Pole Position (Cuts 2)

 Anmerkung 1

Chief K. unternimmt auch hier mit Gilles Deleuze einen gefährlichen Denkversuch, denn dieser Philosoph denkt die Bestimmung des Differenzbegriffs als in sich selbst unterscheidend, wobei ins Herz der (simulatorischen) Identität die Differenz eingepflanzt wird, die in sich offen ist wie die Öffnung auf sich selbst, womit die Differenz die Faszination und zugleich Furcht einer Öffnung auf Raumzeiten positiver Differenzen entbirgt (entscheidend ist nicht die Differenz an sich, sondern die Verwandlung der Differenz in sich), ein Feld, das im Oszillieren der Virtuell/Aktuell-Verschaltungen koexistiert; eine Differenz, die differiert und differenziert (dem Begriff Differenzierung ist der Unterschied zwischen Differentiation - der Bestimmung des virtuellen Inhalts der Idee - und Differenzierung inhärent - die divergente Aktualisierung einer Idee in Qualitäten/Arten und Elemente/Teile -, wobei es sich niemals um Verfahren des Kopierens handelt, sondern um die Verteilung der (virtuellen) relationalen Singularitäten in ihrer divergenten Ausbreitung bzw. in ihrem Differential (vgl. Gilles Deleuze mit Jean Luc Nancy)), mit sich differiert (also niemals mit sich selbst zusammenfällt), immer auf die positive Gefahr hin, dass jede Entität oder das geformte bzw. modellierte Selbst/Subjekt verliert/verweht, um neue plastische Subjektivitäten durch Formgebung und Deflagration zu generieren, neuronale Subjektivitäten, die sich transdifferenzieren, also ihre Differenz differenzieren, wie sich beispielsweise auf molekularer Ebene Stammzellen in unterschiedliche Zelltypen, Muskel- oder Nervenzellen, umwandeln können. (Die Differentation ist ein Prozess, der die Beschreibung einer Positivität im Modus eines Problems umfasst, in dessen Feld differentielle Verhältnisse und Punkte, Plätze und Funktionen greifbar werden, während die Differenzierung endlich generierte Bejahungen hervorbringt, die sich auf aktuelle Terme beziehen, die diese Plätze und ausgezeichnete Punkte besetzen oder umkreisen, welche wiederum in Relationen und wechselnde Beziehungen eingebettet sind und in diesen auftauchen. Aktualisierung ist immer (bewusste und unbewusste) Differenzierung innerhalb eines (offenen) Feldes von Beziehungen, das Potenzialitäten grundiert, die wiederum neue Relationen als aktuelle Gelegenheiten möglich machen (G. Deleuze: Differenz und Wiederholung, S. 262.).

Auch der Übergang vom Neuronalen zum Mentalen ist eine Transformation, die einen differenzierten Bruch impliziert, der sich in der Behandlung von zerebralen, motorischen Explosivstoffen ausdrückt, in dem genetische und soziale Determismen außer Kraft gesetzt und neue Kräfteverhältnisse geschaffen werden (vgl. Catherine Malabou: Was tun mit unserem Gehirn?). Differenzielle Kräfte, die stets die Herausbildung von Singularitäten ausgehend von neuronalen Matrizes ermöglichen, treiben den Flux des Werdens (Aktivitäten der Neuerung, die auf Differenzierung hinauslaufen) voran bzw. bevölkern als ungeformte Materien und Tensoren die (virtuellen) Ebenen der möglichen Ereignisse bzw. abstrakten Maschinen (Felder, die die Welt der Objekte und Subjekte zu aktualisieren erlauben), ermöglichen quasi als affektiv-neuronale Motoren auf einem Immanenzplan den Übergang von einem Zustand in einen anderen und damit in jedem der Geschehensmomente die Transition der Welt des Vergangenen und des Zukünftigen, offen auf das Außen, das die chronologische Zeit schneidet und den Infinitiv eines radikalen Gedanken-Schnitts setzt, der selbst eine Differenzierung ist, die in jedem einzelnen Gesichtspunkt der bloßen Chronologie die Sukzessivität und Simultanität des Ereignisses zu entreißen versucht. Doch das Ereignis wirkt selbst als eine Kraft, durch die Gedanken-Dinge sich in weiteren Prozessen (die stets weitere Bedingungen des emergenten Denken aktivieren) additiv differenzieren. Das Ereignis ermöglicht der Erfahrung, bewusst zu erleben und zu erkennen, wie die Transformation von Gedanken zu Dingen und Dingen zu Gedanken erfolgt, wie Gedanken und Dinge kollidieren, denn ohne das Ding gäbe es keine Energie für die Formen des Denkens in den aktuellen Ereignissen.

Das Virtuelle des Seins ist Tendenz und Bedingung in einem, im wesentlichen Problem, das sich im Prozess der Aktualisierung des Virtuellen (das, was zu einer gegebenen Zeit an einem bestimmten Ort möglich ist, möglich war oder möglich sein wird) nicht unbedingt lösen muss, sondern weiter differiert und eben dann nicht differenziert/aktualisiert. »Das Sein sagt sich in ein und derselben Bedeutung von all dem aus, wovon es sich aussagt, das aber, wovon es sich aussagt, differiert: Es sagt sich von der Differenz selbst aus.« (Gilles Deleuze: Differenz und Wiederholung, S. 59.) Das univoke Sein wird in den Individuen als selektives Prinzip wirksam (Bedingung), wie die Differenz als Selektion der Grund und ihr Element das Unendliche ist (Tendenz). Und die Differenz ist je konstruktive Tätigkeit, die das Unendliche einführt, das sie auf einen Grund bezieht.

 

Anmerkung 6

 

Übrigens, Geld scheint die Mädchen überhaupt nicht zu interessieren, es muss immer nur in großen Summen vorhanden sein. Und die Mädchen stellen Fragen, ähnlich wie diejenige, mit der Nestroy eines seiner Stücke beginnt: »Die Phönizier haben das Geld erfunden – warum so wenig?« Die Phönizier wussten genau, dass Geld, wenn es im Überfluss vorhanden ist, überflüssig wird. Geld wäre dann ein Gut, etwa wie Luft oder Wasser einfach nur da, um konsumiert/verschenkt zu werden (obwohl in Metropolen wie Tokyo saubere Luft inzwischen Geld kostet). Was gelten will, kann nicht für jeden Einzelnen bzw. Vereinzelten im Überfluss greifbar sein, beispielsweise in der Form des Verwöhngeldes, allerdings sind es nicht die Knappheitsbedingungen, sondern letztlich die Bedingungen von Ungewissheit, die gegenwärtig zahlbare Preise im Vorgriff auf erwartbare Preise fixieren. Scheinbar unstillbare Bedürfnisse werden von den Trendindustrien erzeugt, die auf das Unbestimmte der Zukunft gerichtet und daher quasi-unendlich sind, denn man braucht ja immer Geld, weil man nicht weiß, welche Ansprüche man in Zukunft und die Zukunft stellen wird; und unabhängig davon, wie viel man davon besitzt, erscheint Geld zunächst also immer knapp, wobei im Kreditgeld die Unberechenbarkeit der Zeit in die Zeit hineinprojiziert wird, Geld also für eine in die Zeit hineinprojizierte Verfügbarkeit von Zeit, ge- und verkauft wird (vgl. Elena Esposito: Die Zukunft der Futures. Die Zeit des Geldes in Finanzwelt und Gesellschaft). Entscheidend für die Logik der erweiterten Geldzirkulation erscheint somit nicht die Knappheit, sondern die Ungewissheit selbst, die sich in dem Konflikt entfaltet, was man von der Zukunft erwarten soll und wie sich dann tatsächlich Zukunft realisiert. Der Ereignishaftigkeit der Finanztransaktionen, worin sich in Millisekunden Preisveränderungen und Kursbewegungen vollzieht, ist die Operativität abstrakter ökonomischer Zeit unter reinen Effizienzgesichtspunkten inhärent. Insofern Hedging per se eine Investition in Risiken ist, der heute den Computerhandel in Realtime mit Finanzderivaten verlangt, werden Investition und Spekulation als symmetrische Seiten ein und derselben Operation wirksam, wobei jede Beschaffung von Liquidität - Zahlungen im Kontext der deterritorialisierten globalen Finanzkapitalströme -, mit der Erwartbarkeit von Erwartungen auf weitere Entscheidungen verknüpft ist. Finanzoperationen sollen kontinuierlich, effizient und ohne Informationsfriktionen verlaufen, gerade weil Informationen Preise generieren, Preisbewegungen sämtliche Kaufentscheidungen und diese wiederum Informationen motivieren; die Berechnung der Preisverläufe zwischen verschiedenen Zeitpunkten fällt heute in das Gebiet der Wahrscheinlichkeitsrechnung und Stochastik, wobei jede Gewinnchance genutzt werden muss. Sofern jede Operation/Entscheidung sich sofort in Marktpreisen niederschlägt, erscheinen Preisbewegungen per se aleatorisch (vgl. Joseph Vogl: Das Gespenst des Kapitals.), d.h. auf große Preisbewegungen können große Preisänderungen folgen, während auf kleine Preisfluktuationen kleine folgen, so dass sich Preisschwankungen exponentiell verstärken, und so gut wie nie kreisen Preise um die von der ökonmischen Theorie geforderten Mittelwerte, beispielsweise dem Graphen der Gaußkurve. Was die Zeit nicht ausschließen kann, ist die Unwahrscheinlichkeit, die durch die Wahrscheinlichkeitstheorie begrenzt werden soll, hingegen erweisen sich die gegenwärtigen Risk-Managementmodelle eher als Katalysator neuer Risiken.

Die Axiomatik des Kreditgeldes inhäriert, dass in der Gegenwart mit der Ungewissheit der Zukunft gehandelt wird, wobei die Kapital- und Kreditgeldströme wiederum regulative Instanzen der Reterritoralisierung benötigen, den Staat und die Zentralbanken. Allerdings sind es nicht die Finanzkapital- und Finanzderivatströme, die legitim oder illegitim (virtuelle) Grenzen überschreiten, um diesseits der Grenze vom Staat wieder eingebunden zu wer­den, sondern die Grenze selbst wird durch durch die Strategemisierung der Axiomatiken sowohl der Kapital- als auch der (immateriellen) Arbeitsströme als stets vorgeschobene Relation aufgeschoben. Das imaginäre Zentrum des Kapitals war nie etwas anderes als die vielen Knotenpunkte von Ver­dich­tung, die weniger denn je der symbolischen Rahmung durch den Staat bedürfen, sondern im Ge­gen­teil als symbolische und spekulative Managements selbst ge­währ­leisten, dass Anschlussfähigkeit immer durch die Deterritorialisierung der Kapitalströme hindurch in der zu kalkulierenden Zeit erfolgt, um beständig de jure durch das Eigentum und die Politik der Notenbanken reterritorialisiert zu werden. Der Schutz des Eigentums ist entgegen dem von Dritten gegenüber dem Staat relativ (der Staat kann durchaus Enteignungen vornehmen). Der Vereinnahmungsapparat Staat normiert aber die Bedingungen, unter denen er sich darüber hinwegsetzen kann, wenn er beispielsweise in einem einseitigen Akt Besteuerung vornimmt.

Für Marxisten, die sich an der Arbeitswerttheorie orientieren, sichert seit dem 19. Jahrhundert die Organisationsform Fabrik/zusammengesetzte Maschine diejenigen Operationen, welche die Kapitalakkumulation vorantreiben. Dabei wird jedoch übersehen, dass die Arbeitszeit allenfalls Faktor des Werts ist (und nicht mehrwertschaffend), wobei im kapitalistischen Produktionsprozess die Produktionszeit in Arbeitszeit und Funktionszeit der Maschinen aufgeteilt ist, und von beiden Zeiten dasselbe ausgesagt werden kann: Es handelt sich um gekaufte Größen, die als Quelle des Mehrwerts gelten, insofern die hergestellten Produkte auf dem Markt einen Verkaufspreis (Investition in Geldform plus Profit) realisieren. Der Arbeitsvertrag ist dabei nichts weiter als ein diachroner Verdingungsvertrag, der die wechselseitige Verpflichtung realisiert, dass die Verrichtung eines Dienstes gegen eine Lohnzahlung erfolgt. Marxisten, die den Schwerpunkt der politökonomischen Theoriebildung auf Darstellung der Geld- und Kapitalbewegung legen, thematisieren das Geld/Kapital zwar nicht unbedingt als Subjekt, aber zumindest doch als Agens der Kapitalvermehrung, wobei der Unternehmer bzw. Kapitalgeber als unterworfenes Subjekt die Kapitalakkumulation exekutiert.

 

Anmerkung 12
Wenn die Axiomatik des Kapitals (Geld als eine abstrakte, indifferente Quantität, wobei die fetischisierte Formel G-G` die Position eines Mehr! impliziert) in der Posthistoire vor allem in der Form des Derivat-Finanzkapitals prozessiert, wobei der Kredit eine Ware ist, die man rund um die Uhr verhökern kann, weil das Auftürmen der Wertpapiertransaktionen selten stockt, lässt man einmal die Archäologie des (elektronischen) Tippfehlers außer acht, dann geht ja jede Bank fundamental davon aus, dass es niemals zu simultanen massenhaften Auszahlungen von Vermögenstiteln kommt, die nichts als Schulden der Bank repäsentieren, wobei deren Reservefonds niemals ausreichen würde, um diese Auszahlungen zu befriedigen. Um mit Hilfe der synthetischen Finanzderivate höhere Renditen zu erwirtschaften, werden die Vermögen »gehebelt« angelegt, d. h. Unternehmen bis in die Kreise der High Net Worth Individuals hinauf nehmen eher Kredite auf als dass sie auf Investitionen setzen, solange der Zins für den Kredit geringer ist als der Profit einer Investition, so dass die um den Globus flottierenden Kreditgeldströme, wobei die Computerbörsen Verkaufs- und Kaufsströme bündeln, um mit digitalen Informationsströmen zu amalgieren, immer weiter angstiegen sind und die Vermögen heute um ein x-faches übersteigen, womit natürlich auch das Risiko wächst. Um die Risiken der Finanzgeschäfte abzusichern, wurden die sogenannten Finanzderivate erfunden, Instrumente, mit denen das Risiko eines Verlusts wiederum an Dritte verkauft werden kann. Neben den Kreditversicherungen wuchert heute ein Markt an exotischen Papieren, wechselseitige Versicherungen gegen Kreditausfälle, die sog. CDOs bzw. CMOs. Mit den credit default swaps wurden bisher Summen von Krediten versichert, die die tatsächlich vergebenen Kredite und selbst die Wirtschaftsleistung der gesamten Welt ein Vielfaches übersteigen, überflüssiges fiktives Kreditgeld, das durch strukturierte Finnanzinnovationen wie CDOs, CDSs, Futures, Optionen und Swaps quasi automatisch generiert wird (eine Bank nimmt beispielsweise eine Einlage von 100 Euro als Sicherheit, um 500 Euro zu verleihen, wobei die Bank auf diese Summe einen Kreditausfallvertrag (credit default swap) mit einer Versicherung abschliesst und die Summe buchhalterisch hedgt, denn wenn der Kredit platzt, muss ja die Kreditversicherungsgesellschaft einspringen, und deshalb kann die Bank auf die Einlage von 100 Euro gleich einen weiteren Kredit vergeben, um wieder eine Versicherung auf ihn abzuschliessen and so on. Wenn dann in der Kette ein Schuldner tatsächlich zahlungsunfähig wird, erstattet eine Versicherung der Bank den geschuldeten Betrag. Je größer die Wahrscheinlichkeit, dass der Kredit nicht zurückgezahlt wird, desto höher die Gebühr der Bank für die Versicherung, eine Gebühr, die als Rendite für die Versicherung gilt, und je risikoreicher eben die Rückzahlung, desto größer wird der Einfluss des Zufalls. CDSs produzieren den Zufall als permanenten Aufschub, wobei das Exzessive auch wegen des Versicherungsgebers in den Taumel einer reversiblen Zeit gerät, weil, falls ein Bankrott eintritt, der ja irreversibel ist, der Versicherungsgeber den vollen Kreditbetrag ausbezahlen muss, der aber schlau, wie er nun einmal ist, eine zweite Versicherung als Versicherungsnehmer abgeschlossen hat, und nun denselben Betrag erstattet bekommt. Weil also Geld in unglaublichen Dimensionen spekulativ vermehrt wird, bricht in der Krise vorübergehend alles wie ein Kartenhaus zusammen. Investoren investieren Geld, das sie nicht haben. Fonds kaufen Aktien auf Kredit, amerikanische Bürger kaufen Häuser auf Kredit, und wenn die Häuser im Wert steigen, gaben ihnen die Banken noch mehr Kredit, die zu Wertpapieren gebündelt werden, wobei das Billigkreditsystem durch die Politik der Zentralbanken angeheizt wird, die kostenloses Geld ausspucken, womit es für Banken bzw. Global Player ruinös wird, das Geld nicht anzunehmen und nicht nicht zu kapitalisieren. Somit besteht das strategische Kalkül der Prognose- und Kalkulationstechniken in der Finanzwirtschaft nicht nur darin, die Risiken zu kalkulieren bzw. zu bewerten, sondern sie geradezu zu produzieren.