Pole Position (Cuts 2)
ANMERKUNG 12
Wenn die Axiomatik des Kapitals (Geld als eine abstrakte, indifferente Quantität, wobei die fetischisierte Formel G-G` die Position eines Mehr! impliziert) in der Posthistoire vor allem in der Form des Derivat-Finanzkapitals prozessiert, wobei der Kredit eine Ware ist, die man rund um die Uhr verhökern kann, weil das Auftürmen der Wertpapiertransaktionen selten stockt, lässt man einmal die Archäologie des (elektronischen) Tippfehlers außer acht, dann geht ja jede Bank fundamental davon aus, dass es niemals zu simultanen massenhaften Auszahlungen von Vermögenstiteln kommt, die nichts als Schulden der Bank repäsentieren, wobei deren Reservefonds niemals ausreichen würde, um diese Auszahlungen zu befriedigen. Um mit Hilfe der synthetischen Finanzderivate höhere Renditen zu erwirtschaften, werden die Vermögen »gehebelt« angelegt, d. h. Unternehmen bis in die Kreise der High Net Worth Individuals hinauf nehmen eher Kredite auf als dass sie auf Investitionen setzen, solange der Zins für den Kredit geringer ist als der Profit einer Investition, so dass die um den Globus flottierenden Kreditgeldströme, wobei die Computerbörsen Verkaufs- und Kaufsströme bündeln, um mit digitalen Informationsströmen zu amalgieren, immer weiter angstiegen sind und die Vermögen heute um ein x-faches übersteigen, womit natürlich auch das Risiko wächst. Um die Risiken der Finanzgeschäfte abzusichern, wurden die sogenannten Finanzderivate erfunden, Instrumente, mit denen das Risiko eines Verlusts wiederum an Dritte verkauft werden kann. Neben den Kreditversicherungen wuchert heute ein Markt an exotischen Papieren, wechselseitige Versicherungen gegen Kreditausfälle, die sog. CDOs bzw. CMOs. Mit den credit default swaps wurden bisher Summen von Krediten versichert, die die tatsächlich vergebenen Kredite und selbst die Wirtschaftsleistung der gesamten Welt ein Vielfaches übersteigen, überflüssiges fiktives Kreditgeld, das durch strukturierte Finnanzinnovationen wie CDOs, CDSs, Futures, Optionen und Swaps quasi automatisch generiert wird (eine Bank nimmt beispielsweise eine Einlage von 100 Euro als Sicherheit, um 500 Euro zu verleihen, wobei die Bank auf diese Summe einen Kreditausfallvertrag (credit default swap) mit einer Versicherung abschliesst und die Summe buchhalterisch hedgt, denn wenn der Kredit platzt, muss ja die Kreditversicherungsgesellschaft einspringen, und deshalb kann die Bank auf die Einlage von 100 Euro gleich einen weiteren Kredit vergeben, um wieder eine Versicherung auf ihn abzuschliessen and so on. Wenn dann in der Kette ein Schuldner tatsächlich zahlungsunfähig wird, erstattet eine Versicherung der Bank den geschuldeten Betrag. Je größer die Wahrscheinlichkeit, dass der Kredit nicht zurückgezahlt wird, desto höher die Gebühr der Bank für die Versicherung, eine Gebühr, die als Rendite für die Versicherung gilt, und je risikoreicher eben die Rückzahlung, desto größer wird der Einfluss des Zufalls. CDSs produzieren den Zufall als permanenten Aufschub, wobei das Exzessive auch wegen des Versicherungsgebers in den Taumel einer reversiblen Zeit gerät, weil, falls ein Bankrott eintritt, der ja irreversibel ist, der Versicherungsgeber den vollen Kreditbetrag ausbezahlen muss, der aber schlau, wie er nun einmal ist, eine zweite Versicherung als Versicherungsnehmer abgeschlossen hat, und nun denselben Betrag erstattet bekommt. Weil also Geld in unglaublichen Dimensionen spekulativ vermehrt wird, bricht in der Krise vorübergehend alles wie ein Kartenhaus zusammen. Investoren investieren Geld, das sie nicht haben. Fonds kaufen Aktien auf Kredit, amerikanische Bürger kaufen Häuser auf Kredit, und wenn die Häuser im Wert steigen, gaben ihnen die Banken noch mehr Kredit, die zu Wertpapieren gebündelt werden, wobei das Billigkreditsystem durch die Politik der Zentralbanken angeheizt wird, die kostenloses Geld ausspucken, womit es für Banken bzw. Global Player ruinös wird, das Geld nicht anzunehmen und nicht nicht zu kapitalisieren. Somit besteht das strategische Kalkül der Prognose- und Kalkulationstechniken in der Finanzwirtschaft nicht nur darin, die Risiken zu kalkulieren bzw. zu bewerten, sondern sie geradezu zu produzieren.