Dark Deleuze – Subjektivierung als Falle

Guattari schreibt, dass der Kapitalismus in derselben Art und Weise Subjektivierungsmodelle lanciert wie die Automobilindustrie eine neue Kollektion von Autos. In der Tat korreliert heute die Artikulation der ökonomischen, technologischen und sozialen Ströme und deren Funktionen eng mit der Produktion der Subjektivität, und dies bis zu einem Punkt, an dem es zu vielfältigen Überschneidungen und Kreuzungen zwischen den beiden Produktionsweisen kommt. Wenn man aber Guattaris Hypothese auf die gegenwärtige neoliberale Situation bezieht, dann man muss einfach konstatieren, dass es dem Neoliberalismus eben nicht gelungen ist, die Relation zwischen den beiden Ökonomien stabil und kohärent zu artikulieren.
Die heutigen neoliberalen Governancetechniken schließen das Individuelle und das Dividuelle zusammen. Governance wird an der Kreuzung des Individuellen und des Dividuellen praktiziert, und das Individuelle darf hier durchaus als die Subjektivierung des Dividuellen gelten. Dazu bedarf es einer spezifischen Subjektivitätsproduktion, die Guattari in seinem Buch Chaosmose durch drei Komponenten bestimmt sieht: a) siginifikante semiologische Systeme (Familie, Schule, Kunst, Popindustrie, Sport etc.), b) Mediensystem und Kino, c) asiginifikante Semiotiken, die nicht mit der linguistischen Axiomatik übereinstimmen. (Guattari 2014: 11) Moderne Subjektkonstitution erfolgt also mindestens in einem dualen System. Einerseits sind die Subjekte an die maschinellen Apparate der Unternehmen und Finance, der Kommunikation und des Staates angekoppelt, andererseits werden sie durch die Macht stratifiziert, die ihnen Rollen und Funktionen, wie die des Produzenten, Konsumenten, Fernsehzuschauers usw. zuweist.
Auf der einen Seite produziert das, was Deleuze/Guattari soziale Subjektivierung nennen, ein individuiertes Subjekt, nämlich das linguistische Subjekt der aktiven Äußerung und der passiven Aussage. Dieses Subjekt ist durch ein doppeltes Ich gekennzeichnet, was im Französischen durch die Wörter Je und Moi als Bezeichnungen für das Ich auch zum Ausdruck gebracht werden kann. Einerseits das aktive spontane Ich (je) der Äußerung, andererseits das durch die Aussage konstituierte Ich (Moi). Allerdings kann dieses Subjekt weder als Bedingung der Sprache noch als Ursache der Aussagen gelten, was die Aussagen vielmehr produziert, ist etwas anderes, nämlich die „Mannigfaltigkeiten, die Massen und Meuten, Völker und Stämme, die kollektiven Gefüge, die uns durchqueren, die uns innewohnen und die wir nicht kennen“. Sie sind es, die uns sprechen lassen, und im Ausgang von ihnen produzieren wir immer wieder Aussagen. Für Deleuze/Guattari gibt es kein Subjekt, es gibt nur kollektive Äußerungsgefüge, die Aussagen produzieren, und Prozesse der Subjektivierung. Kollektive Äußerungsgefüge, man denke etwa an die Psychoanalyse, das familiale Subjekt und das Unbewusste, an den Liberalismus und das tauschende Subjekt, das freie Optionen und Entscheidungen trifft, oder an die Souveränität und das politische Subjekt der individuellen Rechte. Indem man dem Individuum eine Identität, Geschlecht, Beruf und Nationalität zuordnet, produziert die soziale Subjektivierung Plätze und Rollen innerhalb und für den Komplex der sozio-ökonomischen Arbeitsteilung. Die Konstitution des linguistischen Austauschs und der distinkte Sprecher werden hier als koextensiv zur Konstitution des ökonomischen Tauschs und des rationalen Agenten dargestellt. Im Prozess der sozialen Subjektivierung kommt es schließlich zur Personifizierung der Kapitalbeziehungen, der Kapitalist fungiert als personifiziertes Kapital, das heißt er inkorporiert eine Funkion in Abhängigkeit von den Geldkapitalströmen. Der Arbeiter ist personfizierte Arbeit, er verkörpert eine Funktion, die von den Strömen des variablen Kapitals abhängig ist, und die individuellen Personen sind soziale Personen, die stets auf abstrakte Quantitäten bezogen bleiben. Diese Art der Subjektivierung, die an der Kreuzung zwischen dem maschinellen Molekularen und dem sozial Molaren operiert, erlaubt dem Kapital qua Reduktion einer Reihe von Multiplizitäten die Etablierung verschiedener molarer Hierarchien und Dualismen wie die zwischen Mensch und Natur, dann zwischen Kultur und Mensch, zwischen Mann und Frau, Kind und Erwachsenem, Arbeiter und Kapitalist etc. Die soziale Subjektivierung mobilisiert hierfür die verschiedendsten signizifierenden Semiologien, wobei die Sprache stets in Beziehung zum Individuum und dessen Bewusstsein gesetzt ist, sodass Repräsentation (das linguistisch motivierte Zusammenspiel von Repräsentation und Repräsentiertem) und Subjekt immer verbunden bleiben. Wir können hier von einer semiologischen Triangularität sprechen: Referenz, Signifikation und Repräsentation. (Eine Möglickeit sich der hegemonialen Identifizierung (Beruf, Geschlecht, Nationalität usw.) zu entziehen, bestünde in der De-Individuation, die zu einer generischen Gemeinsamkeit der Alterität führt. Dadurch würde man erst seine wirkliche Identität wiedererlangen, egal was sie denn nun wäre, und zwar unabhängig von den Infrastrukturen der Repräsentation, die sie bisher definiert und begrenzt hatten.) Es ist heute die finanzielle Ökonomie, die bis tief in die immateriellen semiolinguistischen Ströme eindringt und sie zum Austausch von Zeichen motiviert, i.e. Zeichen und Sprache werden durch die digitalen finanziellen Maschinen vereinnahmt, oder anders gesagt, die finanzialisierte Deterritorialisierung der Geldkapitalströme und ihre Effekte trennt die Sätze von ihren Referenten und das Geld bleibt in gewisser Weise von den Waren getrennt. Obgleich der finanzielle Kapitalismus eine techno-linguistische Governance ausübt, wie dies bspw. Bifo Berardi zurecht annimmt, benötigt er aber vor allem eine neue Governance der asignifikanten Semiotiken. Das gilt es noch zu zeigen. Deleuze/Guattari sprechen hinsichtlich des ökonomischen Mathems, dessen wichtigster Operator nach wie vor das Geld (Preisform) ist, von a-signifikanten Semiotiken, welche die verschiedenen humanen Agenten, ihre Organe und ihre perzeptiven Systeme direkt mit den ökonomischen Maschinen und deren Prozeduren und Zeichen verbinden. Dabei funktionieren die humanen und nonhumanen Agenten als bewegliche Teile in den materiellen Praktiken der Konnexion von Strömen, die in maschinellen Netzwerken zusammen- und auseinanderlaufen. Geld, Aktienindizes und Arbeitslosenstatistiken, Algorithmen und wissenschaftliche Diagramme, Formeln und Modelle, Funktionen und Computersprachen – sie alle produzieren jenseits der Signifikationen (Sprache, Schrift) als asignifikante Semiotiken weder Diskurse noch Narrative, vielmehr operieren und multiplizieren sie in einem abstrakt-mathematischen Modus der ökonomischen Semiosen die produktiven Kräfte der Maschinerie und ihrer Netzwerke, seien es die der ökonomischen, militärischen, politischen und kommunikativen Maschinen.
Eine der wesentlichen sozialen Subjektivierungsformen kristallisiert sich heute mit der Figur des homo oeconimicus heraus. Allerdings hat im Neoliberalismus monetaristischer Spielart der homo oeconomicus seine Form entscheidend verändert: Der klassische Liberalismus machte den Tausch zur generellen Matrix der Gesellschaft, indem er eine Homologie etablierte: So können die Relationen an den Märkten auch als Austausch von gewissen Freiheiten hinsichtlich eines Sets von Rechten und Pflichten begriffen werden, und dies gilt gemeinhin als Grundlage des modernen Individualismus. Der Neoliberalismus hingegen, so zumindest Foucault, weitet die Prozesse der sozialen Subjektivierung aus, indem er die ökonomische Aktivität zur Grundlage aller sozialen und politischen Relationen macht, er legt den Fokus nicht mehr auf den Tausch, sondern auf den Wettbewerb. Während der Tausch im Liberalismus noch als natürlich vorgestellt wurde, wird der Wettbewerb im Neoliberalismus als eine künstliche Relation begriffen, die man gegen jede Form der wirtschaftlichen Monopolisierung und gegen jede zu intensive Intervention des Staates schützen muss.
Der Shift vom Tausch hin zum Wettbewerb zieht nun gewichtige Effekte nach sich: Alles und jedes, was die Menschen für sich realisieren wollen, von der Heirat über das Verbrechen bis zur Ausbildung der Kinder, soll nun unter der ökonomischen Perspektive der Verwertung begriffen werden, gemäß einer partikularen Kalkulation von Kosten und Nutzen. Dies beinhaltet auch eine grundlegende Redefinition der Arbeit und des Arbeiters. Der Arbeiter transformiert zum Humankapital. Und Gehälter und Löhne mutieren zur Revenue, die nur im Kontext des anfängliches Investments in Kenntnisse und Fähigkeiten bezahlt werden; jede Aktivität, welche die Fähigkeit Einkommen zu erzielen steigert, um Bedürfnisse zu befriedigen, und sogar die Migration, das Überschreiten der Grenzen von einem Land zum anderen, gilt als ein Investment in das Humankapital. Natürlich sind Teile des Humankapitals, Körper, Gehirn und das genetische Kapital, nicht zuletzt die Rasse oder die Klasse, zunächst gegeben und können nicht ohne weiteres verbessert und effektiviert werden. Jedoch argumentiert Foucault, dass man selbst diese Faktoren durch Technologien auch umzuwandeln vermag: Von der plastischen Chirurgie, der neobuddhistischen Mentalitätskonstruktion bis hin zum genetischen Engineering ist es dem neoliberalen Individumm auferlegt, seine ursprünglichen Investments immer weiter zu transformieren und zu effektivieren. Der neoliberale homo oeconomicus ist ein Unternehmer, ein Unternehmer seiner selbst. Foucault begreift den Neoliberalismus als ein neues Wahrheitsregime, als eine neue Art und Weise die Leute zu Subjekten zu machen: Der homo oeconomicus stellt ein grundlegend neues Subjekt dar, das durch andere Motivationen und andere Prinzipien als die des homo juridicus oder des legalen Subjekts des Staates strukturiert und regiert wird. Die soziale Subjektivierung produziert also ein individuiertes Subjekt, dessen paradigmatische Form das Humankapital und der Unternehmer seiner selbst ist. Der Neoliberalismus konstituiert einen neuen Modus der Gouvernmentalität, eine Methode, eine Mentalität, mit der Leute regiert werden und sich selbst regieren. Und die operativen Terms dieser Governance sind nicht länger Recht und Gesetz, sondern Interesse, Investment und Wettbewerb. Dabei versucht der Staat die Ströme und Codes der Interessen und der Wünsche zu kanalisieren, indem er wünschenswerte Aktivitäten billiger und nicht wünschenswerte teurer macht, darauf vertrauend, dass die Subjekte ihre Interessen permanent richtig kalkulieren. Als eine neue Form der Gouvernmentalität muss man den Neoliberalismus in seiner ganzen Paradoxie begreifen: Er regiert ohne zu regieren. Dafür muss man dem Subjekt ein gewisses Potenzial zur Ausübung der Freiheit gewähren, damit es zumindest zwischen widerstrebenden Strategien wählen kann. Und wenn gar zur Multiplizierung der Freiheit aufgerufen wird, dann steht dahinter immer der Imperativ, die eigene Produktivität zu multiplizieren. Die neoliberale Goverance markiert dafür nicht mehr direkt den Körper durch die souveräne Macht oder durch disziplinierende Maßnahmen, sondern sie wirkt auf die Bedingungen der Aktivitäten von Subjekten ein, fordert sie zur Eigenverantwortung, Selbstverwertung und Selbstkontrolle auf. Fordert sié auf als das Risiko kreierende und dieses bewältigende Unternehmen zu agieren. Neoliberale Gouvernementalität folgt einem allgemeinen Trajektor der Intensifikation. Und diesen Trajektor durchzieht ein fundamentales Paradox: wenn die Macht weniger restriktiv und körperlich wird, so wird sie zugleich intensiver, das gesamte Feld der Aktivitäten und der Potenzialitäten der Individuen sättigend. Aus dieser Perspektive transformiert die Ökonomie zu einem performativen ökonomischen Diskurs, der sämtliche Weisen des Lebens betrifft, ein common sense, bei dem jede Aktion, sei es ein Verbrechen, Heirat, Hochschulbildung gemäß eines Kalküls bewertet werden soll, des Kalküls vom maximalen Output bei minimalen Inputs. Und wie das liberale Rechtssubjekt zeichnet sich das neoliberale ökonomische Subjekt durch den Anspruch auf eine absoluten Hinlänglichkeit aus, dem heute scheinbar jeder Hauch der Insuffizienz abhanden gekommen ist. Ethisch ist das neoliberale Subjekt ein verkommenes Subjekt, dem Francois Chatelet den Status des Schweinischen gegeben hat.
Dennoch findet im Zuge der neoliberalen Deterritorialisierung eigentlich keine neue Produktion der Subjektivität mehr statt. Laut Lazzarato bleibt das neoliberale Subjekt weiterhin abhängig, abhängig zumindest von den Schulden, es ist ein verschuldetes Subjekt, und so kann die neoliberale Propaganda der Unternehmensform nicht verbergen, dass für die Mehrheit der Bevölkerung die Aufforderung ein Unternehmer seiner Selbst werden, nichts weiter bedeutet, als den Zwang fallende Löhne und Einkommen, Prekarisierung und Verschuldung in der derselben Art und Weise zu managen, wie man die Bilanz eines Unternehmens managt. (In diesem Kontext wird die Begriffsfigur des heroischen Unternehmers (Schumpeter), dessen Genie, das im Potenzial zur kreativen Zerstörung und gleichzeitig zur Innovation bestand, angeblich sogar die Massen inspirierte, längst durch die des cleveren Financiers, Arbitrageurs und Hedgefonds-Managers ersetzt, der begehrlich und kontinuierlich, sekundenschnell und clever nach neuen Möglichkeiten der Geld- und Kapitalanlage stalkt. Und diese Einstellung reicht bis in die neoliberale Aufforderung zur Selbstvorsorge und Eigenverantwortung hinein, als Teile einer „Masseninvestitionskultur“ (Bischoff 2014: 41), wobei es die Finanzindustrie ist, die über Kredit- und Anlaggeschäfte den Zugang zu Kosumgütern, Immobilien, Bildung und Altersversorgung bereitstellt. Gegenwärtige finanzialisierte Biopolitiken inkludieren die beständige Modulation des Risikos und die statistische Sortierung der Bevölkerung, nämlich in die, die im Angesicht des Risikos erfolgreich sind, und die, die es definitiv nicht sind – und nichts anderes heißt eben at-risk zu sein. Es hat sich eine mönstrose finanzielle Industrie entwickelt, welche die Verantwortlichkeit und Strategien der Akteure gegenüber dem at-risk-Sein bewertet, berechnet und behandelt (von Konsumentenkrediten über privatisierte öffentliche Güter wie Schulen und Gefängnisse, bis hin zu den profitablen Maschinen der Messung und der Überwachung des Geldkapitals). Sloterdijk hat dies tortz aller Metaphorik auf den Punkt gebracht. Er schreibt: „Was hier Konsum heißt, bezeichnet die Bereitschaft der Klienten, an kreditbasierten genußbeschleunigungsspielen teilzunehmen – auf die Gefahr hin, einen großen teil der Lebenszeit mit Tilgungsgeschäften zuzubringen. (Sloterdijk 26: 309).
Maurizio Lazzarato ist durchaus rechtzugeben, wenn er in seinem letzten Buch Signs and Machines schreibt, dass die zeitgenössische kritisch-philosophische Theorie (Badiou, Negri, Butler, Zizek, Ranciere, Akzelerationisten etc.) im Zuge ihres Verhaftetseins im hegemonialen linguistischen Diskurs die spezifischen sozio-ökonomischen Operationen der Maschinen, der maschinischen Indienstnahme und ihrer asignifikanten Semiotiken in nuce ignoriert hat und weiterhin ignoriert. Die große Spannbreite linker Autoren legt den Schwerpunkt, was die Frage der finanziellen Funktionsweisen des Kapitals und der Subjektivierungen betrifft, eindeutig auf die Analyse der Semiologien der Signifikation. Und das ist umso erstaunlicher, als heute eine Unzahl von Maschinen, die man durchaus als das konstante soziale Kapital bezeichnen könnte, längst unser alltägliches Leben okkupiert haben, indem sie unsere Perzeptionsweisen und Affekten unserer Kognition mehr als nur assistieren, ja sie immer stärker auch ansteuern und regulieren. (Lazzarato 2014: 13) Die oben genannten Autoren ignorieren hartnäckig die Bedeutung der asignifikanten Semiotiken, obgleich es doch gerade diese im Kontext einer maschinischen Indienstnahme sind, die noch durch die Diskurse, Habiti, Funktionen und Signifikationen, in denen sich die Individuen erkennen und ihre eigene Realität gestalten, hindurch wirken, indem sie ihnen eine Gestalt geben. “Diese Umwandlung (hin zu einer neuen Psychopolitik) ist nicht zu erreichen ohne eine weitreichende Entpolitisierung der Populationen – und damit verbunden: ohne den fortschreitenden Bedeutungsverlust der Sprache zugunsten von Bild und Zahl.” Sloterdijk, Zorn und Zeit. 312)

Die soziale Subjektivierung stellt also nur eine Form, Strategie und Methode zur Konstitution des modernen Subjekts dar. Einen von der sozialen Subjektivierung differenten Prozess, der die Subjektivierung zumindest fluider und geschmeidiger macht, bezeichnen Deleuze/Guattari als maschinische Indienstnahme, mit der neue funktionale und operationale, nicht-repräsentative und asignifikante Semiotiken mobilisiert werden. Im Modus der maschinischen Indienstnahme lässt das Individuum sich nicht länger als ein individuiertes Subjekt, als ökonomisches Subjekt oder als Bürger verstehen, sondern es muss als ein Teil oder eine Komponente der Gefüge der Unternehmen, der finanziellen Systeme, der Medien und des Staates und seinen kollektiven Institutionen beschrieben werden. Deleuze/Guattari ersetzen an dieser Stelle die Figur des Individuums durch die des Dividuums. Wurden die Arbeiter im Fordismus noch wie wie Zahnräder in die Fließbandmaschine integriert, so ist deren Verkopplung mit der Maschine im kybernetischen Zeitalter eher als eine der Interpenetration zu verstehen. Diese Art Verkopplung bezieht sich zunächst auf die kybernetische Figur der Kommunikation zwischen Organismus und Maschine. Die Maschinen der Kybernetik befinden sich Deleuze/Guattari zufolge in einem System, „das ein Regime allgemeiner Unterjochung wiederherstellt: rückläufige und umkehrbare ‚Menschen-Maschinen-Systeme’ ersetzen die alten, nicht rückläufigen und nicht umkehrbaren Beziehungen zwischen den beiden Teilen. Die Beziehung zwischen Mensch und Maschine beruht auf wechselseitiger, innerer Kommunikation, und nicht mehr auf Benutzung oder Tätigkeit.“ (Deleuze/Guattari 1992, 635). Nicht zufälligerweise sprechen Deleuze/Guattari hier von Kommunikation, und dies im Kontext dessen, was man in der Systemtheorie strukturelle Kopplung oder eben Interpenetration nennt. In der Systemtheorie spricht man davon, dass mit der Variation des Mediums (bspw. der Schrift), durch das Kommunikation und Bewusstsein gekoppelt sind, eine Veränderung der Strukturen der Kommunikation, mit denen das Bewusstsein ko-variiert, stattfindet. Ma könnte hier nun Maschine anstelle von Medium setzen, aber die Dinge liegen bei Deleuze/Guattari etwas komplizierter.
Deleuze/Guattari ziehen also das Konzept der maschinischen Indienstnahme zunächst von der Kybernetik und den Wissenschaften der Automation ab, das heißt vom Management oder der Governance aller Komponenten eines maschinellen Systems. (Ein technologisches System managed seine Variablen wie Temperatur, Druck, Kräfte, Geschwindigkeit, Output etc., um die Kohäsion und das Gleichgewicht des Systems in Hinsicht der Funktionalität des Ganzen zu garantieren. Deleuze/Guattari haben hingegen ein Konzept der abstrakten Maschine entwickelt, in dem die Maschinen weder rein funktional oder als Universalien auftauchen, vielmehr sind sie unter dem Aspekt der virtuellen Montage von verschiedenen Ebenen, welche die abstrakten Maschinen durchqueren, als virtuell-reale Potenzialmaschinen zu begreifen. Hier wäre dann das Mögliche nicht nur eine latente Wirklichkeit, sondern zugleich immer auch das Unmögliche, das wirklich werden könnte. (Bahr 1983: 138) Maschinen sind niemals in sich selbst geschlossen, vielmehr unterhalten sie (determinierte) Beziehungen mit raumzeitlichen Exterioritäten wie auch mit den verschiedenen Universen der Zeichen und den Feldern der Virtualität. In seinem letzten Buch Chaosmose entwirft Guattari einen Begriff der Maschine, indem er verschiedene Maschinentypen analysiert, wobei deren Genealogie für Guattari ähnlich wie bei Hans-Dieter Bahr keine linear-evolutionistische Entwicklung sein kann. Guattari stellt bei jedem Maschinentyp als erstes die Frage nach der singulären Aussageskraft von kollektiven Agencements sowie nach der Konsistenz der ihn ihnen existierenden Äußerungen.)
Die maschinische Indienstnahme ist also als ein Modus der Kontrolle und der Regulation von technischen oder sozialen Maschinen zu verstehen, der ohne Repression oder Ideologie funktioniert, vielmehr Techniken der Modulation und des Modellierens benutzt, um die Interpenetration zwischen Menschen und Maschinen zu garantieren. Im Modus der maschinischen Indienstnahme fungiert die Person nicht als ein unternehmerisches Subjekt (Humankapital oder Unternehmensform), sondern sie ko-existiert mit der Maschine als ein funktionales Teil, oder sie ko-variiert als eine Komponente der maschinellen Gefüge. (Der Begriff des Gefüges oder des Agencements verweist bei Deleuze/Guattari einerseits auf Äußerungen, andererseits auf Maschinen, aus das, was gesagt werden kann, und auf das, was gemacht werden kann.) Diese Gefüge sind hier als Subjektivierungsmaschinen aufzufassen, welche die interpersonalen Beziehungen der Subjekte oder die der Familienkomplexe weit übersteigen. Guattari verwies in diesem Kontext schon früh auf die Funktionsweisen der modernen Finance, auf Massenmedien und computergestützte Dispositive, aber auch auf Referenzuniversen wie die Musik, die sich im Augenblick des Schaffens jenseits der chronologischen Zeit ausdrückt, und zwar als eine Singularität – es geht um Komplexe, die man als nicht-menschlich bezeichnen kann oder die das Menschliche an maschinelle Semiosen ankoppeln, an Ritornelle. (Vgl. Guattari 2014: 18)
Im Kontext der sozialen Subjektivierung bleibt das Individuum auf externe Objeke (Maschinen, Geld, Kommunikation) angewiesen, die es als Mittel oder Medien gebraucht, und dies im Rahmen einer humanen Subjekt-Objekt Logik. Im Modus der maschinischen Indienstnahme, die Deleuze/Guattari als eine differente und doch hinsichtlich der sozialen Unterwerfung komplementäre Logik der Subjektivierung einführen, braucht man sich hingegen nicht länger um die oben angeführten Dualismen zu kümmern. Die Funktionsweisen der maschinischen Indienstnahme kennen nämlich keine wesentliche Unterscheidung zwischen Menschen und Maschinen, zwischen humanen und nicht-humanen Agenten oder zwischen Subjekt und Objekt, Natur und Kultur etc. Es ist jetzt dringend angeraten, anstatt von Individuen von Dividuen zu sprechen, die ganz der Maschine benachbart sind oder an sie angrenzen, vielmehr noch, die Dividuen und die nonhumanen Teile der technischen Maschine bilden in ihrer Verkopplung zusammen einen maschinellen Apparat (Verdichtung von materiell-semiotischen Praktiken), ein maschinelles Agencement. Und das Dividuum funktioniert hier in derselben Art und Weise wie die nicht-menschlichen Komponenten, seien es nun technische Maschinen, organisatorische Prozesse, Semiotiken etc. In diesen Menschen-Maschinen Apparaten sind beide Komponenten wiederkehrende und bis zu einem gewissen Maß austauschbare Teile der Produktion, Kommunikation, Konsumtion – Prozesse, die rein auf die Herstellung von profitablen Inputs und Outputs abzielen. Die humanen wie die non-humanen Agenten (die Agenten sind keine Personen und die Semiotiken sind nicht repräsentational) fungieren in den maschinellen Prozessen als Punkte innerhalb der Konnexion, Konjunktion und Disjunktion von Strömen und Netzwerken, seien es ökonomische, soziale oder kommunikative Netzwerke. (Félix Guattari zufolge ist jener Teil der maschinischen Indienstnahme, der in die menschliche Arbeit (oder die Kommunikation) eingeht, als solcher niemals quantifizierbar. Hingegen sind Prozesse im Kontext der subjektiven Unterwerfung, die mit einem Arbeitsplatz oder einer beliebigen sozialen Funktion verbunden sind, quantifizierbar. Man kann die Anwesenheitszeit eines Arbeiters messen, nicht aber das, was er in der maschinischen Dimension hervorruft. Man kann in gewisser Weise auch die Arbeit eines Physikers quantifizieren, zumindest die Zeit, die er in seinem Labor verbringt, nicht jedoch den maschinischen Wert der Formeln, die er ausarbeitet. )
Ständig wechseln die Dividuen ihre Funktionen, nehmen in den maschinellen Gefügen wahlweise Übertragungs-, Transformations- oder Werkzeugfunktionen an, fungieren als Rohstoff, Arbeitsmittel und Arbeitsgegenstand zugleich. So ist das Dividuum keineswegs als statisch zu verstehen, sondern es wird in den maschinellen Prozessen durch die Funktionsweisen des Looping und des Sampling, ja selbst des Glitchs transformiert und moduliert, und dies bezieht sich sowohl auf den Aspekt des passiven Operierens mit sich selbst plus des Operieren-Lassens durch die Maschinen, und bis zu einem gewissen Maße aktiviert das Individuum diese Funktionen selbst. Dabei bleibt das Dividuum an ein Außen angekoppelt, genauer mit den immanenten Kräften des Außen verschweißt, wie etwa die verstreute Arbeit mit dem Silizium der kybernetischen Maschine, oder den exogenen Faktoren des genetischen Engineerings. Und für Deleuze besitzt das Dividuum eine mosaikartige, eine rekombinante „Seele“ – wenn Seele überhaupt noch das richtige Wort ist – um sich in Relation zu den metastabilen Strängen eines bioinformatischen Ökosystems zu formieren und zu reformieren. Das Dividuum muss heute also mit sämtlichen Technologien und Techniken nicht nur koexistieren, sondern sogar ko-variieren. Diese Anschauung ist im übrigen nicht so weit von Donna Haraways Cyborg Manifesto entfernt, aber was das Neue bei Deleuze/Guattari hier wirklich ausmacht, das besteht darin, dass sie hinsichtlich des Problems der Kopplung den Diagrammbegriff einführen, und zwar als Superfalte, als eine doppelte Helix, als eine fraktale und eben nicht einfach nur eine einfach gefaltete Topographie. (Sie gehen davon aus, dass Diagramme eine Konjunktion zwischen deterritorialisierten Zeichen und deterritorialisierten Objekten herstellen und mit ihnen ein direkter Effekt auf die Dinge ausgeübt wird, insofern Diagramme eine materielle Technologie involvieren und Teil einer komplexen Manipulation von (abstrakten) Zeichen-Maschinen sind. Diagamme sind heute ein wichtiger integrativer Teil der technisierten Informations- und Wissensproduktion des Kapitals, wobei sie eben nicht nur als Darstellungsmedien zu begreifen sind, sondern als gespeicherten Zustände von abstrakten Rechenmaschinen, die stets auf dem Sprung sind operativ zu werden. (Miyazaki 2013: 30) Beispiele für Diagramme finden wir in den Algorithmen, in der Algebra, der Logik und Topologie, in Plänen und Schemata der Datenspeicherung, der Schaltung und des Computer-Processing, den Tabellen, Charts und Graphiken in der Ökonomie und schließlich auch in den Partituren der Musik.)
Eine konstitutive Dimension des Dividuums besteht also darin, dass es angeschlossen ist: Angeschlossen an die diversen Maschinen des Kapitals, der Kommunikation und des Staates – Maschinenkomplexe, die von der Computerisierung nicht mehr zu trennen sind. Aber längst werden die Dividuen nicht mehr wie bspw. im Taylorismus ausschließlich durch direkte Überwachung, Kontrolle und wissenschaftliche Disziplinierung in die Maschinerie integriert, sondern sie werden über weitaus flexiblere und effektivere Methoden und Codes geteilt und dadurch an die Maschinenkomplexe angeschlossen (Crowdsourcing, Online-Anwesenheit etc.). Jedoch erzeugt diese Art des Anschlusses keineswegs passive Dividuen, vielmehr befördert eigenartige Subjektivierungen, um schließlich sogar aktive Mobilisierungen zu erreichen, die aber stets von Kodierungen des Kapitals und der Wissenschaft geprägt bleiben, sodass über die Optimierung der eigenen Selbstmodellierung die Optimierung des sozialen Systems zu seiner eigenen Sache gemacht wird. (Dem entspricht zunächst die These Thomas Metzingers, nämlich, dass die Selbstmodellierung ein kontinuierlicher Prozess sei, in und mit dem ein informationsverarbeitendes System die Eigenschaften seiner selbst kontrollieren und in einem unifizierten Datenformat darstellen kann. Man muss hier unbedingt hinzufügen, und damit im Rahmen einer vorausgesetzten maschinisierten Fremdbestimmung auch verwerten kann).
Dabei werden ständig neue Spuren in das Dividuum eingeschrieben, Gesicht und Körper werden designt und das Gehirn und das Gedächtnis massiert. Die ist nur dann möglich, wenn die Dividuen spezielle Filterungssysteme, Empfindungen und Wahrnehmungen besitzen, um die jeweiligen Codes und Semiotiken von Einschreibungen zu decodieren und schließlich die entsprechenden Regulierungen an sich selbst vorzunehmen, indem man etwa Zeichen, Codes und Styles sampelt, um sie wie Merkmale seiner eigenen Auserwähltheit neo-narzisstisch auszustellen. Die Dividuen bleiben jedoch in jedem nur erdenklichen Moment an hypermediale Maschinen angeschlossen, die qua ihrer Komponenten, Variablen und Teile, die Punkte der Konnexion, Konjunktion oder Disjunktion bilden, ihre jeweiligen Inputs und Outputs produzieren, wobei diese selbst wiederum Teile von Strömen und Rhythmologien sind, die innerhalb der maschinellen Netzwerke zirkulieren. Das Dividuum, als neuronaler Mensch sozusagen eine reizbare kybernetische Maschine, kann den Komplex der medialen Maschinen nicht mehr verlassen. Und jede mediale Maschine, die mit Übertragungen beschäftigt ist, setzt sich aus Kombinatoriken zusammen, „in denen zeiträumliche Differenzen in diskreten Takten eines Maschinenkörpers verdichtet werden.“ (Lenger 2003: 176)
Dividuen bilden sozusagen die Relaisstationen oder Synapsen der Maschinen, wie z.B. der Fernsehmaschine, mit denen Informationen, Daten und Zeichen die Gehirne der Dividuen in spezifischer Weise durchqueren. Dabei ist das Fernsehen selbst als ein Knoten innerhalb eines komplexen Ritornells zu verstehen, das deterritorialisierende, existenzielle Territorien kristallisiert, indem es die Dividuen an die Sehmaschinen ankoppelt, das heißt in einen Schnittpunkt versetzt, in eine perzeptive Hypnose, die a) auf der Lichtabtastung des Apparates durch das Auge beruht, b) dem Nachvollzug der Inhalts der Sendung, c) den Umwelten, und d) den Fantasien, die das Fernsehschauen des Dividuums begleiten. Gleichzeitig kommt es zu Prozessen der Identifizierung, die sich aus der Übereinstimmung mit dem Produkt Ansager oder Schauspieler ergeben: „Ich bin, was dort vorne ist,“ schreibt Guattari (Guattari 2014: 28), ohne allerdings unerwähnt zu lassen, dass dieser Prozess der Ankopplung an das Ritornell des Fernsehens nicht nur darin besteht, Identifizierungen durchzusetzen und gleichzeitig die jeweiligen Komponenten in ihrer Heterogenität zu belassen, sondern auch immer neue Virtualisierungspotenziale freizusetzen. Google und Facebook, soziale Datenbanken, die zum großen Teil als Marketing-Apparate (Stichwort Big Data) funktionieren, sind heute wohl die aktuellsten und wirkungsmächtigsten maschinellen Komplexe, die Daten sammeln und selektieren, mit denen man die Verhaltensweisen, Leseweisen, Freizeitpräferenzen, Geschmack, Kleidung und Meinung der Dividuen reguliert und kontrolliert, qua einer Informationalisierung, in deren Prozesse die Dividuen, deren Profile qua Algorithmen aus der Konvergenz von Daten komponiert werden, selbst als Relaisstationen bzw. Inputs und Outputs von Produktions-Konsumtions-Maschinen fungieren. Und man weiß schließlich, dass die Arbeiter heute nicht mehr an die Fabrikräume gekettet sind, vielmehr tragen prekär Angestellte ihre Ketten in Gestalt von Laptops, Smartphones, Tablets und deren Funktionsweisen mit sich herum. Allerdings ermöglichen Smart Technologies sowohl die Kontrolle als auch die Anstiftung zur Freiheit, sie sind als Materialisierungen der maschinellen Indienstnahme in den Gefügen zu verstehen wie sie das Erzeugen von Fluchtlinien anstiften, sie ermöglichen Prozesse der Deterritorialisierung und der Reterritorialisierung, sodass die Beurteilung der Technologie für Deleuze/Guattari immer nur im Kontext eines bestimmten Gefüges erfolgen kann.
Die maschinische Indienstnahme muss stets auf asignifikante Semiotiken (Diagramme, Pläne, Schemata, Indizes, Währungen, Gleichungen, Software) zurückgreifen, die nicht in erster Linie das Bewusstsein ansprechen oder auf die Repräsentation setzen und deshalb auch kein Subjekt als Referenten benötigen. Generell zeichnet sowohl die Subjekte als auch die Objekte eine gewisse Ambiguität aus, beide Begriffe lassen sich Guattari zufolge eher als Hybride, als Subjektivierungs-Objektivierungskomplexe auffassen, wobei Objekte (Maschinen, Protokolle, Diagramme und Graphen) ihre Objektivität und Subjekte ihre Subjektivität gewissermaßen verlieren. Solcherlei objektlose Objekte besitzen das Potenzial der Konstitution von Vektoren (und eben nicht nur die Subjekte), die so etwas wie eine Proto-Subjektivität erzeugen, und dies heißt, dass Maschinen, Objekte und Zeichen den Dividuen bestimmte Aktionen vorschlagen, ermöglichen oder verbieten, sie dazu ermuntern und anstiften, womit wir es im präzisen Sinne mit den Machtrelationen eines Michel Foucault zu tun haben, in denen Aktionen auf andere Aktionen einwirken. Diese Machtbeziehungen drücken keineswegs intersubjektive Beziehungen aus, sondern inkludieren Aktionen innerhalb eines maschinellen Agencements oder innerhalb eines Kollektivs, in dem Maschinen, Objekte und Zeichen selbst wie Agenten auftreten. Und die Dividuen müssen in den maschinellen Agencements in derselben Art und Weise wie die non-humanen Komponenten agieren, seien es nun die Teile einer technischen Maschine oder etwa organisatorische Prozesse, semiotische Konfigurationen etc. Allerdings finden sich heute die Dividuen zunehmend an die Peripherie der technischen Systeme gedrängt. Im Modus der maschinischen Indienstnahme bilden die Dividuen zusammen mit den Maschinen einen komplexen sozialen Körper. Hierzu aktiviert die maschinische Indienstnahme eine Reihe von prä-personalen, prä-kognitiven und prä-verbalen Kräften (Perzeption, Sinne, Affekte, Wunsch) und bindet die Dividuen damit zugleich an supra-ökonomische Kräfte (Ökonomie, Wissen, Technik, Sozialität), die die verschiedensten Potenziale der Dividuen aufgreifen, regulieren und verwalten.
Man muss nicht lange rästeln, um das spekulative Geldkapital und die moderne Finance als perfekte Maschinen zu begreifen, welchedie soziale Materie unablässig deterritrorialisieren oder decodieren, wie dies die letzten 30 Jahre des neoliberalen Kapitalismus in aller Prägnanz gezeigt haben. So wird etwa der Trading-Raum einer großen Bank heute von diagrammatischen, digitalen Maschinen beherrscht, er wird durch Bildschirmwände trassiert, die allesamt an globale Computernetzwerke angeschlossen sind, um in Realtime die Aufwärts- und Abwärtsbewegungen der kontingenten Preise an den Finanzmärkten zu visualisieren. Dafür muss man ganz verschiedene Semiotiken mobilisieren: a) impotente Zeichen, die nur die historischen Preisbewegungen dokumentieren, b) Macht-Zeichen, welche die aktuellen Preisbewegungen stimulieren und kommende Verläufe prognostizieren – die Kalkulation und Verwertung von antizipierten Einkommen, den diskontierten Werten von zukünftigen Einkommensmöglichkeiten, i.e. die erwarteten Ströme von zukünftigen Einkommen, und c) diagramatische Zeichen, die das Reale transformieren. Mathematische Systeme, Datenbanken, Netzwerke – all diese Relationen sind heute als Teile und Funktionen zu verstehen, welche die Subjektivität des Traders konstituieren und navigieren. Und ihre Verkettungen, die über sich beschleunigende Algorhythmen prozessieren, erzeugen bei den Dividuen immer öfters spasmische Rhythmen und infolgedessen einen insistierenden Stress, wobei sich die verschiedenen Formen des Wettbewerbs zwischen den Dividuen und die Beschleunigung der Geldkapitalströme gegenseitig hochschaukeln können.
Mit dem Begriff des Spasmus (Krampf), den Guattari in seiner Schrift Chaosmose verwendet, will er auf die exzessive und kompulsive Beschleunigung der Rhythmen des Sozialen und Ökonomischen hinweisen, auf eine forcierte Vibration sämtlicher Rhythmen in den Räumen der sozialen Kommunikation. Guattari bezieht sich hier insbesondere auf die Bereiche der kognitiven Arbeit und der nervlichen Belastung, denen die Dividuen in den maschinellen Netzwerken und Systemen gegenwärtig ausgesetzt sind. Demzufolge ist der Spasmus als ein Effekt der gewaltsamen Penetration des Kapitals in das Feld der Infotechnologien zu verstehen, die wiederum unablässig auf die Bereiche der Kognition, Sensibilität, Neuronalität und des Unbewussten von Dividuen einwirken. (Hier wäre dann in der Tat der Begriff der Interpenetration zu relativieren, insofen wir es mit einer Penetration durch das Kapital als Determination in der letzten Instanz zu tun hätten.) Die Vibration, die im postfordistischen Kapitalismus durch die Beschleunigung der ökonomischen und sozialen Prozesse entsteht und zur Erhöhung der nervlichen Anspannung bei den Individuen führt – das ist Bifo Berardi zufolge der Spasmus. Bifo ist sich darüber im Klaren, dass die sog. Semiotizer des sozialen Gehirns längst ihre Fähigkeit verloren haben, noch kollektive Bedeutungen herzustellen; die kollektiven Refrains können nicht mehr mit den infotechnischen Umgebungen resonieren, auch das ist der Spasmus. Stattdessen befindet sich die Neuroplastizität der sub-individuellen Organismen in asymmetrischer Interaktion mit den Rhythmen der superkollektiven Automatismen der Info-Schwärme. (Chaosmosis) Bifo spricht in diesem Kontext von einer reinen Finanzialisierung und Funktionalisierung ohne jede Bedeutung, der Automation ohne Denken und Wille, der Rekombination von kompatiblen Fragmenten und Waren sowie der Einschreibung des digitalen Rhythmus in den sozialen und individuellen Körper. Obgleich der finanzielle Trader auch das Paradigma eines neuen homo oeconomicus repräsentieren mag, der eine Unternehmensform sui generis darstellt, nämlich diejenige des Risikomanagements, ist seine Subjektivität letzten Endes nicht mit der eines souveränen oder rationalen Subjekts zu vergleichen. Stattdessen ist die Subjektivität des Traders durch das kreative Abspulen von Proto-Äußerungen gekennzeichnet, und zwar als eine quasi-subjektive Antwort auf fallende und steigende Preis-Differentiale der Assets und selbst noch der Profit-Differentiale der realen Ökonomie, die aber meistens schon durch die Aktivitäten der digitalen Maschinen selbst erzeugt werden. Daten, Algorithmen, Diagramme, Charts und Kurven sprechen, ja sie drücken aus, sie kommunizieren, wenn sie etwas sichtbar und/oder vergleichbar machen, indem sie die Ströme der Information und des Geldes darstellen und manipulieren. Schließlich beeinflussen sie sämtliche Entscheidungsprozesse und Preisfestsetzungen. Wenn die Zeichen (Maschinen, Diagramme, Kurven) selbst noch die Gravitation, die Wahrnehmung und das Begehren der Protosubjektivität und -äußerung beeinflussen, dann fordern sie, ermöglichen und befehlen sie, sie affizieren das Humane, und zudem intraagieren sie mit anderen Maschinen, wobei unkalkuliere und unvorhersehbare diagrammatische Effekte im maschinellen Procedere nicht ausbleiben. Die dazugehörige Subjektivität ist als transitiv und transindividuell zu bestimmen; Subjektivierung und subjektive Äußerungen verliefen heute ohne die asignifikanten Semiotiken und die entsprechenden Maschinen komplett anders, ja sie sind ohne die maschinelle Information, die qua Mathematik kodifiziert und prozessiert wird, kaum noch denkbar.
Die maschinische Indienstnahme arbeitet also mit decodierten Strömen (abstrakten Arbeitsströmen, Geldkapitalströmen, Zeichenströmen etc.), die nicht um das Individuum und die humane Subjektivität kreisen, sondern enorme soziale Maschinen in Gang setzen, welche die Verteilung der Körper, der Kognition, der Blicke und des Lichts diagrammatisch organisieren. Diese Art der Subjektivierung, man sollte vielleicht mit Agamben eher von Desubjektivierung sprechen, wird weitgehend von den ökonomischen, sozialen und technologischen Maschinen exekutiert, welche die sub-individuellen, molekularen Ströme der Kognition und der Sensibilitäten unaufhörlich gestalten, indem sie sie teilen. Anhand des Mobiltelefons zeigt Agamben, was er Desubjektivierung nennt. Er schreibt: “Wer sich vom Dispositiv ‘Mobiltelefon’ gefangennehmen läßt, […] erwirbt deshalb keine neue Subjektivität, sondern lediglich eine Nummer, mittels derer er gegebenenfalls kontrolliert werden kann.”
Das Dividuum ist insbesondere bezüglich seiner präindividuellen Affekte und Kognitionen, seiner Sensoriken und seiner Neuroplastizität sui generis geteilt. Es ist leicht einzusehen, dass die bisher beschriebene Art der maschinischen Agencements und ihrer asignifikanten Semiotiken die Dividuen nicht nur als Teile benötigt, sondern sie förmlich zerreisst, zumindest kommt es fortwährend zu deren Teilung, was die Intelligenz, Kognition, Gedächtnis und Physis der Dividuen anbetrifft, und daraus lässt sich schlussfolgern, dass die Dividuen ein Ich als sie bestimmenden Referenten oder als Kohäsionskraft nicht mehr benötigen und auch nicht mehr besitzen. Die Synthesis der diversen Komponenten, welche eine Person ausmachen, werden nun nicht mehr nur von ihnen selbst, sondern zuehmend von den maschinellen Prozessen geleistet, die für Deleuze/Guattari solche der Deterritorialisierung oder Dekodifizierung sind – Prozesse, die durch molekulare Komponenten, das nicht-individuelle Intensive, durch subhumane Potenzialitäten der Subjektivierung, Potenziale der Materie und der Maschinen komponiert werden.
Die Dividuen besitzen heute vornehmlich eine statistische Existenz, die von den sozio-ökonomischen Apparaten und den Institutionen des Staates konstruiert, kontrolliert und reguliert wird. Zum einen sind die Dividuen auf tippende Finger, spastische Körper und eine erschöpende Informationsaufnahme reduziert, wenn sie mit ihrem zunehmend kryptischen Surfen in den sozialen Netzwerken verzweifelt versuchen mit den Informationsgeschwindigkeiten und -massen Schritt zu halten. Zum anderen klassifiziert man die Dividuen als biogenetische Existenzen mit Hilfe von statistischen Verfahren und der Wahrscheinlichkeitsrechnung und ordnet sie damit in verschiedene Bevölkerungsgruppen ein, wobei man ihre Profile, die ihre affektiven, körperlichen und geistigen Fähigkeiten ordnen, ständig neu generiert, rekombiniert und diversen Tests unterzieht. Dabei bedürfen die rekombinativen Potenzen des Lebens und des Sterbens, die man in der Statistik als Risikofaktoren festhält, weder der Konstruktion eines sozialen Subjekts noch überhaupt der Anwesenheit der Körper und der Intelligenz von Individuen (Vgl. Braidotti 2014: 121) Baudrillard weist exakt in diesem Zusammenhang auf ein verstreutes Individuum hin, das sich qua Klonung in ständig getesteten Individualisierungslinien fortwährend verzweigt und vermehrt. (Baudrillard 45) Wenn wir an dieser Stelle jedoch weiterhin vom Dividuum sprechen, so muss es als ein differenziertes und geteiltes Subjekt-Objekt durchaus zur Multiplizierung fähig sein. Als ein aktives Teil des elektronischen Körpers existiert es heute im „Sampler-Spektrum aus medialen Kraftfeldern, die (es) unter Mithilfe von Kommunikationssatelliten navigieren, die in Umlaufbahnen weit draußen im Weltall positioniert sind.“ (Kroker/Weinstein 1997: 35).
Die diversen Kontrollmechanismen zur Stabilisierung der jeweiligen Subjektivierungsprozesse erfordern die Ankopplung der Dividuen an den Test, der sie als potenzielle Risikofaktoren permanent evaluiert, eine Technik, die Foucault als rassistisch eingestuft hat, insofern man mit Technologien der Macht qua Statistik die Bevölkerung aufgrund ihrer genetischen Merkmale und körperlich-kognitiven Fähigkeiten auf spezifischen Skalen gruppiert. Jedoch stellt ein Test, bei dem die Antwort schon durch die Frage erzeugt wird, in Wirklichkeit keine Befragung mehr dar, sondern drängt, mitunter noch im Rahmen eines binären Ja/Nein Spiels durchgeführt, hin zur Skalierung: In biogenetischer Hinsicht führt der Test zur Einordnung und Skalierung der Dividuen (Träger von finanziell berechenbaren und verwertbaren Daten) – jene, die das gesunde Leben verkörpern, und jene, die den Menschenmüll inkorporieren, der jedoch als Ersatzteillager für die gesunden Bevölkerungsschichten absolut notwendig erscheint, um deren Leben zu gewährleisten. (Walter Benjamin hatte die Operationen eines Chirurgen mit denen eines Kameramannes verglichen, deren kennzeichnende Merkmale, wie Baudrillard wiederum bemerkt hat, denjenigen eines Tests gleichkommen, wenn bestimmte Verfahren der Manipulation und Taktilität benutzt werden, um Bilderfabriken zu sondieren und zu kontrollieren.) Gegenstand wie Resultat des Tests ist heute das Dividuum, das als eine Stichprobe nicht nur funktional gekennzeichnet ist, sondern Zeit seines Lebens, wenn es Tests ausführt, das Referendum oder das Ultimatum einzuhalten hat, dass es als ein statistischer Risikofaktor eben auch lebenswertes Leben darzustellen vermag. Es fällt hier natürlich sofort auf, dass man die Prozesse der differenziellen Normalisierung und Kontrolle mit Begriffen wie Wachstumsrate, Kosten, Opportunitäten und Freiheitsgrade indexalisieren kann. (Vgl. Harraway) Die Integration der Dividuen in eine digitalisierte Systemarchitektur, deren grundlegende Operationsweisen probabilistisch und statistisch sind, ist anscheinend kaum noch aufzuhalten. Dabei kann im Prinzip jedes Teil mit jedem anderen verschaltet werden, wenn eine passende Norm oder ein passender Code vorhanden ist, um Signale in einer gemeinsamen Sprache auszutauschen.
Es wurde in den Neurowissenschaften schon häufig darauf hingewiesen, dass das Gehirn viel zu langsam prozessiert, um die exponentiell ansteigenden Mengen an Information, die durch die infotechnisch-semiotischen Maschinen strömen, sinnvoll verarbeiten zu können. Bifo Beradi hat mehrfach beschrieben, wie die Geschwindigkeiten des finanziellen Kapitals die neuro-physikalischen Energien der Individuen permanent heraus- und überfordern, gerade indem sie deren Kognition und Emotion auffordern, der Netzproduktivität bedingungslos zu folgen. Der Cypberspace übersteigt als eine prinzipiell grenzenlose Sphäre die individuelle Cyberzeit. Letztere verstanden als eine Zeit der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses und der Imagination, die eben nur über begrenzte Potenziale verfügt. Gegenüber diesen Informationsfluten und ihren Beschleunigungen stoßen menschliche Psychen und Hirne an ihre Grenzen, sodass es zu einer Oszillation zwischen der durch Übererregung mobilisierten nervösen Energie und innerem Rückzug kommt. (Tiqqun haben auf folgenden Circulus vitiosus hingewiesen: J“e zurückgezogener die Menschen leben,desto mehr ähneln sie sich, je mehr sie sich ähneln, desto mehr hassen sie sich, und je mehr sie sich hassen, desto mehr ziehen sie sich zurück.” ) Und diese Oszillation zeigt folgendes an: Wenn die Leute heute nach Intertnetsex, Teleshopping, Videogames und Automobilität (Jogging, Auto und Internet) süchtig werden, dann schießt der Wunsch nach Selbständigkeit und Authentizität mit der grandiosen Abhängigkeit von den medialen Maschinen zusammen. Man giert nach unbedingter Selbständigkeit, während man zugleich, wenn man auch nur eine Sekunde nicht mobil oder online ist, in eine totale Frustration verfällt, weil man gerade die Abgetrenntheit vom Netz als totale Abhängigkeit empfindet. So wird die reale Abhängigkeit nicht negiert, sondern sie wird gewissermaßen pervers und of course online ausgelebt. Neuere Forschungen in den Neurowissenschaften bestätigen, dass der unaufhörliche Imperativ zur beständigen Wahl, ja zur Auforderung, herauszufinden, zu wissen, zu wählen und zu entscheiden, die kognitiv-emotionale Leistungsfähigkeit der Einzelnen übersteigt und erschöpft. Und dies gilt insbesondere dann, wenn das ausgebreitete und zugleich erschöpfte Gehirn, das ganz anders getaktet ist als die automatisch ablaufenden digitalen Nanosekunden-Prozesse, über das Smartphone auf Dauer angeschlossen wird. Deshalb müssten, so Berardi, die Individuen angesichts der Stresses, der durch die beschleunigende Hyperproduktivität des Netzes erzeugt werde, irgendwann einfach kollabieren oder sie müssen sich zumindest in Panikattacken verlieren, um dann die entsprechenden psychopathologischen Reaktionen und Symptome anzuzeigen (Burnout, Depression, Adhs). Das erschöpfte soziale Hirn wird von Spasmen und Panikattacken geplagt, eine Situation, die Arthur Kroker schon in den 1990er Jahren als die psychologische Grundstimmung der digialisierten Kultur ausgemacht hat, „einer Melange aus Melancholie im Inneren, verschnitten mit einer Menge Wahnsinn an der Oberfläche.“ (Kroker, Kroker, Cook 1999: 22) Das Präfix „Hyper“ steht bei Kroker sowohl für die Akzeleration als auch für die Erschöpfung: Hyper-akkumulation, Hypergeschwindigkeit, Hyperventilation, Hyperaktivität, Hyper-Burnout – hypervirtualisiert und zugleich überwacht, übermedikamentisiert, überhäuft, überkommuniziert etc. In der kaptastrophischen Vision eines Baudrillard, Kroker oder Bifo Berardi mag man eine Art und Weise erkennen, die aktuellen Prozesse der Subjektivierung neu zu denken: die Abkehr von der energetisch-affirmativen Subjektivierung, welche noch die revolutionären Theorien des zwanzigsten Jahrhunderts inspiriert hatte, und dies als Hinwendung zu einer Theorie der Implosion, die sich auf die Subjektivierung qua Depression und Erschöpfung bezieht. Und diese theoretische Operation wiederum, um noch eine Bemerkung zu einem schwarzen Deleuze anzuschließen, könnte den Weg für eine Strategie freimachen, die sich auf eine Subjektivierung bezieht, die auf eine kreative Subtraktion abzielt, mit der der Austausch zwischen Leben und Kapital engültig verabschiedet wird, oder anders gesagt, die Erschöpfung zu einer schwarzen Welle der Subtraktion von der Kapitalisierung führt. Dahinter könnte sich die Macht andeuten, keine Forderungen mehr zu stellen, und dies impliziert, dass über die Macht gar nichts mehr gesagt wird. Stattdessen wird eine Unterbrechung des Machtkreislaufs über die politische Nichtteilnahme angestrebt.

Günther Anders hat schon in seiner Schrift Die Antiquiertheit des Menschen Bd.1 im Kontext der Beschreibung der in den 1950er Jahren aufkommenden Unterhaltungsgeräten und ihren Zerstreungstechniken auf Mechanismen hingewiesen, welche von nun an beim Individuum konstant verhindern, einen Punkt einzunehmen oder „bei sich selbst“ zu sein, stattdessen immer „ubique simul“, also letztendlich nirgendwo zu sein. (Anders 1980: 143) Von abhängig Beschäftigten, deren Arbeitsprozesse durch Charakteristika wie Zwang und Langeweile gekennzeichnet seien, könne man nicht mehr erwarten, dass sie in der sog. Freizeit zu sich selbst zurückfänden, und auch wenn sie dies nur wollten, würden ihnen die Massenmedien und das durch sie produzierte und gestreute Material (Nachrichten, Semiotypen, Bilder etc.) regelrecht entgegenstürzen – Geschwindigkeit und Nichtstun, Entspannung und Spannung würden sich damit auch in der Freizeit impulsiv ergänzen, und die mobil gewordenen Didividuen könnten schließlich nur noch das Jetzt, i.e jeden Augenblick wechselnde Zeitstellen bewohnen, was bei den Beteiligten zu einer Art artifizieller Schizophrenie führen würde. Man kann dies nun als eine wirklich schwarze Vorahnung auf das heute zwischen Depression und ADHS oszillierende Dividuum lesen, das ein in verschiedene Teilfunktionen geschnittenes Dividuums ist, das sich als ADHS-infiziertes Dividuum auf einer Welle der leichten Aufmerksamkeit schwebend und/oder manisch inspiriert disparaten Beschäftigungen hingibt. Anders schreibt: „Der Mann im Sonnenbad etwa, der seinen Rücken bräunen läßt, während seine Augen durch eine Illustrierte schwimmen, seine Ohren am Sportsmatch teilnehmen, seine Kiefer einen gum kauen – diese Figur des passiven Simultanspielers und vieltätigen Nichtstuers ist eine internationale Alltagserscheinung.“ (Ebd.: 354) Und Anders schreibt weiter, dass es heute antiquiert sei, sich auf eine Sache zu konzentrieren und darin sich oder etwas finden zu wollen. Vom Subjekt ließe sich hier längst nicht mehr sprechen, dieses bestehe nur noch aus verschiedenen Organen – Ohren, Augen und Gaumen, Organe, die mit ihrer speziellen Funktionstauglichkeit an etwas kleben, nämlich am Radio, an Bildern und am chewing gum, und ein solchermaßen zerstreutes Subjekt sei eben das Dividuum oder, wie Anders hier schreibt, das Divisum. Das Divisum übertrifft in seiner Zerstreutheit bzw. funktionalen Geteiltheit in gewisser Weise noch das Dividuum, das Anders schon in seinen frühen Studien zur negativen Anthropologie erwähnt hatte, in denen es ihm um die prinzipielle Abgetrenntheit des Menschen von der Welt ging. Im Zuge einer sich ausbreitenden Arbeitsteilung kommt bei Anders der Begriff des Divisums ins Spiel. Die Funktionalität eines Divisums findet man heute z.B bei Beatriz Preciado wieder, wenn sie den sexuellen Körper als das Produkt einer sexuellen Teilung des Fleisches bezeichnet, gemäß der jedes Organ durch seine jeweilige Funktion definiert wird.
Den neuen medialen Gerätenwelten korrespondiert Günther Anders zufolge ein an sie angeschlossenes und zugleich in zahlreiche Perzeptionen und Funktionen geteiltes Divisum, das in seiner affektiven, kognitiven und emotionalen Zersplitterung keine Singularität mehr aufbringen kann. Zu diesem neuen Menschen schreibt Anders: „Zerstreut ist er also nicht nur (wie vorhin) über eine Vielzahl von Weltstellen; sondern in eine Pluralität von Einzelfunktionen.“ (Anders 1980: 145) Durch den Arbeitsprozess daran gewöhnt in verschiedene Funktionen geteilt oder in einem einzigen Aufgabenbereich anwesend und damit unselbständig zu sein, muss er, da er kein organisierendes Selbst mehr herstellen kann, auch in seiner Freizeit zwangsläufig in einzelne Funktionen auseinanderbrechen ud diese wiederum kombinieren. Und die funktionellen Organe müssen bei Strafe ihres Untergangs (wäre eines nicht beschäftigt, würde die Leere oder Langeweile hereinbrechen) beschäftigt oder besetzt werden. Wenn nun die Besetzung nicht in Arbeit bestehen soll, dann ist man gezwungen zu genießen; jedes Organ insistiert in einer Funktion, die Konsum oder Genuss anzeigt, der allerdings längst kein positiver zu sein braucht, vielmehr geht er in das pausenlose oder das serielle Genießen über, für das besonders diejenigen Produkte geeignet sind, die die Gefahr der Sättigung nicht in sich bergen. Der Trieb nach Konsum heftet sich an den strukturierten Gebrauchswert und das strukturierte Bedürfnis, und diese schwarze Allianz führt schließlich dazu, dass die Simultanlieferung simultaner Elemente – bspw. durch die Matrizes des Fernsehens – für das Divisum der Normalzustand wird. Anders resümiert: „Bis heute hatte die Kulturkritik die Zerstörung des Menschen ausschließlich in dessen Standardisierung gesehen; also darin, daß dem, in ein Serienwesen verwandelten, Individuum eine nur noch numerische Individualität übriggelassen wird. Selbst diese numerische Individualität ist nun also verspielt; der numerische Rest ist selbst noch einmal „dividiert”, das Individuum in ein „Divisum” verwandelt, in eine Mehrzahl von Funktionen zerlegt. Weiter kann offenbar die Zerstörung des Menschen nicht gehen; inhumaner kann offenbar der Mensch nicht werden.“ (Ebd.: 148)

This entry was posted on Friday, January 23rd, 2015 at 11:30 am and is filed under Deleuze, Felix Guattari, Maschinen, Maurizio Lazzarato, Subjektivierung. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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