Harry Roth Feuchtigkeit (Cuts)

Harry Roth

Feuchtigkeit

Am Anfang war das Bier

Im mittelweitem Bogen warf ich die leere Becksdose nach hinten ins Gebüsch. Dort traf sie sich mit ihren Verwandten. Weit mehr als die Hälfte aller Flüssigkeit, die ich zu der Zeit zu mir nahm, bestand aus Becksbier. Meine Ernährung war überwiegend eine flüssige. Ich mußte mich auch mächtig anstrengen, hatte ich doch beschlossen, Becks zur meistgetrunkenen und berühmtesten Biermarke der Welt zu machen, ein quasi missionarisches Saufen. Warum zum Teufel hatte ich keinen Direktliefervertag mit der Brauerei? Jedenfalls: Trockenheit konnte ich noch nie verknusen.
(„Aha,“ werden Sie jetzt sagen, „deshalb heißt der vorliegende Roman `Feuchtigkeit`.“ Falsch geraten. Das ist, weil, wenn`s feucht ist, brennt`s schlecht.)
War mir bisher der Sinn der grünen Dosen darin erschienen, daß man ihren Inhalt in sich hin-
einschütte, bis sie leer seien, so ging mir auf, daß er vielleicht eher darin bestehe, daß man welche hatte mit Inhalt, den man fürderhin in sich füllen könnte. Das war meine Position in dem ewigen, großen Wasserkreislauf, der Stoff, aus dem wir angeblich zu über 70 % bestehen, ich selbst bestand aus seiner angereicherten, vergelblichten Form. Der unendliche Schlund war noch lange nicht voll.
So war mein Kalender gegliedert: montags saufen, dienstags ….. . Die Varietät meiner Handlungen
war sehr gering, aber das war sie bei denen, die einer gewerblichen Tätigkeit nachgingen, sowieso.
Das schlimmste an allem: mir, dem Säufer, war dieser Zustand durchaus bewußt, jenen nicht. Sie
empfanden ihre Öde noch als Glück, das mir vorenthalten war. All diese widergünstigen Verhält-
nisse, sind sie bewußt, machen sie krank. Wie Beckett`s Murphy es ausdrückte: ein Hundeleben
ohne die Vorrechte eines Hundes. Mir gingen der Stimmung angemessen ein paar Zeilen durch den Kopf, die ich ein paar Tage zuvor
bei Paul Celan gelesen hatte:
„Wir schliefen nicht mehr,
denn wir lagen im Uhrwerk der Schwermut
und bogen die Zeiger wie Ruten
und sie schnellten zurück
und peitschten die Zeit bis aufs Blut
und du redest wachsenden Dämmer ….. „
Das Bier war alle, das Ende war nah. Da halfen auch die wärmende Sonne, das silberne Blitzen
ihrer Strahlen auf dem Main und der Wind nichts, der mich auf meiner Bank sanft anfächelte.
Wie mir zum Spotte war der Himmel makellos blau, nur durchzogen von einigen Kondensstreifen,
die Flugzeuge hübsch in das Blau gemalt hatten, Flugzeuge, die Menschen zu wunderschönen
Plätzen brachten, die für mich unerreichbar waren. Es war Sonntag. Am Samstag hatte die Eintracht
verloren. Was auch geschah, es diente der Förderung meiner Trostlosigkeit. Das Leben war mir zu
einem sehr großen Gallenstein geworden. So war meine Stimmung ein Feuerwerk der schlechten Laune
Nicht nur das Bier war alle, auch das Geld. Kein Job in Aussicht, der das Konto füllen könnte,
stattdessen ständig neue Forderungen an mich und keine Ahnung, wie ich diese begleichen könnte.
Wenn es so weiterging, würde ich als Millionär sterben, als Schuldenmillionär. Schulden wie ein Bleiklumpen, der alle luftigen Gedanken in die Tiefe zog, in den modrigen Grund. Geld, mein Problem, Geld, mehr Geld, noch mehr Geld, jeder Hosenscheißer infiziert, wenn`s auch nur virtuelles Geld war, ein handgreifliches Nichts. Sollte man nicht die Währung ändern: Beck`s, ein reales Zahlungsmittel, unverfälschlich, immer einen Rausch wert, wirklich wertvoll. Unerbittlich war das Unglück auf der Suche nach mir und fand mich, wo ich auch war und kein Versteck war sicher vor ihm. Auch wenn man nach der Vogelstraußmethode den Kopf in den Sand steckte, das Unglück – schon stand es neben mir und tippte mir lächelnd auf die Schulter
und frech klingelte es einfach an der Haustür, nicht möglich, daß man ihm den Einlaß verwehrte. Es hatte einen Rammbock gegen alle Türen, die geschlossen waren. Es war ein Gespenst, das sich gerne als Briefträger verkleidete, damit es immer Zugang habe. Mit dem Aufwachen am Morgen begann der Albtraum, weshalb ich dieses so gerne aufschob mit dem drittletzten Bier nach Mitternacht. In unermeßlichem Abstand lag das Gefühl wohliger Sicherheit und jeder Schritt zu ihm ging irr. Mit ihm, dem Unglück, drängten auch die schwarzen Dämonen der Depression herein. `Aber immer mit der Ruhe`, sagte mir eine Stimme, `das Schlimmste kommt doch erst`. Jetzt war bloß des Desasters Anfang. Mir war
vorgegeben, um mit Kerouac zu sprechen,“unser sogenanntes Leben in einem Meer von Sorgen zu durchrasen“. Mein letztes Glückserlebnis hatte ich am 9. März 1964. Das war der Tag vor meiner Geburt. Noch jeder scheinbare Ausweg hat im Labyrinth geendet, bestenfalls am Ausgangspunkt.
Das Leben war mir zur Krise geworden, zur Krise als Dauerzustand, nicht als einmaliger Katastrophenfall. Es tröstete mich nicht zu wissen, daß ich das teilte mit der Mehrheit der Menschen, über die die sogenannte Weltwirtschaft den bösen Fluch gesprochen hatte. Was blieb mir,
außer das ewige Dilemma der falschen Geburt zu beklagen. Was bloß hatte mich zum Verlierer gemacht? Eigene Schwäche? Oder war es der Zwang zur Teilnahme an einem wirklich blöden Spiel namens Kapitalismus? ( Natürlich ist der Kapitalismus auchgut. Für die, die Kapitalisten sind ) Das Saufen und sich vor der Arbeit, mit der man ja sowieso nix zu tun hat, drücken, das war der einzige Weg, den herrschenden Zuständen zuwider zu leben. Das
war das Gebot der Intelligenz, wenn man nicht reich zur Welt kam. Intelligenz? Quatsch! Im Sturze ist Denken mit den Armen rudern, als sei es mit den Flügeln schlagen. Wir genießen alle Freuden, die nix kosten. Nämlich gar keine. Wenn ich nun sagen hörte, jeder ist seines Schicksals Schmied, so fiele mir bloß ein, nicht nur meines Schicksals Schmied bin ich nicht, sondern überhaupt kein Schmied, noch nicht mal von Intrigen. Überhaupt ist das eine Sinnverdrehung. Sowohl Glück wie Unglück sind ihrem Namen nach kein Verdienst, sondern bloß blöder Zufall. Wie man sieht, ich hatte das ganze Recht, unglücklich zu sein, auf meiner Seite. Und das oberste Übel: Das Unglück selbst war glücklich über mein Unglück. Aber daß ich nichts zu lachen hatte, hatte auch seinen guten Seiten. Lachen entstellt das Gesicht, macht eine Fratze. Natürlich war ich in eine übermächtige Antriebslosigkeit versunken, bis hin zur Regungslosigkeit und trug so mein Teil bei zum Umweltschutz. Na Gott sei Dank, das Ende war nahe. Der Abgrund
klaffte schon. Mit Faust zu sprechen: „Des Jammers Maß ist übervoll.“ Mein Vater hatte mich noch gemahnt, bloß reich zu werden, illustriert von einem schönen Sinnbild:
„Ein armer Teufel muß das Holz zur Hölle selber tragen.“
Immerhin hatte das Becks die brennenden Bauchschmerzen weggespült. Gerade fuhr so ein elendig langes Frachtschiff den Main aufwärts..Es lag hoch im Wasser, ohne Ladung, so daß es mir die die Aussicht verstellte.
„Eey Alter, hast du Zigarette?“