Die Metropole als Freilufteinkaufszentrum

Wenn Kroker noch davon sprechen konnte, dass Einkaufszentren Flüssigfernseher für das Ende des zwanzigsten Jahrhunderts seien, dann sind Metropolen wie Berlin heute Freilufteinkaufszentren, deren digital optimierte Bildermaschinen, die ihre Trendhaftigkeit sekündlich qua Statistiken und Rankingverfahren abfragen, eine hysterische und zugleich ultra-banale Normalität herstellen, die bestenfalls ohne jede Störung oder Makel bleiben soll. Deren Komplement ist eine neue grün-akzelero-linke-pop-art-Spießerkultur, die den Makel noch einmal zu simulieren versucht.

Es scheint so, als seien wir schon am Ende des einundzwanzigsten Jahrhunderts angelangt, dem Reich der Freiheit, das von monetärer Kapitalisierung, sozialer Kontrolle und Kontingenz ununterscheidbar geworden ist. Das Freilufteinkaufszentrum ist in extrem bunte und hybride Bilder getaucht, die immer wieder leerlaufen und sich gerade deshalb trostlos wiederholen, Bilder, die das Empirische emanzipativer und kreativer Individuen in Fiktion und diese Fiktion in Realität verwandeln. Eine gespentische Unruhe, die von der unendlichen Ruhe der Kultur, kaum noch zu unterscheiden ist. Die Bilder sind Teil des Dispositivs einer Konsumtion, die sich als rein versteht. So schreibt Francesco Masci zum Berliner Fahrardfahrer: “Der Berliner Radfahrer versteht sein Fahrrad als Sinnbild der Reinheit; er ist davon überzeugt, das Gute zu tun, den anderen überlegen zu sein und deshalb auch alle Rechte zu haben. Bei den Berliner Radfahrern findet sich ein gewisser Faschismus. Und mit der Aufnahme von Künstlern und schöpferischen Menschen oder solchen, die sich so darstellen, ist Berlin der festen Überzeugung, in der absoluten Gerechtigkeit zu leben, dem Reich des Guten anzugehören, weil es kulturelle Freiheit fördert und jedem erlaubt, seine fiktive Subjektivität zu behaupten.“

Konnte Kroker Ende des zwanzigste Jahrhunderts noch vom Mikroschaltkreis aus Begehren, Ideologie und Aufwand für verarbeitete Körper, die durch den Cyperspace des Ultrakapitalismus treiben, sprechen, so ist im Jahr 2015 der Cyperspace im Analogen angekommen, das er unaufhörlich zu teilen versucht. Das einundzwanzigste Jahrhundert ist das Zeitalter des finanziellen Superkapitals, das Digtialität und Analog ununterscheidbar zu machen versucht. Konsumschauplätze finden sich nun überall, sie firmieren mit der Marke Zukunftsoffenheit oder Kontingenz, indem Investition, Spekulation, Erschöpfung und Depression im Loop gleichermaßen faszinieren.

Städte wie Berlin sind Elektromagneten (Kroker), die alle kollektiven Aktivitäten, auch die der Linken, ansaugen, um sie in ein Kraftfeld zu ziehen, das den possessiven Individualismus mit der Gerechtigkeit vermählt, was allerdings mit einer Selbstverleugnug einhergeht, weil diese Gerechtigkeit eine von Dividuen ist, die Massen, Stichproben, Trends und Kunst sind.
Die Stadt ist ein sehr buntes, aber zugleich auch fragiles Freilufteinkaufszentrum, nicht nur weil die im Konsum Zerstreuten desöfteren in Partikel und Funktionen zerfallen, sondern weil die Erfolgreichen ganz eingeschlossen und die Erfolglosen ein-und ausgeschlossen zugleich sind. Brauchen die großen ShoppingMalls noch strinkt getrennte Grenzen, so verlaufen die Grenzen im Freilufteinkaufszentreum unsichtbar oder molekular, in gewisser Weise sind sie überall und nirgends.

Freiheit und Freizeit verschmelzen im Freilufteinkaufszentreum einer Mittelschicht, der es vor allem darauf ankommt, möglichst viel Freiheit-Freizeit zu konsumieren, ein Kokon oder ein Weichspülwaschgang, der auf der einen Seite die Putzfrau zur Raumpflegerin mutieren, auf der anderen Seite das simple Zeittotschlagen der Nerds und Künstler in selbstverwertende Identitätsfindung umkippen lässt. Dabei fallen die Testergebnisse – das Pseudo-Flanieren in den Freilufteinkaufszentren ist nichts als ein wiederkehrender Test – vergleichsweise ernüchternd aus. Pohrt bringt hier das Bild eines hinter dem Motorrad herrasenden Dackels, bei dem man sich eigentlich fragt, was er machen würde, wenn er das Fahrzeug endlich erwischen würde. Die affektierten und erfolgreichen Pseudo-Flaneure dieser Einkaufszentren, sind eine durch digitale Teilchenbeschleuniger designte Selbsthilfegruppe, die verbissen und zugleich vergeblich darum bemüht ist, Gerechtigkeit in erster Person zu leben, das heißt mit sich im Reinen zu sein und sich Gutes zu tun, sei es Postmodern Wohnen, Distinguiert Trinken, Stressig feiern oder Kybernetisch Essen, wobei die hauptberufliche Suche nach Genuss letzten Endes mit Kunst als Prozess zusammenfällt. Der unersättliche Appetit ist allerdings von der ewigen Frustration, die von der Ahnung lebt, doch nicht dahin zu kommen, wo man hin will, nicht zu trennen.
(Zwischenbemerkung: Abgesehen davon, dass Fußball heute die neue Popindustrie ist, wird heute Pop- und Technogeschichte massiv umgeschrieben. Wenn dann bspw. jugendliche Greise im Frankfurter Bahnhofsviertel darauf verweisen, dass die von ihnen zur Disco degradierten Räume auch für künstlerische Ausstellungen offen seien, dann ist gerade dies ein Zeichen für eine nicht zu überbietende Verblödung, die ihre neoliberale Fitness nur notdürftig zu kaschieren versucht, indem sie Kunstderivate handelt.)

This entry was posted on Thursday, May 14th, 2015 at 8:04 am and is filed under Akzeleration, Gebrauchswert, Kapitalismus. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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