Die Akzeleration des Medialen

Wenn es um die ontologische Qualität von Nachrichtensendungen geht, die Frage, ob man es hier mit tatsächlichen Sachverhalten oder nur deren Bilder zu tun hat, ob den Fernsehkonsumenten die Geschehnisse lediglich als Nachrichten über dieselben treffen, wobei die Synchronizität und Simultaneität der Fernsehbilder so etwas wie eine leere Form erzeugen, in der Sendung und gesendetes Ereignis zusammenfließen können – - – dann finden wir uns im Bereich der Phantome wieder, der „Tatsache, daß die Ereignisse in entwirklichtem, im Phantomzustand ankommen, daß Phantomkonsum an die Stelle wirklicher Welterfahrung tritt.“ Und Günther Anders schreibt weiter: „Der Mann im Sonnenbad etwa, der seinen Rücken bräunen läßt, während seine Augen durch eine Illustrierte schwimmen, seine Ohren am Sportsmatch teilnehmen, seine Kiefer einen gum kauen – diese Figur des passiven Simultanspielers und vieltätigen Nichtstuers ist eine internationale Alltagserscheinung.“ (Günther Anders 1987: 138). Die medialen Apparate wachsen unaufhörlich, vernetzen sich und legen sich wie eine riesige Qualle über alles und jedes, bilden einen Hyperapparat, in dem alles gut läuft und klappt, Netzwerke von Netzwerken, die schließlich im Computer konvergieren. Die Welt im Bild bzw. die Welt als Bild, welches die Blicke unaufhörlich einfängt, pausenlos besetzt, die Welt pausenlos abdeckt ist zum einen Phantom (weder unmittelbare Realität noch deren Abbild) und zum anderen Matrize geworden (d.h. die Welt wird mittels ihr konstruiert, und gleichzweitig wird das konstruierte Abbild wird zum Vorbild der neuen gesellschaftlichen Wirklichkeit). Faktum ist Konstruktion, die sich stilistisch einerseits ausdifferenziert, wobei beispielsweise die Blutmassen, die über den Fernsehschirm rieseln, ununtershieden einem Nachrichtenmagazin, das über den Bürgerkrieg in Mali berichtet, oder einem mörderischen Thriller, den es täglich zu konsumieren gilt, entstammen können. Die Behauptung, medial erzeugte Gegenwart war gestern eine andere als heute und wird morgen eine andere sein als heute, und zwar genau dieselbe, erweist sich für die zeitgenössische Medienkritik als Basistheorem. Dass darin das Verschwinden der Medien bzw. deren Unsichtbarkeit eingerechnet bleibt, erscheint als ihr ehernes Gesetz. Medien wollen nicht bemerkt werden und selbst das Internet verwandelt sich in eine subkutan laufende Apparatur, der wir schließlich als seine virtuellen Repräsentanten smart erliegen. »Medien bleiben bis auf weiteres die servil blinzelnden Agenten der Schicksalsentsorgung und des konsumfrohen Sofortverzehrs in der Erlebnistotale.« (Godard Palm)

Deleuze/Guattari schreiben: “Hier (nach dem zweiten Weltkrieg) kam es zur Umkehrung der Formel von Clausewitz: Die Politik wird zur Fortsetzung des Krieges, der Frieden löst technisch den grenzenlosen materiellen Prozess des totalen Krieges aus. Der Krieg hört auf, eine Materialisierung der Kriegsmaschine zu sein, die Kriegsmaschine wird selbst zum materialisierten Krieg. In diesem Sinne ist Faschismus gar nicht mehr nötig. Die Faschisten sind nur kindliche Vorläufer gewesen, und der absolute Frieden hatte den Erfolg, dass der totale Krieg gescheitert war. Wir befanden uns bereits im Dritten Weltkrieg.” Entscheidend für den Übergang in die nächste Periode des Kapitalismus ist die globale Digitalisierung der Kriegsmaschine, die damit zur permanenten virtuellen Todesmaschine wird. Die digitale Kartographisierung der Kriegsschauplätze in Echtzeit, ja der ganzen Welt, der Einsatz der Flugdrohnen, der Krieg am Bildschirm, bei dem zeitgleich der Blick in das umgebende Territorium und auf den Bildschirm mit Informationen gerichtet wird, bezeugen jene postmoderne Kriegsmaschine, die nun direkt an die Axiomatik des globalen Finanzkapitals gekoppelt ist, ja ihm untergeordnet wird. Die Finanzkapitalmärkte werden zu Cybermärkten. Die Axiomatik des Kreditgeldes inhäriert, dass in der Gegenwart mit der Ungewissheit der Zukunft gehandelt wird, wobei die Kapital- und Kreditgeldströme wiederum regulative Instanzen der Reterritoralisierung benötigen, den Staat und die Zentralbanken. Allerdings sind es nicht die Finanzkapital- und Finanzderivatströme, die legitim oder illegitim (virtuelle) Grenzen überschreiten, um diesseits der Grenze vom Staat wieder eingebunden zu werden, sondern die Grenze selbst wird durch die Strategemisierung der Axiomatiken sowohl der Kapital- als auch der (immateriellen) Arbeitsströme als stets vorgeschobene Relation aufgeschoben. Das imaginäre Zentrum des Kapitals war nie etwas anderes als die vielen Knotenpunkte von Verdichtungung, die weniger denn je der symbolischen Rahmung durch den Staat bedürfen, sondern im Gegenteil als symbolische und spekulative Managements selbst gewährleisten, dass Anschlussfähigkeit immer durch die Deterritorialisierung der Kapitalströme hindurch in der zu kalkulierenden Zeit erfolgt. Es ist der Unfall, der digitale Tippfehler und die Störung, jene “Friktionen”, von denen Clausewitz spricht, welche die Konkurrenz zwischen den Finanzkapitalen unaufhörlich vorantreiben. Gegenwärtige Zukünfte und künftige Gegenwarten sind niemals deckungsgleich, d.h. sobald eine künftige Gegenwart aktuell wird, aktualisiert sich auch der Unterschied zu jener Zukunft, auf die man spekuliert hat und deren Potenziale man einstmals genutzt hat, und so kehren im Medium eines maschinellen u-topos stets andere Zukünfte als die erwarteten in die Gegenwart zurück. Finanztransaktionen sind also immer in kybernetische Feedbacksysteme integriert, die als abstrakte Maschinen, sofern sie binäre Maschinen sind, Erwartungen von Erwartungen erzeugen, Information, Kompentenz und Kenntnisse, welche von wissenschaftlichen Diskurssystemen extrahiert und akkumuliert werden. Die Materialisierung der digitalen Kriegsmaschine erfolgt zeitgleich mit dem Entstehen der Risikokapitalmärkte; es ist die wahrscheinliche Maschine, die prinzipiell unberechenbare Effekte produziert, und zwar nicht im negativen Sinne des Nichtfunktionierens oder der Störung, sondern im postiven Sinne der Hervorbringung von Wirkungen, die auch mit kybernetischen Feedbacksystemen nicht zu 100% berechenbar sind, womit je der Toleranzgrad zu bestimmen ist, in welchem Maschinen abzuschalten sind, ehe sie sich als Zerstörungsmaschine andere Geltung verschaffen. Tschernobyl. Japan etc. dokumentieren, dass die Kriegsmaschine von der zivilen Maschine nicht mehr zu trennen ist. Der Krieg wird zum Cyberkrieg, die Kriegsmaschine zur kybernetischen Cybermaschine, von denen die Staaten nur Teile sind. Und die Staaten müssen den Finanzkapitalen helfen, um den Staatsbankrott zu verhindern. Dafür bekommen sie keinerlei Gegenleistungen, wofür sie den Wirtschaftskrieg gegen die eigene Bevölkerung forcieren müssen. Die Realtimevernetzung der globalen Finanzmärkte verunmöglicht den Einsatz von internationalen Kontrollorganisationen, im Gegenteil sie schafft einen militärisch-finanziellen Komplex, in dem kriegsfähige Staaten, Finanzkapital und Kriegsmaschine eine derart unheilvolle Allianz eingehen, dass der Sicherheitsbegriff des 3. Weltkrieges, der die molekularisierte, programmierte Katastrophe ergab, durch den Begriff des permanent präventiv zu kalkulierenden und kontrollierenden Unfalls ersetzt wird. Zu diskutieren wird sein, welche Auswirkungen gemäß den Anforderungen der neuen Axiomatik das in geoökonomischer Hinsicht, der wissenschaftlich-digitalen Kapitalisierung, der macht- und wirtschaftlichen Verhältnisse haben wird.

Wenn es die tagespolitische Aktualität, die nach dem ehernen Aktualitätsparadigma der ihre eigene Gegenwart ausblendenden Medienindustrie funktioniert, erfordert, schaltet das Produktionsteam im Sendezentrum von 6Time sofort auf sogenannte Sonderberichterstattung um. Bis exakt vor acht Monaten dealte der private Fernsehsender 6Time dabei hauptsächlich mit dem Filmmaterial von Live-Aufnahmen, die den großen Nachrichtensendern und -agenturen wie NTV, BBC, Reuters oder CNN oder den neuen Mikro-Blogging-Diensten im Internet gegen immens hohe Gebühren abgezapft wurden, denn eskalierende Katastrophenskalierung ist das Kennzeichen der neuesten, der hippsten Entwicklung in der Nachrichten- und Entertainment-Branche; zwischen Entertainment-News, Casting-Showblöcken oder Celebrity-Stories wurde seit dem 3.4.2014 ein Quasi-Liveprogramm über den globalen Katastrophen-Tourismus bzw. Terrorismus hochgefahren, das allerdings die empfindsamsten bis hin zu den paranoidesten Akteure der Medienbranche zu komplett falschen Einschätzungen der aktuellen politischen Weltlage hinsichtlich asymmetrischer Kriege und Weltwirtschaftskriege oder der sicherheitspolitischen Risiken von prä-terroristischen Einsätzen verführt, während doch die Medienmanagments in den Sendezentralen ein bis in Detail ausgefeiltes, hochkomplexes und fiktionales Katastrophenmanagement verwalten bzw. vermarkten, das seine apotropäischen Begleiterscheinungen oft nicht zu verbergen weiß; es handelt sich um eine Art real-virtueller Kolportage des Zusammentreffens von Terrorismus und Tourismus, welche die Konsequenz aus der Tatsache zieht, dass heutzutage die westliche Welt und ihre Kriegsmaschinerien insgeheim an einem Mangel an Feinden leiden, und Terroranschläge sans phrase einerseits als letzte, als vollkommen (un)zeitgemäße Zuckungen und Epilepsien erscheinen, die letztendlich dem Siegeslauf der Globalisierung oder des Empire kaum im Weg stehen, andererseits der Terrorismus als permanent drohende Gefahr dafür herhalten muss, dass man die Sicherheitstechniken in den Kernmetropolen ständig effektiviert, wohingegen die Simulation bzw. die mediale Vermarktung von Terroranschlägen als sogenannter Katastrophenterrorismus der Tatsache gerecht wird, dass wir die Welt nur noch als Blick-Touristen erkunden, bereisen und überfliegen, wobei man mit dem medialen Zeigen von schmucken Style-Terroristen oder atemberaubend hübschen Terroristinnen in den einschlägigen touristischen Zentren dem Massentourismus wieder etwas Touch of Class oder Style zurückgibt, so dass diese performative Zusammenführung von Katastophentourismus und -terrorismus eine neue politische Situation herbeiführen könnte, in der der ubiquitäre Katastrophen-Jetset mit einer psychoästhetischen Zumutungsmaschinerie sondersgleichen überzogen ist. Es kommt im Zuge der in Echtzeit stattfindenden Affektmodulation breiter Bevölkerungsteile durch das Fernsehen trotz der grandiosen Erfolge des Internet zu einer Renaissance jenes Mediums, das ganz zum Ereignis- bzw. Livemedium ummoduliert wird, dessen neuartige perzeptuelle Operationsmodi die Signalsysteme und die psychosomotischen Emotionen der Bevölkerung dirakt an- und aufgreifen.
Als die Handgranaten im Taj Mahal Hotel in Bombay explodierten, zeigte sich für jedes einzelne Mitglied des achtzehnköpfigen Aufsichtsrats des Fernsehsenders 6Time (in der urplötzlichen Konfrontation mit der Malaise globalisierter Medienkritik), dass es richtig war, die von – historisch überholte – Medientheorien aufgeworfene Frage »Welches Ereignis wird Nachricht/Bild« im Sinne eines pragmatischen Konstruktivismus umzuformulieren: »Welche Nachricht/Bild wird Ereignis?« lautet von nun das Paradigma. In den Planungszentralen von 6Time werden seitdem selten akribisch Berichterstattung oder Dokumentation von gefaketen Ereignissen aus dem Empire geplant, es werden vor allem Bilderfluten von postpolitischen lokalen Kriegen simuliert, wobei man im Aufsichtsrat einhellig der Ansicht ist, dass die geopolitischen bedeutsamen, die molekularen Weltkriege derzeit im Indischen Ozean oder in die arabischen Ländern stattfinden, wo nicht nur die energie- und geopolitischen Interessen des westlichen Empires mit der politischen Theologie des islamischen Fundamentalismus aufeinanderprallen, der politische und ökonomische Aufstieg Chinas mit dem von Indien, sondern in diesen Georäumen werden mittlerweile 90% des Welthandels und 2/3 der Energietransporte abgewickelt, vor allem durch die geostrategisch bedeutsamen Straßen und Meerengen von Hormuz und Malakka. Die Bemühungen der Nachrichtenredaktion von 6Time, die Kameras konsequent auf diese politsisch eminent wichtigen geopolitischen Warzones zu richten, werden mit Sicherheit schon in nächster Zukunft zu einem kontinuierlichen Anstieg der Quote fast aller wichtigen Formate des Fernsehsenders führen. Es ist dies ein digitalisierter, kolonialisierender Blick, der neben seiner spezifischen Zeitlichkeit durch eine raffinierte Schnittwahl und -techniken sowie durch ganz bestimmte Ereignisinszenierungen gesteuert wird. Die Nachricht dient hier mehr oder weniger rein der Interpretation der Bilder, was auch heißt, dass eine gute Nachricht die Produktion von Bildern geradezu erfordert. Diese Art der Nachrichtenproduktion bzw. Nachrichtenübermittlung konzentriert sich auf die Liveübertragung, bei der an einem beliebigen Ort und zu beliebiger Zeit (die Vergangenheit rückt so nahe an die Gegenwart heran, bis sie sich im Live-Setting erfüllt und zugleich aufhebt) gefilmt wird, nicht, wo vermuteterweise etwas geschehen wird, sondern wo man eben ganz geplant Nachrichtenbilder erzeugt, mit denen man die affektive Teilhabe bzw. Affektmodulation des Publikums im Schnelldurchlauf erringen will. Jeglicher Ansatz von Spontaneität wird durch die kalkulierte und geplante Beschleunigung der Nachrichtenbilder in Gewohnheit übersetzt. Dabei produzieren die aktuellen Nachrichtenbilder spezielle Visiotypen, Mytheme, Fetischismen und quasi-beseelte Ereignisse. Und mobilisiert werden sie durch ein Arsenal von Moderatoren, die bereit sind, die jeweilige Story individuell zum Weltbild zu kommentieren und zu mobilisieren, das als Darstellung von Authentizität, Fiktion und Mythos in einem funktioniert, im besten Fall erreicht man die vollständige Entsprechnung von Nachricht und Moderator, was durchaus die Fiktionalisierung der Nachricht bis zu einem gewissen Maß anzeigen darf, solange der Konsument aus der Nachricht ein Unterhaltungswert zu kontrahieren vermag. Vermutlich war schon die erste Nachricht, die von A nach B gesendet wurde, eine Fälschung. So erscheint eine gefälschte Casting- oder Nachrichtensendung paradoxerweise gerade dann als interessant, wenn sie als Wiederholung bestimmte Erwartungen einholt, wobei auch das Fernsehen als eine Instanz fungiert, die unentscheidbar macht, ob das Ereignis oder das Bild primär ist. Und das gefälschte Bild verlangt letztendlich nach dem gefälschten Ereignis, wobei selbst die erste Natur als Reservoir von gefaketer Authentizität erscheint, allerdings wie die Bomben von Bangkok gezeigt haben, dient sie nur noch als jener Speicher, aus dem die Katastrophe herausbricht, als der Ort, der die Kulisse für die Sendung hergibt. Medienkonzerne und -agenturen, Kamerateams, Einsatztruppen und Publikum verhalten sich dabei als Komplizen, begehren einander und stacheln einander gegenseitig an, verhalten sich am wenigsten konfliktuell. Als sog. Nullmedium ist das Fernsehen immer auf der Flucht vor dem Content, während der Content auf der Flucht vor dem Nullmedium ist.
Vor diesem Hintergrund ist der Fernsehsender 6Time, der auch wichtige Verdichtungen von Knotenpunkten im Internet besitzt und besetzt, damit beschäftigt, ein weltweit vernetztes Team von Softwarespezialisten, Militärstrategen, Physikern und Biochemikern aufzubauen, um seinen eigenen Marktanteil an der Globalisierung der Information zu sichern, natürlich auch, um die post-operative Einsatztruppe TUKK im Bedarfsfall sofort an die sogenannten heißen Einsatzorte in den globalen Krisengebieten zu senden, wobei über soziale Netzwerke wie Twitter, Facebook und YouTube pausenlos sog. MCS-Messages gesendet werden, die bestimmte kohäsionsstiftende Terroraktionen medial vorbereiten und kommentieren. Diese Art von medialer Informationsbombe soll das virtuelle Ereignis mithilfe kybernetischer Nachrichtenpolitiken aktualisieren, indem sie das Ereignis aus Welten extrahiert zugleich dramatisiert. In manchen Botschaften, seien es Tweets oder etwas längergefasste Kampfaufrufe, ist von der Niederträchtigkeit eines Empire die Rede, dass in seinem allerletzten Todeskampf hinsichtlich seiner politischen Willkür keinerlei Legitimation mehr fände, als seine eigene Entschlossenheit zur umfassenden Biopolitisierung der Bevölkerung einfach bis auf ewig fortdauern zu lassen, wobei sich die Masse von Menschen in dieser Ordnung des Zynismus, der Lügen, der Verbareichung von Psychopharmaka und der Spaßentropie ganz gerne einrichten würden, um schließlich die Grausamkeit zu ertragen, mit der das Spektakel die Menschen ständig auf ihr Bild zurückwerfe, indem es sie über das Bild zugleich in-fomiere und inhaftiere; die Biopolitik sei schließlich auch die Bewirtschaftung der Sorge, die die Menschen sich um ihre hübschen Körper machen würden, der vor allem ein Geflecht aus Strömen und Beziehungen sei, die die Menschen auf Dauer gestellt durchqueren würden, und kein Subjekt und Objekt sei mehr da, und die Politik sei nur ein alamierende und verherrlichende Inszenierung von Körpern ohne Welten, wobei man uns medial Strecke für Strecke in die neutralsten, rechtsfreien Räume einsperre, konsumiert in den Kinos, Clubs und Bars, in denen nichts mehr passiere und in denen nichts mehr eintrete, und keiner etwas im strahlenden und neutralen Weiß des inténsitätslosen Affekts vermisse. Die Informalisierung relevanter politischer Entscheidungen, Verfahren und Instanzen, wobei Expertenkomitees die Regierungsgeschäfte übernehmen, um Notstands- und Maßnahmenpolitiken einzuleiten, erweist sich den ungewöhnliche Lagen und ungewöhnlichen Maßnahmen kongruent, indem man einen regellosen Raum schafft, die Suspension von Rechtsnormen abseits öffentlicher Kontrolle vornimmt, um andauerd in Geheimverhandlungen Maßnahmen einzuleiten, die einer ganz bestimmten Zeitökonomie unterliegen, determiniert durch Geschwindigkeit der Finanzöhkonomien. Sieg des Kairos.
Beim aktuellen, kaum zwei Tage zurückliegenden terroristischen Großangriff einer neoislamistischen Todeskampftruppe (die sich als Entschleuniger der Strecke, der Trajekte, bezeichnet) auf wichtige ökonomische & infrastrukurelle Zentren von Bombay inklusive auf eines der besten Luxushotels in der Stadt, konnte das Spezialistenteam von 6Time mit den ihm zu Verfügung stehenden Nachrichtentechnologien und Informantensystemen schon sehr effektiv operieren, denn vierundzwanzig Stunden vor Beginn der eigentlichen terroristischen Aktivitäten wusste man schon längst, dass das terroristische Einsatzkommando einen »Place of Destruction« entworfen hatte, in diesem Fall das Taj Mahal Hotel, um vor allen unter den ausländischen, bevorzugt natürlich den amerikanischen Gästen ein Blutbad sondersgleichen anzurichten. – Wenn Handgranaten explodieren, ist das keineswegs persönlich gemeint. Man wird die Hinterbliebenen sogar auf die eine oder andere Weise entschädigen. -
Der Vorteil gegenüber der Berichterstattung eines traditionellen Nachrichtensenders, der in aller Regel in die gefährlichen Zonen der Kampfgebiete mit seinen mobilen Sendewagen immer den entscheidenden Tick zu spät eindringt, springt sozusagen direkt ins Auge: Als zum Beispiel eine Bombe in einer U-Bahn-Station im Finanzzentrum von Bombay detonierte, sagte der CNN-Reporter drei Minuten später auf dem Dach eines sechsstöckigen Gebäudes stehend in die laufende Kamera: »Von den Terroranschlägen in Bombay berichtet brandaktuell Daniel Cartwright.« 6Time sendete dagegen den heimtückischen Angriff auf das französische Fischrestaurant im Taj Mahal Hotel in Realtime. Später zur Primetime wurde sogar eine Luxusversion der Ereignisse bzw. der von virtuellen Körpern im 3D-Format angeboten. Und im streng vertraulichen Sendeprotokoll von 6Time heisst es:
»Lichtverhältnisse dirakt an der Vorderfront des Restaurants in der Zeit von 20:24 Uhr – 20:28 Uhr sehr gut. Die Einsatzagenten des Kamerateams von 6Time anfahrbereit. Vier vermummte Täter springen direkt gegenüber dem Eingang zum französischen Fischrestaurant aus einer schwarzen Daimler-Chrysler-Limousine, sämtliche Akteure tragen schwere Sprenggürtel um die mit Camouflagenhosen bedeckten Hüften, die Kalaschnikovs sind präzise in Anschlag gebarcht. Aufnahmen mit versteckter Kamera (Verstehen Sie Spass?). Plötzliches Ruckelbild und dann ein paar sehr verwaschene Bildsequenzen während des Eindringens der Einsatzagenten im Flur des Hauptgebäudes. Zersplitterte Fensterscheiben. Hauptmikrofone kurzfristig ausgefallen. Hauptgericht heute auf der Speisekarte: geeiste Bouillabaisse & Muschelpfanne aus dem Poitou & Austerncremesuppe mit Qüller. Lichtverhältnisse angesichts des Ausfalls eines Teils der digitalen Lichtanlagen im Restaurant immer noch außerordenlich gut. Schüsse. Erbarmungslos schrille Schreie in schlechter Audioqualität. Nahaufnahmen angstbesetzter und schweißgebadeter Gesichter (digital nachbearbeiten). Direkt über dem Kopf des Terroristen namens Martine (das verkörperte Stolzzentrum der Gruppe) funkeln entlang der konvexen Led-Lichtachse am Hologrammhimmel seltsamste Konstellationen, die an ein Gespinst von mIkro-Herdplatten erinnern, vielleicht an die Augen eines Quaders, an einen Kolbendreher, an Espressomaschinen im Blindflug. Kurze Nahaufnahme eines siegesbewussten Gesichts. Erhöhung der Einschaltquote im 5-Minuten-Interval um 22,23%. Mindsprengendes Gläserklirren & exorbitante, von der Gestalt fast schon wolkige Blutlachen, die auch an ausgefranste, überdimensionale, blutige Rindersteaks erinnern; die meisten der Wiederbelebungsmaßnahmen bleiben bei leblosen Körpern zwecklos. Leichen auf dem Parkettfußboden. Eine abgerissene Hand. Eine zerschossene Nase (die Kameras suchen nach den grausamsten Details). Drei ostereopotisch gekrümmte Körper liegen auf einem Tisch, der mit blütüberströmten, weißen Seidentischtüchern bedekct ist, die übereinander geschichtet sind. Alle rechtlichen Fragen sind an das Anwaltsbüro Vaughan & Leak in London und Berlin zu richten. Kooperation mit der Internetplattform Wikileaks nicht ausgeschlossen. Die Verachtung gegenüber den experialistischen Staaten des Empires wird durch mehrere Megaphonkampfansagen dokumentiert. Kommentar des Pressesprechers der Nachrichtenagentur Reuters: Wenn die Bezeichnung Verachtung für den Minuspol der Stolz-Skala so dermaßen emphatisch und heftig gebraucht wird, dürfte begreiflich werden, in welchem Ausmaß die psychopolitische Kampfansage hier auf dem Spiel steht, oder um es abstrakter zu sagen, wenn Wissen und Verstehen Logos-Operationen sind, Handlungen einer Vernunft, die einen sehr bezweifelbaren Sinn herstellen, dann bedeutet Erfahrung zu machen, der Inkonsistenz des Logos oder des Logischen beizuwohnen, dann bedeutet das, dem Druck nach Innen zu entsagen, der aus den Anforderungen eines entgrenzten Könnens entstanden ist.

This entry was posted on Friday, January 9th, 2015 at 11:19 am and is filed under Akzeleration, Medientheorie. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

Comments are closed.

 
Follow

Get every new post on this blog delivered to your Inbox.

Join other followers: