Pole Position (Cuts 2)
ANMERKUNG 12 & 13
Der sogenannte Bumerang-Effekt zeigt sich in der bisher letzten Finanzkrise darin, dass ein Ereignis in einem Teil des Systems Effekte auslöst, die sich auf dem Weg über den Globus steigern, um wieder auf den Ursprungsort zurückzuwirken. Das strategische Kalkül der Prognose- und Kalkulationstechniken in der Finanzwirtschaft besteht nicht nur darin, Risiken zu bewerten, sondern sie geradezu zu produzieren. Die Gefahr, Preise falsch zu kalkulieren und Kreditrisiken in ihrer globalen Streuung auch falsch zu bewerten, nahm in der jetzigen Finanzkrise ihren Ausgangspunkt tatsächlich bei einer Überheizung und anschließender Korrektur auf den Immobilienmärkten in den USA, d.h., die Preise schossen in direkter Verbindung mit neuen Formen der Hypotheken in die Höhe und fielen im Abschwung umso steiler. Bis dahin wurden nicht nur die Schuldverschreibungen der Hypothekenanbieter begierig aufgekauft, sondern auch die Einkünfte aus Hypothekenzahlungen in Wertpapiere verpackt und gehandelt. Darüberhinaus wurden die mit diesen Wertpapieren verbundenen Risiken in Form von Kreditderivaten weiterverkauft. Durch das Verfahren der Verbriefung, bei dem zukünftige Einnahmen zusammengefasst und zu Wertpapieren geschnürt werden, wurde es möglich, die Spirale exponentiell auszuweiten, zumal die Einschätzung der Profitabilität der Wertpapiere von den unsicheren Bewertungen der Ratingagenturen abhing. Die Absicherung gegen die Risiken als auch die genaue Festsetzung der Preise war das erklärte Ziel der Derivatpolitik, die aber immanent scheitern musste.
Bei credit default swaps, sog. Kreditausfallgeschäften, werden Ausfallrisiken mit Bezug auf Kredite gehandelt. Der Sicherungsnehmer versichert sich bei einem Versicherungsgeber gegen den Zahlungsausfall eines Schuldners, den man als »Referenzschuldner« bezeichnet, und zahlt dafür eine Gebühr. Tritt der Versicherungsfall ein, erbringt der Versicherungsgeber die vertraglich fixierte Leistung und erhält dafür vom Versicherungsnehmer Aktiva des Rereferenzschuldners in der vorher vereinbarten Höhe. Die CDS-Papiere können jedoch weiterkauft werden, womit Kreditrisiken zwar gestreut, aber auch unberechenbarer werden, und schlussendlich ist es nicht auszumachen, wieviele Verkäufer von Absicherungen überhaupt über die finanziellen Mittel verfügten, ihren äußerst hohen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Wenn Geld immer auch Geldsumme eines Besitzers ist, so handelt es sich hier um die reine Vermutung, dass eine Zahl in Zukunft als bestimmte Summe von jemand anderem besessen werden wird. Der Wert des Derivats leitet sich aus dem Risiko ab, das mit der Volatilität des sog. Basiswerts und der verbleibenden Zeit bis zum Auslaufen einer Option zum Beispiel verbunden ist, und je höher die Wahrscheinlichkeit ist, dass der Preis des Basiswerts sich verändern wird, deso höher wird der Wert der Option sein (Black-Scholes-Modell). Solche Modelle sollen der exakten Preisfindung dienen, indem Risiko und Zeitwerte berechnet werden, eine Ökonomie der Kalkulation, die ohne den Einsatz der neuen Medientechnologien nicht möglich wäre.
Eine Folge dieser neuen finanzmathematischen Modelle sind die sog. CMOs, bei denen strukturierte Wertpapiere in Tranchen unterteilt werden, wobei Zahlungsströme zuerst in Tranchen hoher, dann mittlerer und zuletzt in die mit niedriger Qualität fließen. Entscheidend scheint der Einsatz eines Modells der Risikoberechnung, mit Hilfe dessen man in weitere Risiken investieren kann etc. Ein Ende findet der Prozess, wenn die Zinsen steigen und die Hypotheken wie CDOs mit variablen Zinssätzen nicht mehr bedient werden können, mit den bekannten Folgewirkungen auf die Finanz-Derivatmärkte, wovon der Verfall der Optionen zum Beispiel, dem Recht, ein Wertpapier zu einem vorher festgelegten Basispreis zu einem späteren Termin zu erwerben, nur ein Glied in einer komplexen Verkettung darstellt, unanschaulich und unsichtbar wie eine nukleare Ketenreaktion, allerdings mit ähnlichen Folgen auf das Soziale und den Körper. Ein abstrakt diffuses oder monströses Gebilde, ein Hyperalien, der uns im Takt der Computersimulation bewegt.
Die exponentielle Steigerung der Kriseneffekte ist zuerst auf die Verbriefungen zurückzuführen, die von Investmentbanken, welche Darlehen der Hypothekenanbieter aufgekauft hatten, geschaffen wurden. Das Rating entscheidet, welche Form der Einnahmen mehr Rendite als andere bringt und welche als sehr profitabel zu gelten hat. Gerade die Risikorationalität, die darin besteht, dass auch im Falle eines fehlerhaften Ratings die Verteilung des Risikos nicht von den Hypothekengebern, sondern einer weit gestreuten Landschaft eines globalen Finanzmarkts getragen werden sollte, bringt jedoch die Problematik der Risikoproduktion allererst hervor. Zahlungsausfälle sollten versichert werden, darin liegt die Bedeutung der credit default swaps. B springt für A ein, und lässt sich dafür von A eine Gebühr zahlen, falls C, der sich von A einen Kredit gezogen hat, in einen Zahlungsrückstand gerät. Der Wert des Papiers bemisst sich an dem Risiko auf Ausfall bzw. der vorzeitigen Rückzahlung zum Beispiel eines Hypothekenkredits, dem mit Hilfe von finanzmathematischen Modellen ein Preis gegeben wird. In diese Risiken kann man mittels strukturierten Wertpapiere wie CDOs und CMOs wieder investieren und so weiter. Kalkulationstechniken produzieren also das Risiko, das sich u.a. in falscher Preisberechnung bestimmter Wertpapiere zeigen kann. Irgendwann war man nicht mehr in der Lage den CDO-Markt einzuschätzen, wo Wertpapiere mit hohem Ausfallrisiko letztlich für Investmentbanken attraktiver wurden als solche mit geringem. Wenn das Ausfallrisiko für Hypotheken steigt, reagieren die xxx-fach vermittelten Märkte für Derivate als Erste. Wenn der Wert der Papiere dann fällt, versuchen sich die Banken gegenseitig mit sog. Margin-Calls zu kippen. Die Unsicherheit jeder einzelnen Bank über die eingegangen Risiken steigt damit enorm an. Mangel an gegenseitigem Vertrauen und Unsicherheit gegenüber den eigenen Differenzierungskalkülen vergiften die Märkte. Kontingenz ist nicht steuerbar.
Es stehen heute Statistiken und Wahrscheinlichkeitsrechnung zur Verfügung, mit denen man versucht Preise auf Märkten zu errechnen, auf denen Risiken gehandelt werden. Überführt in ökonomische und finanzielle Techniken, Bilanzierungsregeln, Theorien, Kommunikationstechnologien etc. heißt das, dass man bei Optionen frühzeitig Modelle erfunden hat wie das sog. Black-Scholes-Modell von 1973. Solche Modelle sind Konzepte der Steuerung von Kontingenz, indem sie komplexe Sachverhalte vereinfachen bzw. die Überfülle von Möglichkeiten reduzieren. Die Modelle sind Bestandteile der Performanz von Kapitalsystemen, besonders der der Finanzkapitale, indem man den Versuch unternimmt Unsicherheiten zu reduzieren bzw. Risiken zu kalkulieren. Die Modelle sind eingebettet in ein Denken, das ökonomische Prozesse und Entwicklungen vorhersehbar und beherschbar machen will, und zwar mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung und der Statistik. Dieder Kalkulation der Risiken entspricht deren Produktion. Nicht die Frage, ob kalkulierte Risiken in unkalkulierte Unsicherheiten steuern, sondern die soziale Steuerung von Kontingenz ist das Risikoproblem. Soziale Steuerung ist immer eine Bearbeitung der Zukunft qua Prognose und Kalkulation. Jede individuelle Entscheidung steht unter dem Druck der Risikobearbeitung bzw. Gefahrenvermeidung bzw. unter dem Druck, dass das individuelle Beobachtersystem die eigene (unüberschaubare) Komplexität miteinbeziehen muss, wenn sie aus der Komplexität der Umwelt, der unüberschaubaren Vielzahl von Möglichkeiten auswählen will. Dinge, Menschen und Technologien interagieren so, das der Unfall permanent möglich bleibt. Auf die Zeit und nicht nur die Interaktionen zwischen den Elementen eines Systems bezogen, heißt das, im Fall der Finanzsysteme Modelle zu erfinden bzw. zu fabrizieren, welche die Preisabweichungen zwischen realen und errechneten Preisen als Riskoberechnung bzw. Kalkulation von Zukunft verhandeln. Aber sowohl reale als auch virtuelle Preisfestsetzungen können variieren oder ins Unkalkulierbare gleiten, sodass eine permanente Bearbeitung der Preise notwendig ist, die mißlingt, wenn Preisbewegungen auf dem Hypothekenmarkt den Wert von Wertpapieren beeinflussen, was wiederum Effekte bis auf die CDOs hat, deren Preise bzw. deren Einschätzungen der Preise qua Modell selbst wieder unsicher werden etc. Das Problem ist: Was passiert mit einem Markt, auf dem Risiken gehandelt werden, dessen Riskoberechnungen selbst fragwürdig sind bzw. die selbst Risiken bergen? Darüberhinaus bergen Sicherheitsleistungen, die eine Bank hinterlegen muss, das Risiko sich auszuweiten, wenn die Bank diese nicht mehr bedienen kann.
Marktmodelle oder ökonomische Theorien spiegeln also nicht die Realität des Marktes wieder, sondern bieten performative Modelle an, an denen sich die Teilnehmer orientieren. Jedoch fließt die Form der Beobachtung der Modelle bzw. der Zweifel der Märkte bzw. Markteilnehmer nicht in die Theorie ein oder die Märkte eilen ihrer Beobachtung voraus. Das alles erscheint als Problem der Komplexität, ist aber letztlich ein Problem der Reflexivität, was sich nicht zuletzt in dem unüberschaubaren Ratgebermarkt für Finanzprodukte und Finanzierungshilfen zeigt, der so unüberschaubar ist wie der Ratgebermarkt für Sex oder Liebe. All dies kann nur funktionieren, weil wir ständig gezwungen werden Entscheidungen zu treffen, über deren Auswirkungen wir nur unvollkommene Informationen besitzen. Indem jeder Einzelne seine partikularen Interessen verfolgt, führt die unüberschaubare Zahl der Transaktionen, der Interaktionen und der Kollisionen zu was? Wohlstand? Fortschritt? Gleichgewicht des Marktes? Chaos? Ist es nicht die Logik des Marktes und der Axiomatik der Rendite bzw des Profits, die eine fetischisierte Form von pseudopersonalisierten Verhältnissen annimmt, die sich in überdimensionierten Machtfleischklopsen wie Bill Gates zeigt?
13 Die Utopie der Poesie hat ausgespielt, nein, vielmehr ihr Traum alles bezeichnen zu können, den Dingen durch die reine Sprache, die ihr Inhalt selbst ist, so nahe zu kommen bis Worte und Dinge Äquivalente sind (der ursprüngliche Akt der Benennung) oder bis zumindest Sprache und Schrift Körper werden, die eine direkte Wirkung auf die Sinnlichkeit besitzen. Eine Sprache, die bis in die letzten Winkel jeder Entgleisung (Sade) kommen will, und damit zugleich demonstriert, dass es nicht geht, ist vom Bedeutungsverlust per se bedroht. Früher oder später muss eine Sprache, die rein alles kommunizieren will, wiederum auf die rohe Materialität des Zeichenkörpers zurückkommen und zugleich auf ihren unendlichen, arbiträren Verweisungscharakter, der aber die Dinge nicht erreicht, weil sie einen noch nicht versprachlichten Surplus besitzen, der allererst zum Denken zwingt. Sprache bildet sich nicht in einer Art Dualismus zwischen den (gesehenen) Dingen und den (gesagten) Worten, sondern in der Übermittlung von Gesagtem, vom Hörensagen, sie schreitet in Sätzen so far zu Sätzen from now on voran (vgl. Gilles Deleuze und Josef Mitterer). Damit konstituiert die Sprache die Dinge und tilgt sie zugleich, denn als endliches Referenzsystem kann die Sprache die unendliche Singularität des Seins niemals materialiter abbilden, ohne ihre Funktion als Differenzsystem einbüßen zu müssen. Dinge gehen niemals in Sprache auf, wobei Sprache als Sinnsystem (ständig die Grenze zwischen Sätzen und Dingen verschiebend) permanent substituiert, das heißt, der zweite Satz sagt uns erst etwas über die Bedeutung des ersten Satzes, die wiederum von einem dritten Satz generiert werden muss, wodurch die Dinge permanent in ihrer Nachträglichkeit bezeichnet werden.
Eine poetische Sprache außerhalb des Sinns, der zwischen als Grenzmarkierung Wörtern und Dingen fließt, ein reines Gebiet außerhalb der Zirkulation, eine Sprache ohne (nachträgliche) Verschiebungen und Übersetzungen, eine Sprache, die sich ständig selbst repräsentiert, kann in Hinsicht auf Bedeutungswandel mit dem Geld nicht gleichziehen, das wiederum alles ausdrücken kann. Strukturale Gleichwertigkeiten lassen sich zwischen Geld und Zeichen kaum herstellen, allerdings ist der Bezug sowohl der Zeichen als auch des Geldes auf die unsichtbaren bzw. instabilen Kraftfelder von ihrer Funktion her zwar kein homologer bzw. analoger, aber ein ähnlicher, denn wie Münzen zirkulieren die Zeichen, indem sie auf andere Zeichen verweisen und nicht auf Ideen, die ihrerseits auf Dinge verweisen, und stellen die Bedeutung des jeweiligen Zeichens durch seine Beziehung zu andren Zeichen her, sagen also aus bzw. bedeuten, und auch Geld muss bedeuten, aber was es bedeutet, ist aber ziemlich egal. Wenn somit die Sprache insofern sich selbst ausspricht, indem ihr Sinn in den Sätzen insistiert und in den Dingzuständen attributiert und diese Grenze stets verschiebt, dann verbindet sie sich in ihrer Funktionsweise mit einer der Funktionen des Geldes, das stets seine Verschiebung und ein Sich -Entziehendes intensiviert. Allerdings besitzt das Geld eine spezifisch (immanente) Sogkraft, weil Geld nicht übermittelt bzw. mitgeteilt (oder bei sich gehalten wird), sondern übertragen wird und mit jedem Tausch die Beteiligten verändert (der Zahlende verliert, was er an den Empfänger abgibt), während der Sprechende doch behält, was er an andere weitergibt, und auch mit der Schrift verhält es sich nicht anders, sie wird dem Schriftsteller erst entrissen, wenn das Buch im ökonomischen Kreislauf zu zirkulieren beginnt. Wenn das Reale die unerreichbare Wahrheit der Wirklichkeit wäre, ein permanenter unerreichbarer Exzess, dann wäre das Geld nicht nur der Motor der Wirklichkeit, sondern auch das Agens, dass das Reale ständig vor sich herschiebt, wobei die Schubkraft des Geldes eine der Immanenz ist, das heißt, es schiebt seine eigene sich selbst gesetzte Grenze vor sich her. Die Referenzlosigkeit des Geldes, die mit seiner Performativität korrespondiert, also die Umstellung von repräsentativen auf funktionale »Qualitäten« bzw. seine scheinbar autoreferentielle Funktion als Zeichengeld beweist sich in der Zirkulation des Scheinhaften, wo das Geld wie die Bits gegen andere Zeichen und deren Bedeutungen austauschbar ist, wie flüchtig diese Bedeutungszuweisungen auch sind, vielleicht ähnlich flüchtig wie ein Schreiben, das bezeichnet, was sich von der Bedeutung entfernt, Worte und Sätze, die ihren Sinn voanschieben bzw. entschreiben, weil sie zwischen anderen Worten und Sätzen gespannt bleiben, dass es sie berührt, ohne jemals ganz zu ihnen zu gelangen. Die Sprache als Körper (vgl. Jean Luc Nancy, Corpus, S.63).