althussers Ideologietheorie das Terrain für solch eine machtorientierte Analyse der Finanzialisierung vorzubereiten, wobei letztere als eine spezifische Technologie der Macht definiert wird. (Ebd.: 166) An dieser Stelle nehmen S/M/L auch die Marx`sche Argumentationslinie zum fiktiven Kapital wieder auf, um daraufhin dessen konzeptuelles System am Beispiel der Fianzialisierung weiterzuentwickeln, ohne allerdings die wesentlichen Problematiken und Begriffskonstellationen der Marx`schen Analysen selbst aufzugeben. In diesem Zusammenhang wird behauptet, dass Marx im dritten Band des Kapital das fiktive Kapital (interest bearing capital) als die konkreteste Form des Kapitals bestimmt hat, das sich auf einem komplexen Niveau der Analyse folgendermaßen in einer Formel anschreiben lässt:
G – [ G – W – G?] – G?? oder eben G – G??. (Ebd.: 155)
Diese Formel, die hier für das fiktive Kapital steht, zeigt schließlich für S/M/L die Kommodifizierung einer kapitalistischen Relation an, welche die Form einer Ware sui generis annimmt, die einen Preis trägt: W – G. Die Autoren weisen in diesem Zusammenhang erneut darauf hin, dass Marx mehrfach gegen Proudhon eingewandt habe, dass das Geld als Kapital stets als eine Ware zu begreifen sei. (Ebd.) (Ernst Lohoff unterscheidet an dieser Stelle zwischen klassischer Gütermarktware und Kapitalmarktware bzw. Eigentumstitel zweiter Ordnung. Während die ersteren Waren einen konsumierbaren Gebrauchswert besitzen, inauguriert der rein gesellschaftliche Gebrauchswert der letzteren Waren ein Versprechen, dass ausgegebenes Geld sich in vermehrendes Geld verwandelt.) Nicht nur Naturressourcen wie Grund und Boden, sondern auch das Kapital in der Gestalt des Geldes kann also zur Ware werden. Dabei lässt sich das Geldkapital in den unterschiedlichsten Formen verkaufen, und eine weit entwickelte Form ist eben diejenige, bei der sich das in den Händen eines Geldkapitalisten befindliche Geld gegen einen Eigentumstitel tauscht, einen juristisch fixierten monetären Anspruch, der gehandelt werden kann. Wird das Kapital in seiner Geldgestalt zur Ware macht, so verwandelt sich die Kommodifizierung in einen selbstreferenziellen Prozess, womit ein neuer Typus von Ware entsteht. So wird beim »Handel« von Geldkapital dessen Gebrauchswert als potenzielles Kapital auf den Käufer übertragen und zugleich auch vom Verkäufer genutzt. Dieser sog. Handel nimmt jedoch die Form eines Vertrages an, wobei der Geldkapitalist sein Kapital an den Käufer überträgt, während sich der Käufer der Ware Geldkapital verpflichtet, zu einem späteren Zeitpunkt eine Übertragung von Geldkapital an den Verkäufer zu erbringen. Dabei ist das Äquivalenzprinzip insofern außer Kraft gesetzt, weil a) bei dieser Art von Handel zwei zeitlich getrennte und einseitige Übertragungen stattfinden, und b) es zu keinem Ausgleich der beiden Transaktionen kommt, sondern der Verkäufer mehr Geld erhält, als er weggegeben hat. Und dies erstreckt sich über einen vertraglich vereinbarten Zeitraum.
Der Einsatz von fiktivem Kapital generiert die Erwartung (E1) von zukünftigen Einkommens- und Gewinnströmen (Dt+1,Dt+2,Dt+3 . . .), die kontinuierlich zum Eigentümer des jeweiligen Geldkapitals zurückfließen sollen. Im Fall einer Aktie (D steht dann für die Dividende), und wenn man nun aus vereinfachten Gründen annimmt, wie S/M/L schreiben, dass es tatsächlich einen Rückfluss von Geldströmen mit einer konstanten Zinsrate bis hin zu (R10) gibt (Zinsrate, die alle involvierten Risiken berücksichtigt), dann lässt sich die Kapitalisierung bzw der Preis eines erwarteten, zukünftigen Einkommensstroms gemäß folgender Gleichung anschreiben: (Ebd.: 140)
(Formel fehlt)
Kapitalisierung inkludiert im Zuge der Fixierung eines Preises (Pt) die Verkörperung des erwarteten Werts eines zukünftigen Rendite- bzw. Einommensstroms in einem Wertpapier, das gehandelt wird. Dieses Procedere ist als ein Teil der sog. Securitization zu verstehen, die heute einen grundlegenden Mechanismus in der Finanzsphäre darstellt. Es geht also auf Grundlage existierender Informationen um die permanente Kapitalisierung von zukünftigen ökonomischen Ereignissen, insofern verschiedene Typen von finanziellen Assets den laufenden Prozessen der Preisbildung unterzogen werden. Dabei sorgt eine in bestem Fall in hohem Maß vorhandene und zugleich fluktuierende Liquidität an den Finanzmärkten für die Verwertung des Geldkapitals. Dennoch gibt es für die marxistische Interpretation der obigen Formel mindestens zwei Problematiken zu berücksichtigen: Zum ersten inkludiert die Materialität der kapitalistischen Produktionsprozesse je schon die komplexe Artikulation von sozialen Machtbeziehungen, welche die kapitalistische Verwertung zu organisieren und zu reproduzieren helfen. Hier erscheint für S/M/L die technische Spezifikation der Produktionsmittel, indem man im übrigen ganz in der Tradition der Althusser Schule argumentiert, zunächst zweitrangig. Das Erscheinen des Kapitals in der finanziellen Warenform beinhaltet eine Repräsentation der kapitalistischen Realität, und dies geschieht mittels Ideen, Semiotypen und Wahrnehmungen, wobei selbst die vorbewussten Mentalitäten der ökonomischen Akteure keineswegs zufällig auftauchen, sondern ihre Ursache in den sozio-ökonomischen Relationen besitzen, in deren zeitlichen und räumlichen Konfigurationen, Regulationen und Symbolisierungsweisen. Zum zweiten lässt sich die Struktur der monetären Verwertung (Kapitalisierung) von der »Realökonomie« überhaupt nicht trennen, und man kann heute laut S/M/L auf jeden Fall davon ausgehen, dass das finanzielle Kapital als die dominante Form des Kapitals ihr wichtigstes Instrumentarium in den Derivaten – Waren sui generis – hat, und exakt mit deren Handel die »Realökonomie« dominiert und kontrolliert. S/M/L schreiben: »The pure form of capital takes the shape of a financial security as sui generis commodity. In this sense, the dimension of values (prices) is as real as the capitalist power relations that are expressed through it. It is the form through which social power relations cannot but be represented.« (Ebd.: 164) Und hier gilt es die gegenseitige Übersetzung der Dynamik kapitalistischer Machtbeziehungen und der Preisbildung, wie sie bspw. in den Größen Et[Dt+i] und (R) angezeigt sind, als absolut essenziell zu verstehen, wenn es um die Prozesse der Finanzialisierung geht. (Ebd.: 141)
An dieser Stelle sollte man das Konzept des fiktiven Kapitals zu den verschiedenen Kategorien, mit denen gemeinhin die Verschuldung beschrieben wird, in Beziehung setzen. Dabei betrifft die Gläubiger-Schuldner-Relation nicht allein nur die Aktivitäten der Unternehmen, sondern sie prägt heute auch die ökonomischen Aktivitäten der Regierungen, Pensionfonds, Universitäten, Haushalte etc. In diesem Sinne verlieren die Finanzmärkte ihre Uniformität, insofern sie nun heterogene Populationen in komplexe Agencies zusammenfassen, die selbst wiederum als Teile verschiedener Machtbeziehungen anzusehen sind. Wie man weiß inkludieren die Finanzmärkte ganz verschiedene Ensembles von finanziellen Transaktionen und Instrumenten, die es jeweils erlauben, die in ihnen different wirkenden Machtbeziehungen zu gestalten. Und exakt an dieser Stelle bringen S/M/L Begriffe wie »Risiko« und »Gouvernementalität« ins Spiel, mit deren Klärung und Explikation die gegenwärtige Finance und insbesondere ihre neue Weisen der Finanzialisierung überhaupt erst als eine Technologie der Macht, die äußerst effizient die Reproduktion der kapitalistischen Machtbeziehungen insgesamt sichert, verstanden werden kann. Mit durchaus positivem Bezug auf Foucaults Gouvernementalitätsstudien beschreiben S/M/L die Prozesse der Finanzialisierung als Technologien der Macht, die es ermöglichen, neben den ökonomischen auch die politischen und sozialen Machtbeziehungen zu artikulieren und zu überformen.7 (Ebd.: 155ff.) Dabei sind die Repräsentationen, die mit der Preisbildung der finanziellen Instrumente konnotiert sind, als aktive Komponenten, die innerhalb der Machtrelationen wirken, zu verstehen. Es geht also nicht allein um die Verwertung des Geldkapitals und die damit in Verbindung stehende Virtualisierung der Preise von Derivaten und Wertpapieren, sondern immer auch um die Reproduktion der kapitalistischen Machtbeziehungen, und dies bezogen auf den jeweiligen Modus der finanziellen Operationen. Die Vergegenständlichung der sozialen Relationen generiert ökonomische Objekte, die permanent profitabel quantifizierbar sein müssen, und dies im geschieht eben auch im Kontext der »falschen« Repräsentationen, die qua statistischer Erhebungen für die finanziellen Akteure als Normierungen ihrer Handlungen gelten. Die alltäglichen Kalkulationen und Bewertungen (Ergebnis der komplexen Praktiken der Marktagenten und der Institutionen, die in die Finanzsphäre eingebunden sind und den Funktionsweisen der finanziellen Forschung unterliegen) stellen und ent-stellen die kapitalistische Klassenrealität, indem sie ein ganz bestimmtes Wissen, spezifische Modellierungen und spezifische strategische Handlungsweisen hervorbringen. Dies gilt es nun anhand der Problematik der Risikoproduktion etwas genauer aufzuzeigen.
Es wurde schon mehrfach darauf hingewiesen, dass die moderne Finance kontinuierlich nach der Kommodifizierung, oder wie wir sagen, nach der monetären Kapitalisierung der in Derivaten oder synthetischen Wertpapieren kondensierten, zukünftig erwarteten Rendite- und Einkommensströme verlangt, egal ob die ursprünglichen Einkommen nun aus der Extrakation von Mehrwert, der Besteuerung durch den Staat oder der Subtraktion von Lohnanteilen stammen. (Ebd.: 179) Diese Art der Kommodifizierung oder Kapitalisierung bedeutet auch, dass der Klassenkampf, die ihn inhärierenden Kräfteverhältnisse zwischen den Klassen und Klassenfraktionen und schließlich seine Resultate je schon einer monetären Quantifizierung unterliegen, die wiederum zur Repräsentation kapitalistischer Realität in Beziehung zu setzen ist. (Ebd.: 156) Die singulären finanziellen Ereignisse, die in den sozio-ökonomischen Strukturen anwesend sind, werden an den Finanzmärkten mit Hilfe von wissenschaftlichen Diskursen, Charts, Modellen etc. interpretiert und daraufhin in quantitative Zeichen konvertiert (Warenpreise). Sind die ökonomischen Ereignisse erst einmal in die Sprache der Finanzmärkte übersetzt, dann handelt es sich u. a um die Formierung bzw. Dimensionierung eines ökonomischen Risikos. Sowohl das Konzept des fiktiven Kapitals, das Marx im dritten Band des Kapital in Bruchstücken entwickelt hat, als auch die Praktiken der gegenwärtigen Kapitalisierung schreien für S/M/L förmlich nach einer spezifischen Analyse des Risikobegriffs. (Ebd. 155ff.) Dabei gilt es stets zu berücksichtigen, dass der »Wert« einer finanziellen Anlage (Wert des Geldkapitals) dem kapitalistischen Produktionsprozess nicht nachgeordnet ist, sondern ihm vorausgeht (logisch), i.e. er existiert nicht, weil entweder Mehrwert produziert oder eine andere Art des Einkommens oder des Vermögens an den Märkten realisiert wurde, sondern weil das finanzielle Kapital bis zu einem gewissem Maße zuversichtlich ist, dass die Realisierung von Renditen im Rahmen der Produktion/Zirkulation von Kapital in der Zukunft stattfinden und sich nach den Maßstäben der erweiterten Reproduktion auch wiederholen wird. Die fiktive Kommodifizierung von Geldkapital als Ware, auf der die Kapitalrelation nach Ansicht von S/M/L auf dieser Stufe der Entwicklung des Kapitals hauptsächlich basiert, erfordert die permanente Kalkulation, den Handel und die Realisierung von Derivaten, die auf der Kapitalisierung von zukünftigen Einkommensströmen und entsprechenden Renditen beruhen, und dies wiederum verlangt eben nach einer spezifischen Konzeption des (ökonomischen) Risikos.
Risiko ist ein Term, der sowohl für die finanzwissenschaftlichen Diskussionen im Mainstream der Wirtschaftswissenschaften als auch für die heterodoxen Positionen recht zentral ist, zumal er selbst schon in der sozialwissenschaftlichen Diskussion als ein »Panoramabegriff« (Beck und Risikogesellschaft) angewandt wurde, der insofern eine Scharnierfunktion erfüllt, als er auf die Analyse der Bedingungen einer sozio-ökonomischen Gesamtheit verweist, und damit zumindest einen symptomalen Status besitzt, wenn er die Bedingungen dieser Gesamtheit nicht selbst setzt. Oliver Marchart hat in seinem letzten Buch Das unmögliche Objekt im Anschluss an Bruno Latour auf solche Panoramen hingewiesen, sog. 360-Grad-Darstellungen des sozialen Raums. (Vgl. Marchart 2013) S/M/L hingegen transponieren die Risikoproblematik in den marxistischen Diskurs. Wenn man bspw. das Risiko, und dies im Rahmen der Statistik/Stochastik, ausschließlich in den Kontext der Ungewissheit über die Entwicklung der zukünftigen Volatilität [Maß für die Schwankung von Parametern an den Finanzmärkten wie etwa Aktienkurse, Zinsen etc. Gemeinhin wird Volatilität als die Standardabweichung der Veränderung (Return) des jeweils betrachteten Parameters definiert] stellt, dann verdeckt dies zumindest bis zu einem gewissen Grad, was die objektiven Mechanismen der Kapitalisierung und die ihnen entsprechenden Praktiken der verschiedenen Marktteilnehmer an den Finanzmärkten darüber hinaus noch anzeigen. Es gibt zahllose Forschungsabteilungen in den verschiedenen Finanzinstitutionen, welche die zukünftigen Trends von globalen Preisbewegungen der Derivate einzuschätzen und zu bewerten versuchen, indem sie u. a. genau diejenigen Fundamentaldaten der Unternehmen sammeln und klassifizieren, die jeweils zu ihren mathematischen Modellen »passen«, und dies basiert eben auf dem Einsatz der Statistik/Stochastik bezüglich der Erfassung möglicher Wahrscheinlichkeiten des Eintretens von ökonomischen Ereignissen. S/M/L zitieren in diesem Kontext Luhmann, der davon spricht, dass die finanzielle Kalkulation immer schon die Adaption an die Chance beinhaltet. (Sotiropoulos/Milios/Lapatsioras 2013a:: 160) Aber derlei Adaptionen bleiben in ein Set von kapitalistischen Strategien und Instrumenten integriert, welche die Aufteilungen der konkreten Risiken und ihre Kommensuration in abstrakte Risiken ermöglichen, die sich stets auf die monetäre Kapitalisierung zukünftiger Renditen der verschiedenen Marktteilnehmer beziehen, und diese Risiken bleiben zugleich in ein Set von Repräsentationen eingebunden, die notwendig sind, um die Strategien der kapitalistischen Unternehmen auf mikroökonomischer und soweit wie möglich eben auch auf makroökonomischer Ebene auf der Basis des Risikos zu kontrollieren. S/M/L schreiben: »In other words, capitalization has to do with valuation as a result of a particular representation on the basis of risk and the way this valuation reinforces and strengthens the implementation of the ›laws‹ of capital.« (Ebd.: 151)
Was in diesem Zusammenhang der Term Effizienz hinsichtlich der Verteilung der Informationen an den Finanzmärkten immer auch heißen mag – Informationen, die in Preise übersetzt werden -, die Preisbildung selbst, so sehen es jedenfalls S/M/L, inkludiert von vornherein auch eine spezifische Repräsentation der kapitalistischen Realität, insofern sie eine bestimmte Konfiguration der sozialen Machtbeziehungen inauguriert. Die Antizipation der Durchschnittsprofitraten, die Explikation der Varianz (Maß für die Streuung einer Zufallsvariablen X, und dies als eine ungefähre Dimension, um das Risiko auszudrücken), ja die Preisbildung jedes einzelnen finanziellen Assets, all das findet S/M/L zufolge immer schon im Kontext von Meinungsindustrien, Forschungsabteilungen diverser Unternehmen und Institutionen und (ideologischen) Apparaten statt, was bedeutet, dass die hier produzierten (differenziellen) Normalitäten und deren Kriterien die verschiedenen Marktteilnehmer dazu anhalten, der »Logik« des Kapitals in gewisser Weise sogar unabhängig von der jeweiligen Präzison der Preisbildung zu folgen. Risiko wird hier generell als eine sozio-ökonomische Dimension verstanden, innerhalb derer das Potenzial zukünftiger ökonomischer Ereignisse zu bewerten ist, und dies um die Chancen, dass ganz bestimmte, das heißt erfolgsversprechende Ereignisse auch eintreten, zu erhöhen. (Ebd.:157f.) Dabei »glauben« die ökonomischen Agenten, dass die ihnen zur Verfügung stehenden Informationen eine transparente Interpretation der kapitalistischen Ökonomie ermöglichen, insofern jene so etwas wie eine Klarheit inhärieren, gewissermaßen sogar eine ideale Klarheit, die der Öffnung auf das Unbekannte mit einer erfolgversprechenden Modellierung der ökonomischen Realität antwortet. Ganz im Gegenteil dazu impliziert die Bewirtschaftung des Risikos eine spezifische Organisation desselben, im Zuge derer die verschiedenen Einschätzungen, Bewertungen und Kalkulationen von zukünftigen ökonomischen Ereignissen unter dem Imperativ kapitalistischer Verwertung gebündelt werden. Risiko impliziert den Versuch der finanziellen Kapitale inklusive der ihnen angeschlossenen Diskurssysteme, Meinungsindustrien und Forschungsabteilungen, zukünftige ökonomische Trends zu antipizieren; Trends, die man mit Hilfe der Kategorien und Modelle der Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung, die dem ökonomischen Mathem zuzurechnen sind, kontinuierlich ausformuliert. (Ebd.: 161) Kapitalisierung, eine Form der Kalkulation und der kontinuierlichen Realisierung künftiger Investitionen in Form der Derivate, beinhaltet also immer auch einen spezifischen Modus der Repräsentation und der Identifizierung, des Arrangements und der Ordnung, und schließlich der Kommunikation von in der Zukunft liegenden ökonomischen Ereignissen, die zuallererst voneinander unterschieden werden müssen, um sie daraufhin als Risiken zu identifizieren bzw. zu objektivieren und schließlich als Derivate auch zu handeln. Es gibt im finanziellen Kapitalismus keine Kapitalisierung ohne die Spezifizierung und den Vergleich von Risiken, ohne dass man ökonomische Ereignisse im Kontext konkreter Risiken identifiziert, um diese dann zu objektivieren, das heißt Risiken als Risiken (abstraktes Risiko) adressiert. (Ebd. 175) Das Risiko ist nun voll und ganz in die Logik des Kapitals integriert, u. a. eben auch als eine Repräsentation der Dynamik kapitalistischer Akkumulation und ihrer Regeln. Dies zu begreifen ist für das Verständnis der Wirkungsweise des fiktiven und des spekulativen Kapitals ganz entscheidend.
Im Mainstream der Wirtschaftswissenschaften wird das Risiko im Zuge der als Wahrscheinlichkeit ausdrückbaren Chance als das Vertrauen begriffen, einen zukünftigen Preis zu realisieren, wobei die statistische Varianz des Preises und der Renditen ein immanentes Maß für das Vertrauen abgeben soll. (Ebd.: 157) Wertpapiere mit einer hohen Varianz (bezüglich der Renditen) sind natürlich als risikooreicher einzustufen als solche mit einer niedrigen Varianz. Wenn beispielsweise der Preis der Staatsanleihe A gegenüber dem Preis einer Aktie B nur halb so volatil ist, dann lässt sich dies folgendermaßen anschreiben: x· VjA= 2·VjB (V ist die Varianz; j bezieht sich auf individuelle, hypothetische Einschätzungen). (Ebd.) Für S/M/L wird jedoch in dieser Standardgleichung, der sich die Finanzwissenschaften gewöhnlich bedienen, nicht berücksichtigt, dass die jeweils subjektiv antizipierte Varianz keinesfalls das abstrakte Risiko ausdrücken kann, das schließlich von allen Marktteilnehmern akzeptiert wird. Jeder Marktteilnehmer j wird seine subjektiven Erwartungen hinsichtlich der Varianz nach folgender Formel gestalten: x· VjA= y· VjB =z· VjC= … (ebd.). Dabei sind die verschiedenen Erwartungen der Marktteilnehmer durchaus nicht als homogen zu begreifen. Auf subjektiver Basis kommt man also zu keinem Vergleich von verschiedenen konkreten Risiken, womit die hetorogenen Risiken unter allen Umständen der Abstraktifizierung ausgesetzt werden müssen, damit sich so etwas wie Objektivität überhaupt herstellen lässt. (Ebd.: 158)
Sämtliche Prozesse der Preisbildung von Anleihen, Derivaten und synthetischen Wertpapieren benötigen die Dimensionierung von konkreten und abstrakten Risiken. Desweiteren bedarf es, um den verschiedenen Derivaten einen Preis zu geben, der Anwesenheit eines spezifischen ökonomischen Raumes – finanzielle Märkte -, an dem heute jeder Agent bzw. Marktteilnehmer ein bestimmtes Risikoprofil zugewiesen bekommt, das es überhaupt erst ermöglicht, kontingente Forderungen für und gegen ihn zu verhandeln bzw. auszupreisen. (Ebd.: 168) Es handelt sich hier um Markt-Felder, in denen die konkreten Risiken aktuell gestaltet, formiert und verglichen, um schließlich als abstrakte Risiken qua ihrer Inkorporation (Derivate) auch gehandelt zu werden. Dabei »normalisiert« der finanzielle Kapitalismus die Marktteilnehmer auf der Basis von Risiken; die Finanzmaschinen verteilen und streuen die verschiedenen konkreten Risiken auf die verschiedenen Teilnehmer (die sich in durchaus heterogenen Marktpopulationen aufhalten und dort auch in Konkurrenzbeziehungen zueinander zu treten), um schließlich die konkreten Risiken zu bündeln und ihnen dann als singuläre Risiken einen Preis zu geben und sie als solchermaßen abstrakte Risiken qua Derivate zu handeln. Wir kommen darauf noch genauer zurück. Während ausnahmslos alle Marktteilnehmer dem Risiko ausgesetzt sind, unterliegen sie jedoch keineswegs der Subsumtion unter identische Risikokategorien (die konkreten Risikoereignisse müssen deshalb einem Vergleich unterzogen werden), und selbst diejenigen, die sich in einer Umgebung ähnlicher Risikoeinschätzungen und Risiken befinden, besitzen deshalb noch lange nicht dieselben Möglichkeiten zur Realisierung dieser Risiken. (Ebd.: 161) Man denke etwa an die wirklich nicht jedem Marktteilnehmer offenstehende Möglichkeit zur Eröffnung eines sog. Margenkontos bei einer großen Bank, auf dem nach der Eröffnung das Eigenkapital des bevorzugten Marktteilnehmers liegt, und die sich daraus ergebende Möglichkeit zur Eröffnung eines sog. Handelskontos, auf dem die Bank dem Marktteilnehmer einen Kredit zum Handel von Optionen etc. zur Verfügung stellt, dessen Höhe das zehn- oder zwanzigfache seines Eigenkapitals betragen kann. Wir haben es also von vornherein mit einer spezifischen Formierung der verschiedenen Risikoprofile zu tun: Die Antizipation, Bewertung und Koordination von möglichen finanziellen Ereignissen und den sich daraus ergebenden Chancen zur Realisierung des jeweils gewünschten Ereignisses im Kontext einer notwendigen Bezeichnung des jeweiligen Risikoträgers. (Ebd.) Jeder Marktteilnehmer ist einerseits durch die Risiken, denen er ausgesetzt ist, gekennzeichnet, andererseits durch die verschiedenen Probabilitäten, die man den Risiken in Fragen ihrer Realisierung zuordnet, markiert oder exponiert.
Die Erstellung von Risikoprofilen lässt sich durchaus als ein Prozess der Normalisierung interpretieren, insoweit durch die Attribution dieser Profile an bestimmte Marktteilnehmer diese voneinander unterschieden und zugleich miteinander verglichen werden, um sie bezüglich des Risikos schließlich zu individualisieren. (Ebd.: 157ff.) Demzufolge haben wir es mit äußerst flexiblen Prozessen der Normalisierung zu tun, nämlich einer ganz spezifischen Art der Individualisierung im Kontext sozio-ökonomischer Machtrelationen, innerhalb derer ausnahmslos jeder Markteilnehmer als ein Risikofaktor gilt, von daher jeder Marktteilnehmer per se einem Risiko ausgesetzt ist, das ihn jeweils charakterisiert. (Ebd.: 161) Jedoch impliziert der Mechanismus der Individualisierung keineswegs die Affirmation einer abstrakten invarianten Norm, welche die Marktteilnehmer von vornherein zu inkorporieren haben, sondern die Normalisierung als ein Spiel von »Differenzial-Normalitäten« (Foucault) steht in Relation zu äußerst fluiden ökonomischen Verhältnissen, in denen die Marktteilnehmer sich befinden, wenn sie an den Märkten konkurrieren und mit dem Handel von Derivaten Profite realisieren, wobei stets zu berücksichtigen ist, dass die Marktteilnehmer gerade deswegen ständig miteinander verglichen werden müssen, und dies geschieht mit der Modellierung eines abstrakten Risikos qua Derivate, die wiederum gehandelt werden. (Ebd.: 162ff.) Das Normale, heute zumeist ein statistisches Modell, erweist sich als differenziell und fluid, zugleich auch als abstrakt; es wird aus der permanenten Evaluation von Informationen gewonnen, aus statistischen Erhebungen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen, mit denen ex post Normalitäten berechnet werden. Dieser Typ der Normalisierung, der auf keinerlei präskriptive Normen mehr beruht, bedarf der ständigen statistischen Formatierung der Risikoformationen, er benötigt spezifische Verfahren zur Herstellung statistischer Durchschnittswerte und Gleichgewichtsbedingungen.
S/M/L bringen erneut Foucaults Gouvernementalitätsstudien ins Spiel, die wir allerdings erst im nächsten Abschnitt, der das Phänomen der Verschuldung im Neoliberalismus unter die Lupe nimmt, genauer beleuchten wollen.8 Vorerst lässt sich nur sagen, dass Foucaults Analyse der Governance und der Konfiguration der spezifischen Technologien der Macht für die Analyse der Machtbeziehungen an den Finanzmärkten durchaus als nützlich einzustufen ist. (Ebd.: 162f.) Es stellt sich an dieser Stelle sofort die Frage, wie eine systemische Marktpopulation, die durch eine Vielfalt von Machtrelationen gekennzeichnet ist, über die Gliederungs- und Regulationsmechanismen des finanziellen Systems in einen Zustand versetzt werden kann, mit dem die Kohäsion und die Kontinuität ihrer wirtschaftlichen Verkehrsformen garantiert bleibt. Es geht weiterhin um die Frage, ob und wie das Konzept der Gouvernementalität oder das einer nicht-disziplinarischen Regulation hilfreich sein könnte, um die Ordnung und Organisation der Finanzmärkte selbst zu verstehen, wenn man davon ausgeht, dass verschiedene, ja differenzielle Machtrelationen an ihnen verstreut und verteilt sind. Um diese Frage zu beantworten, muss man, wie wir schon angedeutet haben, mit Foucault einen spezifischen Typus der Normalisierung, den die Finanzmärkte heute explizit vorführen, ins Blickfeld bekommen, nämlich die Normalisierung auf der Basis von Risiken.
Wir gehen von heterogenen Marktpopulationen aus, bei deren normalisierender Regulation man nicht nur auf die Unterscheidung, den Vergleich und die Individualisierung der Marktteilnehmer (im Rahmen der Machtrelationen) abzielt, sondern vor allem auch auf die Herstellung von ganz spezifischen Populationen, die wiederum in verschiedene »Agencies« aufgeteilt sind. (Ebd.: 164) Es handelt sich dabei um kollektive Phänomene, die man aus der Perspektive eines einzelnen Unternehmens überhaupt nicht zu erfassen vermag. Beispielsweise melden, egal welche individuellen Strategien denn nun angewandt werden, eine gewisse Anzahl an der Börse gelisteter Unternehmen in einer gegebenen Periode Insolvenz an. Und diese kollektiven Phänomene werden mit statistischen Modellen und Methoden erfasst. (Ebd.: 165) Dabei dienen diverse Technologien der Macht dazu, die Effektivität der Machtrelation im Kontext der jeweiligen Population zu organisieren und ihre Reproduktion abzusichern. Die Gouvernementalität der Marktpopulation und die Machttechnologien befinden sich jedoch nicht auf demselben Niveau, vielmehr sind die beiden Elemente der Macht als exklusiv und korrelativ aufzufassen und sie artikulieren sich nur in einer stetigen Auseinandersetzung. Die finanzielle Gouvernementalität hat also die Marktpopulation zu ihrem Objekt, wobei diese mittels ganz spezifischer Machttechnologien in die existierenden ökonomischen Machtrelationen integriert und damit immer auch schon modifiziert wird. Es handelt sich hier um kollektive Phänomene, die aleatorisch und unvorhersehbar sind, und nur seriell, das heißt über bestimmte Zeitperioden hinweg, die die Gegenwartsdauer einschließen, studiert werden können. Und diese kollektiven Phänomene – Machtrelationen und Machttechnologien – inkludieren das ökonomische Mathem, den Einsatz statistischer Methoden und Modelle, von Messungen und weiteren Generalisierungen und Regulationen. Der Sachverhalt, dass das Risiko jedoch nicht einfach nur an die mathematische Kalkulation angekoppelt oder als eine Form des Nicht-Wissens über Ungewissheit zu verstehen ist, sondern zugleich eine soziale Seinsweise bekräftigt, bedeutet weiterhin, dass das Kapital in einer ganz spezifischen Art und Weise seine sozialen Relationen ausdrücken muss, nämlich als das Zusammenspiel von Repräsentation und Pragmatik, welche eben über den Einsatz von Modellen der Wahrscheinlichkeitsrechnung im Rahmen des ökonomischen Mathems bestimmte Machtbeziehungen sedimentiert.9 Die gegenwärtigen strukturellen Prozesse der Kapitalisierung bedürfen also unbedingt der Designation/Markierung des Risikos, das strukturell zu erfassen ist.
Die Autoren Dick Bryan und Michael Rafferty argumentieren in ihrem Buch Capitalism with Derivatives, dass das System der Derivate inzwischen eine zentrale Rolle im modernen Kapitalismus übernommen habe, die weit über den Stellenwert der Derivate, die diese in den aktuellen wirtschaftswissenschaftlichen Diskursen besäßen, hinausginge, insoweit das Derivat in diesen Diskursen ausschließlich im Kontext der Figur »hedging-speculation« betrachtet würde. (Bryan/Rafferty 2006: 17) Das System der Derivate ermögliche aber neben einer spekulativen Verwertung die differenzielle und zugleich effektive Kalibration und Organisation der finanziellen Investments und der finanziellen Entscheidungen der Einzelkapitale, ja im Vergleich zu früheren kapitalistischen Produktionsmethoden ermögliche das derivative System auch eine weitaus feinere Justierung der Preise der Produktionsmittel und des Anleihekapitals an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten. (Ebd.: 17, 172-173). Mit der Parallelschaltung von hedging/finanzielle Spekulation und der Funktion der Kontrolle hat das System der Derivate eine determinierende Rolle in der derzeitigen Gestaltung des ökonomischen Weltmarktes übernommen, indem es zukünftig zu realisierende Einkommens- und Vermögensströme, die in Profiten, Dividenden oder Zinsen resultieren, in handelbare Assets transformiert und damit die Dynamik der Kapitalkkumulation auf globaler Ebene ganz entscheidend umstrukturiert. Die Analyse von Bryan/Rafferty gipfelt schließlich in der Aussage, dass die Derivate als eine neue Form des globalen Geldes vorzustellen seien, das heute eine Rolle spiele, die man mit der des Goldes vergleichen könne, die dieses im 19. Jahrhundert gespielt habe, nämlich die eines Ankers des gesamten ökonomischen Systems. (Ebd.: 133).
Insofern Bryan/Rafferty die Finanzialisierung als einen der Kapitalverwertung immanenten Prozess vorstellen, geht es ihnen nicht nur um die Darstellung der Art und Weise, wie dieser Prozess eine Balance bzw. ein (unstabiles) Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Klassen und Klassenfraktionen, vor allem innerhalb der herrschenden Klasse selbst, stiftet und zugleich mittels der Flexibilisierung der ökonomischen Volatilität die Profitmaximierung vorantreibt, sondern auch darum, wie dieser Prozess die kollektiven Perzeptionen und Registrationsweisen der Klassen an den Finanzmärkten konstituiert. Nicht nur wenden sich Bryan/Rafferty ganz entschieden gegen die in den kritischen Wirtschaftswissenschaften vieldiskuierten Szenarien, mit denen die Finance im Kontext kapitalistischer Gesamtkapitalreproduktion als hypertroph und dysfunktional beschrieben wird, sozusagen als die Enstellung eines wahren Kapitalismus – sie unterscheiden sich auch klar von solchen Theorieansätzen, die verkünden, dass die gegenwärtige globale finanzielle Situation hauptsächlich das Problem der Spekulation im Sinne der Exekution der Profitgier von ethisch unbedarften Bankern beträfe. Im Gegenteil, Bryan/Rafferty wollen die Fianzialisierung als eine immanente Entwicklung der kapitalistischen Akkumulation strukturell erfassen, um damit eine Neubewertung von Arbeit und Kapital voranzutreiben. (Ebd.: 460) Die Autoren unterschätzen aber nach Ansicht von S/M/L die Aussagekraft der Marx`schen analytischen Kategorien, die zum Verständnis der gegenwärtigen Organisation des Kapitalismus notwendig sind, insofern man davon ausgehen kann, dass Marx eine theoretische Problematik angeboten hat, ja in Ansätzen schon ein theoretisches Feld ausgearbeitet hat, innerhalb dessen adäquate Begriffe und deren Konstellationen definiert worden sind, die es auch erlauben, Probleme und Fragen der gegenwärtigen Reproduktion des finanziellen Kapitals und der aktuellen Organisation von Klassenmacht zu stellen. Marx` Analyse des finanziellen Kapitals bliebe daher, so sehen es jedenfalls S/M/L, nach wie vor emiment brauchbar, wenn es darum ginge, die sozio-ökonomischen Mechanismen der gegenwärtigen Wirkungsweisen des dominanten Finanzregimes zu verstehen. Dies zeige sich schließlich auch daran, dass Bryan/Rafferty am Ende selbst argumentierten, dass Securitization und Derivate heute integrativer Bestandteil fast jeden Verwertungszyklus des Kapitals seien. So müssen die Preise derjenigen Wertpapiere, die man an den Finanzmärkten in Bezug auf die durchschnittlichen Profit- und Zinsraten als »under-performing« einschätzt, unverzüglich »abgeschrieben« werden, und dies erfolgt über die kontinuierliche Flexibilisierung der Preise der Sicherheiten und der Derivate. Bryan/Rafferty argumentieren also, dass die Finanzialisierung und die ihr entsprechenden Derivatsysteme auf globaler Ebene eine gründliche Überprüfung, Bewertung und den Vergleich von Kapitalanlagen ermöglichen, um deren jeweilige Kapazitäten hinsichtlich der Generierung von Profiten und Renten in Zukunft zu kalkulieren, wobei S/M/L an dieser Stelle zwar zustimmen, aber auch sagen, dass man die Derivate nicht als eine neue Form globalen Geldes definieren sollte, denn die mehr oder weniger akkurate Bewertung der Derivate bezöge sich ja von vornherein auf ihre grundlegende Eigenschaft, nämlich als Waren einen Preis zu haben. Jedes Derivat, das S/M/L grundsätzlich als eine Ware identifizieren, besitzt einen Preis, sogar solche, die an den OTC-Märkten gehandelt werden und extrem an die partikularen Bedürfnisse der Investoren angepasst sind. Die Preisgestaltung inkludiert eine systemische Bewertung, in die stets konkrete und abstrakte Risiken involviert sind, die aber nicht immer market-to-market, i.e. nicht immer »offen« getradet werden müssen. Aber selbst in diesem Fall inkludiert die Bewirtschaftung eines internen Portfolios durch ein Unternehmen die Bilanzierung von Verlusten und Gewinnen.
Es muss nun gefragt werden, wie die konkreten sozio-ökonomischen Bedingungen einzuschätzen sind, die die Kommodifizierung bzw. Kapitalisierung des Geldkapitals und damit die Quantifizierung von sozialen Machtbeziehungen ermöglichen. Und wie verbessert der Handel der Derivate die Verwertung der Investitionen und Kapitalanlagen von Unternehmen und stabilisiert und intensiviert damit die Organisation der kapitalistischen Machtrelationen? Wenn man mittels der Derivate die Anlagenbestände, Firmenvermögen und Kreditvolumina bewertet, um damit zugleich wichtige Informationen für die Preisgestaltung der Wertpapiere bereitzustellen, die wiederum auf jene Bewertungen zurückwirken, wie wirkt sich dann diese Art der kompetitiven Komputation von Preisen auf die Prozesse der kapitalistischen Akkumulation insgesamt aus? Man kann zunächst davon ausgehen, dass die Finanzmaschinen eine flexible Normalisierung auf der Basis von Risiken vorantreiben, indem sie den verschiedenen Marktteilnehmern ganz spezifische Risikoprofile zuordnen, wobei die Analyse solcher Prozesse allerdings nicht in die Generalisierung einer Norm, etwa die der universellen Subjektivität, sei es der universell verschuldete Mensch (Lazzarato) oder der Unternehmer seiner Selbst (Foucault), münden sollte. Denn so entsteht tatsächlich die Gefahr, dass die Analyse ein bestimmtes Bild des Denkens (des Majoritären) reproduziert, das in quasi tautologischer Weise die (empirische) Normalität auf der Basis von Risiken an eine Technologie der Macht bindet, die die Marktteilnehmer einer quasi-transzendentalen Norm zuführt, die wiederum als Normalisierung fungiert. Es gilt vielmehr die Prozesse der Risikoproduktion in ihren virtuell-aktuellen Dynamiken zu erfassen, die im Rahmen der differenziellen Strukturen der finanziellen Ökonomie wirken. Wenn kapitalistische Unternehmen, die an die Finanzmärkte gehen, um dort Anleihen zu verkaufen oder Kreditverträge oder Versicherungen abzuschließen, Risikoprofile benötigen, deren Gliederung und Kontur zum großen Teil davon abhängt, inwieweit die Unternehmen nach Ansicht der maßgebenden Finanzmaschinen in einer kompetitiven ökonomischen Umgebung in der Lage sind, effektive Profitstrategien zu verfolgen, dann unterstreicht dies zunächst die »Logik« jeder kapitalistischen Verwertung, deren Ziel eben schlicht und einfach Profitabilität heißt, die wiederum aktualisiert werden muss. Komplementär dazu benötigt heute ein kapitalistischer Staat als souveräner Schuldner ein Riskoprofil, das seine Fähigkeit artikuliert, eine neoliberale Hegemonie qua Austeritätspolitik auszuüben, ohne dass es zum Ausbruch der von den herrschenden Kapitalfraktionen so gefürchteten Klassenauseinandersetzungen kommt. Und das Risikoprofil eines Lohnempfängers basiert in großem Maße auf seiner Fügsamkeit in Sachen Affirmation von kapitalkonform regulierten Arbeitsverhältnissen. Man sollte desweiteren davon ausgehen, dass die Finanzmaschinen im Rahmen der Normalisierungsprozesse auf der Basis des Risikos nicht nur die Riskoprofile differenziell ausstreuen, sondern auch kontinuierlich Tests durchführen, die eine ganz bestimmte Pragmatik der Marktteilnehmer im Kontext der differenziellen Verteilung des Risikos auf der Basis der monetären Kapitalisierung einfordern. Normalisierung als Risikoproduktion ist den Mechanismen der Finanzmärkte immanent und erfordert eine spezifische Technologie der Macht (Finanzialisierung), die das finanzielle Kapital den Strategien der verschiedenen Marktteilnehmer implementiert, damit es zu einer halbwegs stabilen Organisation der kapitalistischen Machtrelationen kommt, und dies ganz im Sinne der ökonomischen und der politischen Effizienzsteigerung von Unternehmen, Staat und Haushalten. (Vgl. Sotiropoulos/Milios/Lapatsioras 2013a: 168) Als eine Technologie der Macht wirkt sich die Finanzialisierung auch direkt auf die Bilanzierung, Finanzierung und die Kreditierung von Unternehmen aus. Dabei kommt es keineswegs zur Eliminierung von Risiken, indem man sie etwa hedged, sondern die Risiken werden gehandelt, diversifiziert und gebündelt bzw. verpackt. Und hierbei lässt sich eine Kapitalisierung von beiden Seiten der Unternehmensbilanzen feststellen: Es erfolgt sowohl die Securitization der Schuldenobligationen (Passiva) als auch die Securitization der Einkommensperspektiven (Aktiva). (Ebd.: 227) (Der Hochfrequenzhandel darf hier als ein weiteres Beispiel für die Prozesse des spekulativen Kapitals gelten, das in die Arbitrage engagiert ist, wenn bspw. zwei äquivalente Positionen simultan gekauft werden oder zumindest so instantan wie nur möglich, um situativ und zeitgebunden mit Gewinn zu handeln. Die Zeit gilt hier als das Risiko; es geht für die Unternehmen darum, die Zeit als die Phase zwischen Kauf und Verkauf immer weiter zu reduzieren. Der Hochfrequenzhandel hat das heute bis zur n-ten Potenz erhoben.)
Wenn ein Marktteilnehmer in den Mechanismus der Risikoproduktion integriert wird, und damit bestimmte sozio-ökonomische Praktiken inkorporiert, die ihn als Träger eines Risikoprofils individualisieren, dann ist er logischerweise gezwungen ein spezifisches Risikomanagement zu betreiben, was einerseits eine Versicherung oder das Hedgen gegen Risiken beinhaltet, andererseits für ihn die Möglichkeit offenhält, Risiken offensiv zu handeln und auszubeuten, das heißt spezifische Strategien auszuüben, welche die Effizienz seiner Unternehmungen befördern, um das partikulare Ziel der Profitmaximierung weiter verfolgen zu können, so wie es die sozio-ökonomischen Machtrelationen und Akkumulationsdynamiken auf der Ebene des Gesamtkapitals weitestgehend definieren bzw. verlangen. (Ebd.: 169f.) Zusammengenommen skizzieren diese beiden Momente des Risikomanagements eine komplexe Technologie der Macht. Generell impliziert die Risikokalkulation eine systemische Evaluation jedes einzelnen Marktteilnehmers, und dies hinsichlich der Effektivität seines jeweiligen Risikomanagements und der in ihm implementierten Ziele, i.e. jeder Marktteilnehmer lebt das Risiko als seine eigene Realität und ist zugleich in seiner Rolle als Risikonehmer be- und gefangen. Dieser Prozess birgt in sich die komplexen Konturen und Konstellationen einer Technologie der Macht. (Ebd.: 164) Und zu ihrer Ausgestaltung bedarf es wiederum eines komplexen Ensembles von verschiedenen sozialen Institutionen, Wissensanordnungen, analytischen Diskursen und Taktiken: Banken, Hedgefonds und Versicherungen mit ihren hochspezialisierten Forschungsabteilungen, Rating-Agenturen, Zeitschriften, Think Thanks etc. Und in diesem Sinne fordert die Risikokalkulation (im Kontext der Preisbildung der Derivate) nicht nur die Macht über die Zukunft, sondern auch die Kontrolle über die Gegenwart ein.
Es gilt an dieser Stelle anzumerken, dass man die Implementierung der Finanzialisierung in den vollen Kapitalkörper nicht verstehen kann, wenn man nicht die Struktur der Kommensurabilität beschreibt, mit der die differenten konkreten Risiken überhaupt erst vergleich- und messbar werden. Die differenten Risikoprofile umfassen verschiedene konkrete Risiken, wobei zunächst die Wahrscheinlichkeiten der Realisierung der Risiken zu beachten sind, insofern mit dem Einsatz der Stochastik der Handel von Risiken überhaupt erst möglich erscheint. Wir haben schon in der Auseinandersetzung mit Elie Ayache darauf hingewiesen, dass dies mit Blick auf das Problem der Kontingenz auch anders akzentuiert werden kann. Wenn es keine Garantie dafür gäbe, dass die signifikant differenten Typen von konkreten Risiken mittels eines höchst differenziellen und zugleich allgemeinen »Maßes«, welches das ökonomische Mathem des Geldes supplementiert, miteinander verglichen werden könnten, dann ließe sich die Finanzialisierung weder als eine normalisierende Machttechnologie bestimmen, noch deren Funktionsweise im Rahmen des Kapitals als Gesamtkomplexion strukturell erfassen. Um die Normalisierung auf Basis des Risikos im Kontext der sozio-ökonomischen Machtbeziehungen zu konzeptualisieren, erscheint es also evident, dass verschiedene Typen des konkreten Risikos in eine singuläre und abstrakte Dimension transformiert werden müssen, deren Form wiederum in Geld ausgedrückt wird. (Ebd.: 178) Und dabei stellen die finanziellen Derivate eine effektive Lösung hinsichtlich der Kommensurabilität der konkreten Risiken dar. Die derivativen Instrumente und ihre Märkte, an denen die Unternehmen ihre Risiken kommodifizieren oder kapitalisieren, spielen eine ganz entscheidende Rolle für die Funktionsweisen der Finanzialisierung, sowohl hinsichtlich einer Technologie der Macht als auch bezüglich der Vertiefung der monetären Kapitalisierung. (Ebd. 155ff.) Erst mit Hilfe der Derivate erscheint es möglich, differente Kategorien und Typen des konkreten Risikos zu vergleichen bzw. zu bündeln, und damit stabilisieren und verstärken die Derivate die Kapitalisierung und zugleich die Kontrollfunktionen der Finanzialisierung, indem sie in einer homogenisierenden und zugleich differenzierenden Art und Weise verschiedene Aspekte der monetären Zirkulation des Kapitals bewerten und repräsentieren – die Fianzialisierung ist damit auf keinen Fall als die wilde Bestie der Spekulation zu begreifen, sondern sie stellt eine notwendige Bedingung dar, damit vor allem die dominanten Kapitale ihre erweiterte Reproduktion als Macht absichern können.
Der Aufstieg der Derivatmärkte bedeutet heute nicht weniger (unproduktive Tätigkeiten oder Spekulation), sondern höhere Exploitation, so sehen es jedenfalls S/M/L, wobei an dieser Stelle hinsichtlich der Profitmaximierungsstrategien der Unternehmen nicht auf die Steigerung der absoluten Profitsummen, sondern auf die Erhöhung der Profitraten zu rekurrieren wäre. Wenn bspw. Kapitalist A 1000 Euro investiert und 200 Euro Gewinn realisiert, und Kapitalist B investiert 100 Euro und realisiert 50 Euro Gewinn, dann ist es unter Umständen Kapitalist A, der vom Markt verschwindet, und eben nicht Kapitalist B. Kapitalist A hätte nämlich in den Produktionsprozess von Kapitalist B (oder Finance, Handel oder was auch immer) investieren und damit einen Profit von 500 Euro anstatt 200 Euro, bezogen auf sein Kapital, realisieren können, und die Funktion der Finance besteht exakt darin, solcherlei Aufteilungen, Transformationen und Verschiebungen von Investments mit einer hohen Fluidität zu ermöglichen, womit es auf der makroökonomischen Ebene zur Bildung von durchschnittlichen Profitraten kommt und zugleich zu ihrem ungleichgewichtigen Anstieg (Extraprofite auf der mikroökonomischen Ebene). Es geht hier auch um die Disponibilität von Zinsraten, die uns in der Finanzliteratur ständig angepriesen wird. Somit erlaubt es die Analyse der Profitraten bzw des Verhältnisses von Profit- und Zinsraten, warum von bestimmten Unternehmensgruppen unter Umständen dann doch keine Investitionen getätigt werden, und zwar unter anderem aufgrund der in der marxistischen Theoriebildung nach wir vor stark diskutierten Problematik einer tendenziell fallenden Profitrate (Kliman, Roberts, Shaikh etc.). Wir kommen darauf im letzten Abschnitt unserer Schrift noch einmal etwas ausführlicher zu sprechen. Es gilt festzuhalten, dass die moderne Finance weder eine Gefährdung des »Realkapitals« darstellt, noch ausdrücklich eine stukturelle Schwäche des Kapitals (allgemeiner Fall der Profitraten) symbolisiert, vielmehr setzt die Finance als eine spezifische Technologie der Macht (neben ihrer Funktion der Verwertung von Geldkapital) die »Gesetze« des Kapitals effektiver durch denn je, ja sie flexibilisiert die dem gegenwärtigen globalen Kapital eigenen Axiomatiken und Regeln, wobei eben die Derivate als ein integrativer Teil der transversalen Kapitalakkkumulation zu verstehen sind, indem sie die Einzelkapitale auf Grundlage der Risikoproduktion differenzieren, aber damit zugleich deren Verwertungsstrategien im Sinne der Effizienzsteigerung auch vergleichbar machen und effektivieren. Es kommt zur Mobilisierung der Einzelkapitale, wenn konkrete Risiken in einem singulären und zugleich abstrakten Risiko zusammengefasst werden und man dieses dann als Derivat handelt, und zwar immer mit dem Zweck, die Profitmaximierung jedes einzelnen ökonomischen Investments zu realisieren.
S/M/L erläutern die verschiedenen Stadien und Prozesse der Finanzialisierung anhand eines ganz einfachen Beispiels (ebd.: 170ff.): Ein Akteur A kauft ein Wertpapier S, welches eine Reihe von konkreten ökonomischen Risiken beinhaltet, die eine wichtige Rolle in den weiteren Preisbildungsprozessen des Wertpapiers spielen. Dabei werden in diesem Beispiel die konkreten Risiken auf zwei Risiken reduziert: Zinsraten- und Ausfallrisiko. Akteur A tritt z. B. in eine Relation mit Akteur B, der einen US Treasury Bond hält. Die beiden Akteure einigen sich darauf, ihre Wertpapiere auszutauschen. Akteur A überschreibt das Wertpapier mit all seinen künftigen Forderungen und Zahlungen, die in es involviert sind, und erhält dafür einen Long Term Bond mit derselben Laufzeit, innerhalb derer alle im US Treasury Bond involvierten Zahlungen stattfinden, womit Akteur B nun das Ausfallrisiko des Wertpapiers S übernimmt. Gleichzeitig kann Akteur A ein Zinsratenrisko an einen Akteur C zu verkaufen, der als Halter eines US Treasury Bills ebenfalls ein Zinsratenrisiko verkaufen will. Zu Zeiten von Veblen und Keynes bis hin zum Fall von Bretton Woods beruhte die Mehrheit der finanziellen Transaktionen, die an den Geldmärkten vollzogen wurden, auf dieser Art des Handels bzw. der Bilanzierung. Dabei war die Portfolio-Diversifikation die signifikante Strategie im Rahmen des jeweiligen Risikomanagements.
Im Zuge des unaufhörlichen globalen Aufstiegs der derivativen Märkte wurde jedoch das Risikomanagement von dieser Art des Austauschs entkoppelt: Um bei dem obigen Beispiel zu bleiben (ebd.: 171): Es gelingt nun den drei Marktteilnehmern, weitere Risikopotenziale zu absorbieren, indem sie rein die auf ihre Titel künftig anfallenden Zahlungsströme austauschen, oder um es anders zu sagen, sie handeln fortlaufende derivative Verträge, die rein auf die Kapitalisierung der Zahlungsströme in der Zukunft ausgerichtet sind. Anstatt also nur Eigentumstitel auszutauschen, gehen die Akteure nun weitere Risiken ein, indem sie die künftigen Zahlungsströme, welche diese Titel involvieren, austauschen und gegeneinander verrechnen. Akteur A hält nun zwar weiterhin das Wertpapier S, aber er tauscht die auf es bezogenen, künftigen Cashflows mit denjenigen Cashflows aus, die einer Sequenz von künftigen Zahlungsströmem der Treasury Bonds und Bills entsprechen. Akteur A ist der einzige, der ein Wertpapier S hält, und die Akteure B und C tragen isoliert das jeweilige Zinsraten- und Ausfallsrisiko. Während der Akteur B beim Ausfall der Wertpapiers das Risiko trägt, muss der Akteur C bei einer Erhöhung der kurzfristigen Zinsrate mit Verlusten rechnen. Diese Art der Übereinkunft impliziert den Abschluss eines CDS (credit default swap) und eines IRS (interest rate swap). Und Akteur A gilt in der ökonomischen Literatur gemeinhin als der Käufer des CDS und des IRS. (Ebd.172)
In der Lehrbuchdefinition wird das Derivat, wie wir das ja schon mehrmals gesehen haben, als ein vom unterliegenden Asset oder Ware abgeleiteter Vertrag definiert, aber auch S/M/L weisen ganz in unserem Sinne darauf hin, dass man mit solch einer Definition nicht präzise zwischen Derivaten und klassischen finanziellen Sicherheiten (Option, Future etc.) unterscheiden könne. (In diesem Kontext sind Bonds oder Aktien als primitive Optionen anzusehen, insofern in einem Regime mit begrenzter Haftung der maximale Verlust ihr bekannter Anschaffungspreis ist.) Bei Derivaten können konkrete Risiken, beim obigen Beispiel nur das Ausfall- und Zinsratenrisiko, sozusagen aus dem ursprünglichen Wertpapier ausgelagert, und daraufhin geschnitten, gebündelt, transferiert und autonom, das heißt unabhängig von der Preisbewegung der Basiswerte gehandelt werden, ohne dass eben das jeweilige Eigentum einer unterliegenden Ware oder der Preis des ursprünglichen Eigentumstitels überhaupt berührt wird. Dieses »repacking« von konkreten Risiken inkludiert die Preisbildungsprozesse und den Handel von abstrakten Risiken. Obgleich man das Zinsraten- und das Ausfallrisko als Bündelungen diverser konkreter Risikokomponenten ansehen kann, erscheint es sinnvoll auch diese Risiken als eine spezifische derivative Form zu begreifen, insofern sie aktuell zu einem komplexen Bündel von bestimmten Operationen an den Märkten geschnürt werden. Somit sind CDS und IRS als eine Kondensierung bzw. Bündelung von spot market-Transaktionen in ein einziges finanzielles Instrument aufzufassen. (Ebd.) S/M/L weisen darauf hin, dass Derivate, ihrer Ansicht nach Waren sui generis, erst dann als die Objektivierung eines abstrakten Risikos fungieren, wenn verschiedene Typen von Assets/Sicherheiten in einem einzigen Asset/Sicherheit gemischt und/oder darin zusammengefasst sind. (Ebd.) Diese (virtuelle) Realität als Wert – Ware, die einen Preis besitzt, ergo ein je schon ein monetär quantifiziertes ökonomisches Objekt, das allerdings realisiert werden sollte – ermöglicht die Kommensuration von heterogenen konkreten Risiken, oder um es anders zu sagen, diese Realität als Ware bedeutet eine Abstraktion von der realen Ungleichheit der konkreten Risiken, indem diese auf ein singuläres soziales Attribut reduziert werden: Abstraktes Risiko. In diesem Kontext findet an den Finanzmärkten – ökonomische Räume sui generis – die Bewertung der Einzelkapitale und die Beförderung von partikularen Formen der Finanzierung im Zuge der Durchsetzung von Profitmaximierungsstrategien statt. Und dabei haben die Derivate und all die anderen modernen exotischen Elemente und Innovationen als notwendige multilineare »Instrumente« eines finanziellen Systems zu gelten, mit denen es zur Implementierung der Finanzialisierung in den Gesamtreproduktionsprozess des Kapitals kommt, gerade indem die Derivate eine formative Perspektive auf die aktuellen konkreten Risiken werfen, sie kommensurabel machen und damit ihre Heterogenität auf eine einzige Singularität reduzieren. Natürlich kommt es immer wieder auch zu Dysfunktionalitäten in den Mechanismen der Finanzmärkte, aber diese sind als Teil der Klassenkämpfe in den diversen finanziellen Milieus selbst zu verstehen.
Traditionelle marxistische oder heterodoxe Ökonomen argumentieren jedoch nach wie vor, dass die Derivatproduktion nur als eine weitere fatale Loslösung von der klassischen kapitalistischen Produktion aufzufassen sei, wobei die letztere zumindest in der marxistischen Tradition als der Prozess der Ausbeutung begriffen werden muss. Letztendlich kommen diese Argumentationen allesamt zu demselben Schluss: Die Entwicklung der Derivateindustrie sei mit einem Rückgang an Ausbeutung von lebendiger Arbeit in Verbindung zu bringen, insofern der archetypische bzw. klassisch industrielle Sektor der Ökonomie generell im Niedergang begriffen sei (tendenzieller Fall der Profitrate). Im Gegensatz dazu argumentieren S/M/L, dass die moderne Finance eine zwar partikulare, aber doch zugleich eine äußerst effektive Weise der Organisation kapitalistischer Realität (auf der Ebene des Einzel- und des Gesamtkapitals) darstelle, welche sogar zu einer Erhöhung der Profitraten führen könne, und dafür würden eben die Derivate die entsprechenden intermediären Instrumente bereitstellen. S/M/L schreiben: »Nevertheless, in the spirit of Marx’s analysis we argue for a different causality nexus than the one dominant in heterodox discussions. Increased indebtedness, based on competition – driven financial innovation, makes room for lower real wages and not vice versa. From a Marxian point of view, it is absolutely misleading to associate the contemporary rise of debt with workers’ underconsumption or poor economic capitalist performance in Western societies. As will become evident in the rest of this book, the rise of finance does not imply a weak but a strong and deeply established capitalism, when the
latter is seen as system of class exploitation and capital valorization in the context of Marx’s analysis.« (Ebd.: 56-57)
Wie wir schon gesehen haben, normalisieren die Mechanismen der Kapitalisierung an den Finanzmärkten die verschiedenen Marktteilnehmer auf der Basis von Risiken. Verschiedene konkrete Risiken sind mit verschiedenen Risikoprofilen assoziiert, die wiederum verschiedene Möglichkeiten der Realisierung der Risiken anzeigen. Zunächst kann der Prozess der Normalisierung qua Fianzialisierung so viele Versionen beinhalten wie es eben subjektive Erwartungen über die Entwicklung zukünftiger Einkommensströme gibt. (Ebd.: 174) Wir sollten uns deshalb an dieser Stelle noch einmal fragen: Kann es überhaupt so etwas wie eine Universalität bzw. eine Art allgemeiner Messung hinsichtlich der verschiedenen (subjektiven) Risikoerwartungen geben? Kann es überhaupt zu einem Vergleich von verschiedenen konkreten Risiken auf Grundlage einer gemeinsamen, objektiven Messung kommen? Vorausgesetzt, es gibt eine Relation zwischen den Prozessen der Normalisierung auf Basis des Risikos und einer allgemeinen Organisation sozio-ökonomischer Verwertungsprozesse und Machtrelationen im Kapitalismus, so erscheint es notwendig, dass verschiedene Typen von Risiken, a) als singulär b) monodimensional einzustufen sind, und c) in einer objektiven Art und Weise verglichen werden müssen. (Ebd.: 174) Gerade weil jede singuläre Risikostrategie im Rahmen der kapitalistischen Ökonomie ein einziges Ziel (monodimensionale Maximierung des Profits) verfolgt, gibt es stets auch Abweichungen (Risiken hier als »Anormalitäten« im Kontext der Normalisierungsprozeduren verstanden) und Verschiebungen der Strategien, die als heterogen und multipel in ihren Charakteristiken und Möglichkeiten aufzufassen sind. Erfolgt die Realisierung kapitalistischer Effizienz zunächst als mono-dimensionaler (profitorientierter) Prozess, so lässt sich dies jedoch nicht über die Risikobewertung aussagen: Hier gibt es verschiedene Kategorisierungen und subjektive Gesichtspunkte auf die Risiken, aber gerade deswegen muss der Prozess der Normalisierung auf der Basis von Risiken auf die Vergleichbarkeit der konkreten Risiken abstellen, ansonsten würde der finanzielle Reproduktionsprozess des Gesamtkapitals über kurz oder lang wohl ganz auseinanderbrechen.
Hier kommen nun die Derivate ins Spiel, weil man mit ihrer Hilfe die differenten konkreten Risiken vergleichen und eine Art objektiver Messung in Gang setzen kann. Mit ihnen kommt es zudem zur Auflösung der Multidimensionalität und Multisubjektivität verschiedener Risikodimensionen, die nun wiederum auf ein einziges singuläres und objektives Niveau reduziert werden, i.e. es wird ein System etabliert, das zu einer singulären und zugleich homogenen bzw. sozial bestätigten Messung von differenten Risiken zumindest tendiert. Man nehme bspw. an, dass im Framework des CAPM-Modells der Term »beta« eine quantifizierte Bewertung des Risikos jedes einzelnen Assets beinhaltet. (Eine andere Möglichkeit Messungen auszuführen, besteht darin, den Spread zwischen discounting interest rates zu untersuchen.) Alle Assets mit einem gegebenen/identischen »beta« können jetzt als perfekte Subsitute unter dem Gesichtspunkt des Risikos betrachtet werden. Dies gilt jedoch nicht für jedes einzelne konkrete Risiko, das in die Sicherheiten involviert ist, denn die Kommensuration der verschiedenen Assets ist nicht gleich der Kommensuration der verschiedenen konkreten Risiken, da jedes einzelne Asset verschiedene Typen von konkreten Risiken inkorporiert. Der Vergleich der verschiedenen Risiken ist also nur mit Hilfe der Derivate möglich. (CDOs in diesem Fall. Wir haben das oben schon dargestellt.) Selbst wenn man nun annehmen würde, dass das »beta« eine adäquate Messung für jedes einzelne Risiko, das in einem Asset enthalten ist, ausdrücken könnte, wäre das nocht nicht ausreichend, um die einzelnen konkreten Risiken zu vergleichen, weil »beta« eine Kalkulation beinhaltet, die nicht von jedem Marktteilnehmer akzeptiert werden muss, während der monetäre Wert der Derivate doch so etwas wie eine »objektive« Messung darstellt, die von jedem Marktteilnehmer im Zuge seiner alltäglichen finanziellen Transaktionen anerkannt wird. (Ebd.: 243) Nur mit Hilfe der Derivate, deren Handel unabhängig von den zugrundeliegenden Basiswerten erfolgt, sind heute die Prozesse der Preisbildung von (abstrakten) Risiken überhaupt erst möglich. Gleichzeitig gilt es festzuhalten, das mit dem Handel von Derivaten das abstrakte Risiko je schon in Geld gemessen wird. Wie lässt dieser Prozess der Kapitalisierung qua Derivate sich nun auf die wichtigsten Aussagen der marxsche Wertanalyse beziehen?
S/M/L führen zunächst wieder ein simples Beispiel vor (ebd.: 176f) : Davon ausgehend, dass der Swap als eine Keimform für alle typischen finanziellen Derivate zu gelten hat, führen sie einen trivialen fixed-for-floating rate swap ein. (Ebd.:175) Generell handelt es sich beim Swap um einen beiderseitig abgeschlossenen Vertrag, der dazu dient, die zukünftigen Cash Flows von Assets, die auf Risiken basieren, auszutauschen (unter ganz bestimmten Bedingungen natürlich). Man nehme nun an, dass das Asset A aus einer Staatsanleihe eines souveränen, entwickelten kapitalistischen Landes besteht, das ein fixes, festverzinsliches Einkommen Ra garantiert, während B ein Darlehen ist, das ein kapitalistisches Unternehmen aufnimmt, und zwar mit einer flottierenden Zinsrate Rb. .Auf einem abstrakten Level bringt nun der fixed-for-floating rate swap quasi in sich selbst den Vergleich zwischen zwei zukünftigen Geldströmen zum Ausdruck (zwei differente Gewinnströme werden getauscht):
x ·Ra= y ·Rb. (Ebd.: 176)
Diese Gleichung zeigt keineswegs den Tausch von zwei verschiedenen Warenarten an, sondern es werden zwei differente, auf die Zukunft bezogene Rendite- bzw. Einkommensströme ausgetauscht, ja zwei verschiedene Arten von »securities«. Wobei es festzuhalten gilt, dass im Gegensatz zur marxschen (einfachen) Wertform keiner der beiden Einkommensströme seinen Wert in einem anderen Wert ausdrückt, denn der Wertausdruck der Einkommensströme ist je schon etabliert, da die zukünftigen Einkommensstöme prinzipiell in Geld gemessen und getauscht werden. Von daher kann man keineswegs davon ausgehen, dass Derivate ähnlich einem aggregierten System verschiedene Währungen, Zinsraten oder differente Assets miteinander vergleichen, vielmehr ist dieser Vergleich durch das Geld je schon gesetzt. Es gibt jedoch eine ganz andere Art der Kommensuration, nämlich, indem man die verschiedenen konkreten Risiken zu abstrakten Risiken transformiert, die wiederum von Swaps/Derivate inkorporiert werden, die an den Derivatmärkten einen Preis besitzen, der wiederum Teil ihrer Kommodifizierung/Kapitalisierung ist.
Die zukünftigen Einkommensströme Ra und Rb sind also je schon auf monetärer Ebene kommensurabel. Wie muss man nun die supplementären sozio-ökonomischen Bedingungen verstehen, die notwendig sind, damit es zu einem quantitativen Vergleich der Rate x/y kommen kann? Die beiden Einkommensströme lassen sich nur dann in Geld messen und austauschen, wenn die sozio-ökonomischen Relationen, nämlich die der staatlichen Governance im Fall A und die der Exploitation im Fall B in einem gewissen Maße einheitlich, das heißt zur Zufriedenheit der Märkte repräsentiert werden, wass eben eine Art Vergleich der Assets (neben ihrer Messung in Geld) erfordert. Die obige Gleichung basiert auf dieser fundamentalen Bedingung: Es wird eine Serie von Klassenkonflikten, die je schon als Risiken identifiziert und in die kapitalistische Verwertung eingebunden sind, dem Vergleich ausgesetzt, oder um es anders zu sagen, der Vergleich der beiden zukünftigen Einkommensströme, die je schon in Geld ausgedrückt sind, bedarf zusätzlich einer objektiven Repräsentation und Kommensuration des Universums der konkreten Risiken (das je schon der Verwertung des Geldkapitals unterworfen ist). In diesem Zusammenhang basiert die neue institutionelle Qualität des finanziellen Kapitals, die durch die Existenz der Derivate signifiziert wird, auf einer gegenüber dem klassischen Kapital wesentlich stärker integrierten, normalisierenden und »spohistacted« Art und Weise, wie ökonomische Ereignisse im Kontext der monetären Kapitalzirkulation verwertet, kontrolliert und repräsentiert werden: Konkrete, differente Risiken sowie die dazugehörigen Wahrscheinlichkeiten tendieren nun dazu, einer objektiven Bewertung und dem entsprechenden Vergleich ausgesetzt zu werden, i.e. sie erhalten in der Form des abstrakten Risikos einen quasi-autonomen Status, das heißt sie fungieren weitgehend unabhängig von den subjektiven Einschätzungen der Marktteilnehmer. (Ebd.:177) Finanzialisierung und Derivatemärkte haben es also im Zusammenspiel ermöglicht, dass präzise Bewertungen von finanziellen Anlagen und Assets stattfinden, und zwar als eine Generalisierung der Interpretation und Beobachtung der kapitalistischen Realität unter dem Gesichtspunkt des Risikos. Wenn Derivate konkrete Risiken integrieren und damit abstrakte Risiken inkorporieren, dann kann man sie unter dem Gesichtspunkt des Vergleichs der konkreten Risiken und der Kapitalisierung des abstrakten Risikos erfassen. So verlangt die Kommensurabilität der differenten, konkreten Risiken zunächst nach einer Abstraktion von ihrem konkreten Charakter und ihre diesbezügliche Transformation in ein singuläres und quantitativ vergleichbares Risiko. (Ebd.) Aufgrund der Annahme eines fiktiven Austauschs lässt sich dann jedes partikulare Risiko als dasselbe wie jedes andere x-beliebige Risiko betrachten. Infolgedessen kann man schließlich jedes Derivat, das an den Derivatmärkten gehandelt wird, entweder aus der Perspektive des konkreten oder aus der Sicht des abstrakten Risikos betrachten. (Ebd.) Es gilt an dieser Stelle noch einmal festzuhalten, dass S/M/L die Derivate keineswegs als Geld identifizieren, auch wenn die Swaps als finanzielle Verträge je schon von monetären Wertveränderungen durchzogen sind, die sich unter Umständen auf die sozialen Relationen auswirken, wie man sie in den den Derivaten zugrundeliegenden Assets artikuliert. S/M/L bestimmen somit Derivate nicht als Geld, sondern als (fiktive) Waren, die einen Preis besitzen, das heißt ihren Wert in Geld ausdrücken und durch das Geld gemessen werden.
Wir können das abstrakte Risiko als ein singuläres Risiko auffassen, insofern man es unter dem Gesichtspunkt des allgemeinen Vergeichs und der Formation von konkreten Risiken sowie der Messung des Risikos als Risiko betrachtet, wobei das abstrakte Risiko qua Derivat je schon in Geld realisiert wird, und damit darf das Derivat als eine wichtige finanzielle Relation innerhalb der erweiteren Reproduktion des Kapitals und des Gefüges der kapitalistischen Macht gelten. Die Form des abstrakten Risikos bzw. sein Inkorporation als Derivat beinhaltet also das in Geld gemessene Risiko. (Ebd.: 178) Die Bedingungen für die Abstraktion der (virtuellen) Risikokomplexionen sind durch das Geld gegeben, was auch heißt, dass die Unterscheidung zwischen konkreten und abstrakten Risiken nicht die Existenz zweier Risiken, sondern von zwei untrennbaren Dimensionen von Risiken bedeutet, die in der Konstruktion und der monetären Zirkulation von Derivaten impliziert sind. Dabei inhäriert das abstrakte Risiko eine vermittelnde Funktion und eine dementsprechende Dimensionierung der konkreten Risiken, wodurch diese überhaupt erst eine soziale Dimension annehmen können. Der Vergleich von kontingenten, differenten, konkreten Risiken setzt also eine Abstraktion von ihrem konkreten Charakter und ihre anschließende Modifikation in ein singuläres und zugleich quantitativ vergleichbares Risiko voraus. Man benötigt per se eine abstrakt-formative Perspektive auf die aktuellen konkreten Risiken, die Teil des jeweiligen Risikoprofils eines Marktteilnehmers sind. Das abstrakte Risiko gilt damit als ein vermittelnder Faktor, der es ermöglicht, völlig differente konkrete Risiken zu vereinheitlichen, das heißt, die Pluralität der heterogenen Typen von Risiken wird im Zuge ihrer Bündelung auf ein singuläres Niveau reduziert, indem man das abstrakte Risiko als Derivat tauscht.
x·IRS= y·CDS= z·[FXfuture] = . . . (ebd.: 178)
Die Derivatmärkte sind derart organisiert, dass im Zuge der Isolation, Verpackung und dem Vergleich von konkreten Risiken ein Netzwerk entsteht, innerhalb dessen »Derivate« oder, wie wir das oben bezeichnet haben, ökonomische Objekte dritten Grades als abstrakte Quantitäten bzw. intensive Mannigfaltigkeiten gehandelt werden können. (Mannigfaltig ist hier mit Deleuze etwas, das nicht in erster Linie viele Teile hat, sondern hauptsächlich vielfach gefaltet ist, wobei die Falte als das kleinste »Element« der Materie gilt.) Wir hatten das im Abschnitt »Deleuze und das synthetische Wertpapier« schon etwas länger ausgeführt: Es handelt sich bei den synthetischen Wertpapieren immer um eine partiell determinierte Aktualität (konkrete Risiken) sowie um eine virtuelle Struktur (abstraktes Risiko), deren radikale Determination allerdings nach wie vor das Geldkapital als differenzielle Bewegung betreibt. Die Möglichkeit zur virtualisierenden Abstraktion ist also je schon durch das Geld gegeben, das in der Form des Geldkapitals den von uns weiter oben beschriebenen Virtualisierungs/Aktualisierungs-Verschaltungen unterliegt. In diesem Kontext wird das abstrakte Risiko qua Derivate wie etwa die der CODs oder CDS verkauft. So besitzt das synthetische CDO im Rahmen des synthetischen Tauschs das Potenzial zur Aggregation eines heterogenen Sets von Wertpapieren in einen einzigen homogenen Pool, der als ein singulärer Geldstrom und als ein abstraktes Risiko fungiert. Daraufhin lässt sich der homogene Pool wiederum in verschiedene Klassen von Risiken und Geldströmen aufteilen, wodurch beide Komponenten sich in ihrer Qualität radikal verändern können, wobei man die neu entstandenen Risiko-Klassen als Tranchen bezeichnet, die man wiederum in verschiedenen Weisen neu arrangieren kann. (So werden Risiken, die sich mit Luhmann generell als eine Adaption an die Chance definieren lässen, identifiziert und wieder gestreut, wobei jedoch immer die Diversifizierung der Zugänge zu den Risiken zu beachten ist, Zugänge, die natürlich nicht jedem Akteur in gleicher Weise offen stehen, sodass es zu einer differenziellen und zugleich normalisierenden Regulation der Risikostrategien kommen muss.)
Fraglich bleibt, ob diese Prozesse, die wir im Kapitel »Deleuze und das synthetische Wertpapier« genauer untersucht haben, wirklich als eine Art der Ausweitung von Widersprüchen zu verstehen sind, die der Marx`schen Wertform per se eigen sein sollen, wie man uns dies seitens einiger marxistischer Positionen nahelegt – man denke weiterhin aber auch an die Widersprüche innerhalb der aktuellen Prozesse der Kapitalakkumulation, was wiederum durch die paradoxale Funktion der Derivate reflektiert wird, die sie in Sachen Risiko- und Krisenmanagement ausführen, insofern die Sicherheit, die vielleicht auf einem Mikrolevel mittels der Securitization erreicht wird, gleichzeitig zu massiven Unsicherheiten auf der Makroebene führt. Die Idee, dass all die konkreten Risiken kommensurabel zu sein und damit als gleichwertig zu gelten haben, lässt zumindest die Vermutung aufkommen, dass das ökonomische Subjekt seinen individuellen Neigungen bzw. seiner Lebensform nur noch insoweit nachgehen soll, als es der Normalisierung auf Grundlage der Bewirtschaftung von Risiken folgt, in die sämtliche Spiele der Identitäten und der Differenzen, wie sie sich in den Lebensstilen und Kulturen ausdrücken, eingelassen bleiben. Die Konzeption der Freiheit, nämlich als eine Freiheit der Wahl, konzentriert sich nun ganz auf die Wahl eines jeweils angemessenen Risikomanagements, das eben gerade nicht einer Intensivierung der Lebensformen, sondern ihrer Dämpfung entspricht, insofern sie vom ökonomischen Mathem und dem Mathem der Macht dirigiert werden, wobei letzteres eine Spekulation auf die Struktur der Hoffnung ausstellt, das heißt den unendlichen Aufschub jeder Erfüllung propagiert, was durchaus mit der Universalisierung des Risikomanagements kompatibel ist.
Um es noch einmal zusammenzufassen: Derivate können, wenn sie eine Reihe von bekannten konkreten Risiken in ganz spezifischer Weise inkorporieren und »abstraktifizieren«, als die Kommodifizierung oder als die Kapitalisierung von Risiken verstanden werden. S/M/L halten in diesem Kontext zwei Aspekte für ganz wesentlich: Zum einen sollte man ihrer Ansicht nach Derivate nicht als Geld, sondern als (fiktive) Waren kategorisieren, denn sie werden je schon in Geld getauscht. Sie sind zudem als Instrumente zu verstehen, die einer spezifischen Form der Macht und der Organisation der Zirkulation des Kapitals entsprechen. Wenn S/M/L dann zum anderen schreiben, dass Derivate innerhalb eines finanziellen Universums von partiellen Repräsentationen (solche, die in den verschiedenen Typen von Portfolios involviert sind) als Duplikate der Kapitalrelation an der Profitproduktion partizipieren und diese Relation komplementieren, dann erscheint es doch gerade angezeigt, von den Derivaten eben nicht als Waren (auch nicht als Geld), sondern als einer spezifischen Kapitalform auszugehen. Man nehme bpsw. an, dass die Sicherheiten A und B die Schulden zweier kapitalistischer Unternehmen involvieren. Wenn dann ein Swap auf einem abstrakten Level in sich selbst die »Gleichung« zwischen zwei zukünftigen Geldströmen dieser Sicherheiten zum Ausdruck bringt, dann handelt es eben nicht um die Tauschwerte zweier Waren, die miteinander verglichen und der monetären Verwertung ausgesetzt werden, sondern eben um den Vergleich bzw. Tausch von zwei künftigen Geldkapitalströmen. Demzufolge wären Derivate dann als eine spezifische Form des Geldkapitals, als die aktuell profitabelste Form des Geldkapitals selbst (spekulatives Kapital) strukturell zu erfassen und zugleich eben als wirkungsmächtige Funktionsweisen, mit denen man die Bedingungen, Strukturen und Trajektoren gegenwärtiger kapitalistischer Reproduktionsprozesse auf den Ebenen des Einzel- und des Gesamtkapitals effektiver als je zuvor beobachten kann, und zwar sowohl hinsichtlich der prinzipiell normfreien Art und Weise, die der monetären Reproduktion des Kapitals per se eigen ist, als auch der flankierenden Art und Weise, mit der Prozesse der Normalisierung die Kapitalakkumulation begleiten. Selbst die marxistische Analyse müsste dann endlich einsehen, dass sie sich hinsichtlich der Entwicklung der Derivate zumindest auf das fiktive Kapital als der heute dominanten Kapitalform zu beziehen hat, das die Gestalt der fiktiven Ware (Derivate als Waren kategorisiert, wie S/M/L dies tun), des fiktiven Geldes, das auf der Securitization beruht, und des fiktiven Bankkapitals (CDOs, etc.) oder von ganz neuen Formen des Aktienkapitals annehmen kann, bis hin zu den »irrationalen« Niveaus (CDO3 oder CDO^n), die allerdings, wie wir das oben gezeigt haben, längst als neue Formen eines spekulativen Kapitals zu begreifen sind.

This entry was posted on Monday, November 24th, 2014 at 3:40 pm and is filed under Finance, Geld, Kapital, Kapitalismus, Marx, Ökonomie. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

Comments are closed.

 
Follow

Get every new post on this blog delivered to your Inbox.

Join other followers: