Pole Position (Cuts)
Büro
Unaufdringlich und fristgerecht bucht Mansfeld den (Arbeits)Tag um 18:00 Uhr ab, hauptsächlich die gelungenen oder misslungenen Blendwerke/Projekte der ihn umgebenden Finanzexperten oder Creativities, mit denen sie sich in der ach so hochreflexiven Projektabteilung gegenseitig zu übertrumpfen versuchen, und man darf schließlich die Dienstleistungen der beteiligten Arbeitsmannequins nicht vergessen, die den Tag zusammen mit dem Expertenteam bzw. anderen Creativities mit basaler Gymnastik, Businessdinner und Consulting vollsauen oder die Spekulationsgewinne verwalten. Es gibt etliche Fälle, in denen Mansfeld neben der Konzeption und Themenauswahl der Produkte/Projekte auch bei der Personalpolitik völlig danebengegriffen hat, sodass im Anschluss Unternehmen, was die rechtliche und organisatorische Seite betrifft, getrennt oder gesplittet werden mussten. Nun ja, die interne, auf die Geschäftsabwicklung bezogene Kommunikation zwischen Mansfeld und mir verläuft weitgehend sachlich oder reibungsarm und reduziert sich im Moment auf den Austausch von Daten- und Zahlenpaketen. Über Beteiligungen oder ein mögliches Zusammengehen des Unternehmens Supralinear mit Mansfelds Hedgefonds, die immer noch alle unter dem Dach von Mansfeld & Mansfeld firmieren, mit dem m.E. ruinösen Projekt Villa Inc. und lose oder diffus konnektierenden Nischenprojekten innerhalb der Sexindustrie haben wir nie diskutiert. Nur eins scheint uns beiden sicher: Sämtliche Unternehmen sehnen sich nach einer Art rhizomatischer bzw. crowdsourcender Wissenschaft von komplexen Systemen bzw. Netzwerken, die sich mit der Verkettung und der Entstehung von Formen beschäftigt, die chaotisch erscheinen und doch Mustern folgen. Das endlos undulatorische Nasenhochziehen Snaffus. Vor allem aufgrund seiner immensen Begeisterungsfähigkeit für Zahlen und Bildkonfigurationen, die in den letzten Wochen immer stärker ins Pathologische, ins Manische abdriftet, ohne dass er bei der Arbeit auf eine gewisse kommunikative Cleverness zu verzichten bereit ist, glaubt er, dass er sich nicht wie der größte Teil der Belegschaft an die zeitlichen oder technischen Routinen des Unternehmens zu halten, was zu harschen Unmutsäußerungen vor allem seitens der Sekretärinnen und Praktikantinnen ihm gegenüber geführt hat, sondern stets Sonderwege gehen darf, die hinsichtlich der internen Firmenkommunikation exzeptionelle Probleme aufwerfen, vor allem, wenn er von Sekretärinnen die Auswertung oder Übertragung von handgefertigten Protokollen, Zeichnungen und Diagrammen in handelsübliche Software verlangt, die mit Geheimcodes und unverständlichen Abkürzungen wie OCCD oder B.V.A. total vollgepropft sind.
Für einen kurzen Augenblick überlege ich, warum ausgerechnet heute zwischen der äußeren und inneren Verglasung des Commerzbankgebäudes so viele Personen in den oberen Stockwerken hin und her gehen. Offensichtlich sind die Angestellten für einen Herzschlag von ihren Datenstationen entkoppelt. Vermutlich schlau genug, werden sie jedoch ihre Plätze schnell wieder einnehmen und die digitalen Märkte per Mouseclick befeuern bzw. die ökonomischen Treffpunkte in Raum und Zeit ersetzen. Mit dem Handy in der linken Hand lässt sich Mansfeld unmittelbar in meiner Nähe ausführlich über ekkrine Ausdünstungen der Angestellten in den Banketagen aus, worüber sie als gleichberechtigte Partner auch noch talken, über die hässlich gleichfließenden Bewegungen innerhalb und außerhalb der großflächigen Büroräume und über das Problem oder das Risiko, die falschen Freunde in den Chefetagen der Banken zu treffen. Früher hat Mansfeld des Öfteren zu Snaffu und mir gesagt, das Management der strukturalen Zeiträume sei kein Selbstzweck, es messe sich immer an der Inangriffnahme beziehungsweise der Strategie der Anordnung von Elementen und Körpern in Richtung Ziellinie, und natürlich könne man auch den Begriff der Struktur durch den des Ereignisses ersetzen, das war kurz bevor die erste finanzielle Katastrophe über uns hereinbrach, allerdings weniger für ihn als für Snaffu und mich. Mansfeld reibt sich die Augen, vielleicht ein wenig zu steif und zu förmlich, was den symbolischen Aspekt der Geste angeht, schnippt sicher unbewusst mit Daumen und Zeigefinger in Brusthöhe und fragt mich nach einer Datei zur Installation neuer Betriebssoftware. Neben ihm steht ein Vertreter des Unternehmens Sugar Inc., der sich im gleichen Atemzug wie Mansfeld räuspert und darauf lauert, dass er endlich das Branding seiner Marketing-Company T.R.U.S.T. ansprechen kann, weswegen Mansfeld nicht aufhört zur weiß getäfelten Decke zu schauen bzw. an der Fernbedienung seines neuen Sony-Fernsehgeräts herumzuspielen, ein wenig zu förmlich, auf jeden Fall ziemlich aufdringlich, wobei er sich häufig mit dem Zeigefinger die kleine Mulde in der Mitte seines Kinns tupft. Wirklich grotesk in die Höhe gewachsen, trägt der Ressortchef von Sugar Inc. einen eng ansitzenden, überlangen, rehbraunen Oswald-Boateng-Mantel, dessen Kragen er dicht an sein spitzes, mit silbernen Punkten gesprenkeltes Ziegenbärtchen hochgezogen hat. Seine Worte klingen angesichts der fahrigen oder abweisenden Reaktionen Mansfelds gereizt und blechern. Wer jetzt mit Mansfeld sprechen will, muss doch spüren, dass dieser längst an einem anderen Ort sein sollte. Mansfeld macht mit der linken Hand eine riskante Abwehrbewegung, während er mit der anderen schon den nächsten Satz einleitet: »Warten wir`s ab. Ich sehe die Marketingkampagne überhaupt nicht in Gefahr. Okay, ich bin bereit, den Aufsichtsrat des Architektenbüros Förster KG heute noch zu kontaktieren.
Mansfeld
Natürlich ist sich Mansfeld darüber im Klaren, dass im derzeitigen monetären Hexenkessel die Anstrengungen seiner Mitarbeiter nicht nachlassen dürfen, solange sie ihr funktionsfähiges limbisches System auszunutzen in der Lage sind, und dass die kognitive Sucht, die der Manipulation digitaler Geldströme und Finanztransfers geschuldet (Zinscaps und credit default swaps setzen Mansfeld & Mansfeld zur Zeit besonders zu), weder bei ihm noch bei den Mitarbeitern rückgängig zu machen ist, vulgo bemüht er sich in den letzten beiden Tagen jede Winzigkeit kontraproduktiven emotionalen Designs so weit wie möglich zu streichen und das bedeutet zunächst einmal, naheliegend, die Salbe weitaus explorativer einzusetzen, als er es bisher jemals gewagt hat, vielleicht mit Folgen, denen keine langfristige Therapie gewachsen sein wird. Er ist sich nicht sicher. Zumindest in diesem Augenblick. Er legt den Hörer beiseite. Die Verstrickung in die Schuldströme, sei es Sex oder Geld. Weil der digitale Datenfluss durch Datennetze über jede Mausregung so einfach zu manipulieren ist, mit dem Gebrauch spezifischer Algorithmen monetäre Sicherheit per se eingespeist zu sein scheint, ohne dass letztendlich ernsthaft davon ausgegangen werden kann, dass die Modulationen der milliardenschweren Geldströme auch nur im Ansatz vorhersehbar sind, weswegen die Eliminierung sämtlicher Zufallsvariablen im Spiel der Transaktionen niemals gelingt, muss Mansfeld die Framings seiner Zukunft (die Vereinfachung komplexer Sachverhalte) stets neu justieren. Weil also Mansfeld das alles plötzlich bedenkt, schwindelt ihm. Eigentlich mag er gar kein Marihuana. Wenn die Hände zittern und die Schläfen zucken, wenn die Fazialismuskulatur zwischen Lähmung und Epileptikum oszilliert und der Schweiß über das Kinn tropft, wenn man den Crash blinzelnd vor Augen sieht, anstatt die kommenden Jahre an den schneeweißen Stränden von Viña del Mar, in den Händen von vornehmen Frauen und Playboy-Bunnies und … ; Quatsch, warum sollte nicht alles so kommen, wie du es willst, denkt Mansfeld, denn über die These, dass man mit dem Einsatz mathematischer Modelle quasi evolutionäre Gesetzmäßigkeiten auf den Finanzmärkten ermittelt, kann er nur lachen. Falls das Gelächter in Wahrheit nicht Schreien ist. Des Öfteren klingt Mansfelds` Lachen, als wollte er dem Kannibalismus Tribut zollen. Manchmal meinet er, das Ende des Lachens würde in ein Geräusch desw Schmatzens übergehen. Er stellt sich an das Fenster seines Apartments im fünfunddreißigsten Stock des Commerzbank-Gebäudes und wirft einen seltsam weitschweifigen Blick auf die Silhouette des Gebirgszuges, die jetzt der Kurve einer fraktalen Brown`schen Bewegung sehr ähnlich sieht, befeuert von intermolekularen Lichtexplosionen, winzigste Lichter, immer wieder von anderen ausgelöscht. Er zieht genüsslich am Joint, und sein Lächeln glänzt wie ein gratis winkender Geldschein auf den großen Panoramafenstern. An dieser Stelle denkt Mansfeld an die Zeiten zurück, als er, kurz nachdem er an der Harvard-University das Studium der Wirtschaftswissenschaften (das so unerträglich viel Zeit in Anspruch nahm) mit summa cum laude abgeschlossen hatte, zurück nach London flog und sich zu einer Peer-Group von Newcomern gesellte, die erfolgreich Teile der konservativen englischen Upper-Class vom Börsenparkett schossen, und von nun an ging es um Action, Drama, Koks und Testosteron, während man auf den Bildschirmen die Kursverläufe verfolgte, was Mansfeld sich dann ebenfalls zu tun bemühte. Unterhalten wurde es sich mal mehr oder weniger, sobald sich jedoch die putativen Zukunfts-Background-Infos in positivem Geld realisierten, begann das Vokabular der Gruppe Bände zu sprechen: Man dealte mit den sog. Schundanleihen, junk-bonds, setzte auf gefallene Engel - ehemals sichere Schuldscheine, deren Rückzahlung niemanden interessiert -, verbündete sich mit fiktiven corporate-riders oder liquidierte sie mithilfe der Poison-Pills. Das war eine starke Zeit, denkt Mansfeld, sieht abermals am linken Rand seines Gesichtsfeldes einen schimmernden Geldlappen und gewinnt Zufriedenheit mit der banalen Vorstellung, dass es sich bei dem Schein um die Inkarnation seiner Seele handeln könnte, deren Palingenese ihn seine tragische Kindheit endgültig vergessen lässt. Wenn überhaupt, dann tendiert bei ihm der Appendix von Paranoia eher zur Megalomanie als zum Verfolgungswahn, deren hydrolystische Dimension ihm unbekannt ist – er braucht nicht jede Minute jemanden bei sich zu haben oder jedem x-beliebigen Ohr ein x-beliebiges Erlebnis oder x-beliebige Gedanken seiner letzten Stunden mitzuteilen, so ist Mansfeld nicht gestrickt, der die Coolness einer Maschine aufgesogen hat, die klug entscheidet, wann sie Schnitt- und wann sie Schneidestelle ist, ihre außenpolitischen Dimensionen manchmal beinahe kastriert, wodurch sie ihre Heterogenität und ihren Eintritt in Netze und ihre Übsetzung in die Geldströme allerdings auch sabotiert. Ein feuchtes Lächeln rinnt ihm über die Lippen, als er sich an den beachtenswerten Zwischenfall im zweiundachtzigsten Stock des World-Trade-Centers erinnert, wo ihm einer seiner damaligen Chefs die scheußliche Ansicht zu seiner Person und Performance fuchtelnd ins Gesicht brüllte: »Wenn du die beschissene Anleihe in einem beschissenen Deal kaufst, hast du Scheißer verschissen.« Die Reaktion auf die durchaus inakzeptable Anlageinformation ließ nicht lange auf sich warten. Mansfeld griff nach einem »Le Corbusier Basculant LC1« und schleuderte ihn gegen das Fenster. Vornehm war man in dieser Branche also noch nie. Mansfeld weiß heute, dass die Wiederholungen solcher Szenarien sein Suchtpotential multiplizieren, er weiß auch, dass einige Angestellte, deren Namen er sich nicht denken mag, sich während der P&V-Beratungen im verschmutzten Research-Room von Snaffu aufhalten, wo sie sich in der Mikrowelle Johnny Walker zubereiten, und, wie ein Praktikant ihm oft steckt, aufs Gehässigste über ihn herziehen, dass er zum Beispiel schon in Tom Wolfes Börsianer-Bestseller von 1987 »Fegefeuer der Eitelkeiten« bis zum Abwinken karikiert worden ist, aber nicht im Geringsten die durchgeknallte Klasse eines Bateman in Bret Easton Ellis` »American Psycho« besitzt, allerdings durch geschickte Vorwegnahme potenziell ausufernder Kommentare und Fragen seiner Mitarbeiter nicht nur einen exzellenten Performer abgibt, sondern auch mentale Stärke beweist und so weiter, bis bei den Typen die Nerven grotesk blank liegen, sodass Mansfeld schon laut husten oder seufzen oder gegen die Tür treten muss, damit sie es mit ihrem kloakesken Abwasch des Verkehrens & Verkennens & Prophezeiens nicht zu weit treiben, die Typen sind also total verbittert irgendwie, und das meist ausgerechnet während jener Minuten, in der es in einer seiner Produktionsfirmen mal wieder richtig brennt.
Snaffu
Pah, diese wunderschönen Augen. Sie sind sowas von extravagant. Wie die Augäpfel unter den blaugrünen Lidschatten hervorquellen, das erfüllt dich bis zu den aufgekratzten Fußzehen deines rechten Beins mit dem Segen einer sensationellen Stille, ganz im Allgemeinen und viel zu oft von diesem puristischen bzw. puritanischen Trottel Dr. Schönblick als Apathie oder Agonie missverstanden. Leider kann der Mascara auf den Wimpern das winzige Dreieck, einen gelben Klecks infiziöser Flüssigkeit an den Rändern der Iris nicht wegzaubern, und leider kann kein noch so winziges Detail der Archivierungswut deines inneren Auges entkommen, einzig das Sehen kannst du nicht sehen.
Du fühlst dich gut. Vor Wochen ist was richtig Leckeres in dich reingekommen und für `nen Weilchen hast du alles um dich herum vergessen, nur um -biiip-biiip-biiip- das Gesicht von Kate Moss in der französischen Vogue zu studieren - schmunzel. Immer, wenn das kapriziöse Pogo-Bild vor deinem inneren Auge auftaucht, kannst du jede noch so winzige Nuance ihres Augen-Set-up`s erkennen, die Art, wie ihre Augenlider (Palpebra inferior) unten mit dunkelbraunem Kajal betont sind, sodass die Lidschatten bis knapp unter die Augenbrauen reichen, stopp, ein viel zu langer Lidstrich und, puh, die überschminkten Tränenkanäle, das obere Lid (Palpebra superior) und der untere Wimpernkranz, mit dunkelbraunem Shadow ausschattiert, nicht zu vergessen der ganz spezielle Schimmer über ihrer Retina, und je mehr du dich auf dieses Erinnerungsbild konzentrierst, während du zeitgleich ihre Augen und ihren typischen Gesichtsausdruck am PC aufzeichnest bzw. die Koordinaten festlegst bzw. Inerlacing betreibst, desto schneller wird sich in Sekunden ihr Kopf zykloid drehen, wow, wahrlich ein Geschöpf mit einem beachtlichen Facettenreichtum, aber irgendwie auch nervtötend, schließlich ergötzst du dich mit total verschwollenen & geröteten Augen schon eine ganze Weile daran, massierst dir zwar zwischendurch mal die Schläfen, am Ende, na ja, wirst du dem Zuckerpüppchen ein Arschvoll Tetanusbazillen in das linke Nasenloch stopfen.