Finanzkapitalismus


Achim Szepanski

 

Über das Wundersame der Verschuldung, in Zukunft reich zu sein (-durchgestrichen-)

 

Warum durchgestrichen? Während der traumatisierte Arbeiter (Alan Greenspan) außen vor bleibt, durfte sich der verschuldete Konsument eine zeitlang am Prinzip Hoffnung nähren, das als Remake das Versprechen enthielt, dass jeder am Reichtum partizipieren und damit vor allem seinen individuellen Wohlstand erhöhen könne. Das Wundersame schlug bekanntlich bei größeren Konsumentengruppen in Verarmung um, während der manisch-depressive Spekulant das Wetten auf zukünftige Bewertungen von Finanzderivaten bzw. fiktivem Kapital bis auf Weiteres ausgezahlt bekommt, wobei dem psychotischen Spekulationsrausch allerdings zwangsläufig das periodische Erlahmen der Kräfte, die kalte Depression folgen wird. Ich will hier zum Verständnis des Finanzkapitalismus vor allem zwei Begriffe umkreisen, den der Verschuldung sowie den Begriff der Hyperspekulation.
Wenn sich schließlich alle Ökonomie in eine Ökonomie der Zeit auflöst, wie Marx schreibt, dann müssen natürlich auch diese beiden Begriffe auf die Zeit bezogen werden. (Wobei hier zu berücksichtigen ist, dass dies nur für den Kapitalismus zutreffend ist, wo einzelne Kapitale jenseits aller natürlichen Kreisläufe ihre Renditen als Erzeugung eines Mehr an Geld zwischen zwei Intervallen messen, d.h. Geld- und Kapitalgrößen werden organisiert durch die verstrichene Zeit des Kapitals.) Abschließend möchte ich dann einige wenige skizzenhafte Bemerkungen zum empirisch-historischen Verlauf des neuen Biofinanzkapitalismus machen.
Nach landläufigen Ansichten sind Gütermärkte diejenigen, auf denen Preisschwankungen der Güter und Dienstleistungen sich nach dem effektiven Spiel von Angebot und Nachfrage richten, während auf spekulativen bzw. Finanzmärkten Preisschwankungen sich als Reaktion auf die Wahrscheinlichkeiten hinsichtlich zukünftiger Preisschwankungen ergeben, d.h. wir haben es hier mit selbstreferenziellen Märkten zu tun, die das Geld in Bezug auf Geldbewegungen setzen. Diese populäre Unterscheidung lässt sich jedoch kaum halten, denn ein Investor, egal auf welchen Märkten er operiert, will heute Gewinnchancen ergreifen, ohne zwischen mittel- und langfristigen Investitionen und kurzfristigen Spekulationen unterscheiden zu müssen. Jedes Mal, wenn ein Unternehmer sich einen Gewinn erhofft und dafür Produktionsmittel und Arbeitskräfte kauft, unter Umständen sogar das Sach- und Naturkapital in seinen Bewertungen und Kalkulationen berücksichtigt, um mit der Aussicht auf einen höheren Preis wieder zu verkaufen, arbeitet er im Horizont der Unsicherheit. Jede Investition im sog. „Realsektor“ muss mit ungewissen Zeithorizonten umgehen, wie die Spekulation per se auf dynamischen, instabilen, durch Konkurrenz organisierten Märkten stattfindet, auf denen die heutigen Bewertungen der Akteure von den Annahmen über Bewertungen von morgen vom laufenden Regress der Erwartungen auf Erwartungen abhängen, allerdings ohne wie in der neoklassischen Theorie angenommen, sich auf fixe Anhaltspunkte und ein zugrunde liegendes Gleichgewicht beziehen zu können. Wie wir später sehen werden lässt sich eine analytische Trennung von „Realökonomie“ und Finanzsystem nicht aufrechterhalten, aber es ist nicht allein die Frage der Durchmischung oder Überlagerung der beiden Sektoren, mit der sich das Problem der Analyse eines neuen Akkumulationsregimes stellt.
Ohne hier näher auf den Begriff der Realabstraktion des Geldes bzw. des Kapitals einzugehen, lässt sich zunächst sagen, dass das Geld/Kapital und seine abgeleiteten Formen selbst real sind, und zwar immer auch im Sinne einer Virtualität, die immer einen empirischen Stellenwert besitzt. Wenn Gilles Deleuze von Begriffen schreibt, die man als „real, ohne aktuell, ideal, ohne abstrakt zu sein“ (DW 13) bezeichnen kann, also von Begriffen, die weder aktuell gegeben sind noch als abstrakte Möglichkeitsformen gedacht werden, vielmehr einen gestauten Ereignischarakter besitzen, während sie zugleich Erfahrungen bestimmen, indem sie den Dingen und den Handlungen neue Nuancen zuschreiben, dann wären diese selbstgesetzten und selbstbezüglichen (philosophischen) Begriffe zu wissenschaftlichen Begriffen in ein Verhältnis zu setzen, die aus einer Gebildetheit oder Gegebenheit des Begriffs resultieren, und zwar durch eine Abstraktion, in diesem Fall einer Realabstraktion, was die Sache noch etwas komplizierter macht. Selbst in den wissenschaftlichen Diskursen der Finanzwissenschaft geht es um die Produktion von Virtualität, um ein eigenes selbstreferentielles Feld zu erzeugen, das allerdings über die Differenz von Weltbeobachtung und Beobachtung von Prozessen, d.h. wie Beobachter Beobachter beobachten, wie sich das die Systemtheorie vorstellt, weit hinausgeht, vielmehr vollziehen sich mittels dieser Diskurse in nuce performative Aktualisierungen abstrakter (Finanz)kapitalmaschinen, die ihre virtuellen Ressourcen zur Bewertung und Berechung von ökonomischen Prozessen zur Verfügung stellen.
Der Bezug des finanzkapitalistischen Systems (nach Bretton Woods) auf ungedecktes Rechengeld, das den Wertreferenten (Gold) auflöst, markiert in aller Schärfe ein Problem. Das Geld fungiert nun zumindest auf der syntaktischen Ebene vollkommen als die Bezeichnung des Bezeichnenden, und zwar als der Signifikant eines Signifikanten. Wenn das Geld freigesetzt wird ohne je in seinem Resultat zu verschwinden (Marx), dann wird jeder Signifikant in der Signifikantenkette wie ein Signifikat behandelt ohne jemals ein festes Signifikat zu besitzen. Die Signifikantenkette hat ein einziges fluides Signifikat, das Mehr, das sich allerdings immer wieder aufschiebt, und sich nur in anderen Signifikanten zeigt. In diesem Sinne kann das transzendentale Signifikat eben nicht als die Geldware Gold gedacht werden, sondern nur als jenes berühmte dritte und immer selbst verschobene Element X oder leere Feld, dass die Serien der Kapital- und Kreditgeschäfte, die permanent Ungewissheit durch Volatilität erzeugen, auf permanente Differentiation bzw. Instabilität zusteuern lässt. (Marxisten, die wie Dieter Wolf an der Geldware festhalten, müssten in diesem Zusammenhang nachweisen, ob und wie die Geldware nach wie vor im kapitalistischen Reproduktionsprozess das Maß der Werte ist. Aber das nur am Rande. Die Diskussion wird an anderer Stelle fortgeführt.) Das Element X steht für den sich permanent verschiebenden Ausdruck eines Regimes der kreditgestützten Akkumulation von fiktivem Kapital, dessen Funktionalität keinerlei Ort (und Zeitfixierung) zulässt, die eine Ontologisierung ermöglichen würde. (Die Akkumulation bewegt sich per se zwischen dem Nebeneinander und Nacheinander der Kapitale, der virtuell zirkulierenden Kapitalstruktur und der virtuell fixierbaren Kapitalzirkulation.) Das Kapital wie sein Begriff unterliegt heute vollends einer permanenten Verzeitlichung, die jede präsenzverankerte Signifikation verschiebt und multipliziert. Der Wert kann von nun an Referenz nur noch aktualisieren, wenn sich das Geld und das Kapital in einer permanenten Bewegung erneuert und aufschiebt, auf der Suche nach einem Referenten, der schon immer entschwunden ist, was sich beispielsweise in der Akkumulation von Derivatekapital in Realtime vollzieht, der Sekunden-Berechnung zukünftiger Preise in der Gegenwart, einer Aktualisierung in der Bewegung der Konkurrenz, jener marktförmigen Ebene, auf der sich Kapitalformen (in relativer Unabhängigkeit vom reinen kapitalistischen Modus der Verwertung) in ihren Metamorphosen entfalten können, während auf der Ebene der Organisation, beispielsweise derjenigen der Bank, der Status- und Reputationswettbewerb zwischen den Akteuren die entsprechenden Zeichen und Signale setzt.
Geld wird immer auch dann geschaffen, wenn ein Eigentümer Ansprüche gegen sein Eigentum einem anderen Eigentümer kreditiert. Der Kreditnehmer zahlt hierfür einen Zins und tilgt die Schuld gemäß einer vereinbarten Tilgungsrate. Im Kreditgeld wird die Unberechenbarkeit der Zeit in die Zeit hineinprojiziert, Geld also für Geld, für eine in der Zeit verfügbare, in die Zukunft hineinprojizierte Verfügbarkeit von Zeit verkauft (Vgl. Elena Esposito, Die Zukunft der Futures). Die always problematische Form des Kreditgeldes zeichnet sich dadurch aus, dass das Geld von jedem punktuellen Kontext, von jeder spezifischen Ware und von vereinzelten Relationen getrennt ist (Esposito). Das Kreditverhältnis bedarf als strukturelles gesellschaftliches Verhältnis der sog. systemischen Variablen, genauer einer Axiomatik, eine Serie von Gleichungen und Gleichnissen (Hans Dieter Bahr), die ohne Referenzen auf ein fixiertes Gütersystem ein System von Variablen und Formen determinieren. Dass es sich schon bei dem Verhältnis zweier und mehrerer Waren zueinander, der Waren zum Geld um (problemlösende) Strukturen handeln muss, die bestimmte Bewegungsformen/Modi und Axiomatiken finden müssen, in denen sich die Struktur ausdrückt, zeigt Marx. Eine der allgemeinen Formbestimmungen des Werts erscheint im Geld, durch dessen Austausch mit preisbestimmten Waren für die Waren- und Geldbesitzer das ihnen unbewusste Problem gelöst ist, das darin besteht, dass sie sich wechselseitig ihre einzeln verausgabten Arbeiten in Form abstrakter Arbeit als gesellschaftlich verausgabte Arbeit anerkennen müssen.(Vgl. Dieter Wolf; Der dialektische Widerspruch im Kapital). Der vereinzelte Gegenstand/Ware befindet sich also immer in einer Relation bzw. im Wechsel, das will Form besagen. (Ob sich heute Kreditgeld, das als abstrakte Form Tauschgeschäfte und Transaktionen, d.h. die Bewegung der Zahlungsversprechen reguliert, von der Messwertfunktion des Geldes entkoppelt, muss an anderer Stelle diskutiert werden.) Es kann vorläufig festgehalten werden, dass der Wert der Waren eine von ihm und dem Gebrauchswert verschiedene selbständige Existenz in Gestalt des Gebrauchswerts des Geldes annimmt. Da die Waren selbst nicht Geld sind, muss das, was sie als Werte sind, in einer Form ausgedrückt werden, die ohne selbst Geld zu sein, so sichtbar wie eben das Geld ist. Diese Form ist der Preis, mit dem der Wert der Waren ideell als Gleichheit mit dem Geld gestellt wird, kurz, der Wertausdruck der Ware in Geld ist ihr Preis. Dabei muss nicht von einem intrinsischen Wert der Waren ausgegangen werden. Schon im Verhältnis zweier Waren zueinander ist das Quantum der anderen Ware der jeweilige Tauschwert einer gegebenen Ware (was einen intrinsischen Wert ausschließt). Der Ausdruck des Werts einer Ware in einer anderen Ware ist der Tauschwert. Die Relation der preisbestimmten Waren zueinander und zum Geld (in der Zirkulation) ist nicht nur die Beziehung gleich viel Wert zu sein, sondern auch ein Verhältnis der Geltung, d.h., indem der Gebrauchswert des Geldes als Wert der Waren gilt, besitzt es im Unterschied zu den besonderen Waren die gesellschaftliche Form der unmittelbaren Austauschbarkeit. Es müssen von vorneherein mindestens zwei Waren im Spiel sein, die, um sie quantitativ als Summe/Zahl vergleichen zu können, qualitativ gleich sind. Da diese Gleichheit keine intrinsische sein kann (Realabstraktion?), kann z.B. auch die Systemtheoretikerin Esposito schlussfolgern, dass der Wert, den es zu messen gilt, rein die Variation der Preise ist. Die Waren als Relationen verschiedener Wertgrößen müssen allerdings eine gemeinsame Eigenschaft besitzen, nämlich Wert zu sein. Bertrand Russel drückt das für die Mengenlehre prägnant aus: „Die Zahl einer Menge ist die Menge aller ihr äquivalenten Mengen.“ Es muss eine Homogenität zwischen Maß und Gemessenem vorhanden sein, die die Größen nicht quantifiziert, aber eine quantitative Vergleichbarkeit konstituiert (Vgl. Oliver Schlaudt; Marx als Messtheoretiker.) Das gemeinsame Dritte als Beziehung der Waren zueinander ist etwas, wie Marx betont, rein Gesellschaftliches, in das „kein Atom Naturstoff“ eingeht. Aus dem, was der Wert durch das Verhältnis der Waren zueinander ist, gilt es zu erklären, ob und wie er erscheint. Insofern geht es bei jeder Gleichsetzung auch immer um das Gelten, d.h. als Gebrauchswert gilt die zweite Ware als Existenzform des den verschiedenen Arbeitsprodukten „gemeinsamen Dritten“, als diejenige gesellschaftliche Qualität, in der zwei Waren als untereinander gleiche Arbeitsprodukte aufeinander bezogen sind. Die Beziehung der Arbeitsprodukte zueinander nach dieser zweiten Seite hin ist keine Gleichheitsbeziehung, sondern eine Darstellungs-Beziehung. (Vgl. Dieter Wolf) Indem die Waren im Gebrauchswert der durch reale Praktiken ausgeschlossenen Ware gemeinsam ihren Wert darstellen, erhält diese die allgemeine Äquivalentform und damit die Form der unmittelbaren Austauschbarkeit gegen jede andere Ware. Die Quantifizierung der Größen erfolgt über die Alleinstellung einer Ware, dem Geld. Indem der Wert der Waren einen von ihm und dem Gebrauchswert verschiedene selbständige Existenz in Gestalt des Gebrauchswerts der ausgeschlossenen Ware besitzt, die Waren selbst aber nicht Geld sind, muss das, was sie als Werte sind, in einer Form an ihnen ausgedrückt werden, die ohne selbst Geld zu sein, so äußerlich sichtbar wie Geld ist. Diese Form ist wie gesagt der Preis, mit dem der Wert der Waren ideell als Gleichheit mit dem Geld vorgestellt wird. (Vgl. Dieter Wolf) Zugleich heißt dies, dass die Waren als Werte unabhängig von den Preisen gar nicht gegeben sind, vielmehr finden die Werte in den Preisen einen numerischen Ausdruck, der durchaus ein adäquater ist, insofern der Mangel, der sich aus dem Ausdruck des Werts einer Ware in einer andren Ware ergibt (die Mängel, die Marx von der Entwicklung der einfachen bis zur Äquivalentform aufzeigt), behoben wird, und zwar durch den Ausschluss einer Ware, deren Gebrauchswert als Wertausdruck aller Waren dient. Alle Waren drücken ihren Wert einheitlich in ein und derselben Ware aus, die nunmehr als Geld fungiert. Wenn Marx nun einen Syllogismus vorführt, 1 Rock ist 2 Unzen Gold, 20 Ellen Leinwand ist 2 Unzen Gold, also ist 1 Rock 20 Ellen Leinwand wert, dann fungiert hier Geld als Mittelterm des dreigliedrigen Schlusses, ohne in der Konklusion noch zu erscheinen. „Dies ist der Sinn der Marxschen Rede vom Geld als einem Medium, wobei die logische Bedeutung als Mittelterm des Schlusses (tertium medius) wie die praktische Bedeutung als Vergleichsmittel (tertium comparationis) hier ganz gewiss zugleich bemüht werden.“ (Oliver Schlaudt, Marx als Messtheoretiker S.278.) Das Maß erfordert natürlich, dass unabhängig von den Eigenschaften des Geldes als Vergleichsmittel, eine numerische Bestimmung quantitativer Verhältnisse möglich ist. Marxens paradoxe Formulierung vom absoluten Wertausdruck auf relative Weise versucht der Zirkularität einer endlosen Reihe relativer Wertausdrücke von Waren zu entkommen. Die problemlösende Struktur besteht hier in der Darstellung der Funktion der Standardware Geld, das, insofern es als allgemeines Äquivalent dem Ausdruck des Werts aller Waren dient, nicht nur in der Praxis den Relativismus der Warenausdrücke/preise garantieren kann, sondern nach Marx und ihm folgend Dieter Wolf als Maß der Werte selbst einen Wert hat, was beispielsweise die Systmetheoretikerin Esposito natürlich ablehnen muss. Die Frage, ob jenes Dritte zu denken, abstrakte Arbeit, und damit das Besondere, das in gesellschaftlich allseitig anerkannter Form das repräsentiert, was alle konkret nützlichen Arbeiten in Form abstrakter Arbeit darstellen, nämlich Geld, als Struktur ohne Wertreferenz funktionieren kann, inkludiert auch das Problem, wie die unendlich möglichen Zeichenoperationen mit Waren im Medium des Geldes die Differenz in einem Netz von Verweisungen und Iterationen bekunden können. Ist der »Wert« immer ein Differentes zum Tauschwert als Verhältnis und seiner numerischen Verkettungen, so kann es nie zu exakten Wertbestimmung kommen; es sind die Waren/Geldketten, die den Wert in den Verweisungen unbestimmbar machen. In gewisser Weise ist der Wert möglich und unmöglich, da er dem Verweisungsspiel ausgeliefert ist, was sich bei Marx wiederum nur durch die Einführung von Operationsregeln bzw. des Einsatzes der Metaphorik im Sprachspiel der Warenverkettungen stauen lässt. Hans Dieter Bahr schreibt: »Die logische Form einer Gleichung besteht zunächst in einer abstrakten Abbildung oder Projektion, die das Wort zuordnen aussprach. Aber ohne eine weitere Operationsregel ist diese Zuordnung von einer Metapher nicht zu unterscheiden: Leinwand ist wie Rock, beide wie Gold. Erst durch das Axiom der Symmetrie gewinnt dieses so – wie die Struktur einer Äquivalenzrelation, eines genau so – wie/wie – so. 20 Ellen Leinwand sind genau gleich einem Rock, wenn ein Rock gleich 20 Ellen Leinwand ist« (Hans Dieter Bahr: Über den Umgang mit Maschinen; S. 379) Selbst als Analogon der Äquivalenz (das Messgerät, das über zwei verschiedene Dinge gelegt wird und sie einander angleicht) gedacht, wäre der Wert je schon der Differenz ausgesetzt, womit sich der Tausch in der Zirkulation zu einem unaufhörlichen Spiel der Substitutionen, der Verweisungen und des Aufschubs entgrenzt. Auch Esposito spricht im Zusammenhang von Geld und Preis von einer Operationsregel. Sie drückt das so aus: Die Verschiedenartigkeit der Objekte und Leistungen wird durch die Zuschreibung eines Preises zu einer quantitativ ausdrückbaren Einheit, die sich mit jeder anderen beliebigen Einheit vergleichen lässt, womit der Preis die Charakteristiken des Gegenstandes, Zeitpunktes und Kontextes vergessen lässt. Was bleibt sind Zahlen, mit denen man teilen und vergleichen kann. Der Wert des Geldes bestünde hier nur in seiner Qualität in andere Werte konvertierbar zu sein. Zeit/Geld kann man also eine Struktur von (problemlösenden) Systemen begreifen, die den Operationen der Geldkreisläufe Ordnung verleihen, die durchaus Zirkularität, Sequenzialität und Überlappungen von Kreisläufen ermöglichen. „Eine Struktur ist per definitionem, also per Konsens, eine Menge von Elementen, auf der eine oder mehrere Operationen definiert sind und die über die verschiedenen getrennten Modelle hinweg invariant bleibt.“ (M. Serres; Hermes 4, S.290)
Zurück zum Kredit. “Kapitalgeld ist kein Schatz und auch nicht Erde, sondern ein Verhältnis - und zwar ein Machtverhältnis, denn man muss eine Macht haben, etwas im voraus zu geben, indem man einen Kredit gewährt, und die Macht, davon zu profitieren, indem man sich als solvent erweist; aber es ist auch ein Verhältnis der Trennung des Begehrens von sich selber, der Hemmung und Zurückweisung der libidinösen Energien … das kapitalistische Geld ist in gewissem Sinne nur gegebene und zurückgenommene Zeit, antizipierte und retardierte Zeit. Geld ist eine erotische und tödliche Angelegenheit.” (Jean Francois Lyotard; Ökonomie des Wunsches S.288.) (Lyotard fragt sich allerdings, wie ein System, das von einem Axiom aller in ihm zirkulierenden Bestimmungen dirigiert wird, neue Waren aufnehmen kann, die keine monetäre Entsprechung haben, oder wie man als Unternehmen die Möglichkeit besitzen kann, Produktionsmittel einzukaufen, ohne dass durch den Verkauf von Waren das entsprechende Geld schon geschaffen worden ist. Eine ähnliche Frage stellt sich Riccardo Bellofiore im Rahmen seiner sog. makroökonomisch-monetären Rekonstruktion der auf abstrakter Arbeit beruhenden Werttheorie. Er betont dabei, dass das Geld einer Bank - es kann aber auch Eigenfinanzierung sein -, mit dem der Reproduktionskreislauf eines Einzelkapitals eröffnet wird, ohne Wert sei, da es sich bei diesem Geld nicht um eine durch Arbeit geschaffene Ware handele, sondern das vorgeschossene Geld auf Erwartungen basiere bzw. auf einer „ex-ante Validierung der Produktion“ durch die Banken und erst bei Kreditvergabe zu entsprechender Verausgabung von Arbeit und Einsatz von Produktionsmitteln führe sowie zur Realisierung von erwarteten Bruttoprofiten. Der Geldkreislauf G-G` verbindet das Finanzkapital mit dem industriellen Kapital, Dienstleistungen etc., wobei Geldkapital und Kreditgeld relativ unabhängig von bestehenden Waren und Schranken bestehender Geldströme (Geldumlauf) selbstreferentiell zirkulieren können, Zahlungen aufgrund der Iteration von Zahlungen stattfinden. Das vorgeschossene Geldkapital, vermehrt um einen industriell produzierten Zuwachs, kann von dem entsprechenden Einzelkapital entweder reinvestiert werden oder auf den Finanzmärkten angelegt werden, um eventuell wieder in die „Realwirtschaft“ zurückzufließen, weil dort Mehrwert produziert wird, der sozusagen als Reservoir dient, aus dem die Finanzwirtschaft schöpft. Eine scharfe Trennung von realer und finanzieller Ökonomie erscheint daher unmöglich. Die Kreislauffigur G-G`, die das Finanzkapital allein interessiert, nennt Marx fetischistisch, weil hier Mehrgeld ohne die Vermittlung von Produktion und Warenzirkulation aus der Selbstbewegung des Geldes/Kapital im Zuge einer Verzeitlichung zu fließen scheint, die auf die Zukunft setzt, und tatsächlich auch zu Loslösungen von der sog. Realökonomie führt, wenn anstatt bestehender Mengen Nichtvorhandenes auf Nichtvorhandenes wie bei Finanzderivaten gehandelt wird, deren Parameter, Termine, Fristen und Erwartungen der Handel mit der Zukunft selbst ist.
Nach Lyotard ist der Kredit „Vorschuss eines Reichtums, der nicht existiert und erst gebildet wird, nachdem er existiert.“ Der Kredit wäre damit ein Vorschuss, um mit Riccardo Bellofiori zu sprechen, der die Scheidung des Unterschieds zwischen bezahlter/unbezahlter Arbeit bzw. notwendige/Mehrarbeitszeit einleitet. Geld wird also in und uno actu mit einem Kreditkontrakt geschaffen und damit die Spirale von Zahlungsfähigkeit und Zahlungsunfähigkeit erst in Gang gesetzt. Das Gläubiger-Schuldnerverhältnis ist immer abhängig von Kräftebeziehungen und Machtverhältnissen, korrespondiert immer auch mit Eigentumsfragen. Zugleich geht die Bestimmung der Höhe des Entgelts für die Überlassung einer Geldsumme, Zins, von einer gewinnbringenden Investition dieses Geldes aus. Das überlassene Geld wird also von seiten des Kreditgebers (als Personifikation des zinstragenden Kapitals) per se als Kapital behandelt – und zwar unabhängig davon, ob ein Kreditnehmer den Kredit für Investitionen, zur Finanzierung von Renten oder zum Kauf eines neuen Autos verwendet, was bedeutet, dass dieser die Aufnahme eines Kredits nicht unbedingt wie ein industrieller Kapitalist als den Kauf von Kapital als sich verwertendem Wert betreiben muss. Damit ein industrieller Kapitalist als Kreditnehmer zumindest den Durchschnittsprofit seiner Branche erzielen kann, indem er sein Warenangebot auf dem Markt realisiert, müssen auch die Konditionen der vergebenen Kredite strengstens ausgehandelt werden, Laufzeiten, Zinssatz, Projektierung der Produktion, Investitionsbeschränkungen etc.. Insofern übernehmen die Banken im ausgebildeten Kapitalismus die Funktion des Exekutors der Verwertungsbedingungen der verschiedenen Kreisläufe der Einzelkapitale, wobei Kredite sowohl aufgrund besonders günstiger Verwertungsbedingungen als auch wegen Liquiditätsschwierigkeiten, d..h. schlechter Verwertungsbedingungen von seiten der Unternehmen aufgenommen werden. Erst auf der Grundlage des kapitalistischen Reproduktionsprozesses kann alles mögliche Kapital die Form des zinstragenden Kapitals annehmen; nach Marx bedeutet diese Form die Aufteilung des Profits zwischen industriellem Unternehmergewinn und Zins. Im Gegensatz zum (nichtkapitalistischen) Wuchergeschäft stellt für Marx das zinstragende Kapital keine unmittelbare Form der Ausbeutung dar, sondern ist je schon als abgeleitete Form des Geldkapitals zu begreifen, das in den Kreditbeziehungen real eien Bewegungsform findet. Sobald der Kreditgeber selbst personifiziertes Kapital ist (und damit eine materielle Basis besitzt), können Kapitalagenten sowohl die Rolle des Gläubigers als auch des Schuldners übernehmen, Funktionen, die der Kapitalkreislauf beide hervorbringt, sowohl in der Warenzirkulation als auch im Kapitalkreislauf, wenn beispielsweise Geld aus den Amortisationsfonds des fixen Kapitals in die Kreditkreisläufe fließt. Kredit setzt für den industriellen Kapitalisten im Rahmen der Konkurrenz die Notwendigkeit und Möglichkeit technischer Fortschritt zu betreiben, was kongruent der ständigen Notwendigkeit der Profitmaximierung geliehenen Geldes ist, oder anders gesagt, einer Verringerung der Verschuldung von Eigentümern. Kommt es also zum Vertrag zwischen zwei Eigentümern, so erhält der Schuldner Geld und gewinnt damit neue Dispositionsfreiheit, während der Gläubiger hingegen erst einmal nichts erhält und sich deshalb die verlorene Eigentumsprämie ersetzen lässt – durch den Zins: Der Schuldner erhält mit der Geldsumme Zeit für die Investition/Produktion, immer in Konkurrenz mit anderen Schuldnern – um mehr Geld zurückzuzahlen, als er im Kreditvertrag erhalten hat. Der Schuldner wird durch die Zeitbindung des Geldes im Kredit, der eben Zeitdruck erzeugt, gezwungen, die Produktion, Fluss von lebendiger Arbeit in der Ankopplung an Maschinerie, d.h. die Ökonomisierung von Ressourcen und technische Innovation zu betreiben. Der Kreislauf des produktiven Kapitals setzt einerseits also die Möglichkeit des Kredits, indem er sich durch diesen reproduziert, andererseits führt der Kredit zur Beschleunigung und Ausweitung des Kreislaufs des produktiven Kapitals. Setzung und Voraussetzung bedingen sich gegenseitig und vollziehen sich über die Konkurrenzbewegungen der Einzelkapitale, die ständig gezwungen sind, die Beschleunigung von Zirkulations- und Umschlagszeiten zu antizipieren, Kauf und Verkauf zu realisieren und die Kontinuität der Produktion zu sichern, je höher beispielsweise der Anteil des fixen Kapitals und damit die Notwendigkeit der Auslastung in den Produktionsabläufen ist. Sowohl als Antizipation zukünftig realisierter Warenwerte als auch zur Anschaffung von Kapital zum Zweck der Akkumulation kommt der Kredit ins Spiel, und die Notwendigkeit für das Einzelkapital den Kredit auch in Anspruch zu nehmen, wird durch die Konkurrenz durchgesetzt. Die drei wesentlichen Funktionen des Kredits für das industrielle Kapital bestehen nach Marx in folgendem: Erweiterung der Akkumulation, Verminderung der Zirkulationszeiten und Ermöglichung der Herstellung von Durchschnittsprofitraten in und zwischen den Branchen. Je höher der Kapitalaufwand für das einzelne Kapital (hoher Fixkostenblock), desto stärker die Notwendigkeit ein einheitliches Kreditwesen auszubilden, um den Ausgleich der Profitraten möglich zu machen. Die Akkumulation des Kapitals orientiert sich dabei an dem Verhältnis von erwarteter Profitrate und Zinssatz, wobei letzterer ein Maß für die mit einer Investition zu erwirtschaftende Mindestrendite darstellt. Nach Marx stellt die allgemeine Profitrate die Obergrenze für die Zinsrate dar, da der Zins aus dem realisierten Profit bezahlt werden muss. Die Aufteilung des Profits in Zins und Unternehmergewinn wird durch »kein allgemeines Gesetz« geregelt (MEW 25, 376), sondern ergibt sich aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage nach Geldkapital, aus institutionellen Bedingungen und historischen Kräfteverhältnissen zwischen den Klassen und Klassenfraktionen. Solange die industrielle Profitrate den Zinssatz übersteigt, kann es für das industrielle Kapital sogar rentabel sein bei entsprechender gesellschaftlicher Nachfrage teure Kredite aufzunehmen, wenn mit dem aufgenommenen Kapital zusätzlicher Profit erzeugt werden kann. (Nach Lyotard handelt das Kreditgeld in diesem Fall nur als Zeichen für etwas anderes, nämlich für industrielles bzw. produktives Kapital, das einer erweiterten Reproduktion unterliegt, womit dessen Gebrauch eine Zukunft einleitet, die sich prinzipiell nicht von der Vergangenheit unterscheidet. Und nur deshalb verkauft der Kreditgeber Geld für Geld, für eine in der Zeit verfügbare und in die Zukunft hineinprojizierte Verfügbarkeit von Zeit. Allerdings sieht nun Lyotard in der Spekulation einen fundamentalen Gegensatz zum Gebrauch des Kreditgeldes, insofern sich diese Geldform nicht nur auf die (erweiterte) Reproduktion bezieht. Spekulation als das Moment des Merkantilismus (die Akkumulation nicht von Kapital, sondern von Geldmengen) im Kapitalismus vollzieht sich an der Börse als einem Schauplatz des Krieges und ist immer Eroberung durch diverse Handelspraktiken hindurch, mithin Duplizierung von Geld als Zahlungsmittel und Spekulation, Verschiebung der Kapitalakkumulation und Finanzakkumulation und letztendlich die Verbreitung des Kapitalkörpers zu Serien von Nullen und Einsen. Das Interessante besteht darin, dass Lyotard schon bei der Krise im Jahre 1929 eine „Zeit der Flucht“ konstatiert, eine schwindelerregende Zeit, die aus exakt soviel Zeit besteht, wie es Transaktionen gibt, ein Ideal, das wohl erst mit dem globalen Echtzeithandel erreicht ist. Während zur Zeit der damaligen inflationären Entwicklung unzählige vom Geld unabhängige Referenzeinheiten gesucht wurden, Naturalien, besteht die heutige Inflation in einer schwindelerregenden Vermögensexpansion, die nur zur kleinen Teilen in den Konsum eines Luxussektors von Waren fließt.)

Die Verwendung eines Zahlungsversprechens als Zahlungsmittel (und nichts weiter sind ja die Schulden der Banken, mit denen sie Kredite vergeben), ist quasi die Einstiegsdroge für die Banken. Banken, die Kredite vergeben oder Wechsel diskontieren, um (früher als der Markt dies tut) Geld zu realisieren, und zwar durch denjenigen, der das Geld braucht und dafür einen Zins zahlt, machen dem Kreditnehmer Quantitäten schon heute zugänglich, die er in Zukunft verwerten will, d.h. mit einer Geldsumme wird dem Kreditnehmer Zeit gegeben, Kapital in der Form eines Aufschubs produktiv zu machen, womit die Zeitbindung des Geldes im Kredit weiter festgezurrt wird. Mit dem Aufschub können zukünftige Transaktionen und Kreditgeschäfte in der Gegenwart antizipierbar gemacht werden, die sich in Gewinne oder Verluste umrechnen lassen. (Temporalisierung und Aufschub, gefasst als “Ökonomie der différance,” wird bei Derrida im Geldbegriff gefasst. Wert und Mehrwert, d.h. das Kapital, entstehen nicht aus der sog. superadequacy of human labor power, sondern aus den Kreisläufen der Kapitale, d.h. Einsätzen und Bindungen der Zeit und sind ein Effekt des Geldes und zwar als differantieller Markierung. Die différance ermöglicht das Werten und die Produktion des Mehrwert, in Hinsicht auf die Öffnung, die Dynamik und den Zuwachs der Elemente des Systems. Das Geld sei, so Derrida, der “excès moteur” der Ökonomie und es habe diese motivierende Kraft nicht, weil die Zeit Geld sei - time is money -, sondern weil das Geld Zeit sei. Das Geld sei die Zeit, weil es als Substitut oder allgemeines Äquivalent wie die Schrift die Zeit des Gütertauschs bzw. der Kommunikation bewirtschafte, die Zirkulationen ins Unendliche beschleunige, und zwar nicht nur dadurch, daß es Substitute bereitstelle, sondern indem es sein Prinzip dem Tauschhandel und der Zirkulation substituiere und damit die Quantifizierung erlaube. In Bezug auf die neuen Finanzinstrumente heißt das, dass mit Derivaten die Zeit in der Form der Steuerung von Ungewissheit durch die Kalkulation von Risiken verkauft wird, indem Akteure sich an der Differenz von sich wechselseitig beeinflussenden Gegenwarten abarbeiten.)
Der Kredit ermöglicht die Übertragung von zeitweiligen oder dauerhaften Profiten aus dem Bereich, in dem sie entstanden sind, in einen ganz anderen, d.h. eine prinzipielle Abweichung der Struktur, in der Profite produziert und angeeignet wurden, von der Struktur, in der diese Profite nun eingesetzt werden. Wie und wie lange eine solche Verschiebung durchgehalten werden kann, hängt in hohem Maße vom Einsatz der Kredite selbst ab.
Das Geld, welches Banken neu schaffen, stammt weder aus ihren eigenen Einnahmen noch aus verwalteten Guthaben oder Ersparnissen, die Schulden der Bank sind, sondern entsteht mit dem Versprechen des Schuldners, einen Kredit zurückzuzahlen.Die Ersparnisse, bargeldlosen Lohn- und Gehaltszahlungen (Sichteinlagen), die eine Geschäftsbank von den Kunden sammelt, die nun Gläubiger sind, spielen für die Kreditvergabe nur eine untergeordnete Rolle, denn die Wirkungskette läuft in umgekehrter Richtung: Gewährt die Bank dem Kunden einen Kredit, so schreibt sie diese Summe dem Schuldner auf dessen Girokonto gut, womit Buch- oder Giralgeld entsteht, und dies funktioniert für die Banken, solange die Anleger niedrigere Zinsen erhalten als sich mit dem geliehenen Geld für die Banken verdienen lässt. Die Einlagen der Bank bilden dabei nur einen kleinen Bruchteil der per Kredit ausgereichten Summe. (Zu den Sichteinlagen kommen Termineinlagen hinzu, brachliegendes Geldkapital, das aus diversen Kreisläufen der Einzelkapitale stammt. Hinzu kommt noch der Anteil von Spareinlagen, die zum großen Teil aus individuellen Konten von Lohnabhängigen bestehen). Die Möglichkeit der Banken aus Schulden neues Geld zu schaffen, heißt zunächst, die Anlagen, für die die Bank Zinsen zu entrichten hat, als Grundlage für die Vergabe von Krediten zu betrachten, was über den Zinsmechanismus funktioniert: Die Gelder fließen dorthin, wo die höchsten Zinsen zu realisieren sind. Da nur ein kleiner Anteil der Anlagen als Reserve gehalten wird, kann die Vervielfältigunsmaschine des Geldes ins Rollen gebracht werden. Die Kreditvergabe ist in den Bilanzen der Bank ein Tausch auf der Seite der Aktiva. Wenn die Bank mehr Kredit vergeben will, dann muss sie erst einmal auch mehr Mittel einsetzen – Mittel aus Eigen- oder Fremdkapital, wobei das Eigenkapital nur ein (kleiner) Teil der Passiva eines Unternehmens ist, der Teil, der nicht von anderen Eigentümern geliehen, sondern von den Eigentümern – etwa den Aktionären einer AG - selbst gehalten wird, der Teil also, mit dem die Eigentümer in jedem Fall am Geschäftsrisiko der Bank teilhaben. Banken machen aber nicht nur Gewinn, indem sie aus ihrem Eigenkapital Kredite vergeben. Und hier kommt nun der sog. Hebeleffekt (Leverage) ins Spiel, mit dem die Banken ihren Gewinn erhöhen können: Die Banken können nicht selber ihre Kreditmittel über das Eigenkapital hinaus vermehren, sondern sie müssen dazu andere Eigentümer finden, die ihnen Geld oder Wertpapiere überlassen. Dass die Banken eine Eigenkapitalquote von wenigen Prozent haben, heißt nichts weiter, als dass sie sich bei anderen Personen oder Unternehmen Kapital besorgen. Dieses Fremdkapital ist in der Bilanz zum jeweiligen Stichtag aufgeführt. Und auf dieses Kapital bekommen die entsprechenden Anleger keine Eigenkapitalrendite. Begrenzt wird das Leverage der Banken durch gesetzliche Eigenkapitalvorschriften. Diese Vorschriften zwingen Banken dazu, für die meisten Geschafte nicht allein fremdes, geliehenes Geld (Einlagen z.B.) einzusetzen, sondern immer auch Eigenkapital nachzuweisen: derzeit Basel I bzw. Basel II. Die Schulden der Kunden, die einen Kredit aufnehmen, können auch an andere Banken weitergereicht und dadurch in einen zusätzlichen Geldstrom transformiert werden. Verbrieft werden heutzutage seitens der Banken mit der Ausgabe von Obligationen nicht nur Immobilien, Aktien oder Unternehmen, sondern auch Schulden bzw. Kredite, die als Geldsurrogate zweiter Ordnung übertragen und in sich überlappende Zeiten und Kreisläufe auf den Geldmärkten eingespeist werden. Dabei werden in den Kreditverträgen Zins und Rückzahlung der Hauptsumme bis ins Detail festgelegt, womit der so fixierte Kredit erst in eine Vielzahl von gleichberechtigten Teilen gesplittet werden kann. Damit ist einerseits sicher, dass sich die Kreditbedingungen für den Schuldner durch den Weiterverkauf seines Schuldscheins nicht verändern, andererseits wissen die Gläubiger, was sie vom Schuldner verlangen können, d.h. sie müssen mit einem bestimmten Anteil am Kredit auch nur ein bestimmtes Ausfallrisiko übernehmen. Durch die Verkettung der Kreditgeschäfte ändert sich strukturell am Verhältnis zwischen Gläubiger und Schuldner nichts, vielmehr wird die Funktion des Gläubigers in der Verkettung neu bestimmt. Was sich allerdings verändert, ist die Größe des potenziellen Marktes an Kreditgebern und Kreditnehmern, die Verflechtung und Verkettung verschiedener Kreditgeschäfte und die Form, in der die grundlegenden Zusammenhänge des Geldapitalkreislaufs wirksam werden. In den Serien von Verkettungen von Kreditbeziehungen werden die Zwischenglieder immer als Gläubiger und Schuldner auftreten, womit letztlich in der Kette nur der letzte Schuldner der eigentliche Schuldner ist, wie auch der letzte Gläubiger der eigentliche Gläubiger ist. Nur an diesen Polen des Kreditverhältnisses zeigt sich die reale Ökonomie der Kreditvermittlung, denn der Anfang und das Ende der Kreditkette gehören zu strukturell verschiedenen Kreisläufen. Auf der einen Seite die Aneignung eines produzierten Mehrwerts, auf der anderen der Einsatz des Profits in neue Geschäfte. Auf diese Gewinnressourcen aus diesen Geschäften zielen die Spekulationen der Geldvermögensbesitzer ab, sie speisen beispielsweise Wertpapiere, Schuldscheine in die Kreisläufe ein, oder steigen aus, indem sie neue Kreditgeber finden, die sie auszahlen und selber in das Kreditverhältnis einsteigen. Beim Kauf und Verkauf von Wertpapieren und Staatsanleihen kommt es zu jener Form, die Marx fiktives Kapital nennt.
Wird nun ein geschöpfter Kredit getilgt, dann verschwindet zwar die entsprechende Geldsumme wieder (die Bank löscht den Betrag bei Rückzahlung in ihrer Buchhaltung), aber mit den Zinsen, welche die Bank während der Laufzeit des Kredites kassiert hat, wird nicht nur Rendite geschaffen, sondern eben auch die Geldmenge erhöht. (Betrug die sogenannte Geldmenge M1 - umlaufendes Bargeld, Giroguthaben - vor 2002 im Euroraum noch etwa 2.500 Milliarden Euro, so sind es heute gut 5.000 Milliarden.) Für die Banken ist der Zins ein Mobilisierungsmittel für brachliegende Gelder, d..h. sie müssen für ihre Kredite höhere Zinsen verlangen als für sie die für eingelegten Spar- und Festgelder geben. Die Banken sind somit einerseits Schuldner, indem sie Kapital mobilisieren, anderseits Gläubiger, die die Kapitaldistribution vorantreiben. In früheren Zeiten war das auf der einen Seite vor allem der Ankauf von Wechseln, Aktien und Anleihen durch die Bank, während dem die Ausgabe von Kontokorrentkrediten und Darlehen gegenüberstanden. Dabei spielt die Verteilungsfunktion der Banken eine wichtige Rolle, allen voran die Kredite an das industrielle und kommerzielle Kapital, an Privathaushalte und staatliche Unternehmen. Die Geschäftsbanken, die als Schuldner und Gläubiger in den Kreditverhältnissen auftreten, bekommen die Unkalkulierbarkeit des Procederes in der Krise insofern zu spüren, als ihre Verpflichtungen in unveränderter Höhe fortbestehen, die Sicherheiten jedoch im Wert gefallen sind. Die Geschäftstätigkeit der Banken ist also sowohl von ihrer Mobilisierungsfunktion als auch der Distributionsfunktion zu verteilender Kredite zunächst immer auf die Bewegungen der Kapitalakkumulation bezogen. Geschäftsbanken stellen dann in der Krise stärker denn je ihre Verbindlichkeiten bei der Zentralbank glatt, bevor sie Geld für neue Investitionen kreditieren. Die Versuche der Zentralbank, die Refinanzierung der Banken zu erleichtern (u.a. durch Zinssenkungen) und damit das Kreditvolumen wieder zu erhöhen, scheitern typischerweise daran, dass die Zentralbank keine Möglichkeit hat, die potenziellen Schuldner der Banken mit Haftungseigentum auszustatten, auf dem die Geschäftsbanken natürlich bestehen.
„Die Abwärtsspirale zieht inzwischen die gesamte Weltwirtschaft nach unten. Um gegenzusteuern, haben Regierungen und Notenbanken riesige Rettungspakete geschnürt. Doch weil in den vergangenen Jahren so viele Kredite vergeben und so viel Geld geschöpft wurde - das nun größtenteils auf Bankkonten liegt und geschützt werden soll - sind astronomische Beträge erforderlich, um das Finanzsystem zu sichern.“ Das schreibt der Bundesbank-Mann Benedikt Fehr. Marx: “Das Banksystem ist, der formellen Organisation und Zentralisation nach, wie schon 1697 in ‘Some Thoughts of the Interests of England’ ausgesprochen, das künstlichste und ausgebildetste Produkt, wozu es die kapitalistische Produktionsweise überhaupt bringt. Daher die ungeheure Macht eines Instituts wie die Bank v. E. auf Handel und Industrie, obgleich deren wirkliche Bewegung ganz außerhalb ihres Bereichs bleibt und sie sich passiv dazu verhalt. Es ist damit allerdings die Form einer allgemeinen Buchführung und Verteilung der Produktionsmittel auf gesellschaftlicher Stufenleiter gegeben, aber auch nur die Form.”(Marx 1894, 620).
Durch die Aktivitäten der Bank, Geld zu verleihen und Zinsen zu kassieren, bekommt jede Geldsumme eine neue Funktion, nämlich, ein abstraktes Mehr zu erzielen, zumindest einen Zusatz in der Form von Zins hervorzubringen, ohne dass da zunächst ein Produktionsprozess stattfinden muss, so dass tatsächlich der Schein entsteht, Eigentum an Geld bzw. eine Geldsumme hätte von sich aus die Potenz zu wachsen, was der „Risikofreudigkeit“ der Banken geschuldet ist, die sich u.a. dafür bezahlen lassen, dass sie in der Gegenwart Möglichkeiten für zukünftige Zahlungen schaffen, auch dadurch, dass sie Zeit bereitstellen, damit man in einem bestimmten zeitlichen Rahmen Geld verwenden kann, dass einem nicht gehört oder Gelder ausgeben kann, die einem erst in Zukunft gehören werden. Mit jedem Wertpapier, das die Bank strukturiert und verkauft, steigert das Unternehmen seine Macht zur Kreditvergabe, während die Bank mit jedem Wertpapier, das sie kauft, seine Vermögensbestände erhöht, auf das die Bank wiederum neue Kredite vergeben kann, was auf den Märkten keineswegs zum Nullsummenspiel führt, sondern die gegenseitige Beglaubigung der Banken in ihrer Kreditwürdigkeit exekutiert, d.h. in ihrer Funktion als Schöpfer von Krediten und Wertpapieren, die nichts weiter als Schulden sind. (Das Geld, das heute von den Zentralbanken geschaffen wird, formuliert ein Anrecht auf Eigentum gegenüber den Geschäftsbanken. Im übrigen wird erst im Geldmarkt die Verfügung über das gesetzliche Zahlungsmittel verlangt. Allerdings nicht in Form von Papiergeld, sondern auf den Konten der Geschäftsbanken bei der Zentralbank, über die sie ihren Zahlungsverkehr untereinander abwickeln. Dort muss sich zeigen, ob die Kapitalanlagen und Geschäfte der Banken tatsächlich erfolgreich waren, d.h. ob sie ausreichende Einnahmen und Rückflüsse hervorbringen, sodass eine Bank zahlungsfähig bleiben kann. Modernes Geld ist kein Papiergeld, vielmehr wird das gesetzliche Zahlungsmittel als Kreditgeld geschaffen. Ein Teil der umlaufenden privaten und/oder staatlichen Wertpapiere wird also in den Notenbanken in das gesetzliche Zahlungsmittel umgetauscht, wobei mit der entsprechenden Tilgung dieser Wertpapiere das gesetzliche Zahlungsmittel wieder zur Notenbank zurückfließt. Dieses ist ein zinsloser Kredit an die Zentralbank, den die Banken, andere Unternehmen und Haushalte als Aktiva verbuchen, als einen Vermögensgegenstand, der ihnen gehört: Barreserve oder Sichteinlage bei der Zentralbank. Umgekehrt in der Bilanz der Zentralbank: Der Banknotenumlauf macht den größten Anteil der Passiva aus. Die Zentralbank erwirbt bei somit bei der Ausgabe der Banknoten Wertpapiere, die sie ankauft oder als Sicherheit für einen Kredit nimmt. Die Zentralbanken sind somit kein lender of last resort, nicht ide spitze der Hierachie eines (zweistufigen) Bankensystems, sondern können nur innerhalb der Kapital- und Geldkreisläufe der Kredit- und Kapitalmärkte wirken und sind daher auf die Kooperation mit den Finanzinstitutionen auf diesen Märkten angewiesen. Die Verrechnung der Zahlungsverkehrssalden der Banken findet also stets über die Konten der Banken bei der Zentralbank statt. Wenn es sich um einen positiven Saldo handelt, so hat die Bank neue Forderungen erworben und kann damit Strategien entwickeln, was sie mit diesen Forderungen ptofitbringend anfangen soll. Sollte es sich um einen negativen Saldo handeln, womit also an andere Banken etwas zu zahlen bleibt, dann muss die Bank aus ihren Geldkapitalmitteln den Differenzbetrag begleichen. Mit ihren unterschiedlichen Kontoständen begeben sich die Banken auf die Geldmärkte, wo sie direkt angesetzliche Zahlungsmittel, Dollars, Euros oder Yen der Zentralbank gebunden sind. Doch wenn hier statt privater Zahlungsversprechen in den Deribvatgeschäften nur noch das gesetzliche Zahlungsmittel akzeptiert wird, dann erst jede Bank als Organisation auf sich selbst bezogen bleiben, im Rahmen ihrer Renditemaximierungspolitik.)
Entscheidend für die Logik der erweiterten Geldzirkulation auf den Finanzmärkten (nach Marx ist das Kredit- und Spekulationskapital fiktiv, weil es nur scheinbar als neues, produktives Kapital fungiert. Denn so sehr es für seine Eigentümer Zins- und Spekulationsgewinne abwirft, so wenig findet hier eine reale Verwertung statt, die immer voraussetzt, dass Arbeit in der Produktion von Waren und Dienstleistungen verausgabt und zumindest ein Teil davon als Mehrwert abgeschöpft wird) erscheint nicht die immer wieder von den Ökonomen herbeizitierte Knappheit, sondern die Ungewissheit selbst, die sich bei jedem Deal in dem auf die Zeit bezogenen Konflikt entfaltet, was man von der Zukunft erwarten soll und wie sich dann tatsächlich Zukunft realisiert (vgl. Elena Esposito. Die Zukunft der Futures). Insofern die Spekulation (speculare von specula, Aussichtsturm, Beobachtungsstelle) per se eine Investition in Risiken ist, die heute den Computerhandel in Realtime mit Finanzderivaten verlangt, werden zumindest kurzfristige Investition und Spekulation als symmetrische Seiten ein und derselben Operation wirksam, wobei jede Beschaffung von Liquidität - Zahlungsfähigkeit im Kontext der deterritorialisierten globalen Finanzkapitalströme - mit der Erwartbarkeit von Erwartungen auf weitere Entscheidungen verknüpft ist. Diese Form der Risikoproduktion bzw. die entsprechenden Käufe und Verkäufe von Risiken artikuliert sich in Volatilität, was nichts anderes heißt, als das sich auf den Märkten eine Krisenhaftigkeit bzw. Nichtsteuerbarkeit der Risiken durchsetzt, die im Platzen von Spekulationsblasen real wird. Wie wir später noch sehen werden, sind Spekulanten nichts weiter als Akteure, die abstrakte Risiken handeln, jedoch an den Leistungen selbst bei Fälligkeit ihrer Finanzderivatverträge keinerlei Interesse zeigen. Mit gegenwärtigen Erwartungen werden also zukünftige mögliche Gewinne gehandelt. Diese Erwartungen und Antizipationen möglicher Gewinne und Verluste bestimmen u.a. den Profit und Verlust von Finanzspekulationen. Renditeerwartungen sind immer auch von weiteren Erwartungen bestimmt, und zwar hinsichtlich zukünftiger Preise, die wiederum von gegenwärtigen Kauf- und Verkaufsentscheidungen abhängen, die ihrerseits dazu führen, dass neue Erwartungen geweckt werden (vgl. Esposito, S.118) (Zur Frage der Erwartung im Rahmen der Funktionsmechanismen kapitalistischer Ökonomie ist grundsätzlich zu sagen, dass es sich um keine psychologische Kategorie handelt, vielmehr diese im Marxschen Sinne gemäß den immanenten Gesetzmäßigkeiten im Rahmen der Konkurrenz als äußere Bewegung der Kapitale ihren funktionellen Platz hat, und sich dort für die Einzelkapitale auch geltend macht und somit auch als treibendes Motiv für die Beobachtung der Beobachter auf den Finanzmärkten zu begreifen ist (MEW 23, S.335.) Erwartete Profitrate einer Investitionsentscheidung heißt immer, dass Daten der vergangenen Profitproduktion mit prognostischen Werten bezüglich der Kapitalrentabilität abgeglichen werden. Wie sich diese Erwartungen als Realisierung im Funktionszusammenhang des Gesamtkapitals erfüllen ist eine andere Frage.)
Monetäre Transaktionen dienen im Finanzsektor hauptsächlich der Beschaffung von Liquidität (der jederzeitigen Verfügbarkeit von Geld), dabei werden kontingente Zukünfte danach bewertet, wie der Markt sie gegenwärtig bewertet, d.h. Zukunft wird stets von Erwartungen an das künftige Geschehen mitgeformt, oder um es mit anderen Worten zu sagen, »alles ist anders, als man es im Moment voraussehen kann - weil die Zukunft eben gerade darauf reagiert, wie man versucht, die Zukunft zu planen.« (Vgl. Elena Esposito) Anders deswegen, weil gegenwärtige Zukünfte und künftige Gegenwarten nicht deckungsgleich sind, d.h. sobald eine künftige Gegenwart aktuell wird, aktualisiert sich auch der Unterschied zu jener Zukunft, auf die man gesetzt hat und deren Aussichten man einstmals genutzt hat, und so kehren stets andere Zukünfte als die erwarteten in die Gegenwart zurück. Zugleich besteht nach Esposito die zeitliche Zirkularität der Ökonomie darin, dass die Gegenwart von der Zukunft abhängig ist, die ihrerseits von der Gegenwart abhängig ist, die sich nach ihr richtet. (Esposito, S.28) Finanztransaktionen sind also immer in offene Feedbacksysteme bzw. Konkurrenzmechanismen von Operationen (Entscheidungen/Beobachtungen) integriert, die zudem von den Meinungsindustrien, den wissenschaftlichen Diskurssystemen und anderen Dispositiven auf den Finanzmärkten getrieben und mitorganisiert werden. Um es in Bezug auf die Zeit zusammenzufassen: Das Instrumentarium der Derivate hat den Zweck, in der Gegenwart die Differenz zwischen der gegenwärtigen Zukunft und den zukünftigen Gegenwarten zu handeln, die Differenz zwischen dem, was man gegenwärtig hinsichtlich der kommenden Zukunft erwarten kann, und dem, was morgen, auch infolge der heutigen Spekulationen tatsächlich der Fall sein wird (vgl. Elena Esposito). Der Eintritt der Zeit in sie selbst ist auf den Finanzmärkten die automatische bzw. Realtimebewegung der Geldsurrogate zweiter Ordnung bzw. des fiktiven Kapitals, wie Marx Wertpapiere etc. nennt, sodass das Finanzkapital einerseits blindlings mit sich selbst rechnet, andererseits aber permanent an seiner Unverfügbarkeit leidet. (Wenn Esposito davon spricht, dass Vergangenheit und Zukunft nur als Inaktualitätshorizont einer nicht dauernden Gegenwart gegeben sind, dann heißt das zunächst für die Gegenwart, das sie nicht ist, sondern das ist, was geschieht. Der punktuelle Augenblick ist nicht, denn als werdende Gegenwart ist die Gegenwart noch nicht, und als seiende, ist sie schon vergangen.) Auf den Finanzmärkten heißt das nichts anderes, als das Spekulationen gehedgt, Risikomärkte mit Risiken abgesichert werden, indem gegenwärtige Risiken mit zukünftigen und diese wiederum mit den Risiken zukünftiger Zukünfte verrechnet werden, ein Prozess des Aufschubs, der die Zeit als unendliche Ressource setzt, andererseits müssen aber gegenwärtige Risiken sich nach der Wahrscheinlichkeitsberechnung vergangener, die Risiken künftiger Gegenwarten nach denen gegenwärtiger Zukünfte verhalten, sodass der Annahme des endlosen Wandels multipler Zukünfte immer auch eine Modellierung der Zukünfte durch ihre jeweiligen Vergangenheiten entspricht. (vgl. Joseph Vogl, Das Gespenst des Kapitals S. 168) Das Futur 2 ist bei Marx die dritte Bestimmung des Geldes, Geld als Geld, was in Bezug auf die Zeit nichts anderes heißt, als dass die Gegenwart an ihrer Zukunft durch ihre Zukunft gemessen wird. Da aber im Voraus gerade nicht berechnet werden kann, was der Wert des Geldes nach seiner Rückkehr gewesen sein wird, kann nur in einem spekulativen Sinne das Geld in seine Selbstzeitigung ausgelegt werden. Künftige Gegenwarten und gegenwärtige Zukünfte fallen auseinanderfallen, obwohl die Zukunft ja den Erwartungen entsprechen soll, aber sobald eine künftige Gegenwart aktuell wird, aktualisiert sich auch die Differenz zu jener Zukunft, die man irgendwann einmal erwartet hat und deren Potenziale man nutzen wollte. Immer kehrt eine andere als die erwartete Zukunft in die Gegenwart zurück.
Zukunft liegt also in der Differenz zwischen den beiden Zukünften und schließt beide ein. Falls man die Derivatemärkte in Bezug auf die Zeit als eine große abstrakte Maschine zur Produktion der Zukunft bezeichnen kann, die durch die Operationen des Kaufs und Verkaufs von abstrakten Risiken sich aktualisiert, wobei die Transaktionen auf den Märkten den entschwindenden Referenten des Geldkapitals zweiter Ordnung formalisieren, dann wird die Zukunft zu einer Ressource von Möglichkeiten, deren virtuelle Existenz in die Gegenwart eingreift. Dennoch behandeln Derivate immer die gegenwärtige Zukunft, da sich zukünftige Gegenwarten so oder so einstellen wird, aber nie wie man sie kalkuliert hat, gerade weil sie durch gegenwärtige Kalkulationen gedreht und damit turbulent wird, durch Kalkulationen, die diese tatsächlichen Zukünfte vorwegnehmen möchten.
Kredit- und Wertpapiergeschäfte spielen sich jedoch nicht in unmessbaren Dimensionen ab, sie sind in gewisser Weise und wie auch immer „vermittelt“ auf die „gängigen“ Zinssätze bezogen, die von seiten der professionellen Akteure auf den Finanzmärkten mit dem Vergleich von Indizes bestimmt werden wollen, welche wiederum von den wechselnden Bedingungen des Marktes abhängen. Praktisch orientieren sich Investoren wie Schuldner an bestimmten Indizes, und als Bezugspunkt ist immer ein gewisser minimaler Zinssatz anzusehen, der von ebenso sicheren wie liquiden Wertpapieren abgeworfen wird; meistens sind das kurzfristig fällige, handelbare Staatspapiere. Referenzgröße sind beispielsweise in den USA die sog. Treasury Bills, die Schatzwechsel des Finanzministeriums, die Benchmark. Der Zinssatz auf die T-Bill über 3 Monate ist der Bezugspunkt aller Vorgänge an Geld- und Kreditmärkten.
Derivate sind Finanzverträge, deren Preis sich vom Wert von etwas anderem errechnet, das als Basiswert bezeichnet wird. Das kann sich auf Vieles beziehen, auf Finanzinstrumente selbst, Aktien, Indices, Zinssätze, aber auch auf sog. externe Faktoren, Weizenernten und der Regenfall auf den Frankfurter Flughafen im Mai. Der Preis der Derivate variiert auf Grundlage der Variationen von Daten bzw. von dem, was die Systemtheorie als Kontingenz bezeichnet, d.h. dem, was Alternativen ermöglicht, was nicht da sein könnte oder auch anders möglich wäre. Volatilität wird damit selbst zum Verhandlungsgegenstand.
Auf den Futuremärkten vereinbaren zwei Akteure etwas Bestimmtes zu einem zukünftigen Zeitpunkt und zu einem in der Gegenwart vorab fixierten Preis (der jedoch von sämtlichen Marktpreisen des betreffenden Gegenstandes differiert) zu kaufen oder verkaufen, während Optionen sich von Futures dadurch unterscheiden, dass ein Akteur das Recht am Vertragsgegenstand erwirbt, aber nicht zum Erwerb desselben verpflichtet ist, d.h. er kann in Zukunft entscheiden, ob er kauft oder nicht kauft, ob die Option überhaupt in Kraft treten soll. Man kauft und verkauft also Zahlungsversprechen auch auf Grundlage der Beobachtungen der Beobachter und deren Erwartungen, denn meistens wird der Basiswert nicht transferiert, weil der Vertrag weiterverkauft oder eben nicht eingelöst wird, weil dies für eine der Parteien nicht lohnenswert ist. So wird beispielsweise eine Kaufoption nur dann eingelöst, wenn der im Vertragsgegenstand fixierte Preis an einem fixierten Zeitpunkt unter dem Marktpreis liegt. Allerdings gehen in den Kauf einer Option, für die eine Gebühr zu entrichten ist, neben dieser Preisdifferenz immer auch Wahlmöglichkeiten in der Zeit mit ein, die desto niedriger sind, je näher der Zeitpunkt des Fristablaufs heranrückt, womit der Wert der Option sinkt. Es ist der Preis der Option selbst, das Reflexivwerden des Risikos, das neben der Festlegung der zukünftigen Verkaufs- oder Kaufpreise das Problem stellt, wie der Preis, der das Risiko reflektiert, zu berechnen bzw. zu bewerten ist. Meistens verkauft also ein Akteur, der eine Ware nicht hat und sie auch nicht besitzen will bei Optionsgeschäften diese Ware an jemanden, der diese Ware weder erwartet noch haben will, sodass sich gegenwärtige Preise für eine nicht vorhandene Ware oder Fluktuierendes nach der Erwartung künftiger Preise für Nichtvorhandenes bemessen. Damit zeigen die Funktionen der Derivate, dass sie mit Zeit handeln und diese auch bis zu einem gewissen Maß fixieren, was sich daran zeigt, dass mit jedem Derivatvertrag die Modalitäten der Transaktion des Basiswerts, der dann doch nicht übergeben wird, exakt definiert werden. Ein Spekulant kann durch den Einsatz einer kleinen Summe Geld sehr große Summen handeln und entsprechend hohe Renditen oder Verluste erzielen, d.h. zukünftige Rechte Wertpapiere zu handeln werden gekauft und verkauft, um unter Umständen denselben Gewinn des Inhabers zu erzielen, ohne dafür die Summe entrichtet zu haben, die normalerweise zur Verfügbarkeit des Eigentum führt. Bei Verlusten muss der Spekulant dann den gesamten Betrag des Wertpapiers decken, bei Optionen riskiert er jedoch nur den Wert der Option zu verlieren. Man kauft also keine Waren, sondern Transaktionen, man investiert in Preisschwankungen von Waren, Indizes und Ereignissen, und ist von deren Volatilität betroffen, während Fixierungen zu nichts führen. Während das Hedging bzw. Deckung von Risiken der Vergangenheit zugewandt ist, sucht man in der Spekulation nach Risiken im Kontext zukünftiger Preisentwicklungen, und die Arbitrage operiert quasi risikolos auf den vernetzten Realtimemärkten. Wenn mit der Arbitrage in Realtime Preisdifferenzen auf verschiedenen Märkten genutzt werden, um Renditen zu erzielen, und dies zu Gleichgewichtszuständen auf den Märkten führen soll, dann wäre paradoxerweise die Arbitrage am effektivsten, wenn sie überhaupt nicht existieren würde. Die Versicherung oder Minimierung von Risiken durch hedging kann widerum durchaus auch zur Eliminierung von Gewinnchancen oder zu unnötigen Investitionen führen, was für die spezifische Zeitverlagerung des Risikos spricht, an das wieder neue Risiken gebunden werden können. Spekulation orientiert sich dagegen an gegenwärtigen Zukünften bzw. an dem, was man sich in der Gegenwart von der Zukunft erwartet, und damit werden zugleich die Grundlagen der zukünftigen Gegenwart verändert, was natürlich diese selbst modifiziert. (Vgl. Esposito)

Um mit Hilfe der Finanzderivate höhere Renditen zu erwirtschaften, werden die Vermögen »gehebelt« angelegt, das heißt, Unternehmen/Individuen aus den Reihen der sogenannten High Net Worth Individuals nehmen eher Kredite auf bzw. investieren in synthetische Wertpapiere, als dass sie auf Investitionen in den „Realsektor“ setzen. Im Grunde genommen gilt also seit den 1980er Jahren die Regel, dass solange der Zins für einen Kredit geringer ist als der Profit, den eine Investition bringt, die Gelder in den Finanzsektor fließen, sodass die um den Globus flottierenden Derivatströme immer weiter anstiegen, um heute die Menge der Vermögen um ein x-faches zu übersteigen.
Dabei wird die Verbreitung handelbarer Wertpapiere durch das Prinzip des originate und distribute organisiert. Das ging bis vor kurzem so: Vor der Subprime Krise verschwanden ausgegebene Darlehen/vergebene Immobilienkredite aus den Bilanzen der Kreditinstitute (Geschäfts- und Hypothekenbanken), indem sie in Obligationen verwandelt, in verschiedene Tranchen zerlegt und auf den Sekundärmärkten an Investmentbanken verkauft wurden, die wiederum Kreditportofolien mit unterschiedlichen Risiken schufen (in Bezug auf Bonität der Kreditnehmer, die sog. Verbriefungen). Dabei wurden Papiere mit unterschiedlichen Risiken gebündelt und in Paketen verkauft, wobei sichere Kredite in unklaren Verhältnis mit nicht gesicherten Hypotheken zusammengewürfelt wurden und auf dieser Grundlage emittierten die Investmentbanken Wertpapiere, die an eigens geschaffene Finanzorganisationen verkauft wurden, die den Kaufpreis mit Geldmarktpapieren mit kurzer Laufzeit refinanzierten. Schon seit den 1990er Jahren gingen die US-Banken daran, mit Hilfe der Ausgabe von Wertpapieren mit kurzfristiger Laufzeit für ihre SPVs das Hypothekengeschaft zu erschließen. Das Geschaftsmodell war jedoch nicht ohne Risiko: Die Aktiva dieser Gesellschaften waren langfristig gebunden: Hypotheken mit Laufzeiten von 10, 15 oder gar 30 Jahren und im Anschluss aus ihnen zusammengesetzte Wertpapiere. Dagegen bestanden die Passiva zu einem großen Teil aus kurzfristigen Unternehmensanleihen, darunter jene Wertpapiere (Asset backed Securities, Collaterallized Debt Obligations), die mitsamt den Risiken an anlagesuchende Investoren und Spekulanten in allen Teilen der Welt weitergereicht wurden. Diese Wertpapiere wurden also nach bestimmten Vereinbarungen bei verschiedenen Investoren platziert, Hedgefonds, Investmentbanken und Pensionsfonds, sodass eine wundersame Kreditvermehrung stattfand, wobei die Kredite in den Bilanzen der Geschäfts- und Hypothekenbanken nicht mehr auftauchten und diese somit neue Kredite vergeben konnten. Die Kredite wurden von den Fonds/Banken in sogenannte Zweckgesellschaften ausgegliedert, womit sie wie gesagt in den Bankbilanzen nicht mehr auftauchten und die in Basel 2 festgelegten Regeln, wonach die Banken nach Marktlage einen bestimmten Eigenkapitalanteil (8%) an der Fremdfinanzierung halten müssen, unterlaufen werden konnten. (Ausgangspunkt der Bewertung des abstrakten Kapitals einer Bank und der notwendigen Kapitalreserven von 8% sind nach Basel 2 sog. Risk-Management-Programme, die sich nach der permanenten Validierung des Risikopotenzials von vergebenen Krediten richten.) Die in Pakete gebündelten Wertpapiere wurden von Ratingagenturen bewertet (Bewertungen für das jeweilige Risikopotenzial eines Wertpapiers und Bestimmung von Zinssätzen. Oder bei CDOs die Bewertung des Risikos selbst.)
Dabei erscheint die Risikoberechnung mittels stochastischer Modelle zunächst durchaus rational, wenn zb der Käufer die Kredite eines Verkäufers mit einem Preis unter dem Nominalwert zahlt, weil er sie ja erst zu einem zukünftigen Zeitpunkt einziehen kann sowie das Risiko, dass etwas schiefläuft, in Rechnung stellt. Haarig wird die Sache erst, wenn die Sicherheiten, die normalerweise bei einem Kredit hinterlegt werden, überhaupt nicht vorhanden sind bzw. sich aus zukünftigem Reichtum einstellen sollen, was sich allerdings nicht nur auf die Probleme des Kreditnehmers bezieht. Auch der Kreditgeber kann nämlich die Kreditkette von Anfang an künstlich verlängern, indem er bei einer anderen Institution einen Kredit nachfragt und als Sicherheit kommende Ratenzahlungen des vergebenen Kredits anführt. Während dem Kreditnehmer nun, egal ob Unternehmen oder Haushalt, in der Gegenwart die Verfügbarkeit von Geld zur Verfügung gestellt wird, d.h. auf die Zukunft qua Investition oder Konsum zuzugreifen, erweitert der Kreditgeber die Liquidität. In Bezug auf die Zeit ausgedrückt, heißt das, dass er Gegenwart zugunsten einer erwarteten Zukunft zur Verfügung stellt.
Allerdings stellt das Messproblem bzw. das Problem der permanenten Bewertung der auf den Finanzmärkten in Zirkulation befindlichen synthetischen Wertpapiere eine permanentes Problem dar, dahingehend, ob die bekannten Lösungsstrategien der Finanzakteure, die laut wissenschaftlichen Finanzdiskursen auf ein Gleichgewicht der Märkte abzielen sollen, diese Messungen gerade unmöglich machen. Auf eine ganz und gar andere Weise kommt hiermit die Wert- und Preisproblematik ins Spiel, wie sie noch Marx im Kontext der Warenzirkulation und Kapitalreproduktion gedacht hatte. Bei gegenwärtigen Messverfahren im Finanzsektor wird der sog. Fair Value eines Wertpapiers zunächst auf Marktpreise bezogen, womit natürlich die außerbörslichen OCT-Märkte oder die Nichtexistenz von Märkten zum Problem werden, das man unter anderem dadurch bereinigen will, dass man Hierachien des Fair-Values Preises ins Spiel bringt, die neben den Marktpreisen auf den Börsen, die implizite Volatilität auf eigens konstruierten virtuellen Märkten berücksichtigt. Die Unbekannte ist und bleibt bei diesen market-to-modell-Ansätzen die zukünftige Gegenwart, die sich tatsächlich einstellt, und der man mit der Kalkulation der gegenwärtigen Zukunft beikommen möchte, d.h. der Erwartung, wie sich Zukunft einstellen wird, womit man Zukunft nutzt, um die Gegenwart zu konstruieren. Allerdings hängt genau der Erfolg dieser Strategien immer davon ab, ob zukünftige Gegenwart und Erwartung kongruent sein könnten, letztendlich bleibt das eine Fiktion.
Die Nachfrage nach finanzialisierbaren, zuletzt forderungsbesicherten Papieren führt an den Märkten gerade aufgrund steigender Preise zu steigender Nachfrage, während fallende Preise in der Abwärtsbewegung die Antizipation weiter fallender Preise nach sich ziehen, was dem Gesetz von Angebot und Nachfrage natürlich widerspricht, und das in sehr paradoxer Weise, denn vor der Subprimekrise mutierten die Hypothekenschulden der einen zu Wertpapieren mit hohen Renditen in den Händen der Finanzakteure. Höhere Preise von Wertpapieren erhöhen damit paradoxerweise die Nachfrage. Doch fallen die klassischen Konkurrenzmechanismen nur kurzzeitig komplett aus, Stichwort rosa Kommunikationsrauschen, das ewig steigende Profite auf den Märkten und den Staat als lender of last resort verspricht, nämlich dann, wenn alle Marktteilnehmer sich auf den Finanzmärkten phasenweise unilateral verhalten, womit sog. Nachahmungsbewegungen im Zuge viraler Pandemien - die berühmten Panik- und Konsoldierungsphasen an den Börsen - einer eigenen Logik folgen. Endogene Ungewissheiten der Märkte, die im Gegensatz zu scheinbar durchkalkulierten Risiken nicht in Preisen darstellbar sind, werden auf den Börsenmärkten durch das sog. Trendchasing, das sich an den Preisen und ihren Schwankungen orientiert, nicht wirksam eingeschränkt, vielmehr bleibt dieses mimetische Gruppenverhalten meistens an den risikohaften Entscheidungen der großen Investoren/Banken sowie an der Assimilation an (normalisierende und statistisch quantifizierbare) Trendbewegungen orientiert, die von maschinellen Prozessen der Quantifizierung gesteuert werden, welche Instrumente, Messverfahren und Berechnungsverfahren im Rahmen der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien zur Verfügung stellen. Dies im Rahmen einer instabilen Relation von netzwerkartigen, heterachischen Strukturen und sog. Vertrauensregimen (Gabriel Tarde), die intersubjektive Spekulationsbewegungen im Sinne von Trendverstärkungen hervorbringen. Permanent erfolgt der Versuch, Ungewissheit in Wahrscheinlichkeit zu übersetze, und zwar sowohl durch Mathematisierung als auch durch die Psychologisierung der Finanzmärkte, bspw. wenn Investoren bei steigenden Preisen kaufen und Spekulanten im Rahmen kurzfristiger Erwartungen genau wissen, wann sie sich von überbewerteten Papieren zu trennen haben, gewissermaßen eine rationale Strategie, die das systemische Risiko, das durch die Nachahmungsbewegungen erzeugt wird, konterkariert. Als Investor neigt man dazu ein Risiko einzugehen, wenn die anderen dies auch tun, und zwar unabhängig davon, ob eine Investition an sich riskant ist oder nicht, und das im Extremfall im Rahmen einer virtuellen Simultaneität, bei der der Investor auf Operationen zu reagieren versucht, noch während sie gerade ablaufen (beispielsweise high frequency trading), dabei in eine Operation auf mehreren Ebenen eingebunden ist, die gleichzeitig über die Transaktion selbst und ihre Auswirkungen auf den Märkten spekuliert und damit eine spezifische zeitliche Verlaufsform schafft, die mit kausalen Mustern einer vorgängigen Ursache gegenüber Wirkungen nicht zu erklären ist. Allerdings sollte man sich generell hüten, die Ursache als den zeitlichen Anfang zu begreifen, in dessen Verlauf jede Herkunft schwächer wird, vielmehr muss man auf den digitalisierten Finanzmärkten den Referenten der Wirkungen in maschinellen Prozessen suchen, die ihrerseits nicht als Ursachen, sondern als Vermittlung von Realtimeprozessen vorgestellt werden. Die eher turbulenten Bewegungen der Börsenmaschinen (wobei unruhige Strömungsmuster eine exponentielle Menge an Informationen kosten, um sie algorithmisch darstellen zu können) bewegen sich in sog. Realtime-Patterns (jenseits der Kausalität), die eine Welt von digitalen Bildschirmnetzen konfigurieren, in denen die Monitore Zahlen/Marktgewinne Aktivitäten anzeigen, bevor sie unter Umständen zu schrecklichen Leuchtpunkten implodieren. (Formwandel heißt auch hier, dass Inhalte den Prozessen funktional untergeordnet sind. Telemetrierte Spekulationen beziehen sich auf Spekulationen und nähren sich sozusagen selbst.) Damit werden die Unterscheidungsverfahren der Risiken, und zwar als Beschreibung der Beobachtung der Selbstreferenz von Risiken, sei es auf der Ebene der Bank oder eines Fonds, immer schwieriger, denn die Verfahren der Banken hinsichtlich der eigenen Operationen und ihrer Resultate, die mit der Selbstreferenz der Risiken gegeben sind, bewegen sich im Sekundenbereich. Risiken kommen immer dann ins Spiel, wenn in der Gegenwart Entscheidungen auf eine zukünftige Gegenwart vorgenommen werden, in der man unter Umständen einen Schaden wird erleiden können, der auf gegenwärtige Entscheidungen zurückzuführen ist, wie umgekehrt aufgrund bestimmter Entscheidungen auch alles positiv verlaufen kann. (Einem unerwünschten Ereignis wird von Investoren, also mittels vollzogener und der Projektion zukünftiger Entscheidungen, eine bestimmte Wahrscheinlichkeit zugeordnet (Wahrscheinlichkeitserwägungen als Formen des Umgangs mit Risiken) und mit einem Preis versehen oder: Der Ungewissheit wird die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Ereignisses zugeordnet, und sobald man diese kennt, lässt sich anhand des Verlusts, der durch ein Scheitern des Projekts einträte, die Ungewissheit in ein kalkulierbares Risiko verwandeln, das einzugehen eine bestimmte Geldsumme wert ist.) Bestimmte Feedbackmechanismen können unter Umständen die Kumulation des Risikos verstärken. Mit dem Handel von Risiken wird in der Gegenwart die Differenz zur Zukunft erzeugt, und zwar auch als Differenz zu sich selbst, wobei die Differenz von zukünftiger Gegenwart und künftiger Zukunft im Rahmen der Aktivierung der unterschiedlichsten Perspektiven und ihrer gegenseitigen Beobachtung es immer erst nachträglich erlauben zu bestimmen, ob etwas positiv oder negativ saldiert, bewertet oder mit Sinn ausgestattet werden kann. Auch weil die Differenz zwischen den Banken und anderen Unternehmen unverfügbar bleibt, d.h. die Konkurrenzmechanismen machen unter Umständen noch jede Kalkulation zunichte.
Ein Steigen des Risikos verweist erneut auf die Auflösung des Wertreferenten bzw. auf die „Wertlosigkeit“ der Preise. Der vollkommenen Interdependenz der Preise auf den Finanzmärkten, auf denen Preise auf Preise verweisen, fehlt der Bezug auf das Was, den Wert, der Preise ausdrücken könnte.

Wenn am Ende des Zyklus die inflationär angestiegenen Preise finanzialisierter Güter und Waren (worin sich eine ungeheure Erhöhung der Liquidität, u.a. durch Leverage-Effekte spiegelt) aufgrund des Ausbleibens neuer Käufer zu sinken beginnen, gerät das Verhältnis zwischen fallenden Preisen für Finanzanlagen und dem Niveau der nominellen Verschuldung aus den Fugen, und das trotz oder wegen sehr spezifischen Technologien/Finanzinstrumenten, durch die einzelne Risiko gebündelt und über statistische Verteilungen/Normalverteilung reguliert und deren Unvorhersehbarkeit absorbiert werden sollte.
Parallel zu den Verbriefungen wucherte ab 2000 ein weiterer Markt von Papieren, die sog. credit default swaps, Kreditausfallgeschäfte, bei denen sich der Versicherungsnehmer bei einem Versicherungsgeber gegen den Zahlungsausfall eines Schuldners versichert, und dafür erhält der Versicherungsgeber eine Gebühr. Der Käufer zahlt also dem Verkäufer einen Betrag und erhält im Gegenzug die Versicherung eines vergebenen Kredits, während sich der Verkäufer verpflichtet, für den Kredit aufzukommen, wenn der Kreditnehmer zahlungsunfähig wird. Je größer die Wahrscheinlichkeit, dass der Schuldner zahlungsunfähig wird, desto höher die Gebühr für die Versicherung, eine Gebühr, die als Rendite für die Versicherung gilt, und je risikoreicher eben die Rückzahlung, desto größer wird der Einfluss des Zufalls sein. Finanzierungsbedarf wird mit dem Verkauf von Risiken gesichert. CDS produzieren den Zufall als permanenten Aufschub. Diese Art der Kreditökonomie ist per se eine Zeitmaschinerie, weil sie die irreversible Zeit des Risikos (die Zahlungsunfähigkeit eines Schuldners ist irreversibel, tritt sie ein, muss ein Versicherungsgeber, der einen credit default swap an den Gläubiger verkauft hat, diesem den vollen Kreditbetrag ausbezahlen) mit der reversiblen Zeit mischt, in der das Risiko aufgehoben scheint, weil die Versicherung als Versicherungsgeber, die einen credit default swap beispielsweise an eine Bank verkauft hat, eine zweite Versicherung als Versicherungsnehmer abschließen kann. Muss der Versicherungsgeber nun an die Bank wegen der Zahlungsunfähigkeit des ersten Schuldners den vollen Kreditbetrag ausbezahlen, wird ihm derselbe Betrag erstattet, womit die Zahlungsunfähigkeit für ihn ein Ereignis der reversiblen Zeit wird. Gegen den Ausfall der verbrieften Kredite (CDOs), deren Kauf nichts weiter als der Kauf eines abstrakten Risikopotenzials einer Investition ist, kann sich also der Kreditgeber mit credit default swaps (CDS) versichern, die an Wert gewinnen, wenn ein Kreditausfall wahrscheinlicher wird. Gleichzeitig gibt es Finanzmarkttransakteure, die mit CDS gegen CDOs spekulieren, beispielsweise wenn ein Fonds wegen eines drohenden Kreditausfalls CDOs verkauft hat, womit es ziemlich sicher ist, dass der Wert der CDS steigt. Nicht nur werden in den Kettenverkäufen von CDOs auf Grundlage der stochastischen Berechnungen Risiken mit Risiken gehandelt, sondern mit den sie besichernden CDS wird eine neue Kette in Gang gesetzt, die sich dadurch auszeichnet, dass der Käufer die Referenz der Papiere, die er versichern lassen möchte, gar nicht besitzt und u.U. ausbezahlt wird, obwohl er gar keinen Schaden erleidet.
Akteure kaufen oder verkaufen auf den Finanzmärkten also keine Güter, sondern handeln Transaktionen, man investiert im Rahmen der mark- to-market Verfahren in Aktien- oder Devisenschwankungen und ist von der Volatilität der Papiere und Anleihen ge- oder betroffen. Wer beispielsweise Derivate auf Rohstoffe kauft, erwirbt nicht die Rohstoffe selbst, sondern nur die Erwartung, dass ihr Wert steigen oder fallen wird und beim Eintreffen der Erwartungen realisiert man dann eben einen Gewinn. Infolgedessen beziehen sich Preise auf Preise und eben nicht auf Waren. Die Ware hat keinen Preis mehr, sondern der Preis erscheint als die Ware selbst, d.h. der Wert der Waren ist direkt ihr Preis, wobei Bewertungen auf Grundlage von laufenden Marktpreisen erfolgen. Ursprünglich sollten Derivate Ungewissheit steuern, dabei wurde die Ungewissheit, genauer das Risiko, das eine Form der Ungewissheit darstellt, die mit Hilfe eines Kalküls kontrolliert werden kann, selbst in eine Ressource verwandelt, das man tauschen und damit eine Rendite erzielen kann, auch weil Derivate die Möglichkeit bieten, an den Besitz von Aktien gekoppelte Risiken zu kaufen oder zu verkaufen, ohne die entsprechende Aktie selbst kaufen zu müssen. Die scheinbare Beherrschung kontingenter Zukunft setzt voraus, dass die Ungewissheit zukünftiger Preisbewegungen, sei es auf den Devisen- oder Derivatmärkten, mit den Preisen zur Kalkulation dieser Ungewissheit, d.h. der Übersetzung in ein Risiko, abgeglichen werden. Wenn der Unterschied zwischen realen und fiktiven Werten eingeebnet wird, dann erscheint die Spekulation mit ihren Hedging-Aktivitäten als die Investition selbst, zumal der Handel mit Finanzderivaten relativ unabhängig von den Warenkreisläufen und den umlaufenden Geldmengen funktioniert. Allerdings sind die Finanzmärkte keine Spielkasinos, in denen Wahrscheinlichkeitsrechnung und mathematische Modelle die Risiken messbar und kontrollierbar machen, im Gegenteil sind es die von Mandelbrot angebotenen mathematischen Fraktale, mit denen sich die prozyklischen Bwegungen auf den Märkten charakterisieren lassen. Ein sehr spezifisches »Spiel« mit der Zukunft steht im Zentrum der ökonomischen Aktivität, als hätte das Finanzsystem nicht nur auf den Erfolgssüchtigen, sondern auch auf den Spielsüchtigen geradezu gewartet, aber es gibt weder für den Typ des Brokers noch den des Spielers eine Gewinngarantie, bei der sich womöglich die Disposition des Spielenden und das süchtigmachende Procedere bzw. das Objekt, das auf die Disposition des Süchtigen antwortet, ineinander verschlingen. Gerade die Risikorationalität, die beispielsweise bei der Hypothekenspekulation darin besteht, dass im Fall eines fehlerhaften Ratings die Verteilung des Risikos nicht von den Hypothekengebern, sondern innerhalb einer weit gestreuten Landschaft eines globalen Finanzmarktes getragen werden soll, brachte die Problematik der Risikoproduktion zuallererst hervor. Generell sind Kreditbeziehungen wegen der Unsicherheit risikobehaftet, zumal auf den Finanzmärkten eine Vielzahl der Kreditbeziehungen immer weniger von einem Vertrauensverhältnis zwischen Gläubiger und Schuldner abhängen, sondern unpersönlich, hochkomplex und marktvermittelt sind. Andererseits ist zu berücksichtigen, dass die sog. sekundären Märkte zum großen Teil von den Börsen abgekoppelte Over-the_Counter-Märkte sind, d.h. ohne die üblichen Kontrollen, Standardverträge und Restriktionen funktionieren, wobei hier eher auf Investoren zugeschnittene Verträge geschlossen werden.
Märkte für Staatspapiere, Aktien und Wertpapiere sind hauptsächlich Anlagesphären für Gläubiger bzw. Eigentümer von Geldkapital. Es handelt sich dabei um fiktives Kapital in Folge des zinstragenden Kapitals, einem Teil des Profits, wobei sich hier das Geldmachen ohne Vermittlung des Produktionsprozesses vollzieht. Nichtsdestotrotz stellt fiktives Kapital, Anteilsscheine auf jetziges oder zukünftiges Kapital, reale Ansprüche auf Vermögen dar. Marx spricht vom Schwindel, der das Kapital und seine Nationen periodisch ergreift, und zwar meistens am Ende der Boomphase eines 10jährigen industriellen Zyklus. (MEW Bd 25 S.495.) Marx schreibt: “Ob der industrielle Kapitalist mit eigenem oder geborgtem Kapital arbeitet, ändert nichts an dem Umstand, dass ihm die Klasse der Geldkapitalisten als eine besondre Sorte Kapitalisten, das Geldkapital als eine selbständige Sorte des Kapitals und der Zins als die diesem spezifischen Kapital entsprechende selbstständige Form des Mehrwerts gegenübersteht. Quantitativ betrachtet ist der Zins Mehrwert, den das bloße Eigentum des Kapitals liefert, den das Kapital an sich abwirft, obgleich sein Eigentümer außerhalb des Reproduktionsprozesses stehenbleibt, den also Kapital abgesondert von seinem Prozess abwirft.” (MEW Bd 25. S.389f.) Marx entwickelt im dritten Band des Kapital in Ansätzen eine Theorie des fiktiven Kapitals, das auf Grundlage der Institutionen der Sekundärmärkte zirkuliert, Staatsanleihen, Aktien und Bankkredite als nominelle Repräsentanten nicht existierenden Kapitals bzw. Duplikate auf reales Kapital oder Ansprüche auf zukünftiges Einkommen.  Ihr Wertbetrag kann unabhängig von der Wertbewegung des industriellen Kapitals steigen oder fallen. Geldkapital, das aus  Wertpapieren besteht, ist also nach Marx fiktiv, bestehend aus Forderungen, die auf einem bestimmten Markt gehandelt werden, der die Preise der Forderungen nach spezifischen Funktionsabläufen und Mechanismen festlegt. Die Bildung eines Vermögens hängt oft mit der Existenzweise des zinstragenden Kapitals zusammen, das ein Teil des industriellen Profits absaugt und insofern es als Bankkapital Geld unabhängig vom industriellen Kapital einsetzt, um Mehrgeld hervorzubringen, mit dem fiktiven Kapital verschmilzt. Die Fetischisierung des Geldkapitals besteht nun nach Marx genau darin, dass die Akkumulation von Eigentumstiteln, synthetischen Wertpapieren und anderen Finanzprodukten den Investoren/Spekulanten als sich selbst verwertendes, rein selbstreferentielles Kapital erscheint, aber sich wie auch immer vermittelt auf Ansprüche auf Profite aus der Produktion oder auf einen Teil der zukünftigen Steuereinnahmen beziehen muss. „Aller Zusammenhang mit dem wirklichen Verwertungsprozess des Kapitals geht so bis auf die letzte Spur verloren, und die Vorstellung vom Kapital als einem durch sich selbst verwertenden Automaten verfestigt sich.“ (MEW 25; S.484)
Die Finanzmärkte steuern heute dennoch mit Hilfe von Preissignalen und Zinssätzen das Akkumulationsregime des Industrie- , Handels- und Dienstleistungskapitals, somit auch dessen Indikatoren (Umsätze, Profitraten und Investitionen; Nachfrage und Beschäftigung etc.) Altvater bemerkt, dass beispielsweise der geringe Anteil der Devisentransaktionen, die der Abwicklung der Handels- und Waren- und Investititionsgeschäfte dienen, gegenüber den Finanztransaktionen auf den Devisenmärkten weltweit die neue Qualität eines „finanzgetriebenen Kapitalismus“ zum Ausdruck bringe.
Derivate in ihrer heutigen Form sind auf den Finanzkapitalismus zugeschnittene abstrakte und an den Computer gebundene Formen des Geldes, wobei die Investitionsdynamik dieser Papiere selbst vom Eigentum an Geldkapital unabhängig werden kann. Wenn man mit Futures dealt, tätigt man zum Beispiel Investitionen auf zukünftige und erhoffte Entwicklungen von Aktien, die man nicht besitzt und in der Regel nie besitzen wird, weil man bspw. den Future vor Ablauf der Frist verkauft, bei Optionsgeschäften muss man, was eine gewisse Trennung des Geldes vom Eigentum beweist, nie irgendetwas besitzen. (Vgl. Esposito, S.174). Die Entscheidende des modernen Terminmarktes besteht darin, dass er völlig spekulationsdominiert ist – die tatsächliche Abwicklung des vereinbarten Geschäftes ist weder intendiert, noch geschieht sie real. Die Käufer oder Verkäufer stellen ihre Positionen vor Ablauf der vereinbarten Frist glatt, d.h. realisieren ihre Gewinne oder Verluste vor Ablauf der vereinbarten Frist entsprechend der tatsächlichen Preisentwicklung des Vertragsgegenstandes. Das Eigentum wird im Derivat-Geld in eine Summe, in eine abstrakte Form übersetzt, in einen (zukünftigen) Betrag, der quasi in verselbständigter Form zirkuliert. Die Existenz von Geldkapital vorausgesetzt, wird mit dem Handel von Derivaten noch von der Spezifität des Kapitals abstrahiert; jede Form von Kapital (Handels-, Produktions- und Kreditkapital) erscheint durch den Handel mit Finanzderivaten in eine andere überführbar und vergleichbar gemacht, bewertbar, d.h. mit Geld als Zahlungsmittel zweiter Ordnung, einer spezifischen Formbestimmung des Geldes, schlechthin gleichgesetzt. (Marx beschreibt, wie die Geldform im Reproduktionsprozess des Kapitals nur ein verschwindendes Moment ist, dagegen auf den Geldmärkten das Kapital stets in der Geldform existiert. MEW 25 S. 406). Man ist somit beim Kauf und Verkauf von Derivaten, unabhängig ob man Eigentümer des Papiers ist, nicht in erster Linie von der Ware bzw. vom Basiswert eines Derivats abhängig, sondern von der Intensität und Geschwindigkeit der Preisbewegungen, um durch deren Antizipation permanent Liquidität auf den Märkten zu erzeugen.
Während Besitz von vorneherein nicht ohne Eroberung und Ausschluss denkbar ist, wird im Begriff des Eigentums diese Art der Aneignung, d.h. sich etwas zu eigen machen, die Frage der Illegitimität bzw. Legitimät dieser Aneignung ausgeblendet und auf die Ebene des Austauschs verlagert, d.h. der wechselseitigen Anerkennung des Besitzes des anderen, womit der Ausschluss so durchgeführt wird, dass er ausgeschlossen wird. Eigentum als immaterielles Recht ermöglicht den kontextlosen Einsatz von Geld, und es ist gerade die Verflüssigung dieser Beziehung von Eigentum und Geld, die die Struktur der Derivate ausmacht. Nach Luhmann verliert gerade derjenige, der heute Eigentum zu halten versucht, an Vermögen, und wer Vermögen vermehren will, muss ständig in Eigentumsfragen umdisponieren. Bei Marx zeigt die Analyse der Kapitalmetamorphosen ein ähnliches Resultat, nämlich dann, wenn das produktive Kapital, das die Vermittlung und Übersetzung der Kreisläufe von Waren- und Geldkapital vollzieht, kein stabiles Zentrum mehr bleibt, womit sich die Metamorphosen im Aufschub immer jeweilige neue Zentren schaffen, eine reine Funktionalisierung des Kapitals, dessen Verschiebemechanismus ständig auszuleiern droht. Geht man von prinzipieller Beweglichkeit des Systems aus, dann stellt sich die Frage, ob Ultrastabilität oder Ultrakrisenanfälligkeit herrscht. Für das Finanzkapital heißt das, ob Ultrakrisenfälligkeit nicht genau dadurch erzielt wird, dass mittels eines mathematisierten Fnanzinstrumentariums und entsprechender Technologien die Akkumulation von Profiten/Renditen in der Gegenwart durch die Okkupation einer ungewissen Zukunft realisiert werden soll. Das Kapital als eine pure Operation und eben keine Wahrheitsoperation, genauer als ubiquitäres transzendentales strukturierendes Prinzip, das Operation und Prozess funktionalisiert, wird nun in eigentümlicher Weise in den Derivatekapitalismus eingehängt. Wenn die Geldsubstitute bzw. Derivate Strukturen von Systemen darstellen, die die Operationen antreiben, dann besteht die Funktionalisierung der Strukturen genau darin, sowohl die Eigentumsbindung von Geld als auch die Abstraktion von der Spezifität des Kapitals voranzutreiben, womit Kapital in Kapital konvertiert und mit Geld(kapital) gleichgesetzt werden kann. Strukturen sind komplexe, selbstreferentielle Systeme, die den ideellen Faktor der Zeit in sich integrieren. Funktionalisierung wäre nur dann das, was immer geschieht, wenn gleichzeitig die Strukturierung der Funktion der Erhaltung des Mechanismus geopfert würde. Strukturen stecken jedoch einen transzendentalen Bereich ab, allerdings nicht im Sinn eines formalen Apriori, sondern mit konkreten Bedingungen, die nicht empirisch aktuell aufweisbar sind. Die ökonomische Struktur ist stets eine differentielle Virtualität, die durch Aktualisierungen überdeckt wird. Allein der Prozess der gegenseitigen Bestimmung der symbolischen Verhältnisse dx/dy, des Verhältnisses der Stromgrößen des Geldkapitals und der Arbeitsmärkte, ermöglicht es, die Struktur genauer zu definieren.
Im Fall der Finanzmärkte kann man dann auch Renditen erzielen, wenn Basiswerte, die sich auf die „Realwirtschaft“ beziehen, schlecht laufen, sowie man auch Verluste erleiden kann, wenn Euphorien auf den Finanzmärkten angesagt sind. Die Abhängigkeit des Finanzkapitals von „realen“ Investitionsbewegungen und der Akkumulation des industriellen Kapitals ist relativ, vielmehr wird im Zuge der permanenten Ausweitung von Liquidität diese Abhängigkeit umgekehrt, sodass Geld selbst zur entscheidenden Form des Kapital wird, um diejenige beschleunigte schwindelerregende Zirkulation von Geldkapital und fiktivem Kapital in Bewegung zu setzen, die selbst Schulden zur Verwertungsquelle macht, und von der Marx geahnt haben muss. Allerdings stellen neben der industriellen Akkumulation interne Faktoren der Finanzindustrie wie Barauszahlungen, die Mindestreservepolitik der Zentralbanken und vor allem die Zahlungsverpflichtungen im Interbankenverkehr permanent Anforderungen in Form von sich veränderenden Variablen und Parametern an die Liquidität der Banken, was auch heißt, dass die Kontrolle der Geldmengen nicht das Ergebnis der freien Entscheidung der Zentralbank, sondern das Ergebnis der Geschäftstätigkeiten und Geldkreisläufe im Bankensystem ist. Der Handel von Risiken mit Risiken setzt eine selbstreferenzielle Verkettung mittels spezifischer Praktiken, Technologien und Strategien in Gang, die auf Krisen/Makrorisiken infolge der Überakkumulation von endogenen Risiken hinausläuft, und der eine bestimmte Zeitlogik entspricht, die noch immer die des Kapitals im Allgemeinen ist. Es ist eine künstliche Zeit, die Zeitform der abstrakten Arbeit, die einer anderen Form als die der konkreten Arbeit angehört. Messgeräte gibt es allerdings nur für letztere. Den Zeitpfeil generiert das (Finanz)kapital in seiner Bewegung selbst. Die abstrakte Arbeit wirkt sich immer erst nachträglich aus, retroaktiv, nachdem sie sich in aktuellen gesellschaftlichen Arbeiten, und damit an den erreichten Produktionsstandards der Ökonomie gespiegelt hat. Die logische Struktur der abstrakten Arbeit ist eine gekrümmte, eine zugleich in die Zukunft gespannte und nachträglich in die Gegenwart eingreifende Zeit, eine aufschiebende Zeit, die sich nicht im Maßstab der linear prozessierenden Zeit messen lässt. Nicht Bewegung in der Zeit, sondern Bewegung der Zeit, eine unsichtbare Zeit, die, die man ausgehend von den gegenwärtigen Produktionsstrukturen niemals exakt im Vorfeld konstruieren kann. Ob und in welchem Ausmaß die Zeit der in konkret nützlicher Arbeit verausgabten Arbeit gesellschaftlich allgemeine bzw. gesellschaftlich anerkannte Arbeitszeit ist, stellt sich in den durch Formen des Werts in ihrer gesellschaftlichen Struktur bestimmten Zusammenhängen immer nachträglich her. Die ansonsten eher vorträgliche Zeit der Finanzmärkte ist damit insofern identisch, als in der Statistik verfügbarer Daten aus der Vergangenheit, auf die sich spezifische Risikomodelle beziehen, um die Zukunft zu kalkulieren, nicht mit einbezogen wird, dass die zukünftigen Bedingungen sich deshalb ändern, weil man in die Zukunft investiert oder auf diese spekuliert hat. Prozyklizität heißt dann, dass die reine Akkumulation von Kapital ohne staatliche Intervention im Positiven wie im Negativen tendenzverstärkend ist, also Ultrakrisenanfälligkeit oder Ultrasicherheit zyklisch inszeniert.
Der Begriff der Kapitalakkumulation bindet die Analyse der Kapitalstruktur und -zirkulation, d.h. steht in der Spanne des Nacheinander und Nebeneinander der Einzelkapitalien, er behandelt die strategische Vermittlung zwischen virtuell fixierbarer Kapitalzirkulation und virtuell zirkulierender Kapitalstruktur. Die Verschiebung der Formalstruktur der Reproduktion von Elementen zur Reproduktion von Verhältnissen kennzeichnet schon bei Marx die Wert- und Kapitalanalyse, wobei der Prozess des Verschiebens an sich keine Grenze mehr finden kann, wie die Akkumulation von Verschiebeeffekten (Handel von Risiken mit Risiken) dieses Problem verschärft, da selbst die Bewertung der Kosten dieser Effekte wahrscheinlich eines neuen Maßes bedürften. Die Reproduktion von Verhältnissen modifiziert die Reproduktion von Elementen. Stoffliches Element kann damit auch ein abstraktives Verlaufsmuster sein. Derivatives Geld hebt in diesem Zusammenhang die Unterscheidung zwischen Geld und Kapital auf, womit sozusagen alles Liquidität, d.h. Geldform annehmen kann, jede Art von Kapital kann als Basiswert genutzt werden und selbst negatives Kapital, Verschuldung, lässt sich in Geld überführen.
Generell lassen sich heute Finanzentscheidungen auf Finanztechniken zurückführen, die fast ausnahmslos mit Daten vergangener Börsenstrukturierungen arbeiten sowie mit Formeln und Regeln, die von der Grundannahme ausgehen, die vielen ineinander- und auseinanderlaufenden Risiken auf den Märkten ließen sich irgendwie neutralisieren, wenn sie gegeneinander, zb mittels hedging (Finanzgeschäften zur Absicherung von Transaktionen gegen Risiken) kompensiert werden können. Nach den Modellen sollen dabei die Fluktuationen der Preise kontinuierlich, effizient und ohne Informationsfriktionen verlaufen, d.h. unvollkommene Informationen, die aus bestimmten Unternehmensstrategien und laufender gegenseitiger, auf Zukunft gerichteter Beobachtung der Beobachter und der ökonomischen Ereignisse resultieren, werden systematisch ausgeblendet. Die in das Risikomanagement einbezogenen Daten erfassten beispielsweise bei den Computersimulationen der FED in den 1990er Jahren, wie Alan Greenspan selbst ausführte, nur den Zeitraum der beiden letzten Jahrzehnte, ein Zeitfenster, dass durch extreme Euphorie gekennzeichnet war. Dadurch wurden größere Krisen aus den Modellen selbst ausgeschlossen, womit die Modelle als Endergebnis eine wesentlich geringeren Eigenkapitalbedarf bei den Banken errechneten als derjenige, der notwendig gewesen wäre, um die Finanzkrise abzuschwächen. Dabei darf angenommen werden, dass es gerade die asymmetrische Verteilung der Informationen auf den Märkten ist, welche die Akteure motiviert, Informationen zu sammeln, um etwaige Lücken und Poren der Informationsbeschaffung bei anderen zur Renditemaximierung zu nutzen, was einerseits als Kostenfaktor in die eigene Planung eingeht, andererseits im Rahmen einer immer ungleichen Verteilung der Gelder und der Information mit Zugangsschranken zu den Märkten verbunden ist, die sich nicht unbedingt in Preisbewegungen sofort widerspiegeln müssen. Das diese Art der Informationsbeschaffung durchaus nicht zufällig erfolgt, sondern gewisse Regeln besitzt, um den Lärm und die Dynamik der Preisbewegungen an den Märkten zu sondieren, zeigt sich daran, dass die oben angesprochenen Nachahmungs- und Panikbwegungen an den Börsen bestimmten Mustern folgen, der positiven Rückkopplung, wenn Investoren als Antwort auf Preiserhöhungen mit Käufen reagieren und Spekulanten (zweiter Ordnung) mit gegenläufigen Strategien verfahren.
Im wesentlichen geht man also bei allen mathematischen computersimulierten Modellen meistens immer noch von der Vergangenheit aus, um sich davon abgeleitet eine von ihr differierende Zukunft vorzustellen, womit die Kontingenz schlicht auf eine Gegebenheit reduziert wird, was alles andere als realistisch ist, denn bisweilen muss man mit unvorhersehbaren Vorkommnissen und Brüchen rechnen, und spätestens dann rechnen die Investoren nicht länger damit, was die Modelle voraussagen, und die Märkte tun dies dann auch nicht, gerade weil Informationen zweiter Ordnung, die durch gegenseitige Beobachtung der Finanzakteure entstehen, Preise generieren, Preisbewegungen sämtliche Kaufentscheidungen motivieren und diese wiederum Informationen, was im Gegensatz zu den Annahmen der neoklassischen Ökonomie dazu führt, dass auf Preissteigerungen höhere Preise folgen, während auf kleine Preisfluktuationen kleine folgen, so dass sich Preisschwankungen exponentiell verstärken, und nur ganz selten kreisen Preise um die von der klassischen ökonomischen Theorie geforderten Mittelwerte, beispielsweise dem Graphen der Gaußkurve. Der Ökonom und Physiker Mandelbrot spricht von einer schubweisen Beeinflussung der zukünftigen Preise durch die Höhe der Preise und ihrer Schwankungen zu einem gegenwärtigen Zeitpunkt, dadurch entstehen zuallererst Turbulenzen, Brüche und Löcher (inzwischen haben allerdings auch die Chaostheorie und die Modelle der Metereologie in die finanzwissenschaftlichen Diskurse Einzug gehalten). Die zukünftige Gegenwart ist und bleibt unvorhersehbar, weil sie durch eine Gegenwart erzeugt wird, die sie eben vorwegnehmen möchte, womit sich die Differenz des Zukünftigen zum Gegenwärtigen nicht nivellieren lässt. Allerdings existieren inzwischen mathematische Modelle, die auf statistische Berechnungen der Vergangenheit verzichten, und stattdessen Informationen generieren, die ganz die Risiskopotenziale der Gegenwart umfassen, um eine Zukunft zu entwerfen, die Diskontinuität, Bruch und Heterogenität gegenüber den Ausgangsdaten kennzeichnet, um eine Zukunft einzukreisen, die man nicht kennen kann.
Mit der berühmten Black Scholem Formel wurde in den 1970er Jahren ein (falsches) Berechnungsinstrument geschaffen, mit dem die Differenz von gegenwärtigen Zukünften, die von den Erwartungen der Investoren abhängt, zu künftigen Gegenwarten, die unvorhersehbar bleiben, expliziert werden. Damit sollte eine Formel zur Berechnung der Volatilität, d.h. Variabilität der Preise in der Zeit geschaffen werden. Die Volatilität steht für das Maß an Risiko, das Investoren in der Gegenwart eingehen, wobei Volatilität und gegenwärtiger Wert eines Derivats in Beziehung gesetzt werden. Implizite Volatilität sagt stark vereinfacht aus, ob ein Wertpapier mehr oder weniger großen Schwankungen ausgesetzt ist, und das eben nicht in Bezug darauf, wie die Kurse/Preise laufen, sondern darauf, was die Investoren erwarten. Es handelt sich weniger um die Intensität/Geschwindigkeit der Preisvariationen des Basiswerts eines Wertpapiers, die von der Richtung, dem Steigen oder Fallen des Preises des Basiswerts des Papiers, der nur als Ausgangspunkt eine Rolle spielt, völlig unabhängig ist, vielmehr geht es um die Variation der Erwartungsdispositionen der Marktakteure. Die Black Scholem Formel impliziert die Errechnung eines Schwingungsraumes innerhalb dessen die Ungewissheit der Zukunft sich nach der Streuung vergangener Unvorhersehbarkeiten verhält, bestimmte Erwartungen sollen sich reproduzieren, und das unter der Voraussetzung, dass die Akteure im Modell sich rational verhalten (die Akteure verfügen über sämtliche zur Verfügung stehenden Informationen, welche sowohl aktuelle Preise als auch zukünftige Preisbewegungen spiegeln; die Akteure handeln unter Ausschaltung der Konkurrenz entsprechend der Modellvorgaben, die wiederum von den sog. Beobachtern zweiter Ordnung, Analysten, Medien etc. übersetzt und transponiert werden.Dabei sind diskontinuierliche Preisbewegungen ausgeschlossen, Interdependenzen der Märkte werden nicht berücksichtigt etc..) Die Akteure agieren zufällig und ohne Ansteckungen durch andere Akteure wie randomisierte Teilchen der brownschen Molekularbewegung. Das Interessante bestand nun darin, dass eine Formel, die offensichtlich von falschen Grundannahmen ausging (effiziente Märkte, frei verfügbare Informationen, keine Arbitrage, kostenlose Transaktionen und kontinuierliche Preisbewegungen, die einer Normalverteilung entsprechen, Gewinne, die dem gleichen Steuersatz unterliegen etc.) die ökonomische Realität selbst affizierte, womit die theoretischen Prämissen des Modells und dieses selbst in die Aktionen und Tätigkeiten der Finanzakteure performativ eingepflanzt wurden, u.a. auch weil sich mit dieser Formel computerkompatibel rechnen lässt, denn, sobald der Preis beispielsweise einer Option fixiert ist, wird er in die Formel eingegeben und der Wert der Volatilität wird geschätzt, sodass er für betriebliche Kalkulationen verwendet werden kann. Die Berechnung eines Schwingungsraumes von zukünftigen Preisen, die sich allein auf Variablen und Indizes der Finanzmärkte beziehen, heißt auf der Basis gegebener Größen wie der aktuelle Kurs des Papiers, Ausgabepreis, Fälligkeit und Laufzeit der Option nichts anderes, als die Volatilität der Basiswerte einzugrenzen, was wiederum nur möglich ist, wenn in das System die Streuwerte vergangener Kalkulationen einfließen, d.h. dass der nach wie vor bestehenden Unsicherheit Wahrscheinlichkeitskalküle eingepflanzt werden, die zumindest Verteilungsmuster anzeigen, um den Zusammenhang von Risikokalkulation und Renditeerwartung darzustellen, der sich im Falle des CAPM Modells im griechischen Buchstaben beta ausdrückt, dem Maß für das sog. systemische Risiko. Dabei wird der Markt insgesamt ein beta-Wert von 1 ausweisen, während der beta-Wert, der auf die Aktivitäten einzelner Akteure zurückzuführen ist, davon nach oben oder unten abweicht, je nachdem ob die getätigte Investition ein höheres oder geringeres Risiko enthält als das sog systemische Risiko. Sowohl die implizite Volatilität (Black Scholem Formel) als auch der beta-Wert reflektieren eine Voraussehbarkeit des Risikos, gehen davon aus, dass der Zufall auf makroskopischer Ebene eine Ordnung besitzt, egal ob nun auf mikroskopischer Ebene mit hedging oder der Diversifizierung des Portfolios gearbeitet wird. Wie aber nicht nur die behavioral economics festgestellt haben, verhalten sich Akteure auf den Finanzmärkten alles andere als nach den neoklassischen Rationalitätskriterien der Nutzen- und Gewinnmaximierung, wie sich auch die Volatilität mit den Mitteln der Statistik nicht kontrollieren lässt, denn die Volatilität ist selbst volatil, sie mag sich zwar an Vergangenes erinnern, d.h. wenn die Volatilität turbulent verlaufen war, wird sie wahrscheinlich weiter variieren, doch sie kann in Zukunft steigen oder fallen. Die Annahme kontinuierlicher und stetig variierbarer Operationen unter Effizienzgesichtspunkten ist die Voraussetzung, dass man mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitstheorie die Preisbewegungen auf den Finanzmärkten als Zufallsbewegungen errechnet, und zwar unter der Bedingung, das Informationsgleichheit für alle Investoren herrscht, jede Chance von irgendeinem Akteur genutzt wird, was sich aber letztlich in einer (unvorhersehbaren) Variation der Preise niederschlägt, einer prozesshaften Aleatorik, die nach bestimmten neoklassischen Modellen seltsamerweise sowohl Effizienz als auch Gleichgewicht auf den Märkten herstellen soll. Wenn diese aletaorische, auf die Zukunft ausgerichtete Preisbewegung einerseits Informationen komprimiert andererseits von diesen getrieben wird, dann wird in den Transaktionsbewegungen die Informationsverarbeitung immer bedeutender, die dann gerade mehr Effizienz erzeugt, desto zufälliger die Marktbewegungen gelten, so zumindest die random walk hypothesis. Hedging, Spekulation und Arbitrage implizieren die Streuung und Versicherung von Risiken, wobei sich mit dem Einsatz von finanzmathematischen Instrumenten wie Normalverteilungen etwa die Streuung zukünftiger Ereignisse nach wie vor auf die Variation vergangener Risiken bezieht, was gerade die Konstruktion eines verlässlichen Zusammenhangs zwischen künftigen Gegenwarten und gegenwärtiger Zukunft ausschließt. Die Kodierung diese Zusammenhangs durch Differenzialgleichungen mag zwar im Modell diskontinuierliche Preisbewegungen und Brüche ausschließen, indem man Ungewissheiten in Risiken übersetzt, die einer Stochastik (Bewertung der Risiken mit Preisen) zugänglich sind, aber letztendlich wurde gerade durch das Konglomerat von Mathematik, Finanzinstrument und Informationstechnologie die Risikoproduktion weiter angeheizt. Zugleich enthalten die Märkte immer Eintrittsbarrieren, die es nicht zulassen, dass Informationen ohne weiteres auf den Märkten eingesammelt werden oder eben der pure Zufall regiert, vielmehr vollzieht sich die Produktion von Informationen asymmetrisch und ungleich, da die verschiedenen Akteure über je spezifische Informationspotenziale und -kanäle verfügen, sozusagen die Spiele mit der Information als „Existenzbedingung der Macht“ (Foucault) mitspielen, Spiele, die informationstechnische Standards, Codes und Protokolle im Sinne von politischen Technologien beinhalten, was unter anderem auf eine kybernetischer Episteme zurückzuführen ist, die als mathematische Informationstheorie mit den Fortschritten im Bereich digitaler Rechentechnik komplexere Verfahren der Datenverarbeitung erlaubt. Es sind die kybernetische Computer und Informationsarchitekturen, die die Prozessierung von Informationen im Laufe des 20. Jahrhunderts selbst zu einem Kernelement kapitalistischer Produktion machen. Natürlich bleibt die Jagd auf Rendite, die gleichbedeutend mit der Beschaffung von Liquidität ist, der Motor der monetären Transaktionen auf den Finanzmärkten, sodass mit der Berechnung von Risikopotenzialen und Gewinnaussichten immer auch die Mobilisierung von Geldkapital gesetzt wird, die sich zeitintensiv und -gemäß, d.h. auf zukünftige und sich ständig ändernde Profitchancen hin einsetzen lässt. Das heißt auch, dass sowohl mit Zahlungen, die nicht heute, sondern in der Zukunft passieren, gerechnet wird, als auch mit dem Einsatz von virtuellen Renditen, noch bevor diese überhaupt erzielt werden. Esposito sieht in diesem Zusammenhang die Schwäche aller mathematischen Modelle genau darin, dass einerseits die Differenz zwischen gegenwärtiger Zukunft und zukünftiger Gegenwart nicht berücksichtigt wird, andererseits zukünftige Variationen der Preise und Erwartungen der Beobachter immer auf die vergangenen Preise bezogen bleiben, die Risiken also gerade einem kalkulierbaren Verlauf folgen. Gerade die Tranchierung der Risiken (als sehr riskant eingeschätzte Investitionen sind teurer als weniger riskant eingeschätzte) zeige, dass der Handel mit Risiken entgegen der Annahme der Formeln eher dem Verhalten chaotischer Systeme folge, oder eine Fraktalität besitze, die zu Selbstverstärkungen und Fluktuationen führe, die in den Modellen nicht vorgesehen sind, beispielsweise Euphorien oder Panikreaktionen. Das Paradox, dass der randomisierte Verlauf der Risikoproduktion ausgerechnet Gleichgewicht herstelle, verkenne das Phänomen, dass die Zyklizität der Derivatmärkte gerade nicht in purer Zufälligkeit liege, sondern Regelmäßigkeiten aufweise bzw. Reflexivitäten/Nachahmebewegungen im Zuge einer neuen Rationalität, die für die Diskontinuitäten und Brüche verantwortlich seien, deren Reflexion sich durchaus auf Vergangenheit beziehen könnten, gerade weil sich dasselbe nicht noch einmal ereigne. Während sich auf den „traditionellen“ Waren-, Dienstleistungs- und Investitionsgütermärkten die Zeit der in konkret nützlicher Arbeit verausgabten Arbeit als gesellschaftlich allgemeine bzw. gesellschaftlich anerkannte Arbeitszeit nachträglich herstellt (in den durch Formen des Werts, Geldes und Kapitals in ihrer Gesellschaftlichkeit bestimmten Zusammenhängen), scheint sich auf den Finanzmärkten eine Vorträglichkeit als Konstituens herausgebildet zu haben, die im Zuge der Beobachtung von Beobachtungen auf die Realisierung von Zukunft von möglichen Zukünften setzt, womit zukünftige Gegenwart von der Erwartung an dieselbe mitgeformt und somit auf die Gegenwart zurückwirkt.
“Derivate haben sich mehr und mehr kompliziert, sie zeigen völlig unerwartete Reaktionen. Als Beobachter ist das faszinierend, aber viele Banker finden es einfach schrecklich. Das letzte, was sie wollen, ist durch ihre eigenen Produkte überrascht zu sein,” schreibt Vincent Lepinay, ein Schüler von Bruno Latour, in seinem neuen Buch „Cracking the code“. Dabei geht es weniger um die Erforschung des Designs ökonomischer Prozesse (auf der Ebene der Organisation) mit von Wissenschaftlern angefertigten Skripten, sondern darum, wie durch Finanzialisierung  die Finanzökonomie in einen endlosen Text der Derivation transformiert wird. Die (scheinbare) Stabilität der ökonomischen Strukturen ist nur die Ressource, die transformiert und ohne jegliche Rückbindung an die Reziprozität von Verträgen, die den Partnern Rechte und Pflichte auferlegen, ausgebeutet wird. Derivation als Prozess führt dazu, dass Innovation und Organisation sich ständig gegenseitig unterminieren. Dabei stellt sich immer auch ein Mangel an Synthetisierung in Bezug auf die Kodifizierung von Wertpapieren ein, was Ressource und Hervorbringung der Krise in einem im Rahmen des neuen Finanzmarktkapitalismus ist. “Yet the accumulation of codes may turn the bank into a Tower of Babel.”(Vincent Lepinay) Das Patchwork aus finanzialisierten softwaregesteuerten Maschinen, Individuen (engineers, trader und sales people), Derivatprodukten und Finanzinstrumenten ist schon auf der Ebene der Organisation ein instabiler Prozess, den Lepinay als eine abgeleitete Modalität der kapitalistischen Ökonomie begreift, das sich nicht nur mit dem Warenaustausch und der Kapitalreproduktion beschäftigt, sondern neue Instrumente (bonds, futures, options, equities) aus bestehenden finanzökonomischen Strukturen und Praktiken ableitet, wobei die vertraglich ausgehandelten Dokumente das Volumen und die Richtung der Geldflüsse innerhalb eines Deals zwischen Akteuren definieren. Mit Kodierungen wie p&l (profit and loss), die das „organisierte Chaos“ der Bank auf der Suche nach risikoprämiertem Profit/Rente in Strukturen qua Simplifizierung der realen Bewegungen überführen, werden kompetitive Topographien innerhalb der Bank organisiert, wobei zwangsläufig in der Übertragung von Informationen zwischen den verschiedenen Sektoren einer Bank Unschärfe virulent bleibt. Innerhalb dieser mehrfach umkodierten Verfahren wirken die Prozesse je naturgetreuer, desto stärker sie konstruiert werden. Zugleich kann man auch eine Intensivierung des Wettbewerbs zwischen den Banken verfolgen, mit der eine expansive Steigerung der Renditeerwartungen einhergeht, womit sich eine Tendenz zu steigenden Zinssätzen und hohen Renditen durchsetzt, die in der Vorstellungswelt der Geldvermögensbesitzer rein in der finanziellen Sphäre generiert werden, ohne dass die Kapitalproduktion der hardware, der Verdichtung des Kapitals in Raum und Zeit (D. Harvey) in Betracht gezogen werden muss.
Wie funktionieren die Finanzmaschinen? Oder um mit Marx die Frage zu stellen: Wie funktioniert fiktives Kapital, wenn es nichts weiter als der kapitalisierte Ertrag, berechnet auf ein illusorisches Kapital nach dem bestehenden Zinsfuß ist? (MEW25; S.485) Nach Deleuze/Guattari sind Maschinen immer mehr als eine Summe von Einzelteilen, vielmehr sind sie als Ensembles oder Assemblagen zu begreifen, die als Relationen verschiedener Komponenten funktionieren, ohne selbst Komponenten zu sein. Die Gefüge diverser Maschinen lassen sich wiederum in größere Gefüge zusammenfassen, deren Relationen von Maschinen eine Maschine regelt, die Deleuze/Guattari als die abstrakte Maschine bezeíchnen. Treffen mehrere abstrakte Maschinen aufeinander, so entsteht ein Diagramm, ein Zeichen oder eine Zeichnung von Relationen, die Algorithmen oder algorithmische Funktionen sein können. Es handelt sich um autopoietische Transformationsmaschinen, die zumindest einer statischen Identität von Strukturen entgegengesetzt sind, um die Modi einer Subjektivierung, die sich jeder Aktualisierung gegenüber autonom verhalten. Die Maschinen des fiktiven Kapitals kann man zuerst als abstrakte Maschinen/Diagramme fassen. „Indem sie (die abstrakte Maschine) sich durch informationelle Funktionen und Materien definiert, ignoriert sie jede Formunterscheidung zwischen einem Inhalt und einem Ausdruck, zwischen einer diskursiven und nicht-diskursiven Formation.“ (Deleuze, Foucault. S.52) Das Diagramm als virtueller Entwurf realisiert sich in Ware, Geld und Kapital, den Elementen einer maschinistischen Assemblage von Körpern. Das syntaktische Kapital-Regime operiert durch Segmentierungen der Geld- und Kapitalflows, der Korrelation der verschiedenen Ebenen, Formen des Lohnflows, Preisvariationen, Investition und Spekulation. Dabei ist es die Funktion der Spekulation Liquidität an den Markt zu bringen und Risiken zu minimieren oder umzuverteilen. Wenn Altvater die Inwertsetzung als den „Eintritt in die Schattenwelt des fiktiven Kapitals mit neuen Akteuren an besonderen Finanzplätzen mit neuen Fianzinstrumenten“ (Altvater, Der große Krach, S. 56) begreift, dann ist damit nichts anderes gemeint als über den Begriff der abstrakten Maschine des Finanzkapitals hin zur historischen Topologie der Finanzdispositive zu gelangen. Inwertsetzung bedeutet für Altvater die Strukturen der Verbriefung innerhalb des Gläubiger-Schuldner Verhältnisses, die Hebelung und Bewertung durch Rating-Agenturen und schließlich der Kollaps im Crash. Die Verbriefung ist dabei ein juristischer Akt, bei dem weltweit handelbare Derivate geschaffen werden, welche die Forderungen aus Kreditbeziehungen absichern - die nach unterschiedlichen Risikoklassen und Laufzeiten zusammengestellten/strukturierten Papiere, die von Banken, Fonds und Versicherungen für die zahlungsbereiten Kunden designt und ausgegeben werden, wobei die Kundenorientierung durch den Einsatz statistischer Modelle abgesichert wird. Dabei ist, wie oben schon gezeigt, der erforderliche Eigenkapitaleinsatz der Finanzinstitute begrenzt, die sog . Kernkapitalquote liegt bei 6%, obwohl die Richtwerte bei Basel 1 bei 8% liegen, allerdings wird z.Z. eine Erhöhung der Kernkapitalquote auf 9% diskutiert. Der sog. Hebel, der angesetzt wird, um die Rendite zu erhöhen, besteht einfach darin, auf der Basis des Eigenkapitals Fremdkapital zu möglichst niedrigen Zinsen aufzunehmen, solange die Renditen aus diesem Fremdkapitaleinsatz höher sind als die Fremdkapitalverzinsung. Je größer der Verschuldungsgrad ist und je höher die Differenz zwischen Fremdkapitalzinsen und Gesamtkapitalrendite ausfällt, die Fremdkapitalzinsen also auf jeden Fall niedriger sind als die Gesamtkapitalrendite, solange besitzt die Eigenkapitalrendite die Tendenz zu steigen. Die Leverage-Effekte werden zudem durch niedrige Zinsen zur Refinanzierung der Banken bei der Zentralbank begünstigt. Natürlich steigt bei diesen Leverage-Geschäften sowohl die Verschuldung der Finanzorganisationen als auch deren Risiko, das allerdings an Dritte verkauft werden kann, womit der Anreiz der Finanzakteure, mit möglichst niedrigen Eigenkapitalquoten den Verschuldungsgrad zu steigern, um eine für die Investoren hohe Eigenkapitalrendite zu produzieren, forciert wird. Die mikroökonomische Rationalität dieser Dispositive wird allerdings auf der Ebene des Gesamtkapitals immer wieder konterkariert. Deregulierung der Finanzmärkte durch Ausgliederung der Leverage-Geschäfte in bilanzunwirksame Zweckgesellschaften in Offshore-Zentren, der Einsatz spezifischer mathematischer Berechnungsmodelle und beispielsweise der Handel mit den Versicherungen, mit denen diese Geschäfte gehegt werden sollen, gehören zu den Bedingungen der sog. Securization, die solange funktioniert, wie die Zinsen für das aufgenommene Fremdkapital mitspielen und die sog. Counterpart-Risiken in Grenzen gehalten werden, das Ausfallrisiko der Partei, die den Kreditausfall versichert. Das gesamte Spiel hängt darüber hinaus von der Politik der Notenbanken und Risikoaufschlägen (Zinsspreads) auf den Märkten ab. Und zuletzt müssen natürlich die Geldvermögensbesitzer, Investoren in großem Stil, mitspielen.
(Nicht nachgegangen kann der makroökonomisch inspirierten Frage, inwiefern kybernetisch motivierte Markttheorien, die die Kontrolle über Systeme/Märkte über eine optimalen Grad der Steuerung der Kommunikation zwischen den verschiedenen Teilen behaupten oder simulieren, die Beherrschung der Ungewissheit verbessern könnte, und zwar durch Speicherung, Auswertung und Repräsentation bisheriger Abläufe in den Systemen selbst. Dabei ist zu beachten, dass Serien von Austauschakten, aktuell und virtuell, auf den Märkten als Effekt der Expansion der differentiellen Ebene, Ebene der Form des Werts und Kapitalproduktion, auftreten, d.h. Märkte sind Transaktionsketten, die tripartistisch konfiguriert sind, und zwar als Anschlussoperation von Dritten und in Konkurrenz mit Dritten, die unbestimmt und notwendig fortsetzbar sind. Geld funktioniert auf dieser Ebene nicht mehr als Maß der Werte, sondern als prozessierendes Geldkapital und Kreditgeld, das gerade auf den Finanzmärkten zur asymmetrischen Leverage der Wertschöpfung führt, d.h. Geld dynamisiert durch diverse (mediale) Übertragungen hindurch den Marktprozess, wobei die Großzahl der syntaktischen Transaktionen auf den Märkten institutionell fundiert sind.)
Oligopole, Monopole und Netzwerkstrukturen und sämtliche Formen der Konkurrenz kann man als die Strukturen der ökonomischen Märkte bezeichnen (Kapital-, Arbeits-, Energie- und Währungsmärkte), denen sämtliche Prozesse der Angebots- und Nachfrageentwicklung gegenüberstehen. Es gibt keine Einheit von Struktur und Prozess auf den Märkten, da dieser durch die in der Struktur pontenziell angelegten Bewegungsformen der Kapitale determiniert wird. Märkte sind allerdings niemals reine Exekutionen oder Ableitungen der immanenten Bewegungsformen der Kapitale, nicht nur wegen der oligopolistischer Vermachtung, staatlicher Regulierung und den zwischen den Märkten interferierenden Erwartungs- und Preisbildungsmechanismen, sondern weil Exekution und Ableitung als nackte Wiederholungen die Einheit der Kapitalformen auf den Märkten niemals herstellen kann, da die Struktur des reinen kapitalistischen Modus der Verwertung sich nur als sog. äußere Form der Konkurrenz, d..h. durch Kapitalstrategien und -praktiken der Einzelkapitale hindurch durchsetzen kann. Märkte haben also interne Strukturen und Prozesse, die gerade wegen ihrer relativen Unabhängigkeit den reinen Modus des Kapitals übersetzen können. Wenn die Mehrwertproduktion ohne jede Vernunft nur ein abstraktes Mehr setzen muss, heißt das auch, dass die äußere Bewegungsform der Konkurrenz unabhängig vom Tausch keiner Reziprozität und keines Zentrums bedarf, das dauernde Maßstäbe setzen oder binden könnte, im Gegenteil kann der ständig opportunistische Wechsel von Maßstäben einem an keine fixen Maßstäbe gebundenen System wenig anhaben, dessen Konkurrenzbeziehung die Abwesenheit der Existenz eines fixen Elements definiert. Nach Marx besitzt die Konkurrenz die Funktion, in sämtlichen Sphären kapitalistischer Produktion den gleichen Verwertungsgrad durchzusetzen, die Durchschnittsprofitrate auf das eingesetzte Kapital zu erzielen, wozu es eines ausgereiften Kreditwesens bedarf.
Die Selbstregulation des Gesellschaftlichen auf der Basis von freien Märkten, wie sie der Liberalismus oder die luhmannsche Position eines framing erfordert, der Markt als ein Instrument der Modellierung, um eine Unmenge von Informationen aus der Umwelt in die reduzierte Komplexität der Preisbewegungen zu übersetzen, bedarf immer der Beobachtung der Konkurrenten durch die Konkurrenten, um eben effizient operieren zu können, der Beobachtung von Strategien, die vor allem auf den Finanzmärkten fast simultan verlaufen und dennoch Zukunft schaffen, insofern die gegenseitige Beobachtung von Konkurrenten, die niemals über vollkommenen Informationen verfügen, Daten schafft. Dabei wird wiederum beobachtet, was die Leute denken,was die anderen denken, womit sich nachträglich Markttendenzen herausbilden, die nicht die exakte Antizipation zukünftiger Ereignisse sind, vielmehr werden Ereignisse durch Erwartungen moduliert, die, wenn sie sich allzu rational in rationale Handlungen umschlagen, kontraproduktiv sein können, weil sich der Konkurrent darauf einstellen kann, sodass man neue Risiken eingehen muss, auch weil die anderen Risiken eingehen, und wenn man nicht eingeht, verliert man eben den Anschluss.

Seit geraumer Zeit tritt eine Regierungstechnik/Governance in den Vordergrund, die Schulden heißt. Ideal sind für die Absorption des Schuldendienstes an die Geldvermögensbesitzer die Unternehmen als Schuldner, die Zinsen und Tilgung der aufgenommenen Kredite aus den in der „Realwirtschaft“ realisierten Profiten und Abschreibungserlösen zahlen. Seit den 1970er Jahren wächst jedoch die finanzielle Akkumulation wesentlich dynamischer als die industrielle Akkumulation, was nur möglich ist, weil die Geldvermögen der Gläubiger wie die Schulden ansteigen. (Je höher die Geldvermögen auf der Habenseite, desto größer die Schulden auf der Sollseite. Fiktives Geldkapital erfordert somit immer Gläubiger und Schuldner. Elmar Altvater spricht von den Schulden als „systemfunktionalem Erfordernis des modernen Kapitalismus“.) Also wird auf den Finanzmärkten seitens der Banken und Geldvermögensbesitzer nach immer weiteren Schuldnern gefahndet. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn die Akkumulation von Kapital kann nur funktionieren, wenn auch für die Nachfrage nach Waren, Dienstleistungen und Wertpapieren gesorgt wird, die heute jedoch nach neoliberalen Prinzipien nicht nur aus den Löhnen und Gehältern kommen kann, weil dann ja die Profite gesenkt werden müssten, womit schließlich die Verschuldung der Lohnabhängigen ins Spiel kommt. Schulden in der Form der Konsumentenkredite sind zugleich eine gouvermentale Technik, die natürlich viel weitere Verbreitung in den USA als hier in Deutschland gefunden hat. Wir haben es heute mit einer Maschine der Finanzialisierung zu tun, die soziale Rechte in Kredit verwandelt. Anstatt einer Gehaltserhöhung bekommt man einen Kredit. Anstatt des Rechts auf Ruhestand, bekommt man eine individuelle Lebensversicherung. Anstatt ein Recht auf Unterkunft, bekommt man eine Hypothek. Dies alles sind Techniken der Individualisierung. Diese Transformation von Rechten in Schulden oder Kredit ist widersprüchlich, weil einerseits der  Biokapitalismus die Verarmung neu installiert - er blockiert seit Jahren die Gehälter und reduziert die sozialen Dienste - und zur gleichen Zeit die Illusion produziert, dass man durch Konsumentenkredite zu Wohlstand kommen könne. Die Inflation, die bisher an Konsumgüter gebunden war, hat sich in einen sehr spezifischen, schuldengetriebenen Modus der Selbstfinanzierung transformiert. Dabei hat die Idee, dass jeder Einzelne diese Möglichkeit der Wohlstandssteigerung als Eigenschaft besitzt, sozusagen einen Grenzwert erreicht, wobei der einzige Weg, um die Idee es zum Tragen zu bringen, derjenige bleibt, den Zugang zu Krediten zu multiplizieren. Vom wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen sowie aus der Sicht der Produktion von Subjektivität wissen wir seit Nietzsche, dass die Verschuldung ein Versprechen ist (das sowohl Vertrauen als auch reaktive Kräfte voraussetzt, selbstverantwortlich  Schuld(en) zu übernehmen), wobei der Glaube der Gläubiger an die stetige Amortisierung der Schulden in der Rendite durch das Wort Kredit verbürgt ist. (”Das Verhältnis Gläubiger - Schuldner bringt die Aktivität der Kultur in ihrem Zucht- und Gestaltungsprozess zur Darstellung.” Gilles Deleuze, Nietzsche und die Philosophie, S.147.) Darin ist auch die Hoffnung eingeschlossen, dass in Zukunft Renditen eingefahren werden können, damit zumindest eine Tilgung oder Rückzahlung der Schulden gewährleistet ist, auch im Hinblick darauf, weitere Schulden aufzutürmen, um infolgedessen höhere Rendite zu erzielen. Es handelt sich beim Kredit/Verschuldung sowohl um die Konstruktion der Erinnerung als auch um die der Verantwortung in der Zukunft. “Die vom Neoliberalismus in Aussicht gestellten subjektiven Realisierungen („alle sind Aktionäre, Besitzer, Unternehmer“) lassen uns in die existentielle conditio dieses verschuldeten Menschen stürzen, der für sein eigenes Schicksal selber verantwortlich ist und entsprechend schuldig.” (Maurizio Lazzarato) Und das solches ist das Dispositiv der Verschuldung immer auch eine Matrix der Regierbarkeit und Regulierung, die Subjektivierungsprozesse einschließt, um bestenfalls Subjekte hervorzubringen, die ihr finanzielles Dasein mehr oder weniger gut bestreiten können. Wir sind gefangen - wie Deleuze und Guattari im Anti-Ödipus schreiben – gefangen in eine unendliche Schuld: Wir sind mit Schulden im Kapitalismus niemals fertig. Und darüber hinaus, insofern der Schuldmechanismus verinnerlicht wird, gefangen in das schlechte Gewissen, das die Schuld(en) als nicht mehr abzahlbar denkt. (Allerdings operieren die heutigen Kontrollmechanismen weitaus subtiler und differenzierter als nur mit Regierungstechniken, die die Schuld und Verantwortung ins Zentrum setzen, sondern orientieren auf die ökonomisch-rationale Steuerung von Informations-, Migrations- und Lebensströme mittels der Regulierung von Eintrittsschranken in die Märkte und mit Funktionsabläufen, die wahrscheinlichkeitstheoretisch kalkuliert werden.) Der Konsumentenkredit trägt hierbei das Versprechen auf Wohlstand, er konstituiert die Art und Weise des Kapitals für die Individuen die Zeit zu gestalten und zu binden. Dabei wird Zeit regelrecht gestohlen, nicht die produktive Zeit der Arbeit, sondern die soziale Zeit. Man verschuldet sich heute für die nächsten 30 Jahre, generiert Schulden für das Haus, für das Auto, für die Krankenversicherung. etc.
Bei inflationsbedingt steigenden Immobilienwerten, die als Sicherheit dienen, können beispielsweise Hypthekendarlehen refinanziert und neu verhandelt werden, um weitere Konsumentenkredite auf den Marktwert einer Immobilie aufzunehmen, bis die Nachfrage nach Immobilien schließlich fällt, die Erhöhung der Zinssätze sowohl die Subprimekredite als auch die Kredite mit variablem Zinssatz ansteigen lässt. Bis dahin dient die wachsende Verschuldung weniger der Investition als der Ausweitung der Finanzgeschäfte und der Finanzierung der Konsumtion. Die Verschuldung ist eine Technik, die für die Individuen als Lebewesen die ganze Lebenszeit vorhanden ist, nicht nur zeitweise. Schulden sind also eine Technik zur Steuerung und Regulierung von deren Subjektivität (wenn die Verschuldung nicht zur Reduktion des Individuums auf das bloße Leben führt, womit ein Prozess der Desubjektivierung stattfindet, der keinerlei Subjektivierung nach sich zieht - z.b. radikale Verarmung, Hartz4), was wiederum eine vollkommen neue Ebene der Kontrolle mit sich bringt, weil es nun das Individuum selbst ist, das die Kontrolle auf sich selbst ausübt, wenn es in der Schuld bzw. mit Schulden das Leben organisieren und alle Ausgaben in Bezug auf die Schulden prüfen muss. Dabei gehen die Dinge perfekt zusammen – die Kontrolle über die Zeit, die Kontrolle der Subjektivität, eine Projektion in die Zukunft, die in einem gewissen Sinne durch die Schulden gefangen ist.
Die erweiterte Reproduktion der Verschuldung beinhaltet nun folgendes: wenn der Konsument etwas kauft, bekommt er Geld, um mehr zu kaufen. Der ausgegebene Kredit verwandelt sich wunderbar in eine Sicherheit für einen neuen Kredit und je mehr Kredit der Konsument aufnimmt, desto mehr Kredit erhält er. Möglicherweise bis zum Ponzi Moment, genannt nach Minsky, wenn aus den laufenden Einkommen noch nicht einmal mehr die Zinsen bezahlt werden können, was sich für die Bank nur rechnet, wenn die Preise für Anschaffungen, wie zb für Häuser steigen. Das war die Situation in den USA in den Jahren 2002-2007, nachdem das Schuldenmachen, das zum unfreiwilligen Volkssport Nr. 1 avancierte, im Bankenwesen in der Subprime-Krise institutionalisiert worden war. Zu Beginn des neuen Jahrtausends stand der Immobilienboom noch im Schatten der Aktienkurse, doch auch nach dem Platzen der New-Economy-Blase setzte sich der Anstieg der Immobilienpreise fort. Das hatte nichts mit den Baukosten zu tun, auch die Mieten blieben hinter dem massiven Anstieg der Hauspreise zurück. Die marginalen Erleichterungen zum Erwerb von Immobilienkrediten seitens der US Regierung waren einer der Ausgangspunkte für die Entwicklung des Sub-Prime-Hypothekenmarktes, was oftmals der einzige Weg war, über den arme US-Bürger einen festen Wohnsitz erhalten konnten. Auch im letzten Boom blieb allerdings das Heim vieler US-Amerikaner der Wohnwagen. Die entscheidende Dynamik am Immobilienmarkt entstand allerdings letztlich nicht aus erleichterten Kreditmöglichkeiten an private Haushalte, sondern ergab sich aus der Suche nach neuen Anlagemöglichkeiten für vorhandene Geldkapitalien und der Deregulierung des Finanzsektors.

Dabei konnten die Schulden von seiten der Banken solange in kleine Einheiten zerstückelt und in völlig neuer Weise qua Verbriefung rekombiniert werden, bis sie scheinbar verschwunden waren, aber diese Scheinbarkeit hat einen entscheidenden Nachteil: Die Schulden existieren in einem Paralleluniversum, dem Raum der Gläubiger, dennoch weiter. Andererseits war das gesamte Verschuldungsprocedere nur möglich, weil raffinierte Technologien und formalisierte Modelle eingesetzt wurden, die die Kreditnehmer je nach ihrem sog. Default-Potenzial bzw. ihrer Insolvenzfähigkeit kategorisierten, um so beispielsweise bei der Vergabe von Kreditkarten ein Verfahren der Inklusion in Gang zu setzen, dass die Kreditnehmer in Gruppen unterteilte, um auf der Basis spezifischer Kategorisierungen Zinssätze festzulegen. Es wurden geradezu Kreditnehmer der unteren Kategorien gesucht, die unter Umständen nicht pünktlich zahlen und denen deswegen höhere Zinsen abverlangt werden konnten. Und selbst im Insolvenzfall hätte ja letztendlich die Steigerung der Immobilienpreise zu einer Preissteigerung der Immobilie geführt, auf die der Konsument eine Hypothek aufgenommen hatte. Zudem sollten mögliche Insolvenzen durch höhere Zinssätze und die sog. CDS kompensiert werden. Anfang 2006 zeichnete sich jedoch ab, dass der Anstieg der Immobilienpreise sich so nicht mehr fortsetzen konnte. Die Belastung der privaten Haushalte durch den Schuldendienst hatte immer weiter zugenommen, damit musste zugleich die Fähigkeit zur Bedienung neuer Kredite abnehmen. Die Leerstände nahmen zu.
Foucault versuchte zu zeigen, wie der Neoliberalismus Instrumente entwickelt, um die Heterogenität zwischen den wirtschaftlichen Gefügen, Institutionen und politischen Einrichtungen neu zu stabilisieren. Die Neukonzeption des Verhältnisses von Staat und Ökonomie besteht im Neoliberalismus darin, den Markt zum organisierenden und regulierenden Prinzip des Staates zu machen, darin liegt die Aufgabe jedes strategischen Regierungshandelns. Foucault sagt aber auch, dass man dafür ein drittes Element benötigt, und das ist das Soziale. Die Quintessenz, dass der Kapitalismus die verschiedenen Logiken kompatibel macht - die ökonomische Logik und politische Logik durch die soziale Logik– das findet man auf dem Niveau der Verschuldung wieder: Private Schulden, Staatsverschuldung und soziale Schulden. Was passiert nun durch diese grundlegende Veränderung der individuellen Eigentumsrechte? Die Umgestaltung der Individuen in Aktionäre, die fundamentale Transformation vieler in kleine Eigentümer, anders ausgedrückt, die Arbeiter erscheinen beispielsweise im Neoliberalismus der Chicago Schule nicht mehr als abhängig Beschäftigten eines Unternehmens, sondern transformieren sich als „menschliches Kapital“ (körperlich-genetische Ausstattung und Gesamtheit der erworbenen Fähigkeiten, Ergebnis von „Investitionen“ wie Ernährung, Erziehung und Ausbildung) zu autonomen Unternehmern, die eigenverantwortlich ihre Investitionsentscheidungen treffen und auf die Verwertung des „menschlichen Kapitals“, auf die Produktion eines Mehrwertes abzielen; sie werden zu Unternehmern ihrer selbst. Darüber hinaus kann sogar das nackte Leben, von dem Agamben spricht, zur Quelle eines Finanzprofits werden, wenn nach statistischen Modellen, mit denen man die Wahrscheinlichkeit ausfallender Schuldentilgung bezogen auf die Bevölkerung berechnet, von vorneherein faule Kredite an Nichteinkommensbezieher in Verbriefungsverfahren ausgegeben und gehandelt werden. Der spezifische Modus der Risikokalkulation liegt dann in der Verteilung des Risikos nach Tranchen. Die Geschichte der Schizophrenie ist nicht schwer zu verstehen, wenn Angestellte effektiv auf einmal Lohnarbeiter und Aktionäre sind. Diese Schizophrenie bewegt sich durch das Innere eines jeden einzelnen, da er/sie beides zur gleichen Zeit ist. Diese Schizophrenie generiert immer ein Problem der subjektiven Mobilisierung, denn das sog. Humankapital (eine Fiktion) ist nicht etwas, was schon da ist, sondern etwas, das gebaut und konstruiert werden muss. Individuelle Investitionen, Ausbildung, Versicherung usw. Sie sind derjenige, der es tun muss. In gewisser Weise gibt es da eine Transformation von einer passiven zu einer aktiven Subjektivierung, eine Aktivierung, aber innerhalb der Grenzen der kapitalistischen Logik.

Ausgangspunkt der damit zusammenhängenden Finanzialisierung ist das Ende des Fordismus in den 1960er Jahren. Der Fordismus kann als ein Dispositiv begriffen werden, das ein paralleles Wachstum von Produktivität, Reallöhnen und Profiten ermöglicht, so dass in der Nachkriegszeit bis Mitte der !970er Jahre eine regelmäßige Akkumulation stattfindet. .Am Ende des Fordismus steht das Kapital jedoch vor stark sinkenden Gewinnen, der Absatz der Massenkonsumgüter stagniert und das Lohnniveau ist schlichtweg zu stabil. Die Profitraten geraten unter anderem auch deswegen unter Druck, weil sich die betriebswirtschaftlichen Produktivitätsreserven der standardisierten Massenproduktion erschöpft haben, während gleichzeitig Arbeitskämpfe für eine Anhebung der Löhne und Sozialleistungen sorgen und die Kosten für die Finanzierung der allgemeinen öffentlichen Infrastruktur immer weiter ansteigen. Die Kapitalintensität steigt stärker als die Arbeitsproduktivität (diese wird durch drei Variablen erklärt: Kapitaleinsatz pro Kopf, Wachstum und Ausdehnung des Marktes und Erhöhung der Nachfrage. Die Arbeitsproduktivität hängt also sowohl von der Kapitalintensität als auch vom Wachstum der Absatzmärkte ab) mit der Folge fallender Kapitalrentabilität, selbst wenn Lohnquote und Profitquote konstant bleiben, sodass letztlich die Bedingungen für die Profitabilität des Kapitals ins Negative drehen. Die tayloristische Transformation des Arbeitsprozesses stößt also an Grenzen, was sich daran zeigt, dass die Produktivitätssteigerung durch Mechanisierung ab einem bestimmten Punkt zu einem übermäßigen Anstieg der Wertzusammensetzung des Kapitals führt. Es droht weltweit eine Überakkumulationskrise. Der Kapitaleinsatz pro Arbeiter wächst also schneller als die Arbeitsproduktivität  (Produkt pro Kopf), womit nicht nur die technische, sondern auch die organische Zusammensetzung des Kapitals steigt. Wie Altvater zeigt „ist die Höhe des Kapitalvorschusses im Nenner der Relation P/K, die die Profitrate indiziert, abhängig von der Arbeitsproduktivität Y/L und von der Kapitalintensität, also dem Kapitaleinsatz pro Arbeitsplatz K/L. (Altvater; Der große Krach, S.195) Wegen der Interdependenzen zwischen den Größen Kapitalintensität und Arbeitsproduktivität ist die Entwicklung der Profitrate zunächst unbestimmt, d.h. steigt die Kapitalintensität stärker als die Arbeitsproduktivität hat das einen negativen Einfluss auf die Entwicklung der Profitrate, umgekehrt umgekehrt. Weiterhin kann gezeigt werden, wie die Akkumulationsrate, d.h. die Wachstumsrate des Nettokapitalvolumens, von der Entwicklung der Profitrate abhängig ist: Die Beziehung von Investitionen (I) zu dem gesamten vorgeschossenen Kapital (K) lässt sich erweitern zu der Relation I/P X P/K, also dem Verhältnis des vorgeschossenen Kapitals am Profit und der Profitrate. Wenn man unterstellt, dass Investition gleich Profit ist also I=P=1, dann ist die Akkumulationsrate gleich der Profitrate. Wenn die Profite gleich dem Bruttoinlandsprodukt abzüglich der Löhne und Gehaltseinkommen sind (die wenig gespart werden), dann stammt der Zuwachs an Kapital aus dem Profit bzw. die Akkumulationsrate ist dann gleich der Profitrate.
Zumeist wird in der marxistischen Ökonomiekritik die Profitrate binär aufgeschlüsselt und zwar als das Verhältnis von Mehrwertrate und organischer Zusammensetzung des Kapitals. Für Marx` Darstellung der langfristigen Tendenzen der kapitalistischen Produktionsweise ist die Annahme einer sinkenden Profitrate infolge steigender organischer Zusammensetzung des Kapitals zentral, die wiederum mit der wachsenden Arbeitsproduktivität (im Verhältnis zur Kapitalintensität) begründet wird. Im Konkurrenzmechanismus erfolgt die Einführung der Maschinerie durch das Einzelkapital, um Extraprofite qua Kostensenkung einzustreichen. Dabei muss das neu in Maschinerie investierte Kapital geringer ausfallen als die Einsparung an variablem, d.h. in Arbeitskräfte investiertem Kapital. Dies führt zum Anwachsen des konstanten gegenüber dem variablen Kapital, d.h. zu einer steigenden Wertzusammensetzung des Kapitals. Um eine langfristige Tendenz der steigenden Wertzusammensetzung anzunehmen, hätte Marx nun zeigen müssen, dass die mit der Steigerung der Arbeitsproduktivität einhergehende  Verbilligung der Elemente des konstanten Kapitals die Zunahme des konstanten gegenüber dem variablen Kapital  sowie die Senkung des Werts des variablen Kapitals aufgrund der Senkung des Werts der Lebensmittel der Arbeiter nicht kompensieren kann. Das blieb jedoch aus.  Um den tendenziellen Fall der Profitrate zu erklären, hätte Marx zudem zeigen müssen, dass die organische Zusammensetzung des Kapitals langfristig schneller wächst als die Mehrwertrate bzw. das Gesamtkapital schneller wächst als die Mehrwertmasse. Dabei muss nicht nur die Bewegungsrichtung der beiden Größen, sondern auch die relative Bewegungsgeschwindigkeit von Mehrwertrate und Wertzusammensetzung des Kapitals untersucht werden. Bei der Einführung von neuer Technologie kann aber die Profitrate sogar steigen, weil der Mehreinsatz von konstantem Kapital durch die Einsparung von variablem Kapital kompensiert wird. Allerdings wird die Sache komplexer, wenn man wie Ernest Mandel die Profitrate als synthetischen Indikator begreift, der neben der organischen Zusammensetzung des Kapitals und der Entwicklung der Mehrwertrate das Verhältnis zwischen fixem und zirkulierendem Kapital, die Umschlagszeit des Kapitals, die Akkumulationsrate und die Austauschrelationen der Produktionsmittel- und Konsumgüterabteilung als Variablen  zur Bestimmung der Profitrate miteinbezieht. Dabei bleiben Mehrwertrate und Kapitaleffizienz von der relativen Entwicklung der Löhne, der organischen Zusammensetzung und der Arbeitsproduktivität abhängig. Nicht nur als Maß der Rentabilität des Kapital, sondern eben als synthetischer Indikator für die Akkumulation des Kapitals muss die Profitrate historisch-empirisch untersucht werden, um Überakkumulationstendenzen aufgrund sinkender Kapitalrentabilität  aufzuweisen. Marx konnte bei seiner Formulierung des Gesetzes von einer reinen durchschnittlichen Bewegung des Ausgleichs der Durchschnittsprofitraten in und zwischen den Branchen im nationalen Maßstab ausgehen, als auch der gleichmäßigen Gestaltung der Lohnentwicklung und damit des für die Profitrate wichtigen Indikators Mehrwertrate. Mit der Internationalisierung der Kapitalproduktion sind jedoch die nationalstaatlichen Regulationen zunehmend reduziert, womit sich die Parameter der Profitproduktion entlang der globalisierten Konkurrenz der Kapitals und der Dynamik der Finanzialisierung bewegen.
Der Neoliberalismus bricht ökonomisch (Konzentrationsbewegungen des Kapitals, angeschoben durch das Paradigma des Wettbewerbs) und politisch („positive“ Deregulierung der Arbeitsbedingungen als staatlicher Interventionismus, der den Wettbewerb performativ setzt) mit dem Fordismus; d.h. die Senkung der Lohnquote und damit Erhöhung des Mehrwerts, die Liberalisierung der transnationalen Finanzmärkte, der Versuch der Senkung der organischen Zusammensetzung des Kapitals qua technischem Fortschritt, um die Profitrate zu erhöhen, die Privatisierung öffentlichen Eigentums – all diese Faktoren brechen mit den Hyperutopien der übermäßigen Wunschproduktion der Massen, infolgedessen kommt es in den nächsten Jahren in den Industrieländern tatsächlich zu andauernden Lohnsenkungen, Prekarisierung, Automatisierung und Robotisierung der Arbeitsabläufe, zur Oligopolisierung der Märkte und je nach Weltmarkt- und Wettbewerbsposition der verschiedenen Länder zur mehr oder weniger schnellen Rationalisierung mittels mikroelektronischer Anwendungen und der Konzentration auf hyperproduktive Sektoren, begleitet von Produktionsverlagerungen von Sektoren, die sich betriebswirtschaftlich unter den neuen technologischen Bedingungen noch nicht rechnen, in die Niedriglohnländer. Permanente Angriffe auf soziale Errungenschaften der Arbeiterklassen und Privatisierung sowie die umfassende Umstrukurierung der Produktionssysteme führen räumlich und sektoral selektiv zu neuen Akkumulationsschüben infolge steigender Profitraten (Produktionskonzepte wie just-in-time, Toyotismus und vertikale Desintegration der transnationalen Konzerne, Flexibilisierung etc.) Nationalstaatliche Unterscheide bleiben dabei virulent, d.h. technologische Vorsprünge von produktiveren Ländern können in weniger produktiven Ländern beispielsweise durch niedrigere Lohnkosten kompensiert werden.
Seit Mitte den 1980 Jahren bleibt die Akkumulationsrate hinter den Erwartungen, die mit steigenden oder zumindest konstanten Profitraten inkludiert sind, zurück, und das trotz der produktiven Umwandlungen im Produktionssektor qua Mikroelektronik, der räumlichen Verschiebungen im transnationalen Rahmen und der Erschließung neuer Märkte in China und Südostasien. (Zu untersuchen wäre, ob die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien zu einer Erhöhung der Arbeitsproduktivität, einer deutlichen Verbilligung der Elemente des konstanten Kapitals und damit zu einer sinkenden Wertzusammensetzung des Kapitals und zu einer steigenden Profitrate führen.) Unbeantwortet bleibt bisher in den ökonomischen Debatten die Frage, wie es in dieser Zeitperiode zur Verknappung  der rentablen Anlagemöglichkeiten im industriellen Sektor kommt, die unter anderem zur Umverteilung des Mehrwerts in die Form des fiktiven Kapitals und zum Handel synthetischer Wertpapiere führen. Der Ökonom Michel Husson schreibt, dass die Argumentationslinie, nach der die Entwicklung der Akkumulationsrate ab Mitte der 1970er Jahre schwach sei oder stagniere, weil der finanzielle Profit höher als der industrielle Profit sei und Investoren deshalb auf den Finanzmärkten spekulieren anstatt investieren würden, formalistisch sei, aber auch Husson kann das tendenzielle Ansteigen des nicht akkumulierten Profits, der in die finanzialisierten Sekundärmärkte wandert, nicht erklären, stattdessen konstatiert er seit den 1980er Jahren zunächst nur ein Sinken des Lohnniveaus und ein Sinken der Akkumulationsrate bei steigender oder zumindest konstanter Profitrate. „Die Hauptquelle der Finanzblase (ist) die tendenzielle Ansteigen nicht akkumulierten Profits, der sich selbst wiederum einer doppelten Bewegung verdankt: zum einem dem allgemeinen Sinken des Lohnniveaus und zum anderen der Stagnation - also dem Sinken der Akkumulationsrate, ungeachtet der Wiederherstellung der Profitrate.“ Letztlich führen die mit den Informationstechnologien verbundenen Produktivitätssteigerungen nach Husson nicht zu entsprechender  gesamtgesellschaftlicher Nachfrage, wobei die wachsende Umwandlung der Dienstleistungen in Waren die Produktivität zusätzlich verlangsame. Man muss in der Tat untersuchen, ob mit der Inwertsetzung der Dienstleistung und anderer unproduktiver Bereiche im Durchschnitt auch eine Rationalisierung der Reproduktion der Lohnabhängigen, d.h. eine Senkung des Werts der Arbeitskraft einhergeht, oder ob nicht umgekehrt aus der schrittweisen Inkorporierung neuer Waren und Dienstleistungen in die Konsumnormen eine Verteuerung der Arbeitskraft einhergeht. Wenn Produktivitätssteigerungen in den Dienstleistungsektoren ausbleiben, dann können sie nur auf der Basis unterdurchschnittlicher Löhne bei den Produzenten und überdurchschnittlicher Einkommen bei den Konsumenten dieser Leistungen organisiert werden.

Für eine strukturelle Akkumulationsschwäche des industriellen Kapitals, die wiederum die Finanzialisierung vorantreibt, sprechen Indikatoren wie die Kapitalproduktivität (real output/capital ratio), die in der USA seit 1965 von 1,64 auf 0,81 im Jahr 2007 fällt. „In realen Größen ist der Kapitalstock heute nur halb so produktiv wie vor 40 Jahren.“ (Beitel, S. 7) Auch Marazzi führt an, dass die industriellen Profite in den USA zu Beginn der 1970er Jahre von 24% auf 17% fallen und danach die 15% nie mehr überschritten haben. Das deutet natürlich auf ein tendenzielles Sinken der Profitrate, zumindest im industriellen Sektor, und infolgedessen auf eine verlangsamte Akkumulationsdynamik hin. Dabei korrelieren die direkten und indirekten Lohneinkommen bei gegebenem Sozialprodukt negativ mit der Profitrate, d.h. sinkende Löhne als Kostenfaktor erhöhen die Profitrate, und zwar auf der Ebene des Einzelkapitals, andererseits wird dadurch die Realisierung der Profitrate erschwert, weil die effektive Nachfrage nach Waren wegbricht (auf der Ebene des Gesamtkapitals). Investitionen haben nämlich immer Kapazitätseffekte, d.h. sie steigern das Angebot an Waren und Dienstleistungen, und sie haben Einkommenseffekte.
Wird die relative Mehrwertproduktion durch technologischen Fortschritt und die sich damit in der Tendenz erhöhende organische Zusammensetzung des Kapitals prekär, weil die Erhöhung der Arbeitsproduktivität im Verhältnis zur Erhöhung der Kapitalintensität an Grenzen stößt, wobei der (negative) Einfluss der organischen Zusammensetzung auf die Entwicklung der Profitrate zu untersuchen wäre, dann muss wieder auf Methoden der absoluten Mehrwertproduktion (Verlängerung der Arbeitszeit, Erhöhung der Arbeitsintensität, Lohnnebenkosten etc.) zurückgegriffen werden, Parameter, die Marx als entgegenwirkende Faktoren zum tendenziellen Fall der Profitrate erwähnt. Tatsächlich könnte die seit Mitte der 1980er Jahre feststellbare Erhöhung der Profitabilität des Kapitals weniger auf eine Erhöhung der Arbeitsproduktivität als auf andere Faktoren wie die Ausdehnung der Maschinenlaufzeiten, die Verhinderung von Lohnzuwächsen und die Steigerung der Umschlagsgeschwindigkeit des Kapitals zurückzuführen sein. Darüber hinaus sind neue Enteigungsformen/Privatisierung von öffentlichen Gütern zu berücksichtigen, staatliche Umverteilungspolitiken, die nur an politische Grenzen der Durchsetzbarkeit stoßen.
(Marx erwähnt als Gegenwirkung gegen das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate auch die Zunahme des Aktienkapitals im 19. Jahrhundert. Der sog. Leverage Effekt bestand im 19. Jahrhundert im Gegensatz zu demjenigen der Phase finanzialisierter Akkumulationsregime, bei der durch Verschuldung und Fremdkapitalaufnahme die Hebelwirkung des Eigenkapitals erhöht wird, darin, dass mit der Gründung von Aktiengesellschaften Geld an die Börse floss, das sich mit einer Zinsrate begnügte, die niedriger als die industrielle Profitrate war.)
Einen anderen Ansatz, der das Auseinanderklaffen von Profitrate und Akkumulationsrate erklären soll, verfolgt Christian Marazzi. Er konstatiert seit den 1980er Jahren im globalen Maßstab ein Steigen der Profitraten und in weitaus geringerem Maß auch der Akkumulationsraten, das aber vor allem in den Schwellenländern, die mit ihrer wirtschaftlichen Dynamik den Rückgang der Profitraten in den Industrieländern kompensieren, und das auch durch die Strategien der transnationalen Konzerne, die die Profite aus Direktinvestitionen in den Schwellenländern den internationalen Finanzmärkten zuführen. Finanzialisierung ist laut Marazzi eine Prozess, bei dem es um die Wiederherstellung der im Fordismus gesunkenen Profitraten geht, und zwar mittels eines finanziellen Dispositivs, dass sich kaum noch auf den unmittelbaren industriellen Produktionsprozess bezieht. Es geht also nicht darum, mit Hilferding eine zunehmende Abhängigkeit der industriellen Kapitalakkumulation von den Kapitalkreditkreisläufen nachzuweisen. Denn der hohe Anteil der Selbstfinanzierung der Unternehmen bedarf immer weniger der Emission von neuen Wertpapieren (die Neugründung von Aktiengesellschaften geht ständig zurück), um langfristig Geldkapital zu beschaffen, d..h. Anleihen, die Ausgabe von neuen Aktien und Kapitalerhöhungen von Unternehmen zur Selbstfinanzierung verlieren an Gewicht. Vielmehr ist es der sog. Shareholder Value in großen Aktienunternehmen, d.h. der Transfer von Mehrwert in Zins und Dividenden, der eine Tendenz zur Stärkung des Finanzkapitals befördert und und zugleich das Auseinanderdriften von Profit- und (industriellen) Akkumulationsraten forciert. In diesem Zusammenhang intensivieren sogar die großen Innovationen im Bereich der Mikroelektronik weniger das Wachstum der Investitionen als dass sie über betriebliche Umstrukturierungen in den Unternehmen die Arbeit intensivieren und die Lohnkosten senken. Die Externalisierung großer Produktionsbereiche, die Verlagerung von Unternehmen oder Unternehmensteilen aus den industrialisierten Staaten in andere Länder, ja schließlich insgesamt die Tendenz der steigenden Externalisierung der Mehrwertproduktion außerhalb des unmittelbaren Produktionsprozesses, die einerseits eine Masse von Konsumenten zu unbezahlter Arbeit in informationellen Bereichen stimuliert und andererseits Strategien der betrieblichen Organisation durchsetzt, die auf Sprache, Kommunikation, Mobilität und Kreation der Arbeitenden beruhen - all dies treibt das Steigen der sog. Finanzrenten gegenüber den industriellen Investitionen voran. Und nicht zuletzt sind es die Nichtfinanzunternehmen selbst, die ihre Investitionen auf den Finanzmärkten seit den 1970er Jahren gegenüber den Investitionen in Sachanlagen erhöhen und damit höhere Profitraten aus Finanz-, Versicherungs- und Immobiliengeschäften erzielen als dies in der industriellen Produktion der Fall wäre, damit aber auch ihre Abhängigkeit vom finanziellen Sektor erhöhen. Das Rentewerden des Profits und selbst von Teilen der Löhne (Pensionsfonds) führt zwar zur Erhöhung der effektiven Nachfrage, und dies auch durch die oben diskutierten Mechanismen der Verschuldung, aber diese gerät in den Finanzkrisen immer wieder an ihre Grenzen.
Tatsächlich führt also ab den 1980er Jahren die tendenzielle Überakkumulation im industriellen Sektor (ein Grund dafür, dass ein Teil des überschüssigen Kapitals, das in der „Realwirtschaft“ nicht mehr investiert wird, an die internationalen Finanzmärkte ausweicht, wo es zunächst hauptsächlich in der Form von Staatsanleihen, zunehmend aber auch in der Aktien- und Wertpapierspekulation angelegt wird) zu einem Anstieg der akkumulierten Geldvermögen bzw. zum Abwandern derselben in den Finanzbereich, zum Ansteigen des nicht akkumulierten Profits (der sich selbst dem Sinken der Lohnrate und der Stagnation der Akkumulationsrate in der Industrie verdankt, zumindest in den westlichen Industrieländern) im Finanzsektor, wobei vor allem dort die Profitraten seit Anfang der 1980er Jahre wieder anwachsen. Das Auseinanderlaufen von Profitrate (Verhältnis von Profit und konstantem und variablem Kapital, das durch die Parameter technische Zusammensetzung des Kapitals, Wertveränderung der Produktionsmittel und Mehrwertrate bestimmt wird, bzw. in Annäherung durch die Kapitalrentabilität mit den Komponenten Kapitalintensität, Arbeitsproduktivität und Lohnquote) und Akkumulationsrate (Verhältnis von Investitionen und Kapitalstock bzw. Wachstumsrate des Nettokapitalvolumens) ist ein wichtiger Indikator für die steigende Finanzialisierung, will heißen, dass der Anteil des industriellen Gewinns, der nicht in Lohn und neue Produktionsmittel fließt, zu einer Quelle der spekulativen Geschäfte wird und den in der 1980er Jahren einsetzenden Boom der Ausweitung der Gewinne/Lizenzen aus Direktinvestitionen, die Kapitalflüsse aus Bankdarlehen, Extragewinne aus Rohstoffgeschäften und die Expansion der Investitionen aus den Töpfen der Pensionsfonds und Investmentfonds begleitet. Zinserträge aus internationalen Kreditgeschäften, akkumulierte Vermögen der sog. High Net Worth Individuals und Kapitalflüsse der internationalen Konzerne bilden weitere Quellen der Finanzialisierung. (Ein weiterer Indikator für den drastischen Anstieg der Investitionen auf den Finanzmärkten ist die Tatsache, dass seit den 1980er Jahren die realen Wachstumsraten des Sozialprodukts hinter den realen Zinsen zurückbleiben.) Nettoinvestitionen werden im Durchschnitt nur vorgenommen, wenn die erwartete Profitrate der Investionen in den Kapitalstock größer ist als die Zinsrate. Sinkt die Profitrate für Produktionsanlagen unter die Zinsrate, werden größere Teile des Profits auf dem Geldmarkt angelegt. Die bestimmende Größe ist dabei die Profitrate in ihrem Verhältnis zur Zinsrate, die anzeigt, wieviel gespart wird, d.h. auf den Geldmärkten angelegt wird. Und das auf der Ebene des Einzelkapitals. Für das Gesamtkapital sind weder Zinsrate noch Profitrate vorgegebene Größen, sondern sie sind von der langfristigen und zyklischen Entwicklung der Kapitalreproduktion abhängig.
Finanzialisierung nennt man nun nach Marazzi das Dispositiv, durch das die Rentabilität außerhalb des unmittelbaren Produktionsprozesses gesteigert werden kann, da nach der Periode des Fordismus, die schließlich mit fallenden Profitraten einherging, eine Reststrukturierung des Kapitalverhältnisses notwendig wurde. Die von den Regierungen Großbritanniens und der USA vorgenommenen Regulierungen und Deregulierungen auf den Märkten bilden die institutionellen Voraussetzungen, dass es zu einer verstärkten Konzentration des Finanzkapitals durch Finanzunternehmen und institutionelle Investoren wie Versicherungen, den diversen Fonds sowie Banken kommt. Joan Robinson definiert das Finanzkapital als konzentriertes Geldkapital, das qua Eigentums- und Gläubigertitel Einkommen in Form von Renten und Zinsen bzw. durch den Handel derselben generiert, deren Eigentümer außerhalb der Produktion und rein als Eigentümer von Vermögen fungieren. Die Verwandlung des Profits in Rente bzw. die Existenz des rententragenden Kapitals behauptet sich sowohl gegenüber dem industriellen Kapital als auch der Lohnarbeit und setzt die stärkere Beteiligung des Finanzkapitals an industriell produzierten Profiten durch, welche ausschließlich durch das Eigentum an Vermögen oder Spekulation legitimiert ist und zur Abschöpfung primärer Gewinne führt, zu Dividenden- und Zinszahlungen aufgrund der Teilung der Profite in Unternehmensgewinn und Zins. Dem Aktienkurs eines Unternehmens wird der Vorrang gegenüber dem Stakeholder Value gewährt. Das Paradigma des Shareholder-Values, das den Aktienwert eines Unternehmens ins Zentrum setzt, inkludiert die funktionelle Differenzierung in das Eigentum des „principal“ und die Kontrolle des Unternehmens durch den „agent“, den modernen Manager, der als Nichteigentümer des Unternehmens oft der Ideologie aufsitzt, er würde wegen seiner Leistung bzw. besonders qualifizierter Arbeit überproportionale Einkommen beziehen müssen (nach Marx Teile des Unternehmergewinns), während der Zins dem innerhalb des Unternehmens weitgehend funktionslosen Kapitaleigentümer zufällt. Mit dem Paradigmas des Shareholder Konzepts sind meistens diverse Strategien zur Erhöhung der Mehrwertrate im Unternehmen verbunden, indem Arbeitszeiten verlängert, Löhne gekürzt und die Arbeit intensiviert wird,  und das gerade weil die Verteilung der Profite hin zu Zinszahlungen und Rente verschoben wird. Hier müssen allerdings machttheoretische Analysen zeigen, wie sich das Verhältnis von principal und agent gestaltet, die sich natürlich letzten Endes beide an den Verwertungsbedingungen des Unternehmens orientieren müssen. Für den französischen Ökonom Aglietta sind nun gerade „die Vorherrschaft der Konkurrenz, die Unternehmenskontrolle durch die institutionellen Anleger, das bestimmende Kriterium des Profits und die Kapitalisierung an der Börse“ wesentliche Anzeichen für ein neues Akkumulationsregime.
Der Profit wird im Zuge des Shareholder-Value Konzepts aus einer Differenzgröße (Gewinn als Ertrag, der die Kosten übersteigt) in eine Verhältnisgröße (return of investment) transformiert. Die sog. Sharpe Ratio im Sinne einer Finanzmarkttheorie setzt eine Differenz ins Verhältnis zum Risiko, die Rendite einer Geldanlage, soweit sie den risikofreien Zinssatz übersteigt, in Abhängigkeit vom Risiko. Maß für das Risiko ist die Volitilität der Renditen, d.h. der erwartete Portfolioertrag wird abzüglich einer risikofreien Ertragsrate durch die Standardabweichung des Portfolios dividiert. Dabei gilt das Risiko als Kostenfakor, den ein Investor trägt. Orientierungsgrößen wie return on investment leiten dann die Entscheidungen des Managements, womit die Maximierung von Verhältnisgrößen ins Zentrum rückt. Die Maximierung von absoluten und/oder Differenzgrößen wird von der Maximierung von Verhältniszahlen begleitet, deren Steigerung („Maximierung der Rendite“) formal immer einem Prozess der Beschleunigung der Größen entspricht, Beschleunigung von Veränderungsprozessen, womit bei Entscheidungen des Managements bezüglich der Renditemaximierung jene gewählt werden, die auf kurzfristigere Renditen zielen. Abgepaust wird die Börsenlogik, nach die Wertsteigerung eines Unternehmens wie die eines Portfolios funktioniert, in kurzen Intervallen zwischen t1 und t2 müssen Gewinne realisiert werden, beispielsweise ähnlich denen von Diversifikationsstrategien eines Portfolios. Setzt man voraus, dass nach der sog. Golden Rule im Rahmen der gesamtgesellschaftlichen Effizienz die Kapitalrendite gleich der Wachstumsrate des Kapitalstocks sein soll, dann muss der Konsum, der aus Dividenden erzielt wird, gesamtgesellschaftlich unrentabel sein. Der Neoliberalismus der Chicago Schule rückt gerade die Anlegerposition in den Vordergrund, bei der es um die Maximierung einer um das Risiko bereinigten Verhältnisgröße geht, die zb einem Zinsatz entspricht, einer Rendite, die nun in die Unternehmensstrategien des Managements einfließen. Solange die Arbeitsproduktivität steigt und zugleich die Umsätze stellt das kein Problem dar, insofern Rationalisierungseffekte mit höherer organischer Zusammensetzung des Kapitals durch extensives Wachstum, höhere Profitmasse aufgefangen werden können. Tritt nun das Verhältnis von Kosten und Gewinn in den Vordergrund, so werden die Spielräume einer absoluten Gewinnproduktion eingeschränkt. Nichts interessiert renditeorientierte Anleger weniger als die Arbeitsbedingungen oder die Qualität der Produkte – um von einer Ignoranz gegenüber ökologischen, regionalen oder sozialen Folgen auf der Seite der durch mehrere Ebenen des Fondmanagements getrennten globalen Anleger zu schweigen.
Nicht nur wird der Zeithorizont der Entscheidungen verkürzt, sondern die technologischen Entscheidungen innerhalb der Betriebsorganisation orientieren sich – ohne das hier ausführen zu können - bezüglich der Produktions- und Kostenstruktur nicht mehr am Warenmarkt und den Preisen. Die Größe des Unternehmens bzw. der Output wird bestimmt durch die Maximierung der Rendite und Kostenstruktur. Wichtiger werden die sog. relativen Faktorpreise (zur Bestimmung der Kosten), d.h. Größe und Wachstum des Unternehmens werden zu 100% bestimmt durch die Kostenstruktur und die Zielsetzung der maximalen Rendite pro Zeiteinheit bestimmt, was nach den traditionellen Effizienzmaßen eine kosteneffiziente mikroökonomische Produktion nach sich zieht, allerdings führt diese Form der Renditemaximierung für das Gesamtkapital nur zu einem suboptimalen Zustand, denn die Paretooptimalität wird damit verletzt, weil die Grenzprodukte der Produktionsfaktoren größer als die Faktorpreise sind. Die Produktionsstruktur wird ausschließlich durch die Kostenstruktur bestimmt (K´ = K/x); unabhängig von den Güterpreisen wird die Produktion optimiert. Die Güterpreise, damit die Knappheit der Güter oder die Präferenzen der Verbraucher trennen sich von der Effizienz der Produktion und sind direkt mit der Rendite verkoppelt, womit jede Preisänderung unmittelbar und linear auf die Rendite durchschlägt. Preissignale werden also nicht mehr in der Produktion verarbeitet, sondern nur noch an den Finanzmärkten. Ein durch steigende Knappheit erhöhter Güterpreis löst keine Substitutionseffekte in der Produktion, keine Faktorreallokation aus, sondern steigert nur die Rendite, die z.B. als Dividende ausgeschüttet den Anlegern zufließt. Wichtig bleiben allerdings die Faktorpreise, die unmittelbar in die Kostenfunktion einfließen. Da jedoch die verringerte produzierte Menge im Vergleich zur Gewinnmaximierung zu einer verringerten Nachfrage führt, ist zu erwarten, dass tendenziell nicht nur Arbeitslosigkeit als Folge dieser veränderten Zielsetzung entsteht, sondern auch ein erheblicher Druck auf die Löhne. (Vgl. Zu diesem gesamten Zusammenhang Karl-Heinz Brodbeck.)

Es sind vor allem die Nichtfinanzunternehmen selbst, die ihre Investitionen in Finanztitel gegenüber den Investitionen in Maschinen und Sachanlagen seit den 1980er Jahren erhöhen und damit selbst von den Renditen auf den Finanzmärkten abhängig werden, was Gewinne und Erträge anbelangt. Zugleich müssen Profite immer auch realisiert werden. Ausfallende effektive Nachfrage sowie stagnierende Akkumulationsraten stellen auch für finanzialisierte Akkumulationsregime ein Problem dar, da trotz einer hohen Mehrwertrate bzw. eines hohen Ausbeutungsniveaus die Gesamtmenge des Kapitals, das in die Produktion von Wert und Mehrwert inklusive des maschinellen Mehrwerts einfließt, sinken kann. Dies verweist, wie anderer Stelle ausgeführt, bei stagnierenden Kapitalinvestitionen und sinkenden Löhnen auf den Konsum durch nicht lohnförmige Einkommen, d.h. auf die Verschuldung sowie den Luxuskonsum aus Vermögens- und Kapitaleinkommen.
Zinsen- und rententragendes Kapital saugt im Postfordismus große Teile des Mehrwerts ab. Nach dem zweiten Weltkrieg führten die lange Akkumulationsphase, der Fall von Bretton Woods und die damit einhergehenden schwankenden Wechselkurse, die im Devisenhandel abgesichert werden mussten, darüber hinaus die Entstehung der Eurodollar- und Petrodollarmärkte zur Konzentration des Geldkapitals vor allem an der Wall Street, das wiederum in großem Ausmaß in Form von zinsgünstigen Krediten (aufgrund der schwachen Kreditnachfrage in den Industrieländern) von den us-amerikanischen Banken in die Schwellen- und Entwicklungsländer floss und dort nach wenigen Jahren zur Verschuldung führte, weil die FED 1979 eine monetäre Restriktionspolitik hoher Zinsen einleitete, womit der Geldfluss sich wieder nach Europa und die USA umkehrte. Die Kooperation der Nixon Regierung mit den Saudis, die zur Progression der Ölpreise in den 1970er Jahren führte, schadete vor allem den innerkapitalistischen Konkurrenten Deutschland und Japan. Zudem wurde der drohende Verlust der industriellen Hegemonie seitens der USA durch die Artikulation eines US-dominierten Finanzkapitals kompensiert. Infolge der Abwertung des Dollars aufgrund der sinkenden Wettbewerbsfähigkeit der USA, das sich seit den 1970er Jahren als Handelsbilanzdefizit bemerkbar macht, wird der Dollar weltweit vor allem als Zahlungsmittel attraktiv, sodass die USA immer stärker zu einem Kapitalimportland mutiert. Zugleich führt die wachsende Staatsverschuldung, vor allem in den USA, zu permanenten Zinszahlungen an die Käufer von Staatsanleihen,  also an die Unternehmen des Finanzkapitals, eine enorme Liquidität - gestützt durch die Stärkung privater, kapitalgedeckter Rentensysteme -, die äußerst flexibel in den Unternehmen platziert oder wieder abgezogen werden kann, womit deren Investitionsentscheidungen und Strategien nachhaltig beeinflusst werden. Institutionen wie der IWF, Weltbank und WTO treiben die Globalisierung im Kontext der Deregulierung und Liberalisierung der Handelsbeziehungen, Direktinvestitionen, Kapitalflüsse und Währungstransaktionen weiter voran. Die Schuldner der sog. Dritten Welt, die billige Kredite aufgenommen hatten, fallen aufgrund der hohen Zinsbelastung immer weiter aus, sodass die Kreditgeber entweder zu hohen Abschreibungen gezwungen sind oder die Politik der Umschuldung greift, wobei der Konsens von Washington in diesen Ländern eine restriktive Geldpolitik, Privatisierung öffentlicher Unternehmen, Sozialabbau, Währungsabwertung der Schuldenländer und Lohnsenkung zur Verbesserung von deren Wettbewerbsfähigkeit vorsieht. Sinkende Rohstoffpreise führen dann in den 1980er Jahren endgültig zur sog. Schuldenkrise der Dritten Welt. Mit dem Shareholder-value Konzept führt der Neoliberalismus zeitgleich seinen Siegeszug in den 1980er Jahren weiter, was nichts anderes heißt als dass die institutionellen Anleger unter dem Primat der Erhöhung des Aktionärswerts einen höheren Anteil der Profite in Form der Dividende oder steigenden Aktienpreisen zulasten der Investitionen und der Löhne der Beschäftigten aneignen.
Auch die globale Schuldenkrise im Jahre 1994, die die sog. Schwellenländer betrifft, geht mit einer Transformation auf den Finanzmärkten einher, wie man bei der Finanzkrise Mexikos im selben Jahr feststellen kann, als man beginnt, die Kredite an die Schuldnerländer zu verbriefen, um diese sowohl an den Börsen als auch außerbörslich zu handeln. Aufgrund der flexibilisierten Wechselkurse sowie dem Handel von strukturierten Risikoprodukten konnte zudem ausgezeichnet Währungsarbitrage betrieben werden, womit Finanzkrisen zwangsläufig in Währungskrisen umschlagen. (Nicht diskutiert werden kann hier die Frage, ob aufgrund der permanent beschleunigten Rationalisierung mittels der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien im produktiven Sektor, die u.a. die organische Zusammensetzung des Kapitals erhöht und immer mehr Arbeitskräfte überflüssig macht als bei gleichzeitigem Wachstum zusätzlich benötigt werden und die somit dem Verwertungsprozess bei unter Umständen steigender Profitrate permanent die Nachfrage abschneidet, längst eine massive Überakkumulationskrise und eine entsprechende Entwertung des Kapitals hätte eintreten müssen. Das Ausweichen des Überschusses an produktiv nicht verwertbarem Kapital in die Sphäre des fiktiven Kapitals inhäriert danach die Aufschiebung der Krise des produktiven Kapitals. Generell erscheint der Überfluss an Kapital in drei Formen: nicht absetzbares Warenkapital, nicht ausgelastete Produktionskapazitäten und das zur Spekulation bereitgehaltene Leihkapital, Überkapazitäten, die in der Krise normalerweise entwertet werden. In der Finanzkrise 2007/8 ist es allerdings gerade zu diesen Entwertungen nicht gekommen, weder durch massive Abschreibungen von entwertetem Kapital noch durch den Bankrott von Banken, die nicht nur illiquide, sondern insolvent waren, d.h. deren Eigenkapital nicht mehr als Haftung für ihre Verbindlichkeiten ausreichte. Zu untersuchen wäre also auch, wie die Geld- und Kreditzirkulation im Finanzsektor vom zyklischen Gang der Kapitalakkumulation abhängig bleibt. So wäre die beschleunigte Geldakkumulation im Finanzsektor Folge der strukturellen Akkumulationsschwäche im industriellen Sektor, andererseits würde jene Beschleunigung die industriellen Akkumulationsdefizite forcieren, weil die hohe Erwartung an Rendite im Finanzsektor die industrielle Akkumulation weiter verlangsamt.) Jedenfalls führen ab Mitte der 1980er Jahre die Innovationen auf den Geldmärkten, die damit zusammenhängenden internen Bonisysteme der Unternehmen, der Aufstieg des staatlich nicht kontrollierten Schattenbankwesens und das beständig leicht verfügbare Geld zur weiteren Stützung des nach wie vor US dominierten Finanzkapitalismus, wobei die USA mit dem Zahlungsstrom aus den Ersparnissen der neuen Schwellenländern, vor allem aus China, das Staatspapiere und hypotheken- und forderungsbesicherte Wertpapiere der US-Institutionen kauft, beständig gefüttert werden. Laut Marazzi markiert insbesondere die Asienkrise einen Wechsel des globalen Akkumulationsregimes, und zwar als die ostasiatischen Staaten beginnen, um weiteren Schuldenkrisen auszuweichen, ihre Wärungsreserven in ausländischen Devisen anzulegen. Gleichzeitig wird die Binnennachfrage in diesen Ländern reduziert und zugleich deren Exportwirtschaft gestärkt, womit Staaten wie China, die vormals Schuldner mit Verbindlichkeiten gegenüber der USA waren, zu Gläubigern gegenüber der USA werden, und zwar indem die ostasiatischen Staaten die eigenen Währungen abwerten und deflationäre Politiken auf den internen Märkten vorantreiben. Zeitgleich erhöht die Öffnung der asiatischen Märkte für Direktinvestitionen aus den Industrieländern das Arbeitskräftepotenzial weltweit schlagartig, geht aber in den Schwellenländern mit deflationären Tendenzen auf den Arbeits- und Konsumgütermärkten einher, ein Phänomen, das sich seit Anfang und im Zuge des New Economy Crashs auf die USA überträgt und die FED zu einer anhaltenden Niedrigzinspolitik veranlasst, während der Ankauf von US Dollars durch die Schwellenländer, allen voran China, weiter anhält, um die Abwertung des US Dollars zu verhindern, die mit starken Exporteinbrüchen seitens Chinas einhergehen und die Investitionen auf den eigenen Binnenmärkten einschränken würde, die wiederum ein Wachstum in Gang setzen, das auf einer extrem hohen Mehrwertrate aufgrund niedriger Lohnkosten und langen Arbeitszeiten beruht. Massive Zuflüsse von Geldkapital in die US-amerikanischen Finanzinstitutionen, eine hohe Akkumulation von Liquidität und die hohe Verschuldung der US-Konsumenten sind u.a. der explizit neomerkantilistischen Politik Chinas zu verdanken. Zusätzlich getrieben von der Liquidität der erdölexportierenden Ländern kommt es in den USA zu einem Fall der langfristigen Zinsen (Staatsanleihen), was die Liquidität der US Banken, und zwar wegen der Möglichkeit an den Märkten immense Summen Geld aufzunehmen, erhöht, und deren offensive Vergabe von Hypothekenkrediten befördert. Jegliche Form der finanzpolitischen Governance und die restriktive Geldpolitik der FED und der US Regierung sind in den Jahren nach dem New Economy Crash nicht in der Lage, die Liquiditätszuströme, die direkt und indirekt in die US-Finanzsektoren fließen, zu steuern, womit sämtliche Mechanismen des Overtrading auf den Märkten angeschoben werden und somit ein erneuter Krisenausbruch hinausgezögert wird. Das konsum- und verschuldungsgetriebene Wachstum der USA war nur durch die Weltgeldfunktion des Dollar möglich, die den USA die Möglichkeit gibt, sich in eigener Währung zu verschulden, ohne wie andere Länder das Risiko einer mit der Abwertung der eigenen Währung verbunden Überschuldung tragen zu müssen.
Das im Keynesianismus staatlich verordnete Deficitspending, das Multiplikatoreffekte in der Wirtschaft erzielen soll (im Keynesianismus betrifft das die Konsumfunktion, die bei größer als eins eine Selbstverstärkung wirtschaftlicher Impulse setzen soll), wird dabei durch die Aktivitäten auf den Finanzmärkte ersetzt, was allerdings zu einer komplett verzerrten Neuverteilung der Einkommen und Vermögen führt. Da der Multiplikator operativ ist, muss die Finanzbasis ständig wachsen. Wenn allerdings gleichzeitig die Lohnquote sinkt, der Lohn insgesamt prekär wird und Kapitalinvestitionen stagnieren, dann verweist das Problem der Realisierung des Profits auf nicht lohnförmige Einkommen. Mit dem Rückgang der Sozialausgaben, der Lohnstagnation und der Privatisierung des keynesianischen deficit spending wurde vor allem in den USA die Nachfrage um die Jahrtausendgrenze durch private Verschuldung geschaffen und durch expansive Geldpolitik und den Mechanismus der Verbriefung forciert.
Flottierendes Geldkapital musste angelegt werden, u.a. mit der Ausgabe von billigen Immobilien- und Konsumentenkrediten, der Verschuldung durch Kreditkarten, die selbst an US-Haushalte ohne feste Einkommen ausgegeben wurden, die damit wiederum die Warenströme aus China finanzierten. Die auf diese Schulden verbrieften Wertpapiere wurden international gehandelt und forcierten auch das Wirtschaftswachstum in Ländern mit hohen Exportquoten, China, Japan und Deutschland, in denen sich die Dollarguthaben sammelten. In der Krise zeigt sich dann, dass sowohl die Unternehmen als auch die Konsumenten alles taten, um ihre Schulden zurückzuzahlen, was zu einem drastischen Nachfragerückgang und zu einem Sinken der Preise führte. Fisher zeigt in seinem berühmten Artikel „Debt Deflation Theory of Great Depression“, der 1933 erschien, dass die Staatsschulden unter deflationären Bedingungen zu reduzieren, nicht gelingen kann, weil eine Reduzierung der Staatsschulden Unternehmen und Konsumenten noch zurückhaltender werden lässt, wobei aber auch eine Erhöhung der Staatsausgaben problematisch sein kann, weil Konsumenten und Unternehmen dadurch nicht zwangsläufig mehr konsumieren wollen. Vor allem dann nicht, wenn die Vermögenswerte, die in der Aufschwungsphase der Krise als Sicherheit für die Kredite hinterlegt worden sind, an Wert verlieren (Stichwort: Vermögenspreisdeflation). So kommt ein Schulden-Deflationsspirale in Gang.

Wenn aber der Konsumentenkredit nicht mehr steigt, stagniert oder wegbricht, bleibt nur noch der Staat als Finanzierungsmaschine, um neue effektive Nachfrage zu schaffen. Zuvor hatte das System der Investmentbanken durch die Privatisierung der Gesundheit, Bildung und Altersversorgung zusätzlich Milliarden von Spargeldern zugespült bekommen, womit das System der Vermittlung von Ersparnissen zu Investitionen erweitert wird. Mit der steigenden Vernetzung der verschiedenen Märkte und der sich daraus ergebenden wechselseitigen Abhängigkeiten, die Tatsache, dass hinter jedem Investment mittlerweile Serien und Ketten von Absicherungsstrukturen stehen, und das im Zusammenhang mit der enormen Beschleunigung der Umschlaggeschwindigkeiten des Kapitals/Investments, u.a. durch die Entwicklung der Computertechnologie (Zusammenballung und Handel von Risiken in Realtime) wurde die Krisenanfälligkeit / Krisenausdehnungsgefahr exponentiell erhöht.
Die Finanzialisierung ist also diejenige Form der Akkumulation, die den neuen Produktions- und Wertschöpfungsprozessen entspricht. (siehe Christian Marazzi) Von nun an sind die Finanzmärkte das pulsierende Herz des kognitiven Kapitalismus. Marazzi spricht in seinem Buch „Verbranntes Geld“ von einer Wesensgleichheit von Finanz- und Realökonomie, von der Durchdringung sämtlicher Reproduktionskreisläufe des Kapitals durch die Finanzökonomie. (Das Beispiel des ubiquitären Zahlens mit Kreditkarte, das Marazzi erwähnt, um die totale Involviertheit der Akteure in die Dispositive des Finanzsektors zu veranschaulichen, zeigt darüber hinaus, dass heute die Kreditwürdigkeit derselben mit Hilfe einer digitalen Lesetechnik, einer binären Maschinensprache kontrolliert bzw. getestet wird, welche die universelle Austauschbarkeit der Waren, Informationen und Dienstleistungen garantiert.) Dennoch muss man sich sowohl die Börsen- und Finanzmärkte als auch die Arbeitsmärkte und Arbeitsprozesse genauer ansehen. Flexibilisierung und Fragmentierung auf den Arbeitsmärkten, Lohndumping, haben in den 1990er Jahren jene Liquiditätsexplosion forciert, wobei diese Liquidität hauptsächlich in die spekulativen Sektoren der Finanzindustrie geflossen ist, Unternehmen also selbst immer stärker zu Nettokreditgebern auf den Finanzmärkten mutierten. Seit den 1980er Jahren sind nämlich die realen Zinsen höher als die Wachstumsraten des Sozialprodukts, womit deutlich wird, dass die liquiden Mittel der Geldvermögensbesitzer weniger in Investionen der realen Wirtschaft, sondern an die Finanzmärkte fließen. Gerade der paradoxale Finanzkeynesianismus führte über politisch manipulierte Anlageblasen gleichzeitig zur weiteren Steigerung der effektiven Nachfrage, wobei allerdings gefragt werden muss, warum ausgerechnet die USA aufgrund ihres permanenten Leistungsbilanzdefizits ihre führende politische Rolle in den globalen Weltwirtschaftskriegen bzw. auf den market-states beibehalten konnten und können. Während die Aktienpreise nach dem New Economy Crash schnell stiegen, konnten die Preise auf Anlagegüter, wobei die Schulden ja mit der Erwartungen auf deren steigende Preisen verbunden sind, nicht mitziehen, womit der Prozess eigentlich hätte irgendwann ins Straucheln kommen müssen. Aber weil die gesamten institutionellen, monetären und politischen Systeme die Finanzialisierung sogar beschleunigten ging die Show einfach weiter, u.a. mit Hilfe der Politik des billigen Geldes der FED und des Liquiditätszustroms hauptsächlich aus China. Trotz der gegenwärtigen deflationären Situation führt die Nullzinspolitik der Zentralbanken wahrscheinlich langfristig zur Inflation bzw. zur Entwertung des Geldes. Inflationäre Tendenzen kommen im Moment u.a. auch deshalb nicht zur Geltung, weil der Druck auf die Einkommen der produktiven und unproduktiven Arbeit die Nachfrage nach Waren senkt.
Auf den Finanzmärkten wurde trotz der ersten Anzeichen der Subprime-Krise weiter auf die Verteuerung der Finanzinstrumente und der hypotheken- und forderungsbesicherten Derivate spekuliert, und zwar vermittels der Verschuldung von Konsumenten, die in den expandierenden Immobilienmarkt hineingedrängt wurden, den die FED wiederum durch die extrem niedrigen Zinsen zusätzlich begünstigte. Ohne die expansive Geldpolitik der FED hätte es wahrscheinlich keine Immobilieninflation gegeben, zudem wurden die neuen Kreditinstrumente bzw. die Derivatpolitik von der FED bekräftigt und unterstützt. (Dabei bleibt aber unberücksichtigt, dass die FED seit 2002 den Krisenausbruch um einige Jahre hinausgeschoben hat. Zudem wird hier der Zinsspread nicht berücksichtigt. Des weiteren können bei niedriger Inflationsrate trotz niedriger Nominalzinsen die Realzinsen beträchtlich sein. Auch das niedrige Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, das unter den Realzinsen lag, schuf trotz niedriger Nominalzinsen einen Anreiz, auf den Geldmärkten zu spekulieren.) Steigende Hypothekenpreise mit flexiblen Zinssätzen verwandelten die Häuser und Gebäude in reine Geldautomaten, wobei die Aufrechterhaltung der expansiven Geldpolitik/Papierpyramide von der Refinanzierung des Zahlungsbilanzdefizits der USA vor allem durch China abhängig war und ist. China exportiert Waren in die USA und kauft mit den Deviseneinnahmen die verbrieften Konsumentenkredite/ Wertpapiere bspw. von Fanny Mae, kreditiert somit die USA und letztlich die Konsumenten. Die negative Sparquote in den USA und die hohen Konsumentenkredite sind unmittelbar mit den hohen Außenhandelsbilanzdefiziten verbunden, die weniger die Form der Direktinvestitionen aus dem Ausland als die Form des Zuflusses von finanzialisierbarem Geldkapital annimmt, von dem die Börse und das Finanzkapital in den USA profitieren. Geldkapital jeder Art, das der Staaten und Finanzoligarchien, der Superreichen bis hin zur Mafia floss an die Börsen in den USA, Geldkapital, das als realisierte Ausbeutung der Lohnabhängigen und Bauern, als Resultat von Raub und Plünderung sowie Geldwäsche die Substanz dessen herstellt, was die Fondsmanager der großen Finanzinstitute bearbeiten, um Börsenmehrwert herzustellen und zu realisieren. Die Architektur der weltweiten Finanzialisierung wird nach wie vor durch das Akkumulationsregime der USA dominiert, das zugleich die entsprechenden Institutionen benutzt (Weltbank, IWF, G20 etc.), um die Feuerkraft des US- Finanzkapitals und des Staates, aber auch der Industriekonzerne im Rahmen strenger Hierachien und Differenzierungen weltweit aufrechtzuerhalten.
Die Finanzialisierung lässt die Unterscheidung zwischen produzierendem und immateriellen oder parasitären Sektor nutzlos werden, vor allem in Hinsicht auf eine wie auch immer geartete beispielsweise „grüne“ Reindustrialisierung. Marazzi faßt den Prozess der Finanzialisierung folgendermaßen zusammen: “…Um der Sackgasse zu entkommen und die Krise des Finanzkapitalismus kritisch untersuchen zu können, scheint es angebracht, ganz von vorne anzufangen und die Ausgangssituation der Finanzialisierung zu analysieren, den Punkt, an dem die Profite begannen, ohne Akkumulation anzuwachsen. Es ist mit anderen Worten notwendig, die Finanzialisierung als die Kehrseite einer Entwicklung der Produktionsweise zu begreifen, deren Durchsetzung in der Krise des Fordismus ihren Anfang nimmt, in einer Situation also, in der das Kapital nicht mehr in der Lage ist, der lebendigen Arbeit, der Lohnarbeit in der Fabrik, unmittelbar Mehrwert abzupressen. Die These, die hier entwickelt werden soll, lautet also: Die Finanzialisierung ist kein unproduktiver und/oder parasitärer Umweg zu wachsenden Anteilen des Mehrwerts und der kollektiven Rücklagen, sondern vielmehr die Form der Akkumulation des Kapitals, die den neuen Produktions- und Wirtschaftsschöpfungsprozessen entspricht. Die aktuelle Finanzkrise ist insofern nicht so sehr die Implosion eines ausbleibenden Akkumulationsprozesses, sondern vielmehr als ein Infarkt der Kapitalakkumulation zu interpretieren.” (Marazzi; Verbranntes Geld, S. 49) Ein Infarkt, der allerdings mit einer Vertrauenskrise auf den Finanzmärkten einhergeht, die den Handel mit Risiken erlahmen lässt (siehe u.a. die Stagnation des Interbankenhandels, welcher der Kreuzpunkt des kurzfristigen Kreditgeschäfts auf dem Geldmarkt ist. Der Geldmarkt ist von zentraler Bedeutung für den Interbankenhandel: Geschäftsbanken besorgen sich benötigte Liquidität zunächst direkt bei den Zentralbanken. Reichen die gewährten Kontingente nicht aus, leihen sie sich auf dem Geldmarkt bei anderen Geschäftsbanken kurzfristig deren überschüssige Zentralbankgelder.) Die europäischen Banken leihen sich beispielsweise im Jahre 2011 eher Geld bei der EZB statt untereinander, obwohl sie für EZB-Kredite mehr zahlen, als sie für Einlagen bei der EZB bekommen.
Die Extraktion des Mehrwerts hatte seit den 1970er Jahren also längst die Fabrikmauern verlassen und findet stärker denn je in der Zirkulation bzw. innerhalb der semiotischen/medialen, auf jeden Fall immer auch materiell basierten Diskurssysteme des Wissens statt, beispielsweise über das crowdsourcing (die Erfassung einer Menge, um das Capturing von Mehrwert zu betreiben) im Internetbereich, womit der Biokapitalismus Wert nicht allein aus als stoffliche Arbeitsmittel agierenden Körpern produziert, sondern es ist der Verbund von Körper, Sprache und Denken, aus dem Mehrwert extrahiert wird. Es sind verschiedene Faktoren, die für Erweiterung der Distributionssphäre eine Rolle spielen: Die Auslagerung von Dienstleistungen und Umwandlung hierarchisierter Strukturen der Unternehmen in multifunktionale Einheiten, die durch Informationsnetze miteinander verbunden sind, Outsourcing von Unternehmenssegmenten, externe Unternehmensberatung, die sog. selbständigen Arbeitskraftunternehmer und letztendlich die Verwandlung von Konsumenten in Produzenten. So leisten z.B Facebookuser kostenlose Arbeit für das Marketing der Plattform, sie leisten Personalvermittlungsdienste und Vertriebsarbeit für eine Internetmaschine, womit zugleich die Grenzen zwischen Lebens- und Arbeitszeit für die User endgültig verschwimmen. Zugleich muss man die Web 2.0. Unternehemen nicht nur als Fabriken zur Profitproduktion begreifen, sondern als Netzwerke und die darin eingebetteten Technologien der Macht und des Regierens, die auf sublime und subtile Weise die innere Dynamik des Lebens regulieren (Foucaultsche Selbsttechniken und Geständnisprozeduren), indem sie es fördern, steigern, transformieren und unterstützen. Gerade weil die WEB 2.0. Unternehmen von der Selbstregulation der Akteure durch deren immense Selbstdarstellungspotenziale ausgehen, setzen die Netzwerke quasi nur die äußeren Bedingungen für die Selbstdarstellungsorgien fest oder manipulieren diese. Technische Features wie Like-Buttons kapitalisieren Affekte, Vorlieben und Wünsche, und das auf freiwilliger Basis. Kognitive Arbeit, Werte des Wissens und der Affekte und Imaginationen konzentrieren sich heute in den Metropolen, einer hochmodernen Fabrik, die Arbeitszeit und Lebenszeit ineinander verschränkt, ein Raum der Kommunikations- und Zirkulationsströme, wo die immaterielle Arbeit danach bewertet wird, in welche Ströme der Kommunikation und in welche Organisationen und Institutionen sie eingespeist wird. Die Profite, die in den Netzwerken entstehen (beispielsweise durch Open Source oder dem Test neuer Programmversionen durch die User), entsprechen immer mehr einer Rente, die im Kontext der Verwaltung, Verteilung und Verwertung der intellektuellen Eigentumsrechte, der Forschungen und erfinderischen Tätigkeiten funktionieren, wobei die Konsumenten zu Produzenten werden, denen jedoch die exklusiven Zugänge zur Kapitalverwertung, die nach wie vor die Superreichen kontrollieren, verschlossen bleiben, vielmehr korrespondiert der intensiven Arbeit, die durch Sprache, Information und Kommunikation geregelt wird, die Dienstleistung, in die die Masse der durchschnittlichen Konsumenten hineingetrieben wird: In der Dienstleistung entspricht das zu Leistende der Leistung, die heute Leistung am Dienst an der Information mittels derselben ist. Zeitgleich wird die Nachfrage nach Arbeit, die fehlt, zur Nachfrage nach dem, was Arbeit ersetzt: Automation und Computerisierung. Ab sofort wird nicht nur die Nachfrage in die Kommunikationssysteme der digitalen Netzwerke eingespeist, sondern die Körper selbst sind als Prothesen in die Kreisläufe der digitalen Kommunikationstechnologien eingehängt. „Die new frontier, die sich dem kapitalistischen Verwertungsprozess mit den Innovationen dieser Art der New Economy eröffnet, ist die Marginalisierung der Lohnarbeit und die Verwertung einer besonderen Form freier Arbeit, nämlich einer weder bezahlten noch vorgegebenen, aber dennoch kontrollierten Arbeit der Anwender“, schreibt Tiziana Terranova. Flexibilisierung und netzwerkartige Unternehmensformen, Prekarisierung der Arbeit und diskontinuierliche Beschäftigungsverhältnisse, Lohnsenkung und kostenlose, unbezahlte Arbeit sind die Ressourcen der neuen Mehrwertproduktion, die als Quellen der Finanzialisierung dienen, und zwar parallel zum Geldkapital, das aus der Überakkumulation herrührt und nicht reinvestiert wird, stattdessen enweder in Direktinvestitionen in die Schwellenländer fließt, in den Finanzsektor oder eben in neue Unternehmen in der Zirkulations- und Reproduktionssphäre. Diese Unternehmen außerhalb des unmittelbaren Produktionsprozesses, deren Dispositive und Relationen durch Protokollarchitekturen der Kontrolle (Alexander Galloway) funktionieren, sauegn den Mehrwert mithilfe von technologischen Ensembles (Onlinewerbung, Datenakkumulation und -auswertung etc), in denen sich eine Vielzahl von Wünschen, Interaktionen und kulturellen Praktiken artikulieren. „Diese Dispositive stehen für die neue organische Zusammensetzung des Kapitals, das heißt für die Beziehung zwischen einem verteiltem, in der Gesellschaft zerstreuten konstanten Kapital als einer Gesamtheit linguistischer Maschinen, und einem variablen Kapital, das deterritorialisiert und entdefiniert ist.“ (Christian Marazzi, S.56) Modell Google mag hier zunächst als Stichwort genügen, wie mittels der Einsparung fixer und variabler Kosten, die durch kostenlose und freiwillige Partizipation der User/Konsumenten entstehen, Netzwerke aufgebaut werden, die permanent an der technologischen Innovation, dem Spreading und der Identifikation mit dem Unternehmen arbeiten. Dabei sind für diese Art von Unternehmen z.T. enorme Kosten für die Produktinnovation, Forschung und Marketing notwendig, um neue Produkte zu entwickeln/designen und auf den Märkten zu platzieren, wobei die Stückkosten für die mittels Digitalisierung hergestellten Kopien bzw, nachfolgenden Produkte eher vernachlässigbar sind. Mit der schwindenden Bedeutung des klassischen fixen Kapitals für eine Reihe von Einzelunternehmen, die sich eine große Anzahl von Produktionsmitteln und Sachkapital nur noch leihen (die entsprechenden Leasingraten werden als kurzfristige Ausgaben verbucht, vgl. Jeremy Riffkin, Access S. 59), geht paradoxal eine wachsende Bedeutung des fixen Kapitals auf der Ebene des (ideellen) Gesamtkapitals einher. Fixes Kapital, das in seiner physischen Form je nach ökonomischer und physischer Lebensspanne für längere Perioden im Produktionsprozess fixiert bleibt, dient beispielsweise bei großen Infrastrukturprojekten der Umschichtung von überakkumuliertem Kapital, was sich als effizient erweisen kann, wenn es zukünftige Akkumulation ermöglicht, womit entstandene Schulden beglichen oder durch höhere Steuereinnahmen infolge der mit Staatsverschuldung finanzierten Projekten Schulden eben verringert werden können. (Harvey)
Finanzialisierung, die mit dem Wertverlust der klassischen Produktionsmittel (Maschinen, fixes Kapital) einhergeht, erweist sich als die Kehrseite der Externalisierung der Wertproduktion außerhalb des unmittelbaren Produktionsprozesses. Sie schafft die effektive Nachfrage, die notwendig ist, um Profite zu realisieren, sie schafft das Rente Werden des Profits und die Verschuldung zugleich. Durch das sog. Overtrading wird darüber hinaus virtuelles Einkommen ausgegeben, noch bevor es überhaupt erzielt worden ist, d.h. Verbriefungen haben verstärkt virtuelle Einkommen geschaffen, deren Realisierung nicht stattfand und niemals stattfinden wird. (Vgl. Christian Marazzi). Zeitlich, im Sinne von Esposito, heißt das, dass man Zukunft in der Gegenwart genutzt hat, und damit virtuelle Einkommen geschaffen, künftige Einkommen in gegenwärtige Verfügbarkeiten übersetzt hat. Dabei ist das Verhältnis von Finanzialisierung und Kapitalakkumulation stets zu berücksichtigen. Der Begriff der Kapitalakkumulation inkludiert Kapitalwachstum, Ausdehnung der Märkte und der Produktionskapazitäten durch Investitionen, die Ausweitung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse qua spatio-terminal fix (D.Harvey), d.h. überschüssiges Kapital erschließt neue Absatzmärkte durch raum-zeitliche Verlagerungen, und, wie zuvor kurz angedeutet, sichert die Integration nicht waren-förmiger Tätigkeiten in die Sphäre der kapitalistischen Verwertung (Hausarbeit, Patentierung intellektueller Eigentumsrechte  sowie weltweite Enteignungsprozesse im Rahmen der Globalisierung.) Auch ohne Investition im Sinne der Schaffung neuer Produktionskapazitäten kann erweiterte Reproduktion/Akkumulation stattfinden, wenn durch corporate governance die Mehrwertrate qua Prekarisierung und Flexibilisierung der Arbeit erhöht wird.
Wenn das Overtrading ein Prozess ist, bei dem außerhalb der unmittelbaren Produktion von Waren und Dienstleistungen Einkommen und damit unter Umständen auch effektive Nachfrage geschaffen wird, dann bricht im credit crunch, der Kreditklemme, die Resultat des Overtrading ist, die zusätzliche effektive Nachfrage weg. Privatkonsumenten erleben Einbrüche ihres Einkommens, Kurzarbeit und Entlassungen finden statt, womit das Moment der Überproduktion noch stärker greift, d.h. es bilden sich nicht absetzbare Mengen von Waren und Kapital, die normalerweise der Entwertung zugeführt werden. Die fehlende Realsierung von Waren- und Geldkapital ergreift nach und nach alle Sektoren der Wirtschaft und steht in unmittelbarer Verbindung mit der durch das Overtrading geschaffenen zusätzlichen Nachfrage, die nun zusehends erlahmt, womit die strukturelle Asymmetrie von Angebot und Nachfrage manifest wird. In den Jahren ab 2000 hatte sich die USA vom Nettoexporteur von Waren und Kapital zum größten Nettoimporteur von Waren, Kapital, Informationen und Wissen gewandelt, was in seinem Bestand nur aufgrund des militärisch-industriellen Komplexes und der geopolitischen Stärke möglich ist, der weltweiten Vorherrschaft des Dollars und der Größe und Macht des US-Finanz- und Aktienkapitals.
Gegenwärtig müssen die USA und auch die Weltwirtschaft ohne den verschuldeten US-Konsumenten auskommen. Der relevante limitierende Faktor für den Konsum der breiten Massen ist nach der Krise wie in früheren Zeiten ganz einfach das Einkommen. Wenn es zu gering ist, bleibt eben die Nachfrage mangelhaft. Das ist nicht nur für die USA ein Problem. Vielmehr hat sich die gesamte Weltwirtschaft daran gewöhnt, dass sich die USA ein wachsendes Leistungsbilanzdefizit leistet, weil die USA länger als andere Staaten kreditwürdig scheint, andererseits  konnte sich die zunächst sektorale Krise auf dem Subprimemarkt wegen der Vernetztheit der globalen Finanzmärkte und der Interdependenzen transnationaler Kapital- und Warenketten schnell ausbreiten und auf die verschiedenen Industriesektoren weltweit durchschlagen. Die Frage ist, ob die Weltwirtschaft mittelfristig in Fahrt bleiben kann, ohne den Antriebsfaktor US-amerikanischer, schuldenfinanzierter Nachfrage, vor allem, wenn die Schwellenländer nicht durch steigende Löhne den Ausfall der Nachfrage in den OECD Ländern auf ihren Binnenmärkten kompensieren, was natürlich bedeutet, die Geld- und Kapitalflüsse nicht weiter in die westlichen Industriestaaten zu lenken. Besonders in Deutschland schien das Wachstum weiterhin möglich, wo nach dem Einbruch 2008/09 wie in früheren Zyklen hohe Wachstumsraten im Export den industriellen Output sowie die gesamtwirtschaftliche Leistung wieder auf das Vorkrisenniveau angehoben hatten. Die scheinbar symbiotische Beziehung zwischen den USA und China bleibt weiterhin instabil, obgleich die USA als consumer of last resort weiterhin auf Kapitalimporte aus China und China umgekehrt auf Warenexporte in die USA angewiesen sind. China kann entweder weiter US-Anleihen kaufen oder es nicht zu tun und damit die eigene Währung aufwerten und somit die eigenen Exporte in die USA unterminieren. Gleichzeitig wird durch die Niedrigzinspolitik der Notenbanken und die Halter der Währungsreserven die Liquiditätsschwemme in gewissem Maße konserviert, wobei keiner der drei großen Widersprüche (latente Überakkumulation, Nachfragedefizite und globale Disproportionalitäten zwischen Ländern mit Handelsbilanzdefiziten und -überschüssen) gelöst werden können. Und wie zu erwarten sind nach der Finanzkrise von 2007 die Staatsschulden an die Stelle der Konsumentenkredite getreten, wobei die Banken ihr Spiel mit dem Handel von Risiken nun mit Staatsanleihen bis zu einem gewissen Punkt fortsetzen. Die vorschnell als Verstaatlichung der Banken bezeichneten Rettungsmaßnahmen erwiesen sich als die private Aneignung öffentlicher Guthaben durch das Finanzkapital in einem bisher nicht gekannten Ausmaß, wobei sich die Staaten als “ideelle Gesamtbankiers” weiterhin stark verschuldeten und zugleich fleißig Staatsanleihen ausgaben.  Als die Notenbanken mit ihr Politik des billigen Geldes bzw. dem Senken des Leitzinses auf fast Null einer Liquiditätsfalle bei den strauchelnden Banken entgegenwirken wollten, hatte das insofern keine Auswirkungen auf die Geschäftsstrategien der Banken, als diese das Geld nicht den Unternehmen oder anderen Banken weiter verliehen, sondern entweder bei den Notenbanken parkten oder in Instrumente investierten, die fast so liquide wie Bargeld sind, nämlich in Staatsanleihen. Aufgrund dessen, dass die Banken ein Konto bei der Zentralbank halten, ist es ihnen möglich Staatsanleihen mit billig aufgenommenem Zentralbankgeld zu kaufen und die Zinsdifferenziale als Gewinne einzustreichen. Die Banken haben also Schuldnerstaaten gefunden, die zu höheren Zinssätzen Geld leihen als die Banken für das Geld bei den Notenbanken zahlen. Das können weder die Unternehmen noch die Konsumenten, sondern eben nur Staaten sein. Zugleich wird den Finanzmärkten von der Notenbank Liquidität über Kreditvergaben und mehr oder weniger direkte Geldvergaben bis hin zum Schattenbankwesen zugeführt. Die Notenbanken fungieren nicht nur als Kreditgeber, sondern, und das vor allem die FED, als Investor, beispielsweise durch den Kauf kurzfristiger Geldmarktpapiere und letztendlich langfristiger Schuldtitel, wie eben Staatsanleihen, womit die Geldmenge (M3) zusätzlich ausgedehnt wird. Die Sicherung von Rahmenbedingungen der Verwertung der Geldvermögen reduziert jedoch die führende Rolle der Zentralbanken im zweistufigen Bankensystem immer stärker, zugleich gehorchen sie mit der Gewährleistung der Kreditversorgung und der Stabilisierung der Währung und des jeweiligen Finanzplatzes weniger den Strategien der jeweiligen Regierungen als den Signalen der globalen Finanzmärkte. Thornton warf schon vor einiger Zeit die Frage auf, inwieweit beispielsweise die Leitzinsentscheidung der Fed überhaupt als exogene Variable gelten kann, und inwieweit sie der Marktentwicklung nur folgt: “Die entscheidende Frage ist: Wann hat die Fed die Märkte bewegt – und wann die Märkte die Fed?” (Thornton 2000, 22) Die Änderungen der Leitzinsen haben nichts mit einem veränderten Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage nach Zentralbankgeld zu tun. Weder führt eine Erhöhung der Leitzinsen automatisch zu einer verminderten Nachfrage nach dem verteuerten Zentralbankgeld, noch eine Verminderung der Leitzinsen zu größerer Nachfrage. Der Bedarf der Banken nach Zentralbankgeld ist eher zinsunelastisch und folgt vor allem der Entwicklung ihrer Mindestreservepflichten und den Notwendigkeiten des Interbankenzahlungsverkehrs. (Die EZB gehört nicht den Staaten, sondern den nationalen Zentralbanken. Es gibt zwischen der EZB, der Bundesbank und der Bundesrepublik weder eine Anstaltslast noch eine Gewährträgerhaftung, die festlegen würde, dass der Steuerzahler für Verluste der Zentralbank in Rechenschaft zu ziehen ist.) Mit dem Boom auf Staatspapiere, womit das Geld im Finanzbereich bleibt, ist ein weiterer finanzieller Kapitalkreislauf eröffnet, denn der handelbare Eigentumstitel einer Staatsanleihe gewährt relativ sichere Zinszahlungen, die auf regelmäßige Steuerzahlungen bezogen sind. Die Aufblähung der Staatsschulden und die regelmäßigen Zinszahlungen, die über die direkte und indirekte Besteuerung der Lohnabhängigen vermittelt sind, werden zu einer zentralen Form der Mehrwertaneignung. Das Steuersystem ist ein Ausbeutungsverhältnis sui generis, das heute den Umverteilungsmechanismen und darüber vermittelt dem Finanzkapital dient. Die Praxis, den Staat allerdings nicht allein durch Steuern, sondern in großem Umfang durch Staatsanleihen/ private Gläubiger finanzieren zu lassen, erzeugt den Schein ungeheuren Reichtums auf seiten der Gläubiger, die die Schulden der Staaten als ihr Vermögen verbuchen. Auf der gesamtgesellschaftlicher Ebene betrachtet, sind diese Schuldtitel aber nur als Werte zu begreifen, wenn der Staat das geliehene Geld aus eigenem Guthaben zurückzahlen kann. Denn so lange die alten Kredite nur durch die Aufnahme neuer beglichen werden können erweisen sich diese als fiktives Kapital. Als eigene Guthaben stehen den Staaten letztlich nur ihre Steuereinnahmen zur Verfügung. Mit den Staatsanleihen hält das Finanzkapital Besitztitel an den Steuereinnahmen, die auf seine eigene, zukünftige Verwertung auf deutlich erweiterter Stufenleiter erhoben werden sollen.
Dabei zeigt die gegenwärtige Griechenlandkrise, dass Staatsschulden bis zum Bankrott eines Staates führen können, wenn Spekulanten ein Land angreifen. Es ist dabei nicht die Höhe der Schulden, sondern die Zinskosten, die ein Land an den Rand der Zahlungsunfähigkeit treiben können. Diese Zinslast besteht aus der Höhe der Verschuldung und dem Zinssatz. Während die Höhe der Staatsschulden von der Politik bestimmt wird, wird der Zinssatz der Staatsanleihen von den Akteuren auf den Finanzmärkten generiert. Heute sollen nun die europäischen Staaten die Banken und Versicherungen als Gläubiger der schrottreifen Papiere aus Griechenland, Spanien etc befriedigen und herauskaufen, damit anschließend jeder Staat für sich frisches Geld bei eben diesen Instituten ausleihen kann.
Umgekehrt ist es das Konglomerat aus Fonds, Banken und Rating-Agenturen, das Staatsanleihen kauft und risikoversichert sowie die Kreditwürdigkeit der Staatsanleihen und die darauf anfallenden Prämien der Kreditausfallversicherungen definiert (Rating-Agenturen). Somit wird sowohl die Höhe der Zinskosten als auch die Versicherungskosten auf Staatsanleihen von jenem Finanzkonglomerat definiert, die mit Steuergeldern bzw. diversen Bankenrettungsfonds zum Teil vor dem Bankrott bewahrt wurden.
Geldschöpfung ist das übliche Geschäft der Notenbank. Sie emittiert ihre jeweilige Währung, ähnlich wie eine Aktiengesellschaft Aktien oder Anleihen begibt. Sie tritt als Gläubigerin dieser frisch gedruckten oder in Computerzeichen festgehaltenen Zeichen auf, wobei diese Geldgutschriften den im Währungsgebiet zugelassenen Banken zur Verfügung gestellt werden, die sich allerdings das Zentralbankgeld auch von anderen Kreditbanken holen können, was wie Ackermann sagt der entscheidende Punkt für die multiple Geldschöpfung ist, in Hinsicht auf Erzielung einer ordentlichen Rendite. Banken geben wiederum per Kredit dieses Geld an Konsumenten weiter oder an die verschiedenen Staatsinstitutionen. Dabei wird der Staat selbst zum asset, zur Kapitalanlage. Das ist die simpelste der sehr vielen Methoden der Banken, Geld mit Geld zu verdienen.
Wird die öffentliche Schuldenpolitik als Konjunkturinstrument und Regulationsinstanz akzeptiert, dann vollzieht sich damit zugleich die Subsumtion unter die Verwertungsinteressen des Finanzkapitals. Das zeigt sich daran, dass im Fall einer stärkeren Verschuldung der Staaten private Investoren für den Kauf von öffentlichen Schuldverschreibungen hohe Nomimal- und Realerlöse einfordern, um sich gegen die Risiken von Staatsbankrotte absichern zu können. Wenn also dem expandierenden Angebot an Staatsanleihen eine relativ geringe Nachfrage gegenübersteht, dann wird der Verdrängungswettwewerb zwischen Staats- und Unternehmensanleihen forciert, d.h. der Staat konkurriert mit dem Kapital um knappe finanzielle Ressourcen und sieht sich trotz eigener steigender Schuldenlast gezwungen, Unternehmen durch den Ankauf ihrer Anleihen zu stützen.
Dennoch ist relativ zu laufenden Geschäften, relativ zum ausgereichten Kreditvolumen, relativ zur Bilanzsumme das Weltfinanzsystem kapitalschwach. Relativ zu seiner Eigenkapitalausstattung dreht der Finanzsektor ständig hypertroph durch. Zugleich haben die USA die Grenze keynesianischer Finanzmanöver erreicht, die wiederum von den Schwellenländern, hauptsächlich China finanziert werden, ein Garant dafür, dass US Regierung und Notenbank wiederum nicht in der Lage sind, die Auswirkungen des Liquiditätsstromes aus Schwellenländern zu steuern. Während sich das Haushaltsdefizit permanent erhöht, sieht sich die FED gezwungen, ständig neues Geld zu drucken, um einer Rezession entgegenzusteuern. Der Konjunkturaufschwung nach 2008 stützte sich in den USA auf eine expansive Währungs- und Steuerpolitik. Doch sie blieb letztlich wirkungslos, das billige Geld führt weder zur Ankurbelung des Konsums noch zu steigenden Investitionen, und das umso weniger, solange man auf eine unwahrscheinliche Wiederkehr der Inflation wartet und den damit einhergehenden Anstieg der Zinssätze -, während Kreditknappheit und Austeritätspolitik besonders in Europa in ihrem Zusammenspiel in eine Deflationsspirale münden, d.h. es findet eine Entfuturisierung der Zukunft statt bzw. die Zukunft implodiert in der Gegenwart. Selbst durch Staatsverschuldung in Mitleidenschaft gezogen und immer noch Halter toxischer Papiere spielen die europäischen Banken im Zusammenhang mit den Finanzhilfen der EU und des IWF für die europäischen Randstaaten in der gegenwärtigen Situation die entscheidende Rolle und sind zugleich die forcierenden Kräfte hinter den Sparmaßnahmen, die man den betroffenen Regierungen aufzwingt. Die Interventionen der EU zugunsten der meistverschuldeten Länder sind vor allem Maßnahmen zur Rettung der großen europäischen Banken, dahinter verbirgt sich eine Rekapitalisierung in einem Moment, indem die Banken einander nicht mehr vertrauen, wodurch der Handel zwischen ihnen praktisch zum erliegen gekommen ist. Ein drohender Ausverkauf von Staatsanleihen, beschleunigt durch Abwertungen des Euro, verursacht andauernd Kursabstürze bei diesen Titeln und führt gleichzeitig zu steigenden Zinssätzen, was den Schuldendienst der Länder zusätzlich belastet und ihre Defizite weiter wachsen lässt.
In der aktuellen Weltwirtschaftskrise haben sich also die Verhältnisse erneut gewandelt. Die kapitalistischen Kernstaaten – USA, die Europäische Union, Japan – hatten zuvor ihre Verschuldung massiv erhöht. Im wesentlichen aus vier Gründen: Sie haben die von der Insolvenz bedrohten Banken in ihren Ländern gestützt. Sie haben die sinkende Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern durch staatliche Konjunkturprogramme auszugleichen versucht. Sie haben auf die im Zuge der Wirtschaftskrise einbrechenden Steuern nicht mit Kürzungen der Ausgaben reagiert, wobei sich die Ausgaben automatisch erhöhen, wenn wie in weiten Teilen Westeuropas soziale Sicherungssysteme bestehen.
Sie müssten u.a. auch wegen der Austeritätspolitiken stark rückläufige Steuereinnahmen hinnehmen. Andererseits konnten sämtliche geldpolitischen Strategien wie Zinssenkungen, Liquiditätszuschüsse für die Banken und Wechselkursinterventionen weder die Investitionen noch die private Nachfrage stimulieren, da der private Sektor in der Krise alles tun wird, um Schulden abzubauen. Im Falle einer deflationären Entwicklung, fallende Preise und nominell fallende Zinsen, erhöht sich paradoxerweise die eigentliche Belastung durch Schulden, da die Deflation den realen Wert nominaler Verbindlichkeiten erhöht, d.h. die Realzinsen steigen an, womit die Kreditkosten der Haushalte und Unternehmen unerwartet anwachsen. (Während bei einer Inflation der Kreditnehmer mit der Zeit Schulden in einer Höhe zurückzahlt, die weniger wert sind als zu der Zeit, als er den Kredit aufgenommen hat, ist es bei der Deflation genau umgekehrt: Schulden werden mit Geld zurückgezahlt, das mehr wert ist als zum Beginn der Kreditaufnahme, obwohl weniger Geld zur Verfügung steht, da die Einkommen gesunken sind.) In der Krise stellt sich nun heraus, was Frank Engster ausführt, „dass die Gesellschaft, wie es durchaus treffend heißt, »über ihre Verhältnisse gelebt« hat. So ist das Kapital in den Jahren des Finanzkapitalismus unverhältnismäßig geworden, und zwar unverhältnismäßig sich selbst gegenüber. Es ist ein Schuldverhältnis eingegangen, das sich nicht zu einem Nullsummenspiel zwischen Verschuldung und Tilgung, Schuldner und Gläubiger ausgleicht. Stattdessen ist man gleichsam ein Schuldverhältnis gegenüber sich selbst eingegangen, nämlich durch eine Vermehrung des Geldes, die nicht durch ihre Verwertung in Wert gesetzt und gedeckt wurde; die kapitalistische Gesellschaft ist dadurch als ganze bei ihrer eigenen Zukunft verschuldet. Es ist also nicht nur die Normalität, die im Nachhinein etwas anders gewesen sein muss, als sie zu sein schien, es sind auch und gerade die guten alten Zeiten, die Zeiten des Fortschritts und des Wachstums, die im Nachhinein gleichsam zu anderen Zeiten werden.
So kommt es, dass die Krise zwar einerseits die Normalität weiterhin geltend macht und versucht, sie wiederherzustellen und zu ihr zurückzukehren, andererseits aber nicht zu derjenigen Normalität zurückkehren kann, von der sich in der Krise ja gerade herausstellt, dass sie keineswegs normal, sondern krisenhaft gewesen ist – die Krise der Normalität kommt nur unzeitgemäß, sie kommt nachträglich. Jedenfalls gibt es kein Zurück mehr zur Normalität, zumindest nicht zu der bisherigen.
Die eigentliche Krise ist daher die Krise der Normalität: dass die Normalität nicht gewesen ist, was sie zu sein schien. Was in der Krise krisenhaft wird, ist der Versuch, die Normalität von der Krise zu unterscheiden. Plötzlich ist es die Normalität, die von der Krise infrage gestellt wird, und es sind gerade die guten alten Zeiten, die rückwirkend entwertet werden, und noch diese Unterscheidung zwischen Normalität und Krise kommt auf eine nachträgliche, unzeitgemäße Weise. Die Krise stellt plötzlich klar: So konnte es nicht weitergehen, ja, das konnte gar nicht gut gehen. Plötzlich wissen alle, dass niemals gut gehen konnte, was der »ungezügelte Finanzkapitalismus« getrieben hat, dass der Markt Regeln braucht und nicht sich selbst überlassen sein darf, dass das Finanzkapital durch Ausweitung der Geldmenge, riskante Kredite, Spekulationsgeschäfte u.ä. zu sehr expandiert ist und dass das Unternehmerkapital zu viel produziert hat.
Wenn bereits jene Normalität krisenhaft gewesen ist, so »erinnert« sich in der Krise ein gesellschaftliches Verhältnis, das »über seine Verhältnisse« gelebt hat, nur an die Notwendigkeit, wieder an sich zu halten, in Zukunft wieder Maß am eigenen Verhältnis zu nehmen – diese Erinnerung ist die eigentliche Rückkehr der Normalität. Allerdings macht die »Erinnerung« sich praktisch geltend, zunächst schlagartig, als umfassende Entwertung, Zusammenbruch, Platzen einer Blase u.ä., und dann lang anhaltend, in einer Phase der Rezession, die durch eine nachholende In-Wert-Setzung für die »unverhältnismäßige Normalität« der Vergangenheit bezahlen muss.“
Ohne hier näher auf marxistisch inspirierte Krisentheorien einzugehen (Überakkumulations- oder Unterkonsumtionskrise, tendenzieller Fall der Profitrate etc, womit sich zeigen würde, dass sich die für die weltweite Kapitalverwertung notwendigen Profitsteigerungen schon seit einem Jahrzehnt nur durch unverhältnismäßige Wertsteigerungen von fiktivem Kapital ergeben haben.) lässt sich selbst mit dem neokeynesianischen Ökonomen Minsky zeigen, dass neben der Spekulationsblase an den Finanzmärkten (eine Phase der Euphorie und neuer Impulse folgt eine Phase radikaler Nachahmung und Hyperspekulation an den Börsen, darauf die Panikphase, Konsolidierungsphase und Neuordnung, siehe Charles Kindleberger) weitere Faktoren hinzutreten müssen, damit Krisenprozesse ausgelöst werden, die die Schulden- und Kreditökonomie und damit die kapitalistischen Stabilitätsbedingungen ins Schlingern bringen, und das ganz entgegen der Annahmen der bürgerlichen Ökonomiewissenschaften, nach denen nach wie vor Preissignale auf den Märkten Nachfrage und Angebot steuern und die über kybernetische Feedbackschleifen sich selbst organisierenden Systeme dem optimalen Gleichgewichtszustand zuführen. Im Zyklus der erweiterten Reproduktion des Kapitals lässt sich nach Minsky folgender Verlauf ausmachen: In stabilen Perioden mit positiven Langzeiterwartungen wird sowohl die Finanzierungsnachfrage als auch das Investitionsvolumen nach und nach angeheizt, bis zu einem Punkt, an dem die Unternehmen ihre Risikoscheu ganz ablegen und die Bereitschaft ständig steigt, zusätzliche Schulden aufzunehmen, wobei die Gewinne aus Investitionen nicht mehr der Kredittilgung, sondern der Reinvestition dienen, unter Umständen werden fällige Kredite schon mit weiteren Krediten finanziert. Neue Finanzinstrumente Derivate und Geldsubstitute und -typen werden von seiten der Finanzinstitutionen erfunden, wobei der Preis für Geld unverändert bleiben kann, aber die Verschuldung der Unternehmen wächst. Höhere Investitionen führen wiederum zu steigenden Gewinnen, die aber nicht ausreichen, um den fälligen Teil der Gesamtschuld abzutragen, obwohl der Zugang zu Krediten erleichtert wird. Die effektive Geldmenge wächst an und die steigenden Preise für fiktives Kapital erhöhen die Nachfrage nach Krediten, die von den Banken nach wie vor bedient werden, womit das Geldangebot wächst und der Schuldenumlauf ansteigt, was wiederum den Versuch Schulden durch riskante Investitionen auszugleichen anheizt, was den Anstieg von Fremdfinanzierung und Schuldendienst bei den Unternehmen forciert. Sowohl die Preise für Finanzialisierungsprodukte als auch Investitionsgüter steigen an. Die Refinanzierung der Schulden stellt ab einem gewissen Zeitpunkt ein Problem dar. Das kybernetische Feedbacksystem ist trotz des Anstiegs der fremdfinanzierung und wachsendem Schuldendienst extrem euphorisiert, bis zu eben zu jenem kritischen Punkt, bei Minsky dem sogenannten Ponzi-Fall, an dem neue Kreditaufnahmen massiv mit Zinseszahlungen belastet sind, die die Cash Flow Gewinne eine beträchtliche Zeit lang übersteigen, so dass die ersten Vermögenswerte verkauft werden oder neue Fremdfinanzierung erfolgen muss, womit es zu kaskadenartigen Verflechtungen kommt. Das spezifische Verhältnis der konträren Kapitalströme von (erwarteten) Profiten und terminierten Verbindlichkeiten löst den sogenannten point of no return aus, d.h. das Verhältnis von Renditen und Kreditverpflichtungen wird prekär; die Relation zwischen terminierter Verbindlichkeit und erwartbaren Ertragsaussichten erfordert also entweder die Aufnahme neuer Anleihen oder den Verkauf von Vermögenswerten, u.a. weil Banken, Unternehmen und Spekulanten ihre Liquidität ständig verringern, und das in Folge fallender Preise von Wertpapieren auf den Finanzmärkten und steigenden Kosten der Fremdfinanzierung zur Finanzierung von Investitionen. Zentralbank/Wirtschaftspolitik können dann zwar die per se instabilen und ungleichgewichtigen Märkte mit neuer Liquidität versorgen, aber aufgrund der begrenzten Wirkung der Geldpolitik muss laut Minsky die staatliche Intervention hinzukommen, um die Gewinne und die effektive Nachfrage zu stützen und zu stabilisieren. Neuralgische Punkte dieser Theorie bleiben die Bestimmung des jeweiligen Verhältnisses zwischen Eigen- und Fremdfinanzierung, die Konzentration Minskys auf Sachinvestitionen sowie die von ihm unbeachtete seit den 1990er Jahren realisierte Möglichkeit, die Abhängigkeit effektiver Nachfrage von gesamtwirtschaftlichen Investitionen durch die Ausweitung des Konsumentenkredits zu umgehen. Letztlich der unbändige Glaube an die finanzielle Souveränität des Staates und der Verzicht, die Einbindung der industriellen und geldkapitalistischen Zyklen in die strukturellen Bewegungen der Akkumulation zu problematisieren, wobei gerade in Krisen qua neuer Technologien, Konzentrationstendenzen, Staatsintervention etc. die basics für langfristige Entwicklungen geschaffen werden, indem ein altes Akkumulationsregime durch ein neues ersetzt wird. Zur Investitionsproblematik muss man hinzufügen, dass für das industrielle Einzelkapital der Vergleich zwischen vergangener durchschnittlicher Profitrate auf das ingesamt fungierende Kapital und erwarteter Profitrate auf Investitionen entscheidend ist, um neue Zusatzinvestitionen vorzunehmen. Ist die erwartete Profitrate größer als die durchschnittliche, werden die Investitionen ansteigen und es wird mehr Kapital akkumuliert. Die Ausweitung der Produktion und Zunahme der Beschäftigung führen zudem zu einer Verbesserung der Realisierungsbedingungen der Kapitale.
(Das Präfix E bleibt bis auf Weiteres der universelle Signifikant des Machtdispositivs Internet, es markiert den neuen Techno-/Informationskapitalismus, der die Hegemonie des Finanzkapitals perpetuiert & assistiert, wobei die neuen Technologien der Wissensproduktion, die Informationstechnologien, der Pool immaterieller Arbeit und die symbolische bzw. Zeichenkommunikation als potentiell unendliche Ressourcen dienen. Der Binärcode ist die semiotische Universalmünze. Die Akteure sind im Echtzeitmassenmedium der Computerbörsen Schnittstellen von Informationsströmen, pulsierenden Signalcodes und dem Binärcode selbst. Ob Derivate, Devisen oder Aktien gehandelt werden, sie müssen sich als Serien von 0 und 1 darstellen bzw. prozessieren lassen. Der Binärcode macht als reines Zeichengeld Bedeutungen und Zeichensysteme übersetz- und austauschbar, quasi kann er als ein technisches Apriori gelten, das die ubiquitäre Spekulation an allen möglichen Börsen, die längst selbst private Kapitalgesellschaften sind, ermöglicht. Echtzeit ist jene Zeit, die durch Nutzung der digitalen Übertragungsgeschwindigkeiten in Annäherung an Lichtgeschwindigkeit die Gleichzeitigkeit der Verfügung über Daten und Informationen in allen Zeitzonen weltweit herzustellen in der Lage ist. Dafür bedürfen Sender, Kanal und Empfänger einer Netzwerktechnologie, die diese Zeitkonstruktion in einen virtuellen Übertragungsraum aufzuspannen vermag, wobei alle Informationsströme gleichzeitig zu sein scheinen, so dass leicht vergessen wird, dass das kapitalistische Zeitmanagement abstrakte Zeit zu einem unter Effizienz- und Effektivitätsgesichtspunkten zu bewirtschafteten Quasi-Produkt vieler Kapitale transformiert, die mit Ungleichzeitigkeiten operieren. Dieses operative Zeitkonzept kennt Zeit nur als lineare, qualitätslose und abstrakte Fluss-, Mess- und Steuergröße, das nur scheinbar ohne Brüche, Verschiebungen und Setzungen auskommt. Das Echtzeitregime der Finanzmärkte bleibt zwischen die objektivistische, operationable Zeit der vielen Finanzkapitale und das subjektive Zeiterleben der Akteure und Beobachter an den Screens eingespannt. Zugleich betreibt die globale Echtzeitökonomie (Telekommunikations-, Informationsmedien und Unterhaltungsindustrie) eine Geldschöpfung, bei der die Instantaneität der Datenübertragung, z.B. Zeitspannen von der Order über das elektronische Netzwerk bis zum Backend und deren Bestätigung zurück zu Kunden, die Zeit zu einem Parameter/einer Variablen der Zahlungen selbst macht. Vorausgesetzt wird bei der Simulation, dass es zunächst das instantane eines Moments geben muss, um so etwas wie einen (Gleichgewichts)zustand zu erfassen. das wäre wohl der Querschnitt (der selbst noch in Bewegung ist) durch die unendlichen, unterschiedlichen Transaktionen, die in ihm ( dem instantanen Moment) stattfinden. (Bedingungen für Gleichgewicht, wenn man Technologie, Ressourcen und Ziele der Akteure einbezieht, sind nur dann erfüllt, wenn quasi ein System ohne Zeit existiert, in dem alle Entscheidungen simultan getroffen werden, d.h. vorausgesetzt ist eine Trennung zwischen Sein und Werden, die zuallerest die Suche nach der idealen Form, dem Gleichgewicht, ermöglicht. Die Lösung besteht nun darin, dass man den Maßstab in das Werden selbst verlegt, bzw. der Maßstab wird vom Werden selbst angezeigt. Der Maßstab selbst hat keine Identität, vielmehr ist das Werden ein sich ständig wandelndes Maß. Man müsste also einen Supercomputer bauen, der in jeder Nanosekunde alle stattfindenden Transaktionen abbildet. Die Frage bliebe dann die, ob man dann einem göttlichen Demiurgen aufsitzt oder einer naiven Widerspiegelungstheorie.
Globalisierung der Informationstransfers und Kapitalspekulationen vollziehen sich in einem Zeitraum der Extensitäten und temporär verdichteter Wirkungen (Steigerungen der Transaktionszahlen pro Zeiteinheit aufgrund der Beschleunigung der Datenübertragungsraten innerhalb einer Zeiteinheit in einem Kanal). Manuel Castells hat in seiner Netzwerkanalyse den elektronischen Netzwerken der Börsen einen sogenannten space of flow attestiert, der in einem interaktiven Bezugssystem mittels dezentraler Verzweigungen und temporärer Verdichtungen Aktivitäten und Akteure innerhalb einer unendlichen Zahl von diversen Knotenpunkten miteinander verknüpft. Bei der dynamischen Organisation der Finanzmärkte hat er eine Dreiteilung eingeführt: a) die materielle Ebene der technischen Infrastruktur für Kommunikation in Echtzeit, b) hierarchische Knotenpunkte im Netz, c) die machttechnologische Ebene der räumlichen Organisation, die durch Steuerung der Eliten im Raum die Flüsse und Ströme infiziert und kontrolliert. Ökonomische Interaktion/Transaktion ist durchdrungen mit computerisierten Steuerungs- und Rechnungstechniken bis hin zur Auswertung von Nutzerinformationen, die in kybernetischen Feedbackschleifen prozessiert werden. Dabei dienen Algorithmen als Steuerungs- und Effizienzmechanismen, deren immanente Performativität sich einer Syntax und Grammatik (Softwarecodes) verdankt, Protosprachen, die Praktiken der Schrift, Statistik und Mathematik sind. Die kybernetisch/wahrscheinlichkeitstheoretischen Befehlsketten sind von Maschinen interpretier- und ausführbar. Code sagt aus, „dass aus etwas etwas anderes wird, nicht nur wie bei Metaphern anders heißt.“ (Kittler, Code oder wie sich etwas anders schreiben lässt; S.18)