Überwachung

Florian Rötzer zitiert auf Telepolis einen Faz-Journalisten, der zur Festnahme eines salafistischen Ehepaars in Oberursel folgendes schreibt:
“Natürlich ist die Verhütung gefährlicher Straftaten in erster Linie Aufgabe der Polizei. Aber auch Mitbürger       können manchmal bemerken, wenn jemand sich auffällig benimmt. Die Verkäuferin, die das verhaftete Ehepaar gemeldet hat, ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein Terroranschlag durch die Aufmerksamkeit einfacher Bürger verhindert werden kann. Deutschland braucht jetzt sicher keine Spitzelgesellschaft, in der die Leute anfangen, ihre Nachbarn auszuspähen. Die Zeiten sind aber ernst genug, dass jeder im Alltag die Augen offenhalten sollte.”

Indeed, die Zeiten sind tatsächlich ernst und vor allem sind sie risikoreich. Eine falsche Bemerkung und schon hat man eine Räumungsklage am Hals. Die Teilnehmer der Bürgerfabrik haben nach und nach gelernt, die anderen und sich selbst als Risikoobjekte wahrzunehmen, aufgrund dessen dann jeder für jeden ein potenzieller Feind darstellt.

Schon der Beginn einer Liebesbeziehung kann zum Drama von Spionage und Gegenspionage (Seeßlen) werden. Beim digitalen Dating wird auf Grundlage der Datenerhebung eine Abcheck-Paranoia in Gang gesetzt, die sich in den analogen Raum hinein verlängert. Expertinnen für das Internet-Dating raten dann bis zum soundsovielten Treffen einen Ort in der Öffentlichkeit zu wählen, eventuell sogar Zeugen mitzunehmen. Die Produktion der Paranoia ist die der Sicherheit. Ihre Produkte sind gegenseitige Überwachung und Denunziation. Dabei denunzieren die Teilnehmer der Bürger-Fabrik nicht nur die Abweichung, sondern sie sind sich manchmal nicht zu blöde, sich selbst zu denunzieren, sei es auch nur, dass die Denunziation so dämlich daherkommt, dass sie sich eigentlich gegen den Denunzianten richten müsste, es oft aber doch nicht tut, weil allein schon der Versuch der Denunziation eine Auszeichnung verdient hat, die willkommen angenommen wird (insbesondere von Eigentümern, Staatsapparaten, Unternehmen etc.) Kein Wunder, dass die Teilnehmer der Bürger-Fabrik keine Lust verspüren, gegen die umfassenden Überwachungsmaßnahmen von NSA und BND auf die Straße zu gehen.

Die Bürger-Fabrik kennt die verschiedensten Strategien der Immunisierung und der Prävention. Die Bürferfabrik benutzt das Modell des positiven kybernetischen Abwehrmechanismus, der fortwährend aktiv das Verhalten auf die Umwelt reguliert, der vorausschauend und flexibel auf vorhersehbare, schädliche Einflüsse präventiv reagiert. Prävention erscheint als ein selbstregulierendes System, das die homöopathisch dosierten Herausforderungen an das System zu bewirtschaften imstande ist, indem prognostizierte Fehlentwicklungen konstruiert werden, die ohne die entsprechenden Gegenmaßnahmen eben wahrscheinlicher eintreffen würden. Die Diskurse über Sicherheit sind gelungene oder misslungene Sprechakte, sie erzeugen jedenfalls einen Handlungsbedarf, um in der ihnen eigenen Selbstreferentalität ein Feld von Bedingungen hinsichtlich der Risikoszenarien und Bedrohungen abzustecken, um dann die Strategien und Maßnahmen zu Verhinderung von Störfällen einleiten zu können, ein Risikomanagement, das die Zukunft weniger verhindert denn bewirtschaftet, und das mit einer Störungsverarbeitungskompetenz, die je anders sein kann.

Das kybernetische System der Feedbackkontrolle, das Soll- und Istzustände misst, um sich einem Idealzustand totaler gesellschaftlicher Transparenz infinitesimal zu nähern, ist angesichts des Übermaßes an Positivität, der totalen Verdichtung von Überkommunikation und permissiven Vernetzungen, dem negativitätslosen Raum des ubiquitär Gleichen bzw. dem Raum der Homogenisierung adäquat (der jedoch vielfältigste Mikro-Differenzierungen hervorbringt), wobei das System den Menschen als ein zu schützendes und zu optimierendes Wesen unterstellt, dessen Versicherheitlichung und Vergesundheitlichung x verschiedene perlokutative Sprechakte er- und einfordert.

 

Vielleicht war es kein Zufall, dass mein Traum heute Nacht so ging:

In den letzten Tagen hatte eine Gruppe randalierender Hartz4-Anarchisten einige Frontscheiben des Gebäudes eingeworfen, wobei einige Backsteine bis kurz vor die getäfelte Eingangsfront der Bar “Smiling” im Erdgeschoss der Kingkamea-Suite flogen, auf die man als Gast frontal stößt, wenn man den Eingangsbereich und das von acht massiven Marmorsäulen getragene circa fünfzehn Meter hohe Atrium durchquert und die Marmortreppe hinauf geht.

Es mussten also kräftige Typen mit gleichzeitig exzellenter Fähigkeit zur Feinjustierung gewesen sein, die die quadrantenkalibrierten Fenster ins Visier nahmen und, oh Gott, Zitat des Polizeiberichts, schwer beschädigten.

Die städtischen Polizeibehörden glauben ungefähr zu wissen, welcher politischen Splittergruppe die Täter zuzuordnen sind, allerdings konnten sie bei der gestrigen großangelegten Razzia im Stadtwald und auf benachbarten Sportplätzen, die sich nach den letzten schweren Regenschauern in einen unglaublichen Morastteppich verwandelt haben, sowie in Weizenfeldern, wo es auch nicht viel besser aussieht, keine Einzelpersonen festnehmen, was die inzwischen auch mit massiven Panzereinsätzen gegen Randalierer sympathisierenden Einsatzleitungen auch gar nicht beabsichtigt hatten, allein der sogenannte präventive Erstschlag sorgte laut Aussagen des den Polizeibehörden angeschlossenen Instituts für Verbrechensprävention für reichlich befriedigende und befriedende Wirkung bezüglich der hochselektiven Wahrnehmung und Kontrolle krisenrelevanter Bevölkerungsschichten, wobei das Institut für Verbrechensprävention in seinen letzten Appellen/Aufrufen an die Bevölkerung immer wieder darauf hingewiesen hat, dass der Staat gezwungen bzw. imstande ist, quasi einen subgesetzlichen Anspruch an jeden Einzelnen zu erheben, damit kriminogene Situationen wie im Stadtwald, die ja fast schon auf Permanenz gestellt sind, von wem auch immer, in Zukunft vermieden und Verbrechensrisiken im ureigensten Interesse minimiert werden, beispielsweise durch den individuellen Besuch von Selbstverteidigungskursen, den Abschluss vernünftiger Versicherungen oder dem geistesgegenwärtigen und kontrollierenden Blick, der sofort erkennt, wenn zum Beispiel im Park hinter dem Gebüsch die Gefahr lauert etc.

Natürlich ist der in seiner extravaganten Größenordnung politisch selbst im Römer umstrittene Manövereinsatz der Polizei eine enorme Herausforderung für die Bewegung im Stadtwald, die sich nun endlich überlegen muss, wie man, um die autorisierten & für Sondereinsätze spezifizierten Staatsapparate durch Nadelstich- bzw. Guerillataktik weiterhin u.a. auch »moralisch« zu schwächen, in Zukunft vorgehen und konnektieren soll. Nicht nur muss das mühsam bzw. Schritt für Schritt eroberte Territorium im Stadtwald konsequent verteidigt, sondern es muss laut Aussagen der trotzkistischen Splittergruppe “Was denn nun?” das politische Manövrierfeld hinsichtlich potenzieller Opfer in die (geheimen) Zielgebiete südöstlich des Mains verlagert werden, wobei es vollkommen unerheblich ist, ob man im Aktionskampf Wildschweine plattfahren, Bungalows in die Luft sprengen oder irgendwelche Knallköpfe in ihre mit Luxusmüll zugestopften Müllcontainer stecken wird.

This entry was posted on Monday, May 25th, 2015 at 10:10 am and is filed under Politik. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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