Sylvia John - Text
DAS GROSSE STÖHNEN
Draußen lag Schnee, während man mir das Essen durchschob. Vor unserem Fenster erhob sich links ein schwacher Berg, der rechter Hand zu einer Mulde abfiel. In der Mulde glitzerte nachts ein Spiegelei.
Es war viel zu heiß und stickig.
Sie wirkte niedergeschlagen, was ich bereits vor ihrem Erscheinen an ihrem Schritt vernahm, verstimmt und matt erstarb das Geräusch am Boden.
Kleinteilige Gebirge mochte ich nie. Das lag wohl an der Verwandtschaft zu den Bewohnern. Wahrscheinlich stammte ich von dort.
Ich erkannte alle am Gang.
Jeder, der sich auf das Zuhören versteht, ist in der Lage den auf einen Körper übertragenen Gemütszustand eines Menschen zu erfassen.
Denken Sie an jemanden, dessen Habitus Ihnen zutiefst geläufig ist.
Mehrfach haben Sie Ihren Liebsten aus einiger Entfernung im Dunkeln noch dazu aus größeren Menschenmengen, heraus gefischt - ihn unter ‘Hunderten‘ erkannt, stellen Sie mit Genugtuung fest. Und jetzt stehen Sie in der Küche und bereiten das Abendessen vor. Sie hören die Haustür zuschlagen, Schritte im Treppenhaus, die Art und Weise des Ganges, demzufolge Ihre vertraute Person die Treppe heraufkommt. Eine gewisse Aufregung oder Erwartung breitet sich in Ihnen aus, während Sie nebenbei die Steaks in der Pfanne wenden.
Sie wünschen sich sehnlichst die begehrte Person in bester Laune herbei, zumal Sie sich soviel Mühe mit dem Essen gemacht haben. Ausgerechnet heute sind Sie weder auf Streit noch Mißstimmung aus. Sie brauchen Zuwendung und Hoffnung.
Und zwar sofort.
Und das berechtigt Sie zu dem unerbittlichen Wunsch nach Eingriffen in Ihr Schicksal, und mit der Macht des Magiers ausgestattet, nur heute, ausnahmsweise weil Sie so bedürftig sind, stehen Sie mit dem Kochlöffel in der Hand - bereit, um die Liebste in den erwarteten Zustand zu versetzen.
Nicht, daß Sie scharf auf Manipulation oder Ihrer Liebe nicht sicher sind, nein es ist die Scham, Ihre Scham der menschlichen Notdurft und Schwäche, die Sie zu dergleichen
Beschwörungen verleitet, um all das Schlechte und Schwache ‘fort‘ zu zaubern. Dies eine Mal nur.
Sie sehen ja nichts anderes. Und was erzählen schon Schritte? Unser Gehirn koordiniert Vorstellung und Sinneswahrnehmung - Ihr erinnertes Bild baut sich auf – passend dazu Gesicht und Stimmung, weil Sie Erfahrenes abgleichen. Ist der Schritt zielgerichtet und kräftig, freut sich die Person oder tastet sie unsicher und verloren im Treppenhaus umher?
Verlangsamt sie den Schritt oder bleibt sie gar stehen, ist das schlechterdings kein gutes Zeichen. Es sei denn, sie liest die Post oder faltet den Regenschirm zusammen, sucht den Schlüssel etc.
An dieser Stelle des verzögerten Eintreffens bemerke ich an mir eine unvorteilhafte Eifersucht, ob der geteilten Aufmerksamkeit – Brief – Regenschirm - Schlüssel.
Bei Sprüngen, die wie Dringlichkeiten vor der Tür stehen, war mir stets wohler zumute.
Dazwischen hüpft erfrischend unregelmäßig ein neugieriges Kind. Man sieht es förmlich vor sich durch die Geländerstäbe schauen, die Welt erkundend; wie es sich ablenken läßt vom weggeworfenen Papierschnipsel auf den Stufen, was zu einem Spiel wird und ein Schritt führt zum nächsten. Das Tempo beim Hinablaufen im Spiel mit dem Risiko gegen das Gravitationsgesetz. Das schreiende Kind. Barfuß. Die Treppe ohne Kind.
„Schnee,“ wies mein Kopf über die dampfende Suppe hinweg zum Fenster, um sie aufzumuntern. Aber es klang einfallslos matschig. Zornesfalten wuchsen über ihrer Nasenwurzel wie Eiszapfen unter dem Dach ihrer roten Mähne. „Mac ist schon wieder weggelaufen.“
Sie war klein und schmal und trotz ihres Alters attraktiv. Mac hieß in Wirklichkeit Monique und sah genauso aus, minus 24 Jahre jünger als ihre Mutter Luisa. „Diesmal hat sie es zu weit getrieben.“ Allerdings kannte ich Mac nur von älteren Fotografien.
Kaum brachte Luisa einen Mann mit ins Haus, verging keine Woche und er verschwand in Macs Bett.
Trotzdem fragte ich nach, weil sie es von mir erwartete.
„Warum sucht sich Mac keinen eigenen Freund?“
„Tsss, weil sie mich haßt, will sie mir etwas wegnehmen.“
„Das glaube ich nicht.“
„Was heißt du glaubst es nicht, du meinst, sie kann nicht anders oder sie ist darauf aus?“ Sie schaute nach unten, ein Absatz bohrte in den Boden und der angewinkelte Fuß spielte von rechts nach links. Ich weiß nicht warum, aber ich hatte plötzlich starken Speichelfluß und eine entsetzliche Erektion. Ich nahm den Teller auf den Schoß und verbarg mein Gesicht hinter dem aufsteigenden Dampf, damit sie meinen unverfrorenen Blick nicht sah, der sich bequem zwischen ihren Brüsten einrichtete. Ich war ihre Geisel, daran war in meiner Situation nichts zu ändern.
„Sie kommt zurück, daß tut sie doch immer.“
Es stand in ihrer Macht, mich das sein zu lassen, was sie sich wünschte.
„Wenn du dich entscheiden müßtest, als Mann, nur mal angenommen, zwischen mir und Mac….“
Ich war überrascht, daß es so schlimm stand und ein solcher Druck auf ihr lastete. Ich lächelte sie an. Sie sagte nichts.
Dann starrte ich weiterhin auf ihre Brüste, versteckt hinter 100 Prozent reiner Wolle und machte ihr ein seriöses Kompliment.
„Schönes Kleid und dein Haar, es wirkt so anders, so voluminös.“
Ich langweilte sie zunehmend. Ihre Ungeduld. Und weiter?
Ich hatte keine Lust mich anzustrengen und zog es vor, ihr zu schmeicheln.
„Sie hat nicht dein Format.“
„Nein?“
„Nein.“ Der noch immer schwingende Fuß landete auf dem Boden. Sie faßte sich und warf mir einen verächtlichen Blick zu.
„Und über mir hustet jemand die ganze Nacht, ich kann nicht einschlafen.“
Ich schob ihr den leeren Teller zurück und nahm eine andere Haltung ein. Sie starrte auf meine Hose, ich ließ es geschehen.
„Hm, manchmal kannst du richtig nett sein, kaum zu glauben, wären wir in einem anderen Leben, wer weiß,“ seufzte sie. Ihre Füße trippelten fröhlich hinaus und ich verkroch mich in die hintere Ecke.
Ich war nicht immer hier. Ich muß zugeben, daß meine Versuche mich zu erinnern, stets gescheitert sind. Manchmal träume ich davon, wie ich auf eine Tür zu gehe und dahinter ist Nebel. Ich versuche mit meinen Armen den Nebel zu verscheuchen. Im Traum denke ich darüber nach, die Tür zu überlisten. Ich laufe plötzlich schneller, noch schneller oder langsamer, aber die Tür bleibt stets in gleichem Abstand. Dann wache ich auf. Es kommt vor, wenn ich durch das Fenster sehe, ein Detail betrachte oder eine ihrer Gesten studiere, dann hab ich das Gefühl, ich bin kurz davor, mein vergangenes Leben einzufangen und ein unwiderstehlicher Drang befällt mich, dem nachzugeben. Ich strenge mich irrsinnig an, was nicht leicht ist, da ich die meiste Zeit an Armen, Beinen oder am Kopf verkabelt bin. Am Kopf ist es besonders schlimm. Der Helm. Meine Gedanken fangen irgendwo an und können nicht raus oder zurück. Sie versickern in einer Art Lava Brei. Und am Ende bin ich völlig fertig und kapituliere.
Meine einzige Aufgabe besteht darin aufzuhören mit dem Denken. Ich versuche es ja. Schon aus eigenem Interesse, wie Sörenson beharrlich wiederholt, meinem Eigeninteresse.
Andererseits konnte ich mich sehr präzise erinnern. An das, was mir Luisa erzählte, an die Vorkommnisse hier im Raum, an Farben und Gerüche. Doch meine Biografie taumelt im unbestimmten Bereich der Unschärfe. Mein Wissen von den allgemeinen Dingen funktionierte, solange ich dabei keine Rolle spielte. Ich war das Universum des ‘Menschen an sich‘, die Spezies Generales, keine einzelne Person, sondern ein ethnologisches Archiv, eine Enzyklopädie der Menschheit in einem Körper. Es ist keine Angeberei, ich versuche Ihnen nur präzise die Umrisse einer Veränderung - wenn Sie wollen, nennen Sie es Depersonalisierung – verständlich nahe zu bringen, damit Sie einen Eindruck von mir bekommen. Oder anders gesagt, die Scherben meiner Bemühungen, die rückwärts ertranken zu rechtfertigen. Oder noch anders (Zitat):
Da hängt mein graues Haupt
dem ungestümen Regen,
dem glüh’nden Sonnenschein
und bittern Schnee entgegen
Manchmal kamen beide. Trotz meiner Kontrolle erschlossen sich keinerlei Regeln. Man wußte vorher nie, was geschah, wann es Essen gab oder ob überhaupt, deshalb aß ich zu schnell und verbrannte mir die Zunge.
Sörensons Schritt war unberechenbar berechenbar. Er besaß die Gabe einer mühelosen Verwandlung. Er konnte sich lautlos anschleichen, aber auch bestimmt auftreten. Luisas Unberechenbarkeit bestand darin, in ihrer Vortäuschung. Sie durchquerte mit Entschlossenheit den Gang und plötzlich änderte sich der Rhythmus komplett. Als wäre sie erschrocken, vor einer Person oder einem Gedanken. Sie geriet aus den ‘Fugen‘ und ihr tatsächlicher Charakter, sanft und freundlich kam zum Vorschein. Falls sie es bemerkte, korrigierte sie sich sofort. Ich nannte es den gefälschten Gang.
Ich war mir sicher, eine Veränderung zu beobachten. Sie nestelte verlegen an ihrer Jacke und der Abstand zwischen ihnen war grotesk künstlich. Er behielt die Oberhand, was Verschiedenes zum Stand der Dinge signalisierte. Luisas vergebliche Anstrengungen hatten deutliche Spuren hinterlassen.
Bisweilen begegneten sie mir freundlich, doch dann geschahen quälende Dinge, die ich nicht verstand. Es ging um meine Eigenschaften, Charakter und Besonderheiten, laut ihrer Erklärung. Ich merkte es auch an mir selbst. Einige Tagen verliefen günstig, an anderen konnten meine Augen kaum etwas unterscheiden, als wäre ich in Abschnitte gegliedert. Mich quälte beständig die Frage nach dem ob und wie der Selektion. Ich meine, wie das mit mir zustande gekommen ist.
Ich glaube, nein ich war mir sicher, daß Mac der Grund war. Wahrscheinlich ist sie in der Fluchtphase und Sörenson das männliche Opfer. Oder umgedreht: Wirkung, Ursache. Auch ein unlösbares Problem für mich, die Ununterscheidbarkeit. Ich hatte mich daran gewöhnt am besten immer mit dem Schlimmsten zu rechnen.
Bis zu diesem Tag.
Sie kam allein und ihre Handbewegungen fielen wie Sensen über mich her. Dazu ihr beunruhigendes Schweigen. Das Knistern der Metalldrähte an meiner Schläfe. Ihr zerwühltes Gesicht erzählte von schweren Stürmen und hatte eine erschreckende Schroffheit hinterlassen.
„Ist sie wieder weggelaufen?“ Ich fürchtete mich. Kein Blick, keine Unterbrechung. Sie untersuchte mich nach möglichen Ursachen für Ihren Sturm. „Der Huster, der dich nicht schlafen läßt?“ Ein Seitenhieb. Ich riskierte es. „Damals, ich meine früher, hatte ich da mit dir oder Sörenson zu tun?“
Sie ließ ihre Arme fallen. „Du kooperierst nicht.“ Ich senkte schuldbewusst den Kopf, weil ich glaubte schuldbewusst den Kopf senken zu müssen. Woher kam die eine, meine Kenntnis, während die andere mich verließ? Nicht zu denken ist schwer.
Es konnte ebenso gut möglich sein, daß ich mit den anwesenden Personen verwand, vertraut gewesen war. Heute bin ich leichtfertig und spielerisch genug, um diese Vorstellung zu ertragen. An anderen Tagen hätte mich das Grauen gepackt.
„Nicht, daß ich schon genug Ärger hab, wie du weißt. Ach, was erzähle ich dir, du trägst deinen Teil der Verantwortung nicht.“
Ich dachte über meinen Teil der Verantwortung nach. „Stimmt was nicht mit meinen Blutwerten?“
Ich übergab ihr meine Exkrementebox. Sie öffnete und lachte schrill auf. „Na das war wohl nix. Schließlich war es auch dein Wunsch. Schließlich haben wir einen Vertrag.“
Davon stand nichts in meinem Körperlexikon.
Letzten Monat noch hatte Dr. Sörenson die gesamte Mannschaft um mich versammelt, und wurde nicht müde „ausgezeichnet“ auszurufen, nachdem man mich eingehend untersucht hatte. Es war ja nicht so, daß mir die schmerzhaften Untersuchungen nichts ausmachten. Jedenfalls klopfte er mir auf die Schulter und zwinkerte mir kumpelhaft zu. „Das wird schon wieder.“
„Hilf mir ein wenig auf die Sprünge, Teil des Vertrages?“
Sie ließ mich einfach sitzen.
Auf einmal waren alle unzufrieden. Es gab Veränderungen in meiner Umgebung. Ich sollte meinen Gewohnheiten nachgehen. Verbannt in die linke Ecke, versuchte ich mir Gewohnheiten vorzustellen. Ich erinnerte mich auch, daß es etwas gab, woran ich mich nicht erinnerte. Neben reinigen, essen, schlafen, drängelte sich die ursächliche Frage in den Vordergrund. War ich damals der Typ Ehemann mit Familie, im Krieg gewesen oder krank?
Ein guter Liebhaber? Hatte ich einen Job, der mich erfüllte? Wofür brannte meine Seele? Und, wieso ging ich davon aus, daß ich mich für irgendetwas brennend interessierte. Welche Indizien konnten mir die Gewissheit geben, die ich spürte?
Je mehr ich diese Richtung ansteuerte, desto stärker wirkte der Nebel, verursacht durch die Kabel oder mich selbst, weil man mir stets versicherte, das Geschehen sei zu meinem Besten.
Vor einigen Wochen erschien Mac. Sie schaute lange und vorwurfsvoll auf mein Knie.
Ich hätte schon viel von ihr gehört und wo sie jetzt gerade leben würde und was sie vorhat, fragte ich.
Sie vermied es mich anzusehen, und redete einen wie auswendig gelernten Text über Schulausbildung, das Medizinstudium, welches sie am liebsten zugunsten ‘anderer’ Erfahrungen sausen lassen würde. Ihre geschmeidigen Bewegungen erinnerten an die ihrer Mutter, langsam und anmutig. Ihre Haut schimmerte durchsichtig, wie mit Lasurtechnik gemalt, das wilde Haar hatte sie gezähmt nach hinten gesteckt. Sie trug eine helle Bluse, einen schmalen Rock und flache Schuhe. Ein Auftritt für eine Bewerbung als höhere Sekretärin. Ich sprach sie daraufhin an und auf die ‘andere‘ Erfahrung, aber sie reagierte nicht. Sie suchte in ihrer Tasche und eine Locke löste sich aus der Zähmung.
Dann hielt sie mir einen alten Stoffteddy hin. Ob sie nicht ein wenig zu alt für so etwas wäre? Ich konnte damit nichts anfangen, auch nicht als sie sagte: „Na klingelts?“
Unheilvoll gärte es in meinem Innern. Ich rückte das Gesicht nah an ihres und fragte sie über mich aus. Ich bat sie die Tür zu öffnen. Sie trat einen Schritt zurück und wurde kreidebleich. Traurig und still verschwand sie.
Wenn ich nur wüßte, was den Alarm ausgelöst hatte. Beide erschienen mit finsterer Mine.
„Schöne Bescherung“, fluchte Luisa und riß die Stromschnüre an meiner linken Hand ab. Meine Hand war komplett taub.
Sörenson, ein attraktiver Endvierziger und hochbegabter Akademiker, wechselte geschickt die Fußfessel, wie er es nannte. Sein stählerner Körper paßte gut zum Namen, ebenso die blauen Augen, die visionär über terrestrische Grenzen strahlten. Er hatte so etwas, wie einen Röntgenblick, gespeist von einem inneren Magnetismus. Seine charismatische Strahlung absorbierte nicht nur Frauen. Er besaß die umschmeichelnde Gabe eines Jägers, mit sicheren Instinkten zur Akkumulation unerlöster Herzen, die jedem das gute Gefühl vermittelt, Teil eines wichtigen Projektes zu sein. Er, der zweifellose Dompteur, hielt die Strippen, an denen das ‘Team‘ zappelte. Louisa war bereits ‘verbrannt’, spürte ich, als sich unsere Augen trafen und sie sah, daß ich es wußte. Sie war in sich buchstäblich zusammengesackt und hinterließ einen lauen Rest Bitterkeit. So, als hätte Sörenson sie ausgesagt und ihrer Kraft beraubt. Ich fragte mich, was sie jetzt tun könnte, wo ihr Handlungsspielraum lag. Sie kämpfte und es interessierte ihn nicht mehr. Es war traurig mitanzusehen. „Wenn das so ist“, flüsterte sie gekränkt. „Laß ihn in Ruhe“, fiel er ihr ins Wort; „die Hämatome sind nicht abgeheilt.“ Sörenson schaute sich im Raum nach einer neuen Idee um und signalisierte Luisa uns allein zu lassen.
Mac würde nicht zurückkehren, was ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen konnte.
„Warum quälst du sie?“, fragte ich Sörenson, obgleich mir augenblicklich die eigene Dummheit der Frage klar war, und ich mich für ein Duell in einer ungeeigneten Position befand. „Luisa geht es immer schlecht. Persönliche Gründe, denke ich.“ Ich hätte ihm am liebsten die Fresse poliert. Aber zwischen uns waren Gitterstäbe. Er stützte seine Arme auf und grinste mich frontal an. Meine angewinkelten Knie jetzt in seiner Augenhöhe, ließ er nicht aus den Augen. Sie würden nach wenigen Zentimeter stecken bleiben. Die Arme passten durch. Doch er wahrte den sicheren Abstand. Ich ärgerte mich über meine Blödheit und das Ausmaß der Eigentore.
„Wahrscheinlich brauchen wir alle eine Pause. Du musst dich entspannen.“ Er löste sich aus seiner Haltung und wühlte auf dem Schreibtisch vor dem Fenster. Sein angespannter Rücken war mir eine Versuchung. Es schien aussichtslos und ich operierte zum Schein mit meiner Würde. „Kannst du mir ein einziges biografisches Detail verraten, was mich beruhigen könnte, ich meine, ist es nicht mein Recht?“ Er schwenkte zum Halbprofil. „Dein Recht? Dein Recht ist verkauft, vergessen?“
Ich schluckte und fragte nach. Er übergab mir einen Karton. „Denk soviel du willst, ich habe dir zu diesem Zweck ein Arbeitsprogramm zusammengestellt. Wir sind hier alle ein Team und brauchen einander, nicht wahr?“
Er lächelte verschmitzt und äußerst liebenswürdig. Er bediente sich der gesamten Bandbreite. Meine Schläfen pochten widerspenstig: „Dann ändere ich jetzt meine Meinung und den Vertrag.“ Die Stimme brach mir. Geschickt senkte er den Blick.
„Unmöglich, du hast es selbst verfügt“, setzte er leise nach. Mein Atem war zu hören in einer vakuuminösen Stille.
„Tatsächlich und warum?“
„Totsicher“.
Ich saß bockig in meiner Ecke, weil mir nichts mehr einfiel, um Sörenson zu überlisten. Es war davon auszugehen, daß mein Hirn wie ein lesbares Buch für alle offen stand. Ich nahm mir den Karton vor und es rieselte schuppige Teilchen. Auf dem Deckel stand „Puzzle“. Noch so eine nebelige Sache. Sie wissen es vielleicht, für mich war es NEO-NEU, sie sahen einander ähnlich, wie 5000 Geschwister.
Das Volk der Geschwister, mit einer bunt gescheckten und eine grauen Seite, brachte mich dazu, meinen Platz in der Zeit bis zum Dunkelwerden grau auszulegen. Dann begann ich laut zu zählen. Bei 4999 roch es nach Nikotin. Das wenige Licht fiel von einer Straßenlaterne ein. Ich erschrak, als sie vor mir stand. Sie rauchte hastig und wirkte erregt. Mein lauwarmes Essen bestand aus Kartoffeln und etwas nicht näher bekannt Glitschigen.
Nach und nach sah ich sie deutlicher.
„Weißt du, wie hart ich arbeiten mußte, um den Job zu bekommen?
Nein, du weißt gar nichts.“
Rauchwolken lösten sich auf. „Du sitzt gewissermaßen in einer Idylle. Warum kannst du nicht einfach sein?
Du weigerst dich bis in mein Privatleben hinein.“ Sie schaute auf die unsichtbare Mac und den abwesenden Sörenson. „Misch dich da nicht ein, ja!“
Ich nickte verständnisvoll, soweit von Verständnis in meinem Fall die Rede sein kann. Wie ich schon sagte, gab es ungefüllte dunstige Worte, die ich zwar benutzte, die aber keinen Sinn ergaben.
Wie hätte ich in Worte fassen können, worunter ich litt. Es verhielt sich, wie mit dem Rauch.
Ich war dran. „Was kann ich tun?“ Sie verdrehte die Augen. „Du bist wirklich frei.“ Und sie fügte hinzu, „privilegiert.“
„Vielleicht will ich es nicht, Luisa!“
„Da draußen, da “, und der linke Zigarettenfinger stach mitten ins Spiegelei, „…hättest du Nichts.“ Sie keuchte und ihre Brauen senkten sich als Himmel über dem Abendrot. Das doppelte Abendrot kam näher, ganz nah. Der Mund flüsterte: “Weißt du wie ich dich beneide?“
Das war genau der Punkt.
Ich wußte es nicht. Nicht im Moment. Ich blieb hängen in einem Transitraum. Ich fragte mich, wie ich es finden wollte denn offenbar stand mir zu einem anderen Zeitpunkt ein anderer Wille zur Verfügung. Ich stellte mir ‘Draußen‘ wie ‘Drinnen‘ vor, nur größer. So wie man Teller, Boxen und Geräte zu mir hineinschob, stellte ich Dinge in einem sinnentleerten „Draußen“ auf. Der Vorgang glich dem Bauklotz-Spielverhalten eines Kleinkindes in der analen Phase.
Das Puzzle fraß nicht an meiner Geduld. Es zeigte mir, worauf ich keinen Zugriff hatte und das wiederum löste, wie Sie schon bemerkt haben, einen mentalen Wiederholungszwang aus. Zunächst versuchte ich die Formen ineinander zu bringen, indem ich die Oberfläche nicht beachtete. Dann baute ich einen Turm. Der Turm fiel um. Tatsächlich saß ich selbstvergessen innerhalb mehrerer Haufen Puzzleteile. Ich wollte wissen, wem ich glauben konnte und hatte Panik mein Vergessen zu vergessen. Müde schlief ich ein.
In dieser Nacht hörte ich es zum ersten Mal. Es wiederholte sich im Takt der Atmung. Kein Mensch könnte dieses Seufzen verursachen. Ein Riese vielleicht. Der Schrei der verletzten Erde, ein schauerlich eruptives Stöhnen, von Innen und Außen gleichermaßen erhaben in Ausdehnung und schmerzhafter Intensität, daß ich mir die Ohren zuhielt und in Embryonalstellung verharrte. Nach einiger Zeit beschloß ich das Geräusch zu überwachen. In meinem Fensterausschnitt allerdings zeigte sich keine Veränderung. Und das gigantische Geheul hob und senkte sich tief in meinen Schlaf hinab und hobelte an meinen Hirnlappen.
Am nächsten Tag schneite es heftig. Ich sortierte die Teile in verschiedene Farbhaufen. Ein blauer, ein grüner und ein dritter aus einem rotbraunholzigen Gemisch. Einen vierten – mit Auge, Haaren, einer Hand und Schuhen, legte ich beiseite.
Nachts schlief ich schlecht. Das Spiegelei war aus dem Tal aufgestiegen und beleuchtete meinen traurigen Ort. Zunächst hielt ich es für einen Irrtum geschwächter Nerven, aber dann vernahm ich es klar und deutlich, als wäre sie mit dem Ei aus dem Tal erschienen, de facto
die beseelte und damit berechtigtste Klagestimme aus dem Äther. Im ansteigenden Verlauf von Krämpfen geschüttelt, ging ich in die Knie, wie Odysseus vor den Sirenen. Das Paradoxe bestand nun darin, daß ich mich mit dem gefürchteten Geräusch sicherer und stärker fühlte, als zuvor. Ja, es vitalisierte mich regelrecht, verknüpfte mich mit Überall, obgleich das Ausmaß der Unerträglichkeit beängstigend zunahm. Das Zuhören bewahrte mir das innere Bild des Todes vor Augen. Ich betrachtete meine Hände, um über frühere Tätigkeiten zu spekulieren. Möglicherweise war ich Architekt oder Arzt. Oder einfach nur ein Arschloch?
Mein elektronisch gespeicherter Traum
Sörensen kam früh, rieb sich die Nase und begann mit meiner Traumbetrachtung. Das geschah zweimal im Monat, am Mittwoch. Mir war der Mittwoch verhaßt, das Wort allein aufgrund seiner Beschaffenheit, des langatmigen und gebrochenen Aussprechens wegen.
Mitt-woch. Das klang trostlos, weil darin unangenehme Kombinationen enthalten waren.
Obendrein war mir bekannt, daß zu diesem Zweck, mittwochs – das Team an den Monitoren saß, um an meinen Träumen teilzuhaben. Man hörte das Klirren von Bierflaschen auf dem Flur.
Diesmal bin ich in hektischer Betriebsamkeit mit einer Frau unterwegs.
Wir haben ein Kind bei uns, ein Baby.
Die Frau ist stets angeschnitten im Bild zu sehen,
also sie zeigt sich nicht in Gänze.
Wir sind so eine Art Hippies auf Durchreise in einem Flughafenterminal.
Das, was fliegt und landet, sind gläserne Kuppeln, a lá Buckminster Fuller.
Ein Kerl steht plötzlich vor mir, um seinen Motorradhelm unter unseren Sitzen zu verstauen.
Alles und jeder in dem Traum ist angeschnitten,
‘Halbnah‘ wie man im Film sagt.
So, wie die Oberschenkel ohne Torso in Leder jetzt vor mir,
halbnah im Bild sind. Ich plustere mich empört auf.
Der Kerl bleibt ganz ruhig, nur das Leder seiner Hose,
erzeugt ein reibendes Quietschen.
Er sagt zu mir; „katalysieren sie sich“ und
knarzt in seinem Leder zu einem der Raumschiffe davon.
Sörensen lachte, als versuchte er etwas in mir in Gang zu setzen. Ich verzog keine Mine und blieb neutral.
Im nächsten Bild befinden wir uns in einer Universität,
ich bin unerhört dominant und ekelerregend machistisch,
als ich meine Begleiterin - obwohl es immer mehr scheint,
daß wir in engeren Kontakt zueinander stehen – in ein Mädchenzimmer
mit Doppelstockbetten stecke. Sie ist mit dem Baby zugange und
wechselt die Windeln.
Es sind weitere attraktive Damen anwesend,
denen ich auf eine Party folge. Die Begleiterin trifft später ein.
Sie wirkt eingeschüchtert und verhuscht, ihr Gesicht fällt ständig zusammen,
als sie mich in einer Gruppe ausmacht. Ich versuche sie in den lärmend
unterhaltenden Sog hineinzuziehen, aber etwas in ihr sperrt sich.
Wie es im Traum so ist, sind wir plötzlich auf einem Ausflugsdampfer
und haben Streit um Geld.
Sie braucht Geld für Lebensmittel und Windeln
und ich frage sie nach dem Baby und wir suchen es überall.
Starker Wind kommt auf und wir fahren zurück.
Wir haben noch immer Streit und wickeln das Baby,
welches friedlich im Doppelstockbett schläft in Handtücher.
Das Baby ist sehr heiß. Ich bin besessen von einem wichtigen Ort
und wir verlassen die Stadt. Das Baby sieht merkwürdig aus, sagt sie.
Ich kaufe neue Windeln. Das Baby schrumpft, sagt sie
und ich baue einen kleinen Stuhl. Ich war mir sicher,
die richtige Stadt gefunden zu haben. Der Stadtplan,
den ich mit mir führe stimmt nicht und wir müssen
die Nacht in einer Wartehalle verbringen. „Wo ist denn das Baby?“
Und sie öffnet ihre Handtasche und holt einen streichholzgroßen Zwerg hervor.
„Es bewegt sich nicht mehr.“
„Der Körper ist ganz hart.“
Ich schiebe den Babykörper auf dem Stuhl sitzend in die Zigarettenschachtel, in meiner Brusttasche.
„Wir müssen zum Arzt.“
„Nein, dann kommt alles raus!“
„Egal“
Die Ärztin klopft mit einem Teelöffel auf den Babykopf
im Neonlicht der Notaufnahme, so wie man die Schale
vom Frühstücksei einschlägt. Es klingt hölzern. „Das haben wir jetzt öfter.
Eine Epidemie.“
Meine Begleiterin erschrickt. „Ist es tot?“
Die gelbliche Färbung meines Traumes wird mehr und mehr cremig.
Die Ärztin nickt freundlich: „Sie haben keine Schuld, ich denke, wir können etwas machen.“
Sie nimmt das Baby in die linke Hand und schlendert den Flur entlang.
Wir sitzen im schattenlosen Neon auf einen der aufgereihten
Schalenstühle aus Plastik, von einem Dutzend Ärzten umgeben.
Die anfängliche Verbundenheit zu meiner Begleiterin hat
sich auf für mich unerklärliche Weise gelockert, in Luft aufgelöst
und ich schwebe gewissermaßen im Eigelbdunst der Neonklinik und finde
Halt am Sekundenzeiger der weißen Uhr über dem Notausgang. Ich sauge mich
am Pulsschlag der roten Nadel fest, ich atme.
Am Ende des Flurs, zieht unsere Ärztin einen Troß aufgeregter Kollegen
nebst Fahrgerät hinter sich her.
Das Fahrgerät scheppert über den langen Gang.
Mein Verdacht wird übertroffen, kaum paßt der schwer
beladene Wagen durch die Tür.
Jedenfalls kann ich wieder nur Teile erkennen, menschliche
Körperteile eines überdimensionierten Ungetüms.
Die Ärztin nimmt das Tuch beiseite und offenbart eine Verunstaltung.
Der Kopf ist zu groß und der Körper - der eines Säuglings.
Das Riesenauge vom Baby schaut mich traurig an und es weint
und meine Freundin fällt in Ohnmacht. „Wir haben es so gut es ging reanimiert,
es kann drei Bewegungen ausführen.“
Unser Baby jetzt auf dreimalfünf Meter aufgeblasen,
ist fähig, sich auf Knopfdruck aufzurichten, es kann lachen,
die Arme anheben und sich auf den Bauch drehen.
„Aufstehen und Gehen kann es nicht.
Sie können es nun mit nach Hause nehmen.“
Die Ärzte lächeln aufmunternd und sind sichtlich zufrieden.
Ich schreie in echt.
Ich schreie Sörenson an, auch wenn das nicht klug ist, es ist mir egal - er solle endlich sagen, was er von mir will, wer ich früher einmal war, ob ich jemanden umgebracht hätte und was hier vor sich geht.
Ich randaliere in meiner Zelle.
Der enttäuschte Sörenson schüttelt den Kopf und entfernt sich sang und klanglos.
Ich bekomme kein Essen. Auch nicht am nächsten Tag.
Ich räume meinen Ort auf und bemerke überraschend, wie sich zwei Teile vom Puzzle zu einer Wolke verbunden haben. Ich sage laut: „Wolke“
Ich erinnere mich und beginne die Teile ineinander zu fügen.
Ich habe mich gefügt aus Entsetzen vor meinem eigenen Traum.
Den überschreibe ich jetzt mit einem anderen Bild.
In der Nacht wurde mir unbemerkt eine Mahlzeit hingestellt, die ich am nächsten Morgen kalt und gierig aß. Ich war sehr geschwächt und meine Zeitwahrnehmung getrübt. Ich konzentrierte mich auf das Puzzle, als könnte es mir eine Lösung bieten oder Licht in das Dunkel bringen.
Ich hatte bereits ein Drittel Himmel bewältigt, als sich links darunter ein Bergmassiv abzeichnete, aber an der Stelle kam ich gerade nicht weiter. Ich arbeitete mich jetzt ins Innere des Bildes vor, einer idyllisch kleinen Berghütte mit Ziegen und Apfelbäumen – nett gelegen, unter einer hoch stehenden Mittagssonne. Der Standpunkt des Betrachters von der Felsformation aus gesehen, war etwas höher gelegen, so daß sich die Berghütte weiter unten zwar in dessen Schatten befand, dennoch durch die exponierte Lichtungslage Sonnenbeschienen leuchtete. Das Haus wurde von einem Nadelwäldchen umrahmt. Vom Felsen aus führte ein Weg dorthin. Ein Fluß schlängelte sich in einer Art Umarmung um das Haus und mündete in einen wunderbar klaren Bergsee. Einige Schafe weideten hier.
Vielleicht lag es an der idealen Landschaft, die möglicherweise jedem vertraut ist, der solch ein Puzzle macht. Man fühlte sich sofort geborgen und spürte Zeichen einer Zivilisation, obgleich kein Mensch (noch nicht) auf dem Bild zu sehen war. Andererseits war es totaler Kitsch, die Übertretung in einen ästhetischen Alptraum heimischer Zudringlichkeit und zuckriger Erstarrung. Und der Zauberer von Oz ließ Pinselstrich und Bild und Bild und Ton, die Romantik und die Bergfilme und den Krieg durch den Projektor schnurren.
Und wenn ich ein Mörder war? Wollte ich das wirklich wissen?
Aber es kam niemand mehr, den ich hätte fragen können. Alles geschah nun lautlos und nachts.
Ich war vollkommen benebelt und zugedröhnt, ununterscheidbar für mich. Ahnungslosigkeit versetzt einen, in sich ausschließende Zustände von Möglichkeiten. Sie wissen schon, man weiß nicht, wer man ist.
Das Problem war nicht meine Unentschiedenheit.
Vielleicht ist der Übergang von einem Geisteszustand zum anderen ebenso lautlos und nahtlos, weil der Moment der Orientierung, als auch der Verlust des menschlichen Maßes in komplexen Zusammenhängen und nicht wie ein Ereignis erlebt wird. Denken Sie an den Wahnsinn begnadeter Mathematiker, die schwierige Systeme schufen und bestenfalls von einer Handvoll Menschen verstanden wurden, bedenken Sie die geistigen Einbrüche der Wissenschaftler, von plötzlicher Einsicht in Irrtümer torpediert, und beachten Sie die Trauer beim Ableben berühmter Menschen, die mit großer Wahrscheinlichkeit ‘anteilnehmender‘ ausfällt, als die Trauer um Unbekannte oder Straftäter. Beachten Sie meine Hybris.
Abstraktion, Verrücktheit, Wahrscheinlichkeit, Tod, ich für meinen geringen Teil hatte nur das Puzzle-Fragment nebst nächtlichen Schmerzensruf, an dem ich mich festhielt wie Liebende in der Katastrophe einander umklammern.
Aber da war ich bereits an dem Punkt des Aufgebrachtseins, der sich nicht mehr beruhigen läßt. Sie sehen selbst, wie pathetisch und selbstsüchtig meine Gedanken sind, obwohl sie etwas anderes sein wollten. Der Gegenstand wird beliebig. Einige Segmente waren einfacher zu verknüpfen, andere zerfielen. Ziegen und Schafe am Bergsee zum Beispiel. Probleme bereiteten Flächenausbreitungen, wie Wolken und Wälder und deren indifferente Farb- und Schattengraduierung. Obsessionen und Zwänge sind unfrei gewählte Prozesse, denen man folgen muß.
Ich orientierte mich an einer von mir festgelegten Himmelsrichtung, arbeitete weiter am Felsvorsprung – nordwestlicher Standpunkt des Betrachters plus Waldumgebung mit Blick zum südöstlichen Haus. Es erschöpfte mich. Ich hatte eine erhebliche Fähigkeit eingebüßt. Neben den reichlichen Blau- und Grünbergen - der rotbraune war bereits eingestanzt, schrumpfte jener mit Augen, Nase und Händen (plus Schuh).
Ich wollte nicht am Zweifel verzweifeln, verrückt werden und versuchte stets gegen das Grübeln durch praktische Erwägungen anzugehen. Ich begann wieder die Zeit nach Tag und Nacht zu zählen, in dem ich mit dem Fingernagel Kerben in einen der Stäbe ritzte. Man kennt das aus Knastfilmen und deshalb muß es sich bewährt haben.
Manchmal gelang es mir, meine Situation mehr in Richtung Eremit zu definieren, denn als Gefangener. Der Eremit trägt die Verantwortung ganz allein für sein frei gewähltes unbewohntes Schicksal, indem er der menschlichen Gesellschaft entsagt und nur vor sich
selbst bestehen muß. Dabei folgt er dem Kanon des inneren Selbst - es ist keine reaktive Handlung - und bei aller religiösen Zweifelhaftigkeit tut er dies zum ‘Selbstkostenpreis‘.
Der postmoderne Mensch hingegen sitzt der gläsernen Individualisierung in Gesellschaft auf und das sogar freiwillig. Der egozentrische Anspruch hat den solidarischen eingebüßt und sich in kannibalistischer Weise an der Natur vergriffen. Das morbide Bild, welches mir dazu einfällt ist das, einer lebende Urne.
Wer immer ich war, die Methode mit der an mir laboriert wurde, erwuchs aus Wechselbeziehungen, deren Teil ich gewesen sein mußte. Möglicherweise lief die Untersuchung darauf hinaus mich beständig in einem unlösbaren Konflikt zu halten. Mir Erinnerungsbocken zu gewähren, mittels Medikation zu entziehen und zu schauen, wie ich damit klar komme. Mein Traum, der mir Schuld und Loyalitätskonflikte am Fall ‘meines deformierten Babys‘ suggeriert, ist äußerst aufschlußreich. Zeitweilig erschien mir mein jetziges Leben als Wettbewerb am offenen Hirn.
Das Dumme war, daß es sich um mein Hirn handelte.
Mir fehlten Geräusche. Ich wollte Stimmen hören und das Rascheln der Blätter, Topfklirren und Vogelgesang. Und mir mißfiel, daß ich ein Echo nötig hatte. Ich hätte sonst etwas für Stift und Papier gegeben und einen Spiegel.
In aller Naivität fragte ich mich, ob sich Handlung und Eigenschaften ausschließen, im richtigen Leben und fand doch wieder nur Definitionen von Freiheit und Leben, die auf mich zurück fielen. Ich stand auf einem Felsen und schaute in die Landschaft mit Haus.
Jemand sprach einmal von ‘Geworfensein’ und das enthielt bereits die Antwort.
Ich mußte folglich zu meiner eigenen Stärke finden, von der ich glaubte sie nicht zu haben. Es ging darum, mein gegenwärtiges „Ich“, was auch immer das war nicht zu verlieren. Bis auf eine Frage, was, wenn ich der Verursacher der an mir verabreichten Abscheulichkeiten war?
Ich strukturierte mein Leben. Ich löste die Verdrahtungen und am nächsten Tag war ich erneut ‘verkabelt’. Nachts kam das Essen, dann arbeitete ich am Landschaftsbild, kerbte den Tag ein, räumte auf, schlief, hörte das Geräusch usw. Ich ließ Sörenson und Luisa vor meinem inneren Auge auftreten, ihre Gesichter, die Mimik. Um mich zu trainieren, um mir nicht zu entgleiten, imitierte ich beider Schritte mit den Handflächen. Ihre Bilder verließen mich, aber nicht ihre Namen. Ich bildete Sätze mit Substantiven und vermied Verben, zugunsten der Adjektive. Wissen Sie warum ich das für richtig hielt?
Jahrhunderte vergingen, nach der Kerb-Statistik waren es lediglich fünf Monate.
Infolge heftiger Stürme konnte ich den Frühling ausmachen. Erste Knospen trieben, die Blüte schneite Farben und schließlich bestrichen Kastanienblätter mit grünen Händen das Fensterglas.
Bis auf wenige offene Stellen lag vor mir ein vollständiges Puzzle. Ein blauer Berg Himmel und ein grüner mit Wald ließen sich nicht zuordnen, ebensowenig Haut, Augen und Hände. Ich betrachtete das Bildnis vom Haus in der Landschaft und entsann Caspar David Friedrichs Kreidefelsengemälde und später, die „Jäger im Schnee“ von Breughel. Im Zentrum meiner treuen Zuhörerschaft, der Gitterstäbe, referierte ich über Gemälde. Hierbei hielt ich mich streng an die zeitliche Abfolge in der Kunstgeschichte.
Ich hoffte auf eine Eingebung, eine bedeutende Erkenntnis, den Geistesblitz und wartete.
Nichts dergleichen geschah.
Ich nahm alles auseinander und räumte es in die Schachtel zurück.
Am Tag X rumorte es in der Nacht im gesamten Gebäude. Auch das Geräusch eroberte sich den größtmöglichsten Platz im Universum, wahnsinnig und allmächtig.
Erhabenheit ist das Gegenteil von Anmut. Letzteres traf auf mich ebenso wenig zu.
Der Konzentration nicht fähig schlief ich ständig ein.
Etwas weckte mich. Ich stutzte und dann wußte ich es. Spatzen zwitscherten am Fenster, Kinderstimmen, Gelächter, Straßengeräusche stiegen zu mir auf.
Mir liefen die Tränen in einen von Sonnenlicht überstrahlten Raum.
Verschwommene Konturen wärmten mich. Ich saß einfach da im Licht.
Allmählich erfaßte ich die Verwüstung. Jemand hatte systematisch die Geräte und ihre Funktion zerstört. Das Chaos stimmte mich heiter. Die Tür meiner Zelle stand weit offen.
Ich war so perplex und außerstande mich zu bewegen, daß ich sitzenblieb. Meine gräßliche Stimme warf ein ‘Hallo‘ irgendwo hin und wartete.
Dann sprang ich aus der Zelle. Es war leicht, wie ein Schuß.
Die lahmen Muskeln hinkten hinter mir her und ich ging und schaute auf ein gigantisches Trümmerfeld; Schränke, Mobiliar lagen umgestoßen am Boden. Ein toter Tisch streckte seine Beine empor, Kabelgedärm wucherte aus Maschinenleichen. Angefüllt mit meinen Lebensdaten, verhüllten zerrissene Papiere als Schneedecke den verbliebenen Rest.
Darüber thronte unversehrt der Käfig.
Ein einfacher Käfig, stinknormaler Zwinger, erhältlich in jeder x-beliebigen Tierhandlung. Der Käfig öffnete sein Maul wie ein Idiot. Es war der blanke Hohn. Aufgebockt unter zwei Holzbohlen simpelster Konstruktion, aus der ich mich unschwer hätte befreien können.
Ich nahm einen Stuhl und drosch darauf ein. Es klang hohl, Holz auf Metall. Ich spürte nichts. Ich hätte auch gegen den Himmel treten können. Fassungslos, rammte ich kopfüber die einzig geschlossene Tür im Raum, doch die war aus Eisen.
Blut lief über mein Hemd. Mir war schlecht. Ich sackte zusammen. Hölderlin.
Todt in der Hülse von Schnee
schlief hier das gefesselte Leben,
und der eiserne Schlaf,
harrte des Tages umsonst.
Als ich zu mir kam noch immer im Schlachtfeld, dachte ich an die, die hier täglich ein- und ausgingen. Es war ein herrlicher Tag. Auf dem Fenstersims stand eine volle Flasche Wasser.
Hatten sie sich versteckt, waren sie geflohen?
Fast bedauerte ich den Gedanken an ihre Abwesenheit. Sie kennen die merkwürdige Loyialitätslogik zwischen Gefangenen und ihren Wärtern nicht.
Ich räumte den Weg zum Fenster frei. Ich trank eine Flasche Wasser leer.
Wie Platons Gestalten in der Höhle einst bestürzt gewesen sein müssen, als sie nach oben ins Licht traten, und nun die Schatten als Körper gewahrten, staunte ich Rahmen meines Fensters stehend, ins Reich der Weite.
Das Spiegelei erwies sich als ein ausgedehnter See. Der See schimmerte eigenartig fettig und gelb und in den angrenzenden Straßen lungerten zentnerweise Müll und Metall. Die Stimmen, die ich hörte kamen aus einem Gerät, das im Kastanienbaum hing. Links neben dem See kletterte eine Stadt den Hang hinauf und dahinter war ein Marktplatz auszumachen. Der Wind wirbelte Staub auf.
Die Landschaft gestaltete sich übersichtlich, in Hügel und kleinteilige Bergformationen. Die Stadt wirkte mittelalterlich und für meinen Geschmack zu abgestanden.
Ich stieg über den treuen Kastanienbaum nach unten. Die Luft und der Baum rochen großartig. Die Spatzen beschwerten sich und flogen fort. Das wollte ich auch.
Ich berührte die Blätter beim Abstieg, wie Hände schüttelnde Freunde und betrachtete das Haus. Außer meinem Fluchtfenster waren die Hausöffnungen verriegelt, ich suchte nach einer Eingangstür und fand sie hinter Balken verschlossen, Schilder fehlten. Ein ganz normales Haus ohne Besonderheit. Ich lief in die Landschaft, zur Stadt.
Es muß gegen Ende Mai gewesen sein, und die Stadt in die ich ging, schien zu schlafen. Ich klingelte vergeblich an Haustüren und kletterte in offen stehende Fenster, weil es Bewohner verriet. Ich fand gedeckte Tische mit Spargel und Kalbsfleisch und Kühlschränke randvoll mit Bier, erhaschte einen Blick in aufgeschlagene Betten und daneben duftete eine saftige Melonenscheibe. Doch sobald ich etwas davon berührte, zerfiel es zu Staub.
In den Straßen klafften Wunden und man hatte Berge von Schrott und Müll hinterlassen. Manche hoch aufgetürmt zu Ruinen.
Ungefähr einen Kilometer entfernt sah ich Bewegung auf dem Markplatz, Menschen in Schutzanzügen, die die Straßen und eine Skulptur mit Spritzdüsen reinigten. Ich rannte viel zu schnell, weil ich mich nach einer menschlichen Begegnung sehnte. Ich kam an ausgebrannten Autowracks vorbei, durchbrach dreigeschossige Wohnanlagen in der Nähe einer brackigen Chemiefabrik und stieg über schroffe Metallteile. Es roch nach verbranntem Gummi. Außer Atem sprang ich auf den Platz und führte einen Freudentanz auf.
Als sie mich sahen, flüchteten sie in ihre gepanzerten Lkws und fuhren rasch davon. Ich wollte hinterher, packte einen Haltegriff am Ladeheck und war gerade am Aufspringen, als mich von hinten ein gewaltiger Wasserdruck nach unten warf. Ein weiterer LKW mit Wasserwerfern fuhr an mir vorbei, dann war die Straße menschenleer.
Ich sah den sich entfernenden Autoreifen nach, aus der Pfütze in der ich lag und betrachtete mein Spiegelbild. Das pockennarbige Gesicht kannte ich aus der Zeitung.
Luisa hatte meinen Namen ausrasiert. Auf dem Marktplatz nahm ich verschwommen die Skulptur wahr, die sich in der Mitte befand und dem Meta-Baby in meinem Traum ähnelte.
Ringsherum Berge.
Ich schleppte mich auf den höchsten Berg, um die Lage zu überschauen. Der Berg wurde nach oben hin zunehmend steinig und kantiger. In der Höhe ließ ich mich ins Gras fallen. Ich befreite mich von den Stiefeln, um die geschwollenen Knöchel zu schonen.
Über dem Gipfel bog sich leicht bewölkter blauer Himmel, als sich unterhalb westwärts ein Bergmassiv abzeichnete. Ich saß auf einem Grasbett und atmete. Es schien mir so ungewöhnlich kostbar das Grasbett, und ich ließ meine Hand sanft hinweg gleiten. Mein rechter Schuh rutschte ab und rollte ins Tal.
Schräg vor mir, inmitten einer Ausdehnung, eine idyllische kleine Berghütte mit Ziegen und Apfelbäumen, unter einer hoch stehenden Mittagssonne. Mein Standpunkt von der Felsformation aus gesehen, war etwas höher gelegen, so daß die Berghütte weiter unten zwar in dessen Schatten lag, aber dennoch durch die exponierte Lichtungslage sonnenbeschienen leuchtete. Das Haus wurde von einem Nadelwäldchen umrahmt. Von hier oben, dem Felsen aus, führte ein Weg dorthin. Und neben dem Haus links umschmeichelte ein Fluß das Haus und mündete in einem klaren Bergsee. Schafe weideten. Eine Frau mit roten Locken und einem Kind an der Hand traten aus dem Haus.
Sie winkte mir zu.
Die Frau öffnete den Mund und Sirenenfontänen erschütterten das Bild. Ich sah meinen Schuh fliegen, ich sah die Welt in Puzzleteilen, durchgeschüttelt ich mit der Erde, im Flug, in losgelöster Gehirnerschütterung. Die linke Hand erwischte eine Wolke.
Ich schmolz.
Mir wurde eiskalt und heiß und unglaublich übel, es war, als könnte ich Sörenson riechen.