Unsichtbares Komitee: Fuck Off Google

Netzwerk

„In einer Zeit der Netzwerke bedeutet regieren, die Vernetzung von Menschen, Gegenständen und Maschinen sowie den freien, das heißt transparenten, das heißt kontrollierbaren Fluss der so erzeugten Information zu gewährleisten.“ So steht es in der neuen Flugschrift des Unsichtbaren Komitees.

Im Kontext eines aufkommenden Netzwerkfundamentalismus musste Anfang der 1990er Jahre selbst noch der Begriff „Rhizom“ dafür herhalten, dass in der Kunst, Architektur, Computerwissenschaft, Neurobiologie, Ökonomie etc. sich ein um den Begriff der Virtualität reduziertes Netzwerkmodell (zumindest wurden die Begriffe Virtualität und Digitalität deckungsgleich gebraucht) etablierte, das der fast schon paranoiden Prämisse folgte, dass alles und jedes heute vernetzt sei. In der Tat sind die großen Konzerne heute Netzwerk-Companies. Konnektivität ist eines der wesentlichen Merkmale, das die Dominanz der finanziellen Unternehmen auszeichnet. Bei den Medienkonzernen läuft es ähnlich: Während Google seine Gestaltung der Netzwerke durch das Clustern von Algorithmen monetarisiert, überschreibt Facebook andauernd Subjektivität und soziale Interaktion entlang der Linien diskreter Netzwerkdienstleistungen und Protokolle. Alexander Galloway hat darauf hingewiesen, dass in der militärischen Theorie die effektivste Antwort auf den Terrorismus im Aufbau von Netzwerken besteht, im Operaismus negrischer Spielart sei die beste Antwort auf das Empire die Multitude, in der Ökologie seien Netzwerke die effektivste Antwort auf die systemische Kolonialisierung der Natur. In den Computerwissenschaften seien die verteilten Architekturen die besten Antworten auf Engpässe in der Konnektivität. Und so weiter und so fort.

Oder man denke etwa an das Verkehrssystem. In modernen Fahrzeugen ist die Anzahl der durch ECUs gesteuerten Funktionen extrem angestiegen. Automobile sind heute Maschinen, die durch Tausch, Kommunikation, Konnexion und Prozessualität der Daten-Ströme hindurch zur Selbstbewegung drängen. Zwar vermittelt man dem Fahrer weiterhin das Gefühl der souveränen Steuerung, aber zugleich werden zunehmend sämtliche Komponenten, seien es Maschinen, Menschen oder sozialer Verkehr, im Rahmen des maschinischen Trackings reguliert. Zudem wird das Automobil in weitgefächerte Maschinen- bzw. Verkehrssysteme eingefädelt, deren Funktionieren keinem noch so genialen Ingenieur zu verdanken und deren Quintessenz die Autobahnen und ihr Netz sind, das die Gesteuerten – so schreibt im Gleichklang mit Hans-Dieter Bahr das Autorenkollektiv Tiqqun – mit einer kalkulierten und signalisierten Gleichförmigkeit zu ihrem Zielort gleiten lässt.

Dividuum

Das Unsichtbare Komiteee schreibt: „„Ich“ teile meinen Standort per GPS, meine Laune, meine Ansicht, meinen Bericht über das, was ich heute Unglaubliches oder unglaublich Banales gesehen habe. Ich bin gelaufen; ich habe meine Laufstrecke, meine Zeit, meine Leistungen und ihre Selbsteinschätzung sofort geteilt. Ich poste ständig Fotos von meinen Ferien, meinen Partys, meinen Aufständen, meinen Kollegen, von dem, was ich essen und was ich aufs Kreuz legen werde. Dem Anschein nach tue ich nichts, und trotzdem produziere ich ständig Daten. Ob ich arbeite oder nicht, mein tägliches Leben bleibt als Informationsvorrat vollständig auswertbar. Ich verbessere dauernd den Algorithmus.“

Dies macht in der Tat das Dividuum aus, sein Anschluss an die Maschinen und ihre Algorithmen und Diagramme. Und dies betrifft nicht nur die notorischen Internet-Aktivitäten, sondern auch Aufenthaltsorte, Fitness, Enhancement, Reisegewohnheiten, Ernährung, Blutdruck, Kalorienverbrauch, Kreditkartenbewegung etc. Apples „Health Kit“ verknüpft Kommunikationsgeräte mit diversen Fitnessgeräten, während Apples „Home Kit“ jene mit den verschiedenen Apparaten in den Wohnungen verbindet. (Hier gilt es anzumerken, dass Apple mit seiner verzweigten Strategie, staatliche innovationen aufzusaugen, um sie so zu nutzen, dass der Content (Film, Musik, Apps, Adressen) vor allem auf dem eigenen Produkt zugänglich ist (Ipod, iPHone, iPAd), für den Kunden die Opportunitätskosten beim Kauf eines Geräts von Nokia oder Samsung erhöht.)

Maschinen werden über das Smartphone steuerbar – Kühlschränke, Backöfen, Thermostate, vernetzte Büros, vernetzte Küchen, vernetzte Schlafzimmer, vernetzte Badezimmer, vernetzte WC-Anlagen, bei denen man zum Schluss von der Angst getrieben wird, von der unglaublich effizienten Unterdruck-Toilette selbst noch entsorgt zu werden. Die Berliner Sparkasse stattet über 300 Mitarbeiter mit digitalen Schrittzählern aus, um 10.000 Schritte vorzugeben, mit denen man die eigene Fitness steigert und die Krankheitsquote senkt. Das Jobcenter in Brandenburg verteilt Schrittzähler zur Mobilisierung von Langzeitarbeitslosen. Sozialhilfeempfänger werden integriert, indem sie an den Staat eine Garantie zur Rückzahlung ihrer Alimente geben, dies allerdings nicht in der Form von Geld, sondern durch die permanente Abgabe von Aktivitätsprotokollen, der kontinuierlichen Anstrengung, die darin besteht, seinem Status als Schuldner scheinbar zu entkommen, indem man selbst noch die vageste Einsatzbereitschaft zu jeder Art von Beschäftigung affirmiert -, es geht hier um die permanente Bereitschaft zur freien Disponibilität, eine Art Vollzeitaktivität oder verkehrter Autonomie, die ihren Sinn darin findet, alle Zwänge auszuhalten, so zum Beispiel die konstante Beratung durch Coaching, E-Mails der Jobcenter und Fortbildung; Maßnahmen, die im besten Falle so etwas wie die Erfahrung der Sinnlosigkeit hervorbringen. Was Maurizio Lazzarato bezüglich der Verwendung elektronischer Chips bei Schafherden bemerkt hat, könnte man in bezug auf die Ausstattung von Hartz4 Leuten mit Schrittzählern zur Körperertüchtigung dann folgendermaßen formulieren: “Der Schrittzähler verwandelt die Akteure in Fleischströme, deren Zahlen, Verteilung, Gesundheitszustand etc. in Echtzeit bekannt ist. Das industrielle in Bewegung-Halten der Menschenströme (bei so gering wie möglicher Lagerhaltung) transformiert die Akteure in Datenbanken und die Jobcenteraufseher in Kontrolleure technisch ökonomischer Prozesse, die sie im Auftrag des Staates durchführen.”

Wird das Leben unter das Dispostiv des sich im Geld realisierenden Risikos gestellt, so tendieren die Körper – ihre Kommunikation im digitalen Medium vorausgesetzt – dazu, zu einer rekombinanten Ware zu transformieren, die „wie ein hochvernetzter Sequencer, der mittels Splicing das Überschuß-Material der vernetzten Ökonomie in elektronische Bytes verwandelt“ (Kroker/Weinstein), Körper-Bytes erzeugt – will heißen, der Körper übergibt sich im doppelten Sinne (Kotzen und Übertragen) in die Kybernetik eines organlosen elektronischen Körpers, der kontinuierlich und diskret in die Netzwerke des finanziellen Kapitals eingespeist wird.

Und selbst Funktionen wie Genuss, die bisher auf der passiven Seite des Konsums lagen, werden nun aktivitäts-postulierend in die Zirkulation des Kapitals integriert, bspw. der Genuss mittels des Konsumentenkredits als Teil einer 24 Stunden-Spekulation auf das freie Leben, mit dem Eigenheim als dem ersten Ziel und Preis. Wenn man die Zwänge, denen man selbst unterworfen ist, als Freiheit zu feiern beginnt, dann ist das System der Freiheit ein perfides, man denke an das Self-Tracking von Leuten, die ihren Körper mit allen möglichen Sensoren ausstatten, um im 24/7 Modus ihren Blutdruck, Blutzuckerwert und Fettanteil zu messen und dann diese Daten noch ins Netz stellen. Derlei soziale Optimierungen, die man mit Sloterdijk durchaus als Modi von Vertikalitätsspannungen bezeichnen kann, funktionieren mittels Sensoren, die Messungen übernehmen, Smartphones, die Daten zur Verfügung stellen und aufsaugen, Algorithmen, die die Daten visualisieren, und generell Computern, die den in Terabyte gegossenen Selbstoptimierungen ein Gedächtnis geben – und diese Optimierungen organisiert man heute affin – und das ist nicht zu weit hergeholt – zu den Prozessen der digitalisierten Securitization und der differenziellen Derivatpreisbewegung, wobei die ersteren als ein delokalisiertes Gefüge zur Verschiebung von Schulden und Equity-Kapital, die letzteren als eine differenzielle Verstreuung und Verwertung von Geldkapital und zugleich als Machttechnologie gelten müssen.

Risiko und Flucht

Das Komitee schreibt hinsichtlich der Überwachung und der Erstellung von Risikoprofilen: „Interessant ist nicht das gegenwärtige Individuum in seiner Gänze, interessant ist nur, was erlaubt, seine möglichen Fluchtlinien zu bestimmen.“

Es hat sich in der Tat eine monströse finanzielle Industrie entwickelt, welche die Verantwortlichkeit und Strategien der Akteure gegenüber dem at-risk-Sein bewertet, berechnet und behandelt (von Konsumentenkrediten über privatisierte öffentliche Güter wie Schulen und Gefängnisse, bis hin zum Tod). Dabei kann es zu einer tiefen Spaltung zwischen der jeweiligen Verfügbarkeit des Risikos für den einzelnen Akteur und seinem aktuellen at-risk-Sein kommen. Andererseits wird das at-risk-Sein gerade auch für die Erfolgreichen als eine permanente Bedrohung der eigenen Sicherheit konfiguriert. Natürlich ist der Wunsch nach Sicherheit mit der Aufforderung zur beständigen Exploitation des Risikos nicht ganz verschwunden, nur muss man heute mit der Tatsache kämpfen, dass zu seiner Befriedigung unter Umständen hohe Summen gebündelter Schulden aufgebracht und versichert werden müssen. Schließlich stehen die verschiedenen at-risk Populationen — sie inkludieren neben ökonomischen Parametern auch Faktoren wie Rasse, Gender, Sexualität, Jugend und Kultur, und zwar als verschiedene Dimensionen der Differenz – in gewissem Maße auch für eine Bedrohung der gegenwärtigen kapitalistischen Weltordnung. Gerade die vielfach imaginierte Bedrohung der Sicherheit induziert einen risk-shift (Hacker), der eine Bedrohung vor allem für diejenigen darstellt, die mit den dominierenden Verfahren der kalkulatorischen Berechnung von Zukunft im Reinen sind. Der vektorielle hack fordert die technische Innovation heraus, indem er an das Virtuelle rührt.

Technik
Man kann weite Teile des Abschnitts „Google Fuck off“ durchaus zustimmend und mit Genuss lesen, insbesondere die Hinweise auf die militärischen und finanziell-ökonomischen Ursprünge des Netzes, aber bei der Bestimmung der Technik verfällt das Unsichtbare Komitee wieder auf altbekannte anthropologische Denkmuster. Zwar ist die Unterscheidung von Technik und Technologie durchaus richtig, aber die Annahme, dass insbesondere die sozialen Medien die Okkupation der Technik durch die Technologie anzeigen, die Expropriation der Menschen von ihren konstititutiven Techniken, scheint etwas weit hergeholt.

Das Komitee schreibt: „Jede menschliche Welt ist eine bestimmte Konfiguration aus kulinarischen, architektonischen, spirituellen, erotischen Techniken, aus Landwirtschafts-, Informations-, Kriegstechniken etc. Genau deshalb gibt es auch keine generisch menschliche Essenz: weil es nur Einzeltechniken gibt und jede Technik eine Welt konfiguriert und damit ein gewisses Verhältnis zu dieser, eine bestimmte Lebensweise materialisiert.“

So richtig es ist, die Technik als eine soziale Praxis zu begreifen, so verkürzt ist der einseitige Bezug auf das Menschliche.

Und weiter heißt es: „Dieses Kriterium ist im Fall des Fortschritts schlicht die in Zahlen messbare Produktivität der Techniken, unabhängig davon, was ethisch in jeder Technik steckt oder was sie an wahrnehmbarer Welt hervorbringt. Deshalb kann der Fortschritt nur kapitalistisch sein, und deshalb ist der Kapitalismus die fortlaufende Verwüstung der Welten. Nur weil die Techniken Welten und Lebensformen hervorbringen, trifft auch noch nicht zu, dass die Wesensbestimmung des Menschen die Produktion sei, wie Marx dachte. Das verkennen Technophile wie Technophobe: die ethische Natur jeder Technik.“

Richtig an diesem Abschnitt ist, dass die Technik einer gewissen Formbestimmung durch das Kapital, das heißt seiner Technologie unterliegt, die in unmittelbarem Zusammenhang mit der Produktion des relativen Mehrwerts und der Erhöhung der Produktivität steht. Richtig ist auch, dass Technophile wie die Akzelerationisten und Technophobe wie die Luddhisten im gleichen Diskurs verbleiben. So wird das Freund-Feind-Schema, das für die Apologeten des technischen Fortschritts stets dafür herhalten musste, um in der Maschine einen Verbündeten anzusehen, auch von sog. Luddhisten benutzt, wenn sie die Maschine als ihren natürlichen Feind darstellen, also im selben Diskurs verbleiben, auch wenn sie nicht das Gleiche sagen. Hinsichtlich der Bestimmung des Begriffs der differenziellen Neutralität des Technischen liefert jenes Schema genau so wenig Anhaltspunkte wie das Herr-Knecht-Schema, in dem die Maschine meistens zum Mittel, Ding oder Sklaven degradiert wird.

Falsch ist die Verkürzung der Technikkritik von Marx, illusionär ist die Hoffnung im Kontext einer neuen Ethik des Technischen könnte die Kybernetik angesichts einer neuen Politik der Präsenz kollabieren. Ganz in der Heideggerschen Technikkritik befangen, nach der der Ingenieur die Hauptfigur der Expropriation der Technik ist, setzt man umgekehrt ganz auf den Hacker, der die ethischen Aspekte der Technik verkörpert. Er ist die Figur des Experiments, das Lebende, das  ethisch den Bezug zu einer gegebenen Techik herstellt. Hier wird zudem auf die Konstellation des Durchschauens hingewiesen, auf das Öffnen der Black Box, das eine immensen Zuwachs an Macht erbringen soll. Zwar wird der Hacker nicht als Individuum mystifiziert, sondern erscheint als Kollektiv, als eine Transindividualität, aber erneut wird die ungebundene Freiheit und die freie Sprache als historische Kraft mobilisiert. Versuchen wir in kürzesten Zügen einen etwas anderen Zugang zur Technik zu finden.

Problemaufriss zur Technik

Sowohl die Technologie als ein logischer Diskurs und das ihm inhärente Ideal der vollendeten Naturbeherrschung, das sich als das entscheidende Zeichen der westlichen Naturwissenschaften erweist, als auch das technische Objekt, Gegenstand der Wissenschaften, werden in den hegemonialen marxistischen Diskurse als Teil der Produktivkräfte und nicht der Produktionsverhältnisse verstanden. Wobei es jedoch gar nicht auszuschließen ist, dass im Kapitalismus die Produktionsverhältnisse selbst zu Produktivkräften mutieren können, worauf schon Adorno hingewiesen hat. (Vgl. dazu die von Hans-Georg Backhaus in einer Seminarmitschrift festgehaltenen Bemerkungen Adornos zum durchaus zwiespältigen Technikbegriff bei Marx: »Der Begriff der Technik bei Marx nicht klar. Dieser Begriff ist von Saint-Simon übernommen, ohne daß dieser seine Stellung zu den Produktionsverhältnissen durchdacht hätte. Diese sind einerseits das Fesselnde, andererseits wandeln sie sich ständig, und sie werden auch Produktivkräfte. Das ist die Problematik dieses Begriffs.«)

Hans-Dieter Bahr insistierte in den 1980er Jahren darauf, dass in den marxistischen Technologiedebatten noch eine weitere Verschiebung vonnöten sei: Es sei das Eigentümliche des prometheischen Mythos und bisher jeder seiner Fortschreibungen gewesen, zu denen auch die meisten Schulen des Marxismus gehörten, die Technik rein als Produktivkraft zu verstehen und somit jede technische Innovation in einen linear verlaufenden und ordnungsbetonten Fortschrittsdiskurs einzubinden oder die Technologie gar per se als explosiv vorzustellen – und dies zeige sich noch in der postulierten Ultra-Modernität des Leninismus und seiner Biopolitik an, mit der er – man denke an das Wiederkäuen der Formel „Kommunismus=Sowjets und Elektrifizierung“ – eine kommunistisch-utopistisch-technizistische Menschheitsproduktion biokosmischen Ausmaßes in Gang setzen wollte. Obgleich Lenin in seiner erkenntnistheoretischen Konzeption ganz dem Realismus verpflichtet blieb, die Anerkennung der unabhängigen Existenz der Außenwelt als primäre Referenz für das diskursive Wissen, findet man bei ihm auch ein politikdominierte, präskriptive Beschreibung der Naturwissenschaften vor, nach der es deren Aufgabe im Sozialismus ist, die Gesetze zur Manipulation von Objekten ganz in den Dienst der Gesellschaft zu stellen (gegenüber der rein deskriptiven Darstellung, nach der die Gesetze der Physik aussagen, wie sich Gegenstände verhalten.) Mit der unglücklichen Formel „Produktivkraft ist gleich Fortschritt“ konnte ein marxistischer Fortschrittsdiskurs konsequent ignorieren, dass das Technische (insbesondere innerhalb der Maschinendiskurse der Mechanik), wenn denn die Syntax der technischen Objekte befragt wird, sich als rational nur insofern anzeigt, als das Verhältnis der Kräfte im Technischen sich immer auch als geordnete und ordnende Relationen erweisen. Bahr schreibt: „Das Technische ist ein Ordnungshüter par exellence. Ihr interner Diskurs zeigt sie nicht als Produktivkraft, sondern als Ordnungssystem.“ Dies gilt gleichermaßen für die theoretische Mechanik und die Maschinendiskursivität der Kybernetik. Und dies gilt nicht zuletzt für die Ökonomie, genauer für den Neologismus Politische Ökonomie, einem Begriff, der in der Moderne bis zum 19.Jahrhundert anzeigt, dass dem effizienten Wirtschaften ein eigenes Ordnungssystem inhärent ist, welches das Maß des Politischen darstellt.

Auszugehen ist davon, dass die neuzeitliche Naturwissenschaft ihrem eigenen Gegenstand, Natur, in der Form von Technik und Apparaten/Maschinen gegenübertritt. Von Technik ließe sich somit erst dann sprechen, wenn die Produktion selbst schon zur Technik gereift ist. Aber ist darin nicht je schon die Rationalität der industriell-kapitalistischen Produktionsweise impliziert? Es stimmt zwar, dass weder Technik noch Technologie aus der Diskursivität/Begriff des monetären Kapitals direkt abzuleiten sind, es stimmt auch, dass technische Objekte oder Maschinen als Mittel disponibel sind, aber wenn man von der Neutralität der Maschinen spricht, dann ließe sich dies zunächst nur auf ihre spezifische Unbestimmtheit beziehen, in welchen Dienst sie im Kontext der materiell-diskursiven Praxen des Kapitals sie historisch konkret (im Kapitalismus) treten können. Maschinen/Techniken inhärieren in dieser Sichtweise bestimmte Zwecke. Ganz provokant könnte man sagen: Tatsachen sind versteinerte Zwecke und Techniken sind als Mittel materialisierte Zwecke des Kapitals (in der letzten Instanz).Und selbst noch die naturwissenschaftliche Erkenntnis bliebe damit in diese Zweck-Mittel-Rationalität eingebettet. Dringend bleibt es aber geboten, gerade nicht von der primären Rationalität der Technik als Mittel-zum-Zweck-Relation auszugehen, umgekehrt wären aber auch die Zwecke auf die Kohärenz der Mittel und ihrer Produktion hin zu befragen.
Techniken und die empirischen Wissenschaften inhärieren je schon ganz spezifische Mittel, die wiederum von spezifischen Zwecken nicht zu trennen sind; der Komplex wird vom Kapital (als einem sozialen Verhältnis) in der letzten Instanz determiniert (und dies ist nicht mit einer direkten Kausalität gleichzusetzen). Hans-Dieter Bahr spricht in seiner Schrift “Über den Umgang mit Maschinen” von der differenziellen Neutralität oder von der nicht-neutralen Indifferenz der Maschinen. Geht man davon aus, dass die Technik heute zumeist vergegenständlichte Relationen der Rationalität des Kapitals (spezifische Gebrauchsmittelstruktur der Maschinerie) inhäriert, so ist ihre Neutralität, in die Differenzen und verschiedene Diskurse eingeschrieben sind, von der ökonomischen Determiniertheit durch das Kapital (in der letzten Instanz) nicht zu trennen.

Abstraktheit, breiteste Anwendbarkeit und plurale Verfahren sind Charakteristisken einer Technik, die sie von vornherein in Relation zur monetären Kapitalisierung und des ihr entsprechenden Wachstumsimperativs stellen, dessen Operationalität im Kapitalismus relative Mehrwertproduktion heißt. Bahr hatte in seiner frühen Phase angemerkt, dass das Einzelkapital über den durch die Konkurrenz vermittelten Zwang, den die relative Mehrwertproduktion setzt, sui generis zur technologischen Innovation und Investition gezwungen sei. Das impliziert die Erfordernis, zu einer breit gestreuten Verfahrenspluralität der Maschinen zu gelangen, das heißt die Austauschbarkeit von Maschinenteilen und technologischen Konstruktionsleistungen herzustellen, wobei zu beachten ist, dass dieselben technischen Verfahren von den Unternehmen durchaus verschieden eingesetzt werden können, um differenzielle Profite zu generieren. Darin läge unter anderem, so Bahr, die quasi-politische Differenz der Maschinen, die zu ihrer Neutralität hinzukommt.

Schon hier liegt der Verdacht nahe, dass diese Konstellation von Technik und Kapital etwas mit der ungleichzeitigen historischen Phylogenese der Maschinen zu tun haben könnte, wobei der technologischen Entwicklung selbst im Kapitalismus keine unmittelbare univoke ökonomische Kausalität zugeschrieben werden kann, und somit wären die historischen Datierungen der Maschinen nicht als synchronistisch, sondern als heterochronistisch zu verstehen. So ist selbst der neoliberale Kapitalismus durch bemerkenswert ungleichzeitige Patterns in der wissenschaftlich-technologischen Entwicklung gekennzeichnet: Auf der einen Seite haben sich die Innovationen und Techniken der Überwachung und des digitalen Mappings, des Transports und der Kommunikation, der Datenerfassung und der Datenkalkulation rapide beschleunigt. Diese Innovationen und ihre Algorithmen sind zentral für die Finanzialisierung, die just-in-time Produktionssysteme und für die präventive Ausspähung jeder Art von Opposition. Auf der anderen Seite gibt es Technologien, die in der Warenproduktion, der Landwirtschaft und der Industrie eingesetzt werden (Gentechnologie etc.), und das Wachstum der Produktivität, das bisher die langen Perioden in der kapitalistischen Wirtschaftsgeschichte ausgezeichnet hat, kaum gesteigert haben.

Die ungleichzeitige Entwicklung der Technik bleibt gerade auch dann virulent, wenn die anthropologisch motivierte Bestimmung der Maschinen als Instrumente – der teleologisch und zielgerichtete Gebrauch der Produktionsmittel für fixierte menschliche Zwecke – ganz fragwürdig wird. Dabei darf der Technikdiskurs, der die Maschinen als Projektion oder Spiegelung des Leibes oder der menschlichen Kognition begreift, heute endgültig als erledigt gelten. Weil aber auch die sozio-ökonomischen Verhältnisse nicht direkt in der Maschine als einem Ding oder Objekt gespiegelt werden, entsteht das Schwebende eines Diskurses, der einerseits ahnt, dass das Kapital als ein Verhältnis irgendwie in der Maschine anwesend ist, der andererseits immer noch von der transparenten Neutralität der Maschinen ausgeht. Vor diesem diffusen Hintergrund argumentieren selbst noch Marxisten, für die zwar die Politik einen zwiespältigen Charakter besitzt, virtuell und aktuell zugleich, aber auch für sie sollten zumindest die Technologien und Maschinen am Ende von solchen Virulenzen befreit sein. So wuchert der prometheische Mythos irgendwie weiter, wenn gegenwärtig linke Akzelerationisten unter dem Rubrum postkapitalistische Komplexitätssteigerung angeblich neutrale Techniken sich zu eigen machen wollen, indem sie sie einer emanzipatorischen Anwendung zuführen. Aus dem Vorwärts macht man zugleich ein Hinauf. Sloterdijk hat darauf hingewiesen, dass eine Theorie, die auf diesem Strom des Progressivismus treibt (den die Akzelerationisten als eine doch eher hausbackene theoretische Leistung anbieten), mit diesem Paradoxon zu kämpfen hat.

Die Geschichte der Technik lässt sich in der Tat nicht einfach als die eines (linearen) Fortschritts schreiben. Sie lässt sich auch nicht, wie das Unsichtbare Komitee das vorführt, als ethische Lebensweisen fassen. Vielmehr wäre die spezifische innere Wertfom der Technik zu untersuchen, wie auch ihre Einbindung in einen erweiterten Begriff des Maschinellen. (Genauere Ausführungen gibt es in meinem dritten Band  “Kapitalisierung“.)

This entry was posted on Tuesday, May 26th, 2015 at 4:34 pm and is filed under Marx. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

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