Varoufakis? Erratischer Marxismus oder Non-Marxismus?

Wir konzentrieren uns hier zunächst einmal auf einige Aussagen von Yanis Varoufakis zur politischen Ökonomie. Varoufakis, dessen Ziel es laut eigenen Aussagen ist, den Kapitalismus vor sich selbst zu retten, ist in kürzester Zeit unter historisch besonderen Umständen zum Starökonom aufgestiegen; Umständen, von denen man nicht so recht weiß, ob man sie als Tragödie oder Farce identifizieren soll. Wolfgang Pohrt hatte zu derlei Vorhaben angemerkt, dass, wer den Kapitalismus vor der Krise kurieren will, doch bitte Bittprozessionen organisieren solle.

Yanis Varoufakis erklärt in seinem Buch „Der globale Minotaurus“ die ursprüngliche Akkumulation zu einem der wichtigsten Krisenlabore, in dem Geschichte gemacht wurde. (Varoufakis 2102: 44f.) Sie mimt den kairos, den Heiner Mühlmann die „Krisis einer tychetechnischen Oasenphase“ (Mühlmann 2013: 27) nennt, und ermöglicht damit die geschichtliche Orientierung der kommenden kapitalistischen Produktion an der Zukunft. Kurz gesagt, laut Varoufakis organisieren kleine Pächter nach den großen Einfriedungen in England Produktionen, indem sie Arbeiter anstellen und dem Grundbesitzer Pacht zahlen. Für die Entlohnung der Arbeiter und den Kauf der Rohstoffe müssen sie sich schon vor der Ernte Geld leihen, um mit künftigen Einnahmen auf die Erzielung eines Überschusses zu hoffen, der mehr als die Summe von Darlehen, Zinsen und Pacht zu sein hat. (Varoufakis 2012: 82) (Wir vernachlässigen hier die Frage, inwiefern die durch Staatsschulden in ihrem politischen Einfluss reduzierte staatliche Souveränität damit einhergeht, dass dass Kapital auch zu einer regierenden Macht wird, ohne die man die ursprüngliche Akkumulation in England nicht verstehen kann. Marx erwähnt als konstitutive Elemente für die sog. ursprüngliche Akkumulation das Kolonialsystem, den Protektionismus und die Handelskriege, das moderne Steuersystem sowie das Staatsschuldensystem.) Von Anfang an stellt – neben der Erzielung des Surplus im Außenhandel – die auf die Zukunft gerichtete und von der Zukunft in die Gegenwart recycelte Überschussproduktion einen integralen Bestandteil des Kapitals dar. Das Überschussrecycling ist of course von Investitionen abhängig, die laut Varoufakis, der hier in gut keynesianischer Manier und mit dem Einsatz der Spieltheorie argumentiert, vor allem dann vorgenommen werden, wenn viele Unternehmerchefs (CEOs) dem Optimismus frönen, wobei sie allerdings im Vorhersageparadox gefangen bleiben: Wenn alle CEOs gewinnträchtige Zeiten voraussagen, dann treten sie auch ein, umgekehrt umgekehrt. Woraus sich schließen lässt, dass Unternehmen ihre Prognosen nicht aufgrund rationaler Überlegungen und mathematisch konzipierter Marktanalysen durchführen, sondern aufgrund spieltheoretisch ausgehandelter Animal Spirits – von Joseph Vogl ganz aktuell als Erregung an Gewinnchancen, von Niklas Luhmann weniger euphorisch als Adaption an die Chance bezeichnet. Varoufakis erwähnt in diesem Zusammenhang auch den Postkeynesianer Hyman Minsky, der darlegte, dass Finanzmärkte gerade auf Grund psychologischer Faktoren, irrationaler Entscheidungen und mangelnder Transparenz zwangsläufig immer wieder in Phasen der kollektiven Übertreibung, sog. Ponzi-Phasen, eintreten müssen, in denen spekulative Blasen entstehen.

Varoufakis´ Theorie ist in dieser Hinsicht ein weiteres Beispiel dafür, was Quentin Meillaussoux in seinem Buch „Nach der Endlichkeit“ als Korrelationismus bezeichnet hat – in der Version von Varoufakis wird die Konstitution der ökonomischen Realität mit den subjektiven Erwartungen der CEOs bezüglich ihrer Beobachtungsfähigkeit anderer CEOs begründet. (Das korrelationistische Denken bleibt in der Annahme gefangen, dass ein jeder Versuch, die Wirklichkeit darzustellen, letztendlich die Perspektive des Beobachters wiedergeben muss.) Der Begriff der subjektiven Erwartung wäre jedoch im Rahmen der Untersuchung der Funktionsmechanismen kapitalistischer Ökonomien insofern zu entwerten, als es sich hier in keinster Weise nur um eine psychologische Kategorie handelt, vielmehr besitzt der Begriff „Erwartung“ (wie der des “Vertrauens”) im Marx’schen Sinne einen objektiv-funktionellen Status, der sich für die Unternehmen als eine performative Notwendigkeit geltend macht, bestimmte ökonomische Strategien zu verfolgen. Die Entpersonalisierung des Kredits, die in den Verbriefungen innerhalb eines quasi-postalischen Systems, in dem Schuldner und Gläubiger sich nicht einmal mehr als Fremde begegnen müssen, ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat, geht mit der Erstellung von Risikoprofilen einher, die mehr als nur affektiv-subjektive Besetzungen von kontingenten Gewinnchancen ausweisen. Vielmehr sind die Risikoprofile in Machttechniken integriert, deren derivate Instrumente so operationalisiert werden, dass in der letzten Instanz der Wunsch sich doch wieder der Bereitstellung von Sicherheiten beugen muss, was sich auch darin zeigt, dass Derivate, die konkrete Risiken vergleichen, nach wie vor in Geld realisiert werden müssen.

Um in der Konkurrenz zumindest den Durchschnitt zu schlagen (beat-the-other), i.e. eine durchschnittliche Profitrate zu realisieren, wenden paradoxerweise alle Unternehmen dieselben Methoden zur Produktivitätssteigerung an. (Hier wird das Problem von Profitratenhierachien oder dualen Profitraten, wie es etwa Ernest Mandel mit seinen Kapitalanalysen vorgeführt hat, vernachlässigt.) Produktivitätssteigerung qua relativer Mehrwertproduktion muss sich zudem in einem ökonomischen Mathem artikulieren, das ganz auf die Zukunft ausgerichtet ist. So haben bspw. die Ökonomen Bichler/Nitzan in ihrer Schrift „Capital as power“ das Augenmerk von Anfang an weniger auf die industrielle Produktion von Mehrwert gelegt, und stattdessen das monetäre Kalkül der Kapitalisierung klar in den Vordergrund gerückt, i. e. die Berechnung (Diskontierung) eines gegenwärtigen Werts (einer ökonomischen Einheit) der in Zukunft erwarteten Gewinne. (Vgl. Bichler/Nitzan 2009: 188f.) Im objektiven Gesamtzusammenhang des Kapitals heißt dies, dass es bestimmten Unternehmen im Verhältnis zu anderen Unternehmen immer wieder gelingt, ihre Produktivität qua Innovation zu steigern, i.e. ein kalkuliertes „Wertquantum“ (Produktionspreis plus Durchschnittsprofitrate) auf mehr Produkte zu verteilen, als dies mit der bisherigen Produktionsform der Fall war. Um es im Kontext des Geld-Mathems zu sagen, dem effizienten Unternehmen gelingt es aufgrund technologischer Innovation, seine eigenen Waren billiger als die anderer Unternehmen zu verkaufen. Zwar streicht das Unternehmen nun einen Extraprofit ein, aber auf der Ebene des Gesamtkapitals handelt es um die Umverteilung einer Gesamtsumme an Werten zu einem gegebenen Zeitpunkt, die allerdings letztendlich keine Bestandsgröße sein kann, sondern als Stromgröße immer eine virtuelle Dimension besitzt (die Gesamtsumme an Werten muss sich in der Zirkulation erst realisieren). Das heißt, dass die erweiterte Akkumulation der Einzelkapitale und deren Outputwachstum in keinem gesetzmäßigen Zusammenhang mit den stofflichen und wertmäßigen Proportionen steht, die zur erweiterten Reproduktion des Gesamtkapitals notwendig sind. Ständig werden die zu einem gegebenen Zeitpunkt existierenden Proportionen durch die Produktion von Profiten und technologischen Innovationen der Einzelkapitale im Rahmen des Kapitals als Gesamtkomplexion verschoben. Wenn der Output bei dem produktiveren Unternehmen steigt, so fällt der Wert der Produkte bei denjenigen Unternehmen, die noch auf dem alten Produktionslevel produzieren, und zwar objektiv. Varoufakis hingegen setzt gegen diese tief in die sozio-ökonomischen Relationen des Kapitals eingeschriebenen Funktionen ganz in subjektivistischer Manier optimistische und/oder im Herdentrieb gefangene Akteure, die zudem andauernd von ihren wirtschaftswissenschaflichen Abteilungen mit mathematischem Aberglauben in Form von Modellen beliefert werden.

Um die Dynamik zwischen Geldkapital und fungierendem Kapital darzustellen, hat John Milios (wie Varoufakis Mitglied von Syriza) darauf hingewiesen, dass der (objektive) Platz des Kapitals von mindestens zwei Subjekten besetzt wird, nämlich dem Geldkapitalisten und dem fungierenden Kapitalisten, sodass man von vornherein nicht von der Zirkulation des zinstragenden Kapitals abstrahieren kann. Der Geldkapitalist (A) ist Eigentümer von Sicherheiten (Aktien/Anleihen) oder vergibt Kredite, die ein geschriebenes aber kontingentes Versprechen auf eine Zahlung von einem fungierenden Kapitalisten (B) beinhalten. Und dieses Versprechen zertifiziert, dass der Geldkapitalist (A) Eigentümer des Geldkapitals (G) bleibt, sodass bei einer monetären Transaktion dem fungierenden Kapitalisten (B) nur das Recht übertragen wird, vom Geldkapital (G) des Geldkapitalisten (A) für eine gewisse Periode Gebrauch zu machen. Der fungierende Kapitalist (B) setzt die Geldsumme (G) als Kapital ein, um die notwendigen Anschaffungen für die Produktion vorzunehmen und den Produktionsprozess mit dem Ziel eine Erzeugung des Mehrwerts zu organisieren. (Vgl. Sotiropoulos/ Milios/Lapatsioras 2013b: 8) Daraus ergeben sich folgende Konsequenzen: 1) Die der Kapitalrelation inhärenten Plätze werden vom finanziellen und fungierenden Kapitalisten besetzt, womit die von Keynes getroffene strikte Unterscheidung zwischen einer produktiven Klasse, die innerhalb der Unternehmen angesiedelt ist, und einer externen und somit gegenüber der Produktion parasitären Klasse der Rentiers zu verwerfen ist. 2) Das finanzielle Wertpapier stellt eine Form des Eigentums an Kapital dar. Der Eigentumstitel selbst ist ein Papierduplikat, das für den Eigentümer hinsichtlich eines zukünftigen Einkommens einen Preis besitzt (Kapitalisierung gemäß einer Zinsrate, die die jeweiligen Risiken darstellt, was Teil der Surplusproduktion ist). Die Berücksichtigung dieser Relationen hätte Varoufakis überdenken können, um seinen eigenen Subjektivismus etwas stärker in Frage zu stellen.

Wenden wir uns Lob an und vor allem der Kritik an Marx zu, die Varoufakis in seinem aktuell weit verbreiteten Essay „Rettet den Kapitalismus!“ vorgebracht hat. Varoufakis schreibt Marx die Entdeckung eines tief in die men­schliche Arbeit einge­bet­teten binären Gegen­satzes zu. Arbeit sei einerseits eine wertschöpfende Tätigkeit, die sich nicht quan­tifizieren lasse und daher nicht kommodifiziert werden könne, andererseits sei sie eine quan­ti­ta­tive Größe, die zu einem bes­timmten Preis zum Verkauf stehe. Durch den ganzen Essay hindurch verwechselt Varoufakis Arbeit mit Arbeitskraft.

Schon die klassische politische Ökonomie konnte an dieser Stelle ihrer Verwirrung nicht entkommen. Wie so oft schlägt Marx an dieser Stelle eine (verschobene) Lösung vor, die in der Stellung eines neuen Problems besteht, das heißt in der Strategie der Erfindung und Umgruppierung von Begriffen und ihren dazu gehörigen Konstellationen. Nicht die Arbeit, sondern die Arbeitskraft besäße Wert, sie werde gekauft und verkauft, schreibt Marx, und diese Aussage ist mehr als nur eine Lappalie, die sich da mit dem Begriff der Arbeitskraft andeutet und sich in der Bestimmung der Differenz von Arbeit und Arbeitskraft fortschreibt. Inmitten der Arbeit selbst wird die Schrift einer Differenz entdeckt, um jede Substanz oder jedes Wesen, das man gemeinhin der Arbeit andichtet, von vornherein in Verruf zu bringen. Es gilt zu konstatieren, dass die Produktion der Arbeitskraft selbst Arbeit verlangt, muss sie doch physisch erhalten werden, durch Ausbildung, Qualifikation etc., um als Wert besitzendes Vermögen (und eben nicht als Arbeit) in die Zirkulation einzutreten; so wird laut Marx die Arbeitskraft zu ihrem Wert gekauft und deren Gebrauch im Arbeitsprozess resultiert in einem von ihr geschaffenen Wert, der größer ist, als sie selbst als Tauschwert darstellt. Indem Marx eines der grundlegenden Theoreme der klassischen Nationalökonomie aushebelt, verstellt er gleichzeitig den Weg, eine weitere Teleologie der Arbeit zu konzipieren. In der Differenz von Arbeit und Arbeitskraft zeigt sich vielmehr an, dass die Arbeit keine ökonomische Kategorie ist. Entscheidend bleibt, dass der Arbeiter “Wert erzeugend” nur sein kann, wenn das Kapital die an sich unproduktive Arbeit produktiv in Kraft setzt, und dies geschieht über die Vermietung der Arbeitskraft, die ein produktives Vermögen darstellt, dessen Gebrauchwert nur für das Kapital da ist. Nur in der Relation zum Kapital ist die Arbeit werterzeugend, ansonsten ist sie ein wertloses Nichts. Eine als Wesen oder als transhistorisches Prinzip verstandene Arbeit, wie dies sozialdemokratische und marxistisch-leninistische Orthodoxien in der Geschichte der Arbeiterbewegung bis zum Erbrechen vorgeführt haben, passt sich exakt in das hylemorphistische Schema ein, das die (ontologische) Differenz von Materie und Form anstrengt, um im Zeichen der Arbeit, die sich hier als die Formung der Materie ausweist, einen universellen Sinn in die Geschichte der Menschheit einzuschreiben.

Kommen wir nun zu den angeblichen Irrtümern von Marx. Varoufakis konzentriert sich in diesem Text auf zwei grundlegende Irrtümmer von Marx. Er schreibt: „Der erste Irrtum von Marx – die Auslassung – bestand darin, dass er zu wenig bedachte und darüber schwieg, welche Auswirkung seine eigene Theorie auf die Welt haben würde, über die er theoretisierte.“ (Varoufakis 2015) Man könnte nun ernsthaft nachfragen: Wollte Marx auch nur am Rande irgendeiner Form der Hellseherei nachkommen? Wenn man Marx den Fehler zuschreibt, dass er die politischen Wirkungen seiner Texte auf die Geschichte zu wenig bedacht hätte, dann beweint man allerdings nicht nur seine nicht vorhandenen hellseherischen Fähigkeiten, sondern man stimmt letztendlich mit populistischen Positionen und konservativen Theoretikern überein, die bis heute steif und fest behaupten, es gäbe ein direkte Linie von Marx zu Stalin und Pol Pot. Enough said.

Ich denke eher, dass Marx von der Geschichte erwartete, dass sie in jeder Epoche die Bestimmung der materiell-diskursiven Praxen leistet, die die Ökonomie und die Mentalitäten, die Ideen überschreiten, da sie sie ermöglichen. Marx schrieb, was er schrieb, und dies ist nicht positivistisch zu verstehen, weil er zumindest im Ansatz eine neue Art des Problematisierens entwarf, die gerade auf die Geschichte zurückwirken sollte, sodass das Schreiben einerseits nur ein Schreiben auf der und als Baustelle sein konnte, andererseits die politische Non-Intervention keineswegs ausschloss. (Im schlimmsten oder im besten Fall, das wäre dann in der Tat die Frage, entgleiten dem Schreiber die Texte, oder um es mit Adorno zu sagen, der hier die zweite Position bevorzugt, die besten Texte sind diejenigen, die ihr Autor selbst nicht versteht.) Das gibt einen Hinweis darauf, dass es der Falle des linken Intellektuellen (mit Marx) zu entkommen gilt. François Laruelle hat sie darin ausgemacht, dass ein Teil der linken Intellektuellen mit ihren Kapitalismusanalysen nach der Wahrheit sucht und in der Empirie hängenbleibt, während ein anderer Teil die Wahrheit anbietet, wobei sich die Ereignisse meist als Betrug an ihr erweisen. (Laruelle 2015: 139) Um den derartig nie enden wollenden intellektuellen Kommunikationsmaschinen zu entkommen, gilt es das eigene Schreiben immer unter Vorbehalt zu tätigen, es ist und bleibt kontingent. Es wäre gerade deshalb eine neue theoretische Praxis im Sinne Althussers zu erfinden, aber eine, die weniger kontrollierend als bisher in der Geschichte des Marxismus wirkt und sich von Althussers top-down Anspruch befreit: Die Erfindung von lo-fi Theorien. Vielleicht hatte schon Marx, wie Etienne Balibar vermutet, eine differenziell-minoritäre Version des Fortschritts im Visier: „Was ihn am Gang der Geschichte interessiert, ist nicht die allgemeine Gestalt ihrer Kurve, deren ›Integral‹, sondern vielmehr deren ›Differenzial‹, der ›Beschleunigungseffekt‹, d. h., das Kräfteverhaltnis, wie es in jedem Moment ins Spiel kommt und die Richtung bestimmt, in die etwa ein Fortschreiten [progression] stattfindet.“ (Balibar 2013: 155) Marxens Non-Intervention zielt also auf etwas anderes ab, als Varoufakis ihm unterstellt.

Eine bis heute durchaus notwendige Rekonstruktionsarbeit der Marx`schen Texte kann nicht in einem theoretischen Akt bestehen, der das (de)konstruierte Material als einen Leitfaden zur Dechiffrierung von Marx’ tragenden theoretischen „Positionen“ begreift, sondern sie sollte das Material in einer immanenten Art und Weise bearbeiten, indem sie durch die Lektüre der Texte hindurch die Symptome des Realen selbst aufspürt, die zunächst solche der Realität des Kapitals sind. Dabei zeigt sich zugleich, dass sich die Realitat des Kapitals durch materielle Diskurse, die als Zutaten und Effekte der Kämpfe, Kräfteverhältnisse und Strategeme auf verschiedenen Stufen der Ökonomie wirksam werden, beschreiben lässt. Die Kraft eines non-marxistischen Denkens bestünde nun aber gerade darin, einen neuen theoretischen Raum zu eröffnen, in dem Hypothesen, Beschreibungen, Deduktionen und Experimente behandelt werden, die gemäß dem Realen funktionieren. Dies hieße wiederum Kontingenz zu berücksichtigen „und ihre Notwendigkeit auf der Ebene anzuerkennen, auf der sie erkannt werden kann.“ (Laruelle 2014: 66) Damit würde die generische Wissenschaft bzw. die Non-Ökonomie auch darauf hinweisen, dass die Realiät des Kapitals nicht das Reale selbst ist.

Für Voraufakis wiegt ein zweiter Irrtum Marxens viel schwerer: Es sei seine Annahme gewesen, „dass die Wahrheit über den Kapitalismus in den mathematischen Formeln seines Modells entdeckt werden könne (etwa mit den «Reproduktionsschemata»?)…. Das war derselbe, der schliesslich mit vereinfachenden algebraischen Formeln herumspielte, in denen Arbeitseinheiten natürlich voll quantifiziert waren, und der dabei wider alle Vernunft hoffte, aus solchen Gleichungen zusätzliche Einsichten über den Kapitalismus zu gewinnen. Nach seinem Tod vergeudeten marxistische ÖkonomInnen lange Karrieren damit, sich einem ähnlichen scholastischen Mechanismus hinzugeben. Versponnen in die sinnlose Debatte über das «Transformationsproblem» und was damit anzufangen sei, wurden sie allmählich zu einer beinahe aussterbenden Rasse, während der neoliberale Moloch jeden Widerspruch, der im Weg stand, zermalmte.“ (Varoufakis 2015) Das Richtige dieser Kritik liegt darin, dass Marx in einigen Passagen die marxistische Ökonomen in Richtung einer quantitativen Werttheorie trieb, wobei das Spielen mit der Einheit Wert – Wert, der im Gesamtzusammenhang des Kapitals gleich der gesellschaftlich notwendigen abstrakten Arbeit sein soll, wobei dies in der Tat nur über eine Reihe von Transformationen (aufgrund des Parallelismus von Wert und Preis) dargestellt werden kann – das Spiel mit einem Scheinproblem war. Es geht in der Tat darum, eine quantitative Werttheorie zu vermeiden, weil der Wert in seiner quantitativen Unbestimmtheit nur die Möglichkeit anbietet, dass differenzielle und quantifizierbare Akkumulation überhaupt stattfinden kann. Der Wert ist von einer unbestimmten, virtuellen Dimension, die an das Kapital als Gesamtkomplexion gebunden ist (es gibt keine Wertschöpfung des Einzelkapitals) und die sich in der Zirkulation für das Einzelkapital quantitativ aktualisiert, ohne dass die Quantitäten im Voraus exakt vorausgesagt werden könnten.

Varoufakis kritisiert Marx vor allem dafür, dass er im „Kapital Bd.2“ mit der Darstellung der Reproduktionsschemata eine mathematische Formel zu finden versucht habe, nur um zu zeigen, dass die kapitalistische Akkumulation problemlos wachsen könne, während der Verlauf der realen Ökonomie doch indeterminiert und ungewiss sei, voll von Sprüngen und Brüchen. (Kurz gesagt teilt Marx im „Kapital Bd.2“ die ökonomischen Kreisläufe des Gesamtkapitals in Produktions- und Konsumtionssektor. Damit sich das Gesamtkapital auf einfacher und vor allem auf erweiterter Sufenleiter reproduzieren kann, müssen die Produkte der beiden Sektoren in einem bestimmten Mengen- und Wertverhältnis zueinander stehen.) Es war allerdings Marx selbst, der schon bei der Darstellung der einfachen Reproduktion darauf hingewiesen hat, dass der Akkumulation eine Tendenz zum Ungleichgewicht inhärent ist: „ … dass die beständige Tendenz der verschiedenen Produktionssphären sich ins Gleichgewicht zu setzen … sich nur als Reaktion gegen die beständige Aufhebung dieses Gleichgewichts betätigt.“ (MEW 23: 377) Werttheoretisch argumentierende Marxisten wie Michael Heinrich oder Michael Roberts verweisen darauf, dass die Marxschen Reproduktionsschemata Modelle auf der Ebene des Kapitals im Allgemeinen anbieten, mit denen das Kapital auf die grundlegenden Kräfte und Bedingungen der Wertproduktion und -reproduktion reduziert wird, und dies unter Ausschluss der Analyse des Wettbewerbs zwischen Einzelkapitalen, der Zusammenhänge zwischen Geld, Kredit und fiktivem Kapital, des Ausgleichs der Profitraten zwischen Einzelkapitalen und den Differenzen im Preissystem selbst. Marx sei sich vollkommen darüber im Klaren gewesen, dass der kapitalistische Modus der Produktion in ein dynamisches Akkumulationsregime integriert sei, und er hätte, um die Dynamik zu explizieren, im „Kapital Bd.3“ der Analyse des Kapitals im Allgemeinen die Untersuchung der konkreten preisbestimmten Kapitalformen und -prozesse, die Konkurrenz der Einzelkapitale und ihre Relationen zu Marktpreisen hinzugefügt. Zwar bieten die Reproduktionsschemata ein Modell kapitalistischer Produktion und Zirkulation an, sie sind allerdings weder als Abbildung kapitalistischer Reproduktion zu verstehen, noch ersetzen sie die empirischen Analysen. Die in den Reproduktionsschemata ausgedrückte Einheit von Produktions- und Zirkulationsprozess bildet allenfalls die Grundlage, auf der Kategorien wie Profit, Zins, fiktives Kapital etc., in denen sich die konkreten ökonomischen Prozesse darstellen, abgehandelt werden können. Wie bspw. Henryk Grossmann erklärt, sind es dann auf der Ebene der vielen Kapitale die Produktionspreise, die in die Durchschnittsbildungen von Profitraten einfließen.

Roberts sieht hier den Ausgangspunkt der Marxschen Krisenbestimmung und er glaubt, dass Varoufakis´ Betrachtung der marxschen Reproduktionsschemata die grundlegenden Irrtümer von Luxemburg und Bauer reproduziert. Im Marxismus wurde die Debatte um die Marx´schen Reproduktionsschemata zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem von Tugan-Baranowskij und später Bucharin vorangetrieben, wobei ersterer (gegen Luxemburg) die Ansicht vertrat, dass die erweiterte Reproduktion zwar ohne die Intervention eines dritten Agenten, der Produktionsüberschüsse absorbiert, möglich sei, allerdings müsse man an der Unterkonsumtionstheorie und ihrer Analyse der Krise festhalten. Bucharin kritisierte hiungegen Krisentheorien, die sich hauptsächlich auf die Disproportionalitäten zwischen Produktions- und Konsumgütersektor bzw. Ungleichgewichten am Markt beziehen, und forderte stattdessen die Analyse von Störungen des Gesamtprozesses der kapitalistischen Reproduktion (was wir nicht wie Heinrich & Co als Abstieg vom Abstrakten zum Konkreten, sondern unter dem Gesichtspunkt der Aktualisierungs-Virtualisierungs-Verschaltungen im Rahmen des Kapitals als Gesamtkomplexion diskutieren. Siehe dazu die Analyse in „Kapitalisierung Bd.1“)

Die Marx`schen Reproduktionsschemata im „Kapital Bd. 2“ stellen mitnichten das Kapital als ein geschlossenes System vor, wie Varoufakis dies wohl annimmt, vielmehr dienen sie – unter anderem – der Demonstration, dass die kapitalistische Akkumulation wegen fehlender Nachfrage nicht unbedingt stocken oder gar zusammenbrechen muss. So bedeutet die Steigerung der Produktivität und der Profitquote nicht unbedingt, dass die Gesamtproduktion die gesamte Konsumkraft überschreitet, da diese kapitalistische Tendenz mit einer Umstrukturierung der Produktion verknüpft sein kann, und zwar in Richtung eines relativen Zuwachses des Kapitalgütersektors zuungunsten des Konsumgütersektors. So besteht eben die Marx`sche Kritik des Say`schen Gesetzes nicht darin, dass das Kapital im Gesamtzusammenhang immer einen Angebotsüberschuss produzieren muss, sondern, dass es generell nicht zu einem Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage kommt. Die Reproduktion des Kapitals besitzt zwar die Potenz zur Balance, aber das Gleichgewicht bleibt in der Realität ein äußerst unwahrscheinlicher Spezialfall. In der Regel vollzieht sich Kapitalakkumulation in der Tat so ungleichgewichtig, wie Varoufakis sich dies vorstellt. Die Krisen beweisen die Tendenz zum Ungleichgewicht.

Liest man allerdings das Kapital von hinten (Gesamtkapital als determinierend in der letzten Instanz), dann kommt den Reproduktionsschemata zwar eine ähnliche Rolle zu, wie sie Heinrich oder Roberts bestimmen, aber man sollte die Schemata unbedingt unter der Heuristik des „Als-Ob“ lesen (vgl. Strauß 2013), als ob in einem gleichgewichtigen System der Reproduktion ein bestimmtes Quantum Wert den Aktualisierungsereignissen vorweg gegangen sei, während doch gerade umgekehrt die Virtualisierung des Wertes neue Aktualisierungen hevorbringt, die die Wertsummen immer wieder löschen. Wertschöpfung findet immer nur auf der Ebene des quasi-transzendentalen Gesamtkapitals statt, das in Aktualisierungs-Virtualisierungs-Verschaltungen/Verschränkungen prozessiert. (Vgl. Szepanski 2104)

Varoufakis setzt dagegen ganz auf die berühmten Animal Spirits von Keynes, i.e., was die Kapitalakkumulation vorantreibt, das ist nicht die Bewegung der Profitraten und die Finanzialisierung im Kontext der Aktualisierungs-Virtualisierungs-Verschiebungen auf der Ebene des Kapitals als Gesamtkomplexion, sondern das sind die psychologischen Kategorien des Vertrauens und der Erwartung von individuellen Kapitalisten. Für Varoufakis handelt es hier um eine radikale Idee, die die radikale Unbestimmtheit in der DNA des Kapitalismus erfasse, ein Konzept, das Marx aufgegeben hätte, um „seine Theorie in Form von mathematisch nicht widerlegbaren Beweisen zu präsentieren.“ (Varoufakis 2015) Varoufakis hat nun selbst ein ökonomisches Theorem entwickelt, das nachweisen soll, dass „lösbare ökonomische Modelle nicht Zeit und Komplexität zugleich verarbeiten können.“ (Varoufakis 2012: 169) Dem gilt es ohne weiteres zuzustimmen, aber es war wiederum Marx selbst, der darauf verwies, dass wenn die Produktion simultaneously/gleichzeitig verlaufen soll, äußerliche Forderungen an das Kapital gelegt werden, die keineswegs aus ihm selbst hervorgehen. (GR 1953: 317) Es sind gerade auch Marxisten, die immer wieder darauf hinweisen, dass in der neoklassischen, mathematisch inspirierten Ökonomietheorie selten begründet wird, ob die in die mathematischen Modelle eingehenden Voraussetzungen jeweils erfüllt sind. Ohne es zu erwähnen, wird in solchen mathematischen Herleitungen eines stabilen Marktgleichgewichts Virtualität gleich Aktualität gesetzt, das heißt man eliminiert meistens den Faktor Zeit, sodass sich die Realisierungsprozesse des Gleichgewichts simultan und unverzüglich vollziehen. Ein Ding der Unmöglichkeit.

Und was praktizieren die Keynesianer? Ein Teil beschäftigt sich mit den sog. Dynamic Stochastic General Equilibrium (DSGE) Modellen. Diese Modelle inhärieren nach wie vor Marktgleichgewichte, weil sie von der Voraussetzung ausgehen, dass idealiter das Angebot der Nachfrage entsprechen müsse; sie sind dynamisch, weil sie das wandelbare Verhalten von Individuen oder Unternehmen berücksichtigen, und sie sind stochastisch, insofern sie externe Schocks (Lohnerhöhungen, die von Gewerkschaften erzwungen werden, staatliche Investitionsprogramme etc.) berücksichtigen, die den Zufall in einer gewissen Spannbreite zulassen. Allerdings gilt es bei all diesen Modellen die Abwesenheit der Notwendigkeit der Profitproduktion (als Schocks) zu vermelden. Ein Teil der keynesianischen Ökonomen verheddert sich also in der Falle der letztendlich neoklassischen DSGE-Modelle, womit man deren Nutzentheorie akzeptiert und damit die Rolle des Profits selbst noch in den makroökonomischen Analysen negieren muss. Dabei stehen die DSGE-Modelle im Kontrast zu dem von Keynes konstatierten Nachfragemangel auf der makroökonomischen Ebene. Es gibt keinen Marktmechanismus – egal ob man nun den Walraschen Auktionator oder kybernetische Maschinen in Stellung bringt, oder einen externen Faktor, den Staat und seine Ankurbelungsversuche durch Investitionsprogramme -, der automatisch zu einem allgemeinen Gleichgewicht führt, noch gibt es eine zufriedenstellende Vorstellung, warum man dies überhaupt annehmen sollte, denn wenn ein allgemeines Gleichgewicht existieren würde, dann wäre es eindeutig, und wenn es eindeutig ist, dann wäre es notwendigerweise stabil.

 Literatur:

Balibar, Étienne (2013): Marx’ Philosophie. Berlin.

Bichler, Shimshon/Nitzan, Jonathan (2009): Capital as Power. A Study of Order and Creoder. Florence.

François Laruelle (2014): Non-Photograpie/Photo-Fiktion.Berlin.

– (2015): Intellectuals and Power. Cambridge.

Meillassoux, Quentin (2008): Nach der Endlichkeit. Zürich/Berlin.

Mühlmann, Heiner (2013): Europa im Weltwirtschaftskrieg. Philosophie der Blasenwirtschaft. Paderborn.

Sotiropoulos, Dimitris P./Milios, John/Lapatsioras, Spyros (2013a): A Political Economy of Contemporary Capitalism and its Crisis. New York.

Harald Strauß (2013): Signifikationen der Arbeit. Die Geltung des Differenzianten ?Wert?.Berlin.

Szepanski, Achim (2014a): Kapitalisierung Bd.1. Marx` Non-Ökonomie. Hamburg.

– (2014b): Kapitalisierung Bd.2. Non-Ökonomie des gegenwärtigen Kapitalismus. Hamburg.

Yanis Varoufakis (2012): Der globale Minotaurus. Amerika und die Zukunft der Weltwirtschaft. München.

– (2015): Rettet den Kapitalismus!. In: WOZ. 26.2.2015.

Joseph Vogl (2015): Souveränitätseffekte. Berlin.

This entry was posted on Tuesday, May 26th, 2015 at 4:28 pm and is filed under Kapital, Kapitalismus, Marx, Ökonomie. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Responses are currently closed, but you can trackback from your own site.

Comments are closed.

 
Follow

Get every new post on this blog delivered to your Inbox.

Join other followers: