Bifo Berardi: Heroes: Mass Murder and Suicide

Das neue Bifo Buch ist hochaktuell.
In Zeiten, in denen der herrschende Block nichts unversucht lässt, den kollektiven Wahn, der im „WIR“ sich artikuliert und in der Bürgerfabrik sein handfestes Resultat besitzt, zumindest zu inszenieren, wenn er ihn auch nich realisieren kann, da ja die Bürgerfabrik längst ihre hässlichen Risse zeigt – in diesen Zeiten scheint es schwer, die originär marxistische Frage nach dem Zusammenhang von Klasse und Rasse überhaupt noch zu stellen. Dabei klingt es fast schon nach einem Gemeinplatz, wenn man mit Bifo konstatiert, dass mit der zunehmenden Ersetzung der klassischen Fabrik durch eine finanzielle und fraktal-rekombinante Form der Produktion der Klassenkörper und damit of course das sog. Klassenbewusstsein sich aufgelöst hat. Wenn die Arbeit selbst deterritorialisiert, fragmentarisiert und flexibilisiert wird, gemeinhin als Prekarisierung bezeichnet, so kommt es, so die These von Bifo, zur Pulverisierung des sozialen Körpers. Die zelluläre Form der Arbeit hat eine neue hässliche Okkupation des Lebens produziert, deren Effekt, so Bifo, in der Psychopathologisierung der soziale Relationen kulminiert. Die Vibration, die im postfordistischen Kapitalismus durch die Beschleunigung der ökonomischen und sozialen Prozesse entsteht und zur Erhöhung der nervlichen Anspannung führt – das ist Bifo zufolge der Spasmus. Und allzu deutlich ist, dass dieser Spasmus rassistische Züge in sich trägt. Und dieser autoritäre Rassismus zeigt sich überall: in den Sicherheitsgesetzen, die von den europäischen Parlamenten verabschiedet werden, in der Aggressivität der europäischen weißen Majorität (Mittelklasse), in der Ethnisierung der sozialen Konflikte und in der fundamentalistischen Identifikation. Die neoliberale Beschleunigung der Kapitalisierung und die Verschärfung des Wettbewerbs haben, so die These von Bifo, einen spasmischen, von Panik getrieben, gleichwie einen erschöpften sozialen Körper hinterlassen. Und so wird das kommende Europa zumindest im Sozialen nicht von Energie, sondern von Langsamkeit, Prekarisierung und Ermüdung geprägt sein. Der kollektive Körper ist nicht darauf vorbereitet mit den neuen Krisenprozessen, der Verarmung und Prekarisierung, umzugehen, stattdessen kommt es zu dem, was Bifo das Zeitalter der Senilität nennt, das eine neue Form der dementia senilis hervorbringt: Angst vor dem Unbekannten, Fundamentalismus, Fremdenfeindlichkeit und der Verlust des historischen Gedächtnisses.

Zum gleichen Thema Matthias Steingass (Zizek Kritik):

Störend an dieser Analyse ist, dass sie ein ad hominem darstellt. Und zwar, das ist der Kern der Sache, auf Basis einer Spekulation über das Gefühlsleben der “Pseudofundamentalisten”. Sätze wie “man merkt, dass sie, wenn sie das sündige Andere bekämpfen, letztlich gegen ihre eigene Versuchung kämpfen,” sind Spekulationen, wie sie eigentlich kein guter Psychotherapeut heute mehr formulieren würde. Genauso ist es hiermit: “Die Kraft der Leidenschaft dieser Terroristen zeugt von einem Mangel an echter Überzeugung. Wie fragil muss der Glaube eines Muslims sein, wenn er sich von einer dummen Karikatur in einer satirischen Zeitschrift bedroht fühlt?” Mangel an echter Überzeugung, fragiler Glaube, was sind das für Kategorien? Und woher weiss Zizek so gut über das Bedrohungsgefühl bescheid, das ein z.B. IS-Kämpfer hat? Ist nicht vielmehr diese Art der Spekulation über das vermeintliche Innenleben der Anderen genau die TranszendenzSuche, die Zizek bei religiösen Fanatikern vermutet? Und ist das nicht, selbst wenn es mit Lacan und seinem symbolisch-imaginären Grossen Anderen untermauert wird, genau die intellektuelle Gefühlsduselei, die man sich bei einem Glas Chianti im vertrauten Kreise erlaubt und die einen romantischen PsychoanalyseMarxismus kennzeichnet? Anstatt das man harte Facts bringt, nämlich sichtbare, materielle Zusammenhänge:

“The decade-long American wars in Afghanistan and Iraq ends up costing as much as $6 trillion.”

Das stammt aus einem Bericht im Frühjahr. Bei der Trillion handelt sich um die deutsche Billion. 6 Billionen, das ist eine 6 mit 12 Nullen. 12.000 Milliarden USD. Zum Vergleich, Deutschland hatte im Bundeshaushalt 2014 Ausgaben von knapp 300 Milliarden EUR.

Mit solchen Zahlen ist man bei der eigentlich interessanten Leerstelle in der Aufregung über Charlie Hebdo und seine Mörder – die merkwürdiger Weise auch Zizek nicht auffällt, obwohl gerade der Psychoanalytiker bei solchen Auslassungen stutzig werden sollte. Diese Leerstelle ist die Wirtschaft. Sie taucht nicht auf. Vielleicht ist der Grund ganz einfach, dass sie sich eventuell von Bürgern, die sich trauen von ihrer Meinungsfreiheit tatsächlich noch Gebrauch zu machen, fragen lassen müsste, was bei dem gigantischen finanziellen Aufwand herausspringt? Diese 6 Billionen USD sind ein Umverteilungsprogramm von staatlichen Geldern in private. Gleichzeitig herrscht nun vom östlichen Rand des Mittelmeers bis nach Pakistan das Chaos und höchstens im Iran herrscht noch eine autoritäre Ruhe, während Afghanistan im Zuge des Krieges gegen den Terror zum weltweit grössten Opiumproduzenten aufgestiegen ist (Exportwert ca. 4 Milliarden USD). Aber da es nun im Osten überall brennt, hat die Wirtschaft guten Grund still zu halten, sie verdient ja glänzend an diesem Brand.

Warum spielt das bei Analysen à la Zizek keine Rolle? Kann ihn das mal wer fragen?

Jedenfalls, Zizeks Formel, der Liberalismus brauche “die brüderliche Hilfe” der radikalen Linken, um den Fundamentalismus zu bezwingen, klingt unter diesen Umständen zynisch – mal ganz davon abgesehen, dass diese radikale Linke noch aus dem Hut zu zaubern wäre.

This entry was posted on Friday, January 16th, 2015 at 9:45 am and is filed under Politik. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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