Verliebt ins Gelingen (Cuts)

»Ja, aber er kommt aus dem Ghetto und ist drogenabhängig.«
»Er hat es wohl überlebt. Solange er auf der Spur bleibt und seine wohlgemerkt einzigartige Stimme sich gut verkaufen lässt, sehe ich kein Problem aus ihm den neuen Superstar zu machen. Reversibel versteht sich.«
»Ich, für meinen Teil, ich will mir im TV keine Underdogs mehr ansehen. Nicht einmal im Nachmittagsprogramm sind sie mir willkommen. Die Wahrheit besteht doch im Wesentlichen darin, dass das Fernsehpublikum das Hochsexen der Armut als Überlebensstrategie, welche die Betroffenen zudem noch mit einer gewissen Medienfitness ausstattet, längst gründlich satt hat.«
Conny Island, Chefjuror der Casting-Show The Belover spricht mit dem Chief-Scout der Casting-Agentur Superstyle. Unvermittelt legt Conny Island den Hörer auf, denn er hasst notorische bzw. moraline Besserwisserei, sie erscheint ihm in diesem Fall als ein äußerst hilfloser Versuch, den 90%tigen Winner der siebten Staffel ausgerechnet ihm, der unumstrittenen Symbolfigur für High-Entertainment-Education in der deutschen Fernsehindustrie, madig zu machen. Er hat den Kandidaten, einen schlankern, ja schlaksigen jungen Mann, dessen Torso imposant bzw. durchtrainiert ist, in der Diskothek Construction Five an einem Donnerstagabend während einer After-Work-Party kennengelernt, und er schleppte ihn gleich in sein Apartment ab, wo die Begegnung quasi aus der Spontaneität geboren, schnell in ein Hard Date umschlug, das erst den üblichen Verlauf zeigte, bevor Schweißtropfen des Chefjuroren die Haut des Sexpartners mit kiechererbsengroßen Punkten überzogen und seines Erachtens ein viel zu pikiertes Gefühl bei ihm auslösten, dass ihm beinahe schlecht wurde und er erst mit Hustenreiz reagierte und dann mit seinen chronischen Symptomen einer antianaklitischen Objektbeziehung wie präverbalen Geschmacklosigkeiten, Zittern, Rülpsen oder Furzen oder dem Ringen um Selbstbeherrschung. Conny Island steht am Panoramafenster im 45. Stock des Messeturms in der Nähe des Hauptbahnhofs in Frankfurt, wo eine Undercover-Firma der Agentur Superstyle mehrere klein- und großflächige Büroräume angemietet hat. Mit einer oder zwei weit ausholenden, rudernden Armbewegungen beflügelt Conny Island seine Sekretärin erneut, für etwas psycho-emotionale Erfrischung im Raum zu sorgen, ein halbwegs kokettes Tänzeln oder Schwänzeln an der Frontseite der im Oval platzierten Schreibtische im großen Konferenzraum entlang, das kompetente Wischen der linken Hand über Datenprojektoren, Faxgeräte, Kopierer und ihr platinblondes Haar, bisweilen ein wiederkehrendes Muster im Verlauf ihres gymnastisch ausgerichteten Arbeitstags, das den Angestellten auf der Etage längst das Fürchten gelehrt hat, außer Conny Islands männlichem Kollegen in der Jury, der auf den Namen Little Giant hört, aber heute macht die Sekretärin irgendwie den Eindruck eines schwunglosen Dilemmas, vielleicht ein wenig zu gereizt und zugleich zu buddhophil, was die Dynamik oder die sprichwörtliche Eleganz des Spiels anbelangt. Trotzdem lässt allein der Ausblick auf ihr Dekolletee bei Conny Island einen heftigen Adrenalinstoß hochschnellen, der Nervensystem und Hirn in einen akuten Alarmzustand versetzt, sodass er sich selbst umgehend verwünschen muss, wenn er nicht sofort den Raum verlässt, in die Küche geht und dort mit einer subkutanen Spritze die Freisetzung von Glukose bekämpft, womit er zeitgleich binnen weniger Sekunden die mittlerweile eingefahrene Vorstellung hervorkitzelt, er sei neben dem höchst professionellen Entertainer auch ein exquisiter, auserwählter Sozialwissenschaftler, der die Tatkraft und Spezialkompetenz mitbringt, aus molaren, ja den molekularen Umwälzungsströmen der Masse die Trophäen zu fischen, seine Trophäen, während die Scouts in der Agentur, die für ihn quasi anschaffen gehen, mit ihren kathekischen Besetzungen und ihrer erbärmlichen Sammler- oder Innovationswut viel zu oft am Ziel vorbeischießen bzw. den dünnen Faden zur Realität verlieren. Die einzige ernsthafte Beziehung, die er in den letzten vier Jahren unter weitgehender Reduktion der psycho-emotionalen Konfliktpotentialanteile beider beteiligten Personen eingegangen ist, hielt nicht länger als drei Wochen, wobei damals sein Lover im Hinblick auf seine hervorgekramte Homosexualität ein echtes Eigengewächs der Company war, für eine Muskelanspannung sogar ein heller Schimmer in Conny Islands semi-emotionalem Zentrum. Der schmächtige Boy war nun alles andere als eine aus- oder hochdifferenzierte Persönlichkeit, die ihm zumindest mittelfristig Lust auf Wiederholung einer sog. Beziehung gemacht hätte.. Jedenfalls pflegte Conny Island danach nicht unbedingt einen zölibatären Lebensstil und war in jeder auch nur ansatzweise sexuell interpretierbaren Situation, auch diejenigen mit einem eher androgynen Frauentyp nicht ausgenommen, bereit das mitzunehmen, was sich ihm eben anbot, ohne sich jedoch exakter die Risiken zu verdeutlichen, die ihm als medienkompatiblen Person daraus erwuchsen. Nicht nur deswegen scheint es für Conny Island an der Zeit, einen neuerlichen Turnaround bzw. Versuch zu wagen. Es scheint an der Zeit, die Koordinaten für eine Beziehung, die insbesondere die Reduzierung der Zeit- und Kostenanteile in der Akquisition genitaler Interfaces in ihr Gefüge miteinbeziehen, in einer räsonablen Dimension zu bearbeiten, nicht zuletzt um die eigenen Ventilstationen im Gleichgewicht von Spannung und Entspannung zu halten.
Ohne dass er es bemerkt sieht ihm Christelle Chatterlay, seine persönliche Beraterin in Sachen Öffentlichkeitsarbeit und Advanced-Personal-Marketing, bei der Injektion zu. Sie hat ihn heute schon x-Mal angerufen, obwohl man ihre Umgangsformen in Fachkreisen eher als zu zurückhaltend oder als etwas zu elegant einschätzt (was die geschäftlichen Dinge angeht), um immer energischer schwere Bedenken seitens des Topmanagements der Agentur gegenüber dem psychologischen Erscheinungsbild des Chefjuroren in der Öffentlichkeit vorzutragen, sie rief ihn schon um 6:00 Uhr das erste Mal an und bat ihn eindringlich, endlich einer Konferenzschaltung am späten Nachmittag zuzustimmen, an der neben dem Jury Kollegen Little Giant auch das weibliche Mitglied der Jury Jessica Beta teilnehmen wird, eine Art Brainstorming im Hinblick auf die erste Pressekonferenz für die neue Staffel, die am 3. Februar im neuen Konferenzzentrum des Fernsehsenders Anti9 vor circa 200 Repräsentanten der Medienindustrie, Journalisten, Redakteure, Scouts, Fotografen etc. stattfinden wird. Seit ungefähr drei Wochen organisiert die Agentur diverse regionale Casting-Ausscheidungen, denen die drei Jurymitglieder bisher jedoch nicht beiwohnten.
»Also bitte, ich versteh dich wirklich nicht. All die Ignoranz, oder nenn es Gutartigkeit, die du häufig bei deinen Partnern beklagst, sie betrifft dich im Wesentlichen selbst. Wenn du nicht schnellstens auf den Weg des stream of consciousness zurückkommst, wird die neue Imagekampagne kläglich scheitern«, sagt Christelle Chatterlay. Conny Island schnappt nach Luft und sein anschließendes Schmunzeln erscheint der designierten Pressesprecherin nicht charmant. Conny Island ist ein schlaksiger, wenig muskulöser Mann,(184 cm, 32 Jahre, mit einem fulminanten Augenaufschlag), der zuweilen bei der Beurteilung eines Kandidaten den rechten Arm auf Kopfhöhe einen Kreis im Uhrzeigersinn zeichnen lässt, dessen Radius etwa der Größe eines Autoreifens der Marke Hummer »H2 SUT« entspricht. Leitende Angestellte in der Agentur befüchten, dass sein Haarschnitt, ein fantastisches Konstrukt des Starfrisörs Benaglio, mit einem zum Gesicht hin fedrig geschnittenen Pony, der in einem kühlen Braunton schimmert, den man früher triefendbraun nannte, seiner Karriere nachhaltig schaden könnte. Wäre er ein kleiner, zierlicher Mann, würde sein Haar etwas zu großspurig, zu affektiert oder post-postmodern wirken. Im Kontext von Körpergröße und Statur verleiht der Schnitt dem Größenwahn des Chefjuroren jedoch etwas einigermaßen Ernsthaftes. Mit jedem Haarschnitt, so trichtert ihm Benaglio insbesondere auf den zahlreichen gemeinsam besuchten VIP-Partys ein, kann die modische Welt des Mannes mit diffiziler Präzision zur höchsten Entfaltung gebracht werden.
Irgendjemand muss inzwischen Wind davon bekommen haben, dass er des Öfteren Praktikantinnen aus der Marketingabteilung zu seinen Ausflügen nach Budapest oder Wien eingeladen hat. Wenn er sich das recht überlegt, muss er sofort einen Schlussstrich unter die Bad-Trips ziehen, wie es inzwischen bis in die Rechtsabteilung des Unternehmens heißt, oder erneut gleich eine Line legen, astreines, unverpanschtes Kokain aus Bolivien. Schwachmatische oder geistig asthmatische Kritiker in der Agentur Superstyle vergleichen Conny Island mit einem gescheiterten Don Juan, der permanent den Verlust des vielbeschworenen männlichen Urvertauens an die Mutter kompensieren muss, indem er sich als jener Beglücker stilisiert, der mehr als nur Opfer erzeugt, denn für die Figur des Don Juan ist das (weibliche) sexuelle Objekt nach Gebrauch sofort wertlos. Enge Freunde von ihm sagen, dass also seine homosexuellen Neigungen den Verrat an der triebenergetischen Konstellation eines Don Juan beflügeln, welche die konstitutionelle Untreue des Mannes in ihr Recht setzt, egal welchen Psychoanalytiker von Freud bis Lacan man nun in die Debatte wirft, um die These entweder zu bestätigen oder zu widerlegen.
Christelle Chatterlay fummelt an ihrem Headset und tut so, während sie mit Little Giant spricht, als wäre sie sehr intensiv mit ihrem Make-up und ihrem glänzend brünetten Haar beschäftigt. Ausnahmsweise tritt sie heute, nachdem sie zu einem sehr persönlichen Gespräch mit dem Abteilungsleiter des Public-Relations-Dept. bestellt gewesen ist, sehr dezent oder konservativ auf, was ihr äußeres Erscheinungsbild angeht. Sie trägt farblich präzise abgestimmt einen schwarzen, hochgeschlitzten Rock und eine Kostümjacke in schweren Grautönen, darüber einen dunklen, bordeauxweinroten Wollschal über die Schulter gelegt. Zielstrebig umkreist sie, eine paradoxale Handlung, die bisweilen ein wenig paranoid oder aufgesetzt wirkt, eine parallel zu den Fensterbänken angeordnete Serie von HP-Kopiermaschinen, streift mit zwei Fingern im Abstand von einem Zentimeter sehr konzentriert über die Kopierplatten, als wolle sie die interne Kommunikation mit dem Chefjuror verweigern, die sowieso unsachlich, konfliktuell und peinlich zu werden droht, und droht ihm, mit ein paar schnippischen Bemerkungen in der Sendung Explosiv ihm den Spiegel für seine in der letzten Zeit katastrophale Bühnenpräsenz vorzuhalten, zu erinnern sei an seinen Auftritt mit einem weißen Anzug, wie ihn der Papst nicht besser tragen könnte, als das Publikum erfahren hat, dass die beiden letzten Kandidaten von 40000 gecasteten Personen übrig geblieben waren und das Finale allein ihrer Zähigkeit und ihrer Leistung wegen erreicht hätten. Eine schlagende Bestätigung, dass das Gerede über Überbelohnung bestimmter Menschen totaler Unsinn sei, im Gegenteil, diese Menschen brächten ihren Input, bei dem sie ihre Ressourcen, insbesondere den knappen Faktor Zeit, so einsetzen, dass als Output maximale Leistung herausspringt, mit dem Glauben zusammen, dass belohnte Leistung ein Vorschein göttlicher Gnade sei; bisher hatte er all das mit einem normalen Gesicht gesagt, aber als das Wort »Gott« ihm quasi aus dem Mund fiel, fühlte er sich komisch angesehen und beinahe beleidigt, sodass er sich wütend mit der linken Faust auf die Stirn hämmerte und auf eine Weise lächelte, wo man gleich wußte, dass er es nicht ernst meint.
Schon als Kleinkind besaß Christelle Chatterlay ein ausgesprochenes Faible für öffentliche Auftritte im regionalen bzw. lokalen Fernsehen, doch wurde ihre skopophile Lust mehr als ein Jahrzehnt lang von den Eltern konsequent unterdrückt, und als man die Praktikantin im Alter von 21 Jahren während eines Geschäftslunchs mit der Projektplanungsgruppe der TV-Produktionsfirma Kalt & Kalt als perfekte Gliederpuppe beschimpfte, wie sie hoffnungslos zerstreut oder desorientiert auch immer häufiger in diversen Castingsshows zu sehen gewesen sei, was ihr allerdings nicht als eine Beschimpfung vorkam, weil es auf der anschließenden Deadline-Party zu konträren Lobhudeleien über ihren sensationellen Auftritt und ihr Outfit kam, bis gewisse Verfahrensmodalitäten und deren Ausdifferenzierungen in den Toilettenräumen der Hoteletage endgültig außer Kraft gesetzt wurden, da brach bei Christelle Chatterlay das Interesse für diese Art der Prominenzorientierung erneut durch. Auch wenn es niemand in der Agentur laut auszusprechen wagt, im Gegensatz zur Chefsekretärin, nicht zuletzt dem gesamten weiblichen Produktionsteams der Marketingabteilung bis hin zu den erstaunlich effizienten Praktikantinnen, was die öffentliche Präsentation und Repräsentation der Company betrifft, ist ihr Körper einen winzigen Tick zu rund geraten, insbesondere das Gesicht. Minimal pausbackig unter den Wangenknochen, eine hauchzarte Andeutung Babyspeck unter dem Kinn und um die Lippen, was allerdings auch als der berüchtigte, verflixt bzw. verflucht sexy wirkende Schmollmund durchgehen könnte. Das Gesicht bearbeitet mit Kosmetik- und Körperpflegeprodukten im höheren Preissegment, sind es alles in allem die Gesichtszüge der prallen Freude oder Ironie, mit deren Hilfe ein spezieller Typus hochintelligenter Karriere-Frau mittleren Alters bei ihren Rezipienten sämtliche Tableaus von Empfindungen auf der Skala von Entzücken bis Ennervierung bis Einschläferung abruft. Der Selbstbehauptungsgestus, mit dem sich Christelle Chatterlay systematisch ausstattet, aus der Erfahrung der Ohnmacht geboren, um unduldsam oder methodisch ihr eigenes Machtpotential auszuspielen, die Ironie, sie bricht stets an ihrem ausgeprägten Hang zur Versöhnung. An ihren schrecklich guten Tagen ist ihr Lächeln eine Vision. Aber gewisse Sprachdysfunktionen, die in einem hochgekünstelten Ambiente seltsamerweise häufiger vorkommen, gleiten zuweilen ins Farcenhafte sowie ins Maschinelle ab, ähnlich wie Generatoren Texte erstellen, die vertraute Muster/Anordnungen, etwa des Sonetts, mit vertrauten Wörten wie Liebe, Auge, Schatten ausfüllen, sodass wenig Raum für Experimente bleibt, obwohl die Poesierezeptoren der Konsumenten daraufhin automatisch anspringen, wie es eben nur der Kitsch auszulösen vermag.
Während Conny Island übernervös in einem Hochglanzmagazin aus der Lifestyle-Industrie blättert, kreischt Christelle Chatterlay minutenlang besonders wagemutige, beinahe lyrische Sequenzen ins Handy: »This is not a true story. Die Zeit doch heilt die Wunde nicht.«
»True Story? Ich kann mich nur wiederholen. Das Girl hat inzwischen seinen Auftritt komplett überdacht. Gestern kam Marianne mit ihrem Freund ins Büro, gelassen, ja sogar lässigst, und kein bisschen nervös. Ihren spinozistischen Kopf sanft auf dessen Schulter gelegt und sogar den Ansatz von Charme im Gesicht. Nicht zuviel, beinahe schon die richtige Dosis. Das sah ganz und gar nicht unmöglich aus. Auch ihr Deutsch ist mittlerweile perfekt, auch wenn ihr Stöhnen begleitet von Sequenzen mit bayerischem Akzent nicht zu verachten ist.«
»Ich bin gespannt. Vor kurzem hast du mir ja gesagt, dass du inzwischen ein Mittel einnimmst, das deine Urteilskraft erheblich steigert.«
»Come On. Als Marianne im Paramount-Park über den Laufsteg ging, okay, das war abartig, ihre Schritte hatten die Eleganz von … Okay, die Gangart von Hella von Sinnen ist dagegen vergleichsweise grazil, aber … Aber was sie gestern anbot, das war machbar. Absolut machbar. Nur sollte man ihr in enger Zusammenarbeit mit einer Ernährungsberaterin vielleicht einen einmonatigen Aufenthalt in der Mon-Cherie-Klinik buchen. Wenn du weißt, was ich meine.«
Auf dem Display des Samsung-Handys blinkt das Wort »Aufgelegt«. Der letzte Satz sei ihm einfach rausgerutscht, so behauptet Marcel M. zwei Tage später, er habe ihn gar nicht benutzen wollen. Er zögert, grübelt ob die Disartikulation, deren Folgen er noch nicht richtig einzuschätzen weiß, und für einen winzigen Augenblick, der Kopf tief zwischen die Schultern gesunken, bleiben seine Lippen fest zusammengepresst. Einen Tisch weiter hört man die typischen Geräusche eines Businessdinners wie lautes Gelächter oder Gläserklingen oder polyphone Ruftöne von Fanfaren & I kissed a girl. Marcel M., Associated Director & Casting Associate der TV-Produktionsfirma und Marketingagentur Kalt & Kalt hat schon zig Arbeitsessen im italienischen Restaurant Salvatore in der Nähe der Zeil organisiert, wonach weitere folgten, wenn das Gespräch zu seiner inneren Zufriedenheit sowie der Zufriedenheit des jeweils beteiligten Mitarbeiters verlief. In diesem angenehm entspannenden Ambiente hat er es sich angewöhnt, zusammen mit professionellen Scouts hauptsächlich interessante Kandidatinnen zu befragen, die man während der lokalen Shows in mittleren Kleinstädten und vor allem in den Großstädten gecastet hat. Angerissene Thematiken wie Selbsteinschätzung und Self-Fashioning hinsichtlich der zu optimierenden Selbstinszenierungsstrategien müssen schon während des ersten Gesprächs brauchbare Auskunft darüber geben, ob im jeweiligen Einzelfall Potenziale der typischen Prominenzorientierung vorhanden oder ausarbeitbar sind, und zeitgleich informiert man die Mädchen über Modus & Reglement der kommenden Casting-Staffel, worauf, wie gesagt, je nach Gesprächsverlauf oder Erfolgsaussichten neue Termine vereinbart werden, die dann ungefähr zwei Wochen später in den Geschäftsräumen von Kalt & Kalt, eine Etage über der Agentur Superstyle, im Messeturm stattfinden. Längere Diskussionen, seien sie aus Marktforschungsaspekten oder individuellen Präferenzdispositionen noch so notwendig, können nervig oder hochabstrakt werden, zumal wenn man über die sogenannten Technologien des Selbst debattiert, die es den Kandidatinnen ermöglichen sollen, mit eigenen Mitteln oder mit Hilfe der Inanspruchnahme von Dienstleistungen oder Übungsprogrammen zur Selbstmodifikation spezielle Operationen an Körper und Psyche durchzuführen, um sich letztlich bis in die letzte Ader der Lebensführung hinein umzukrempeln.
Die Tische, funktionalistisches Roset-Yo-Yo-Design, sind alle fast vollständig besetzt. Viele der Kandidatinnen wählen als Aperitif einen hundsgewöhnlichen Prosecco, ausgerechnet einen billigen des aktuellen Luxusgesöffs, wo man doch im Restaurant eine exzellente Auswahl italienischer Aperitifs auf der Getränkekarte findet, vom Vino Frizzante del Veneto bis Brusole von Case bianche. Auch an diesem Tag ist das Tagesgericht Scallopine-a-limone mit Frühlingszwiebel-Risotto, das Marcel M. im Übrigen sehr gerne im Wechsel mit Loup-de-mer mit Artischocken bestellt, wieder von vorzüglichster Qualität. Wie spätere companyinterne Rekonstruktionen ergeben, ist der Chefkoch, der in seiner Speiselinie konsequent der Pragmatik der mediterranen Küche Siziliens folgt (die Speisekarte behauptet im Anhang, dass die Olive und ihr Öl die Klammer sei, welche die verschiedenen Mittelmeerküchen miteinander verbindet), ein gebürtiger Ostfriese der ausgefalleneren oder eleganteren Art, ein Kosmopolit im Stil von Marcello Mastroianni, nicht nur was sein äußeres Erscheinungsbild anbelangt, sondern auch dessen Liebesdirskursivitäten im Film betreffend. Gegenüber von Marcel M. sitzt eine sehr stilsichere, zuweilen etwas aggressiv gestimmte oder getimete/getunete Dame um die fünfunddreißig am Tisch, die u.a. den Posten eines Supervisors der Scoutriege von Kalt & Kalt besetzt, deren Büro sich, ausgegliedert vom Mainoffice im Messeturm, in der Couture-Etage im 44. OG des Eurotowers befindet. Virginie S., so ihr Name, ist augenblicklich mit einem höchst empörten oder affektierten Ablehnen eines Angebots bzw. der unverhältnismäßigen Geste des Chefkellners beschäftigt, der ihr, die weiße Tuchserviette korrekt über den Unterarm gelegt, einen Bourgogne-Chitry-Chardonnay 1992 als Aperitifgetränk anzubieten versucht. Sie wird zum Teufel/partout keinen einzigen konstruktiven Satz bezüglich des Castings von sich geben, bevor nicht das passende Getränk, das zu ihrer heute vergleichsweise ausgelassenen Stimmung passt, vor ihr auf dem Tisch steht. Er weiß nicht, ob Virginie S. gut aufgelegt ist. Es gelingt ihm immer weniger, ihre Affektpolitik festzustellen, oder ob sie eine Art Hormon-Doping betreibt, die den relativ autarken Drift ihrer Psyche überspitzt. Er versucht, sich Virginie S. vorzustellen, wie sie in einem Liegestuhl an einem Pool liegt, nichts sagt, die Augen halb geschlossen und sich nur den Himmel anschaut. Er scheitert. Marcel M. mag ihre Anwandlungen einfach nicht. Schon gar nicht, wenn sie dazu tendiert, zum Energiebündel schlechthin zu werden. Nicht genug, wie sie mit minimalistisch diskreten Bewegungen ihres Oberkörpers sehr leicht, nur ein zwei Grad, nach vorne- und wieder zurück wippt, Energien ableitet, die sich während des Vormittagsmeetings unter Umständen besorgniserregend in ihrem Nervensystem gestaut haben, nein, sie zieht auch noch schmale Lippen und wirft unverhältnismäßig im Vergleich zur übrigen, normalen Körperartistik den Kopf. Marcel M. hebt das Champagnerglas und trinkt auf Erdbeerlippen. Wäre ja auch das Beste an ihr, murmelt er vor sich hin, wenn sie nur welche hätte.
Die angekündigte Kandidatin ist nun schon geschlagene fünfzehn Minuten zu spät. Um die Stimmung des weiblichen Supervisors nicht ganz in den Keller sinken zu lassen, kramt Marcel M. eine Story hervor, die man ihm neulich bei einem Partyplausch mit dem Produzenten von Kinderfernsehsendungen in einer Discothek irgendwo im Alpenvorraum quasi aufgedrängt hat, nachdem morgens um halb fünf die sechste Flasche Wein entkorkt worden war. Besagte Anekdote, von dem Produzenten in schläfrig halbtrunkenem Zustand vorgetragen, betraf seine Ehefrau in der Funktion der Hauptkomissarin einer Krimiserie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, beim Dreh einer Szene, als ihr Assistent sie eine Mauer hochhieven sollte, und das auch tat, allerdings indem er sie wegen einer unerklärlichen chemischen Reaktion auf gewisse Nervenreize nicht an den Hüften, sondern an den Pobacken anpackte, worauf der Assistent dann nicht nur sah, wie alle Beteiligten auf dem Set an ihrem Hintern hingen wie elektrisch geladener Swarovski-Strass, sondern zudem auch noch roch, wie ihr, nun ja, ein nicht gerade allzu leiser Pups entwich, der eher einer zwölfjährigen Exhibitionistin in einer seiner Fernsehserien zur Ehre gereicht hätte als einer erwachsenen Arschwacklerin, ausgerechnet seiner Ehefrau, die dafür bisher noch nicht berühmt-berüchtigt gewesen ist. Ein fragender Blick. Ein fragend kalkulierender Blick und Marcel M. mag Virginie S. dafür, ausnahmsweise. Sie mag seine Anekdoten sicher nicht.
Kurze Zeit später, nachdem es Marcel M. gelang, auf der Herrentoilette Schläfen und Kinn mit eiskaltem Wasser zu betupfen, schließt sich die automatische Schiebetür links vom Tresen, wobei er sieht, wie die Kandidatin direkt gegenüber Virginie S. ihren Platz einnimmt. Trotz des scharfen, gelblichen Lichts im Raum entdeckt man das junge Ding sofort, was nicht zuletzt an ihrer glatten Langhaarfrisur liegt, an dem natürlichen oder vielleicht auch Hennarot, dass durch einige helle Strähnchen Scharlachrot akzentuiert ist und auf eine bestimmte Klientel bzw. Kunden wahrscheinlich hochinteressant wirkt, hexenhaft, ein unwiderrufliches Emblem oder zumindest im Ansatz ein Zeichen für Hexenmeisterei. Marcel M. glaubt schon nach den ersten schnellen Mundbegegungen von Virginie S. zu wissen, dass sich ihren schnippischen Kommentaren erneut der Tonfall hochgezündeter und -getuneter Ironie beimischt, nicht allzuweit entfernt von ihrem ausgeprägten Hang zu Spott oder Persiflage, was sofort und ohne jeden erkennbaren Anlass in zügellosen Sarkasmus oder Zynismus umschlagen kann, wenn nicht in eine paradoxale feinfühlige Grobschlächtigkeit, den Versuch des Humoresken habhaft zu werden, allerdings viel zu selten, nicht aussparend. Das auschließliche Schikanieren junger Mädchen würde ihr also keine reine Freude machen, was im Übrigen zu Kollateralschäden des Wettbewerbs führen würde, denn strenggenommen liegt ihr zu viel an der Erzeugung eines Bewusstseins für das erlittene Leid oder Erleiden, wobei die bloße Hinnahme oder eine Form des Tät-Bedauerns auch nicht das Richtige sei, sogar einem postfinalen Trauma gleichkäme. Wenn der Kandidat sich beispielsweise durch die Prozeduren eines Castingverfahrens hindurch Hirn und Psyche massieren läßt, dann demonstriert der Kandidat im besten Fall zugleich, dass er an sich selbst zu üben bereit ist, indem er den Operationen und Techniken der Castingmaschinerie zustimmt, ihn eben zu massieren. Die nackten Zungen junger Mädchen.
»Vielleicht sind Sie eine bessere Schauspielerin, als Ihnen bis jetzt bewusst ist«, sagt Virginie S..
»Ich bin zu 99% überzeugt, dass dies nicht der Fall ist«, sagt die Kandidatin, legt ihren Kopf leicht seitlich und lächelt das Lächeln einer bislang noch namenlosen Galaxie, mit jenem vagen, reichlich naiven inneren Drang zur Selbstverwertung - Virginie S. würde in diesem Moment am liebsten sterben-, der, sieht man von der Abteilung wildentschlossener Teenager ab, die man von frühestem Kindesalter an drillt, zum Ausgangspunkt für das Businessmodell einer Design-Industrie geworden ist, die ihre Kandidaten castet, zur besseren Akzeptanz mit Hilfe eines interaktiv entscheidenden Publikums, dessen Geschmackskriterien natürlich als emotionale Grundausstattung vorhanden und zu 70% bei einer (schein)heiligen Jury abgeschaut sind, deren Mitglieder wiederum geschulte Spezialisten jener Medienindustrie sind und so weiter. Natürlich weiß man bis in die höchsten Führungs-Etagen der Company Kalt & Kalt, dass der Satz des Kulturkritikers Walter Benjamin, nach dem der heutige Mensch einen Anspruch darauf besitzt, gefilmt zu werden, längst Schnee von gestern ist, um es einmal leger zu sagen, vergleicht man die Aussage darüber hinaus mit den De-facto-Strömen prä-individueller oder Subenergien oder Informationen, welche sowohl die Kandidaten als auch die Fernsehzuschauer durchqueren, um emotional-sensorielle und psycho-kognitive Erregungszustände herzustellen, laut Aussagen zeitgenössischer Medientheoretiker ein Prozess der Subjektivierung, durch das Fernsehbild als ein unhintergehbares Modell ein- und vorgeführt, dann wird die historische Begrenztheit der Aussage Benjamins um so deutlicher.
Die Kandidatin erscheint einfältig genug, um es überhaupt zu genießen, hier zu sitzen. Sie hat die Angewohnheit, nach oben und nach unten zu schauen, bevor sie etwas sagt. Das hat sie keiner Figur im Film abgeguckt, aber es ist auch nicht echt. (Gerade das Kino macht das Zeitliche als Schema des Wirklichen spürbar, weil es sich auf eine getrennte und zugleich parallele Inszenierung des Sichtbaren und des Sagbaren gründet.) Noch erwartet sie nicht viel, nicht einmal, dass man ihr fette Weintrauben vor ihren leicht aufgesperrten Mund führt, in dem sie schnell als Liebesboten verschwinden. Für sie ist das Leben bis hierhin ein flauschiges Daunenbett gewesen, das einen leicht süßlichen oder ätherischen Geruch verbreitet. Die Kandidatin sieht Marcel M. einen Augenblick ein bisschen zu neugierig an, um nicht auf sehr präzise Weise eine Antwort zu erwarten: Schau mich an, scheint ihr Blick sagen zu wollen. Hier ist ein Rohdiamant. Er muss geschliffen, er muss gehandelt werden. Wie der Blick doch auch eine Art Kuss sein kann und in Zukunft ihre gemeinsamen Gespräche eine Art Küssen sein werden. Marcel M. hat es sich nicht anders gewünscht. Ja und nein. Einen erhöhten Wert von Retikulozyten - Vorstufe der begehrten, weil sauerstofftransportierenden roten Blutkörperchen – wird man bei ihr durch die obligatorische medizinische Erstuntersuchung garantiert nicht feststellen, vermutet er etwas enttäuscht. Erstaunlich bzw. vielversprechend wäre es, wenn ihr offen getragenes, glatt herunterfallendes Haar in blondinenhafter Unschuld erstrahlen würde, wobei durch eine Computeranimation zu überprüfen wäre, ob die Haarfarbe zu ihren Gesichtszügen, die zweifelsohne etwas von der jungen Sophie Marceau haben, überhaupt passen würde, und wenn, würde die Frabe ihren bisherigen minimalen Mangel an Anziehungskraft mehr als nur überkompensieren. Die schwarze Bluse, die sie trägt, würde quasi apochromatisch das Farbbild ihrer Frisur aktivieren und das dezente Make-up würde das Erscheinungsbild vervollständigen. Erneut vergleicht Marcel M. ihr Gesicht mit dem von Christelle Chatterlay und kommt zum Schluss, dass das Wort Mondhaftigkeit für die Bezeichnung des Gesichtsformats der Kandidatin weniger zutrifft als für Christelle, Mond ist im Fall der Kandidatin eher ein Charakteristikum für Extension oder Impulsivität, eher eine flüchtige Konstellation von Verben und Adjektiven, dunkelrund und orangezart mondet es, sie taucht taucht auf und verschwindet wieder. Virginie S. ist da weitaus unaufgeregter. Mürrischer. Bis hierhin oder bis zum bitteren Ende des Vorstellungsgesprächs gibt sie sich höchst damenhaft, gerade weil sie das Businesslunch derart unhöflich begonnen hat, und Marcel M. fragt sich, welche Nachtspiele bzw. welches Nachtprogramm dafür verantwortlich zeichnen. Sicherlich verwechselt Virginie S. distanzierte Unfreundlichkeit mit Professionalität, vielleicht sogar mit Verführung.
»My Darling. Hattest du schon einmal das Vergnügen, auf einen netten Vergewaltiger zu treffen?«, fragt Virginie S..
Die Kandidatin blickt ungläubig in das schlanke Aperitifglas, während Marcel M. Virginie S. streng fragend anschaut. Sie ist einfach ein pathologisch sadistisches Individuum, keineswegs eine femme fatale. Sadistinnen betreiben mit den Worten kein Spiel, das sie durch die Worte ihres scheinbaren Opfers zu ebenfalls scheinbaren Sadistinnen macht, sondern sie nehmen die Sache mit dem Exzess und dem Quälen ernster als man denkt. Beinahe zwanghaft malt er sich aus, wie ihr Schädel aufplatzen und eine kreidige, schwammige Fleischmasse aus ihm herausquillen könnte, aber das wirklich Erschütternde ist, dass Marcel M. in diesem Augenblick die Masse keineswegs als die Materialität von Emotionen, Gefühlen oder Gedanken, Intentionen zu denken vermag, eher glaubt er mit ihr assoziiert etwas hinter ihrer Stirn, dass vollkommen opak und dunkel ist.
»Ich glaube, dass es nicht der richtige Zeitpunkt für diese Art von Fragen ist«, sagt Marcel M..
»Ach, das weiß ich doch. Mich überkam plötzlich ein entsetzliches Bild, und ich möchte sie doch nur beschützen. Darling.«
Marcel M. bricht knuspriges Baguette und wischt mit einem kleinen Stück die bläschenwerfende Soße vom Rand des Tellers auf. Kaut das Weißbrot, schluckt und schaut Marianne tief in die Augen: »Darling, kannst du dir eigentlich vorstellen, dass in Zukunft Millionen von Fernsehzuschauern dein Gesicht in Großaufnahme sehen werden? Und bist du bereit, das Coming-out vor laufenden Kameras durchzuziehen, auch wenn dich Juroren an Ort und Stelle mit verbalem Schmutz bewerfen, all das nur ein kleiner Vorgeschmack, was später auf dich zukommt, wenn man dich PR-mäßig ausschlachtet. Sorry, das ist keine Provokation, ich wollte nur … Ich kann dir das Tagesgericht wärmstens empfehlen. Entschuldige bitte, was du dir von Beginn an als erfolgversprechende Kandidatin in deinem Hirn einprägen musst: Mit dir steht und fällt die Show.«
»Hey, da mach ich mir keinen allzu großen Kopf. Wir haben es beim letzten Event schon ganz gut hinbekommen. Da bin ich schließlich in den Top Five gelandet. Und was die Figur betrifft, hab ich mich schon mal für ne Weile nur von Körnern ernährt. Und seitdem geht es mir richtig gut.«
Virginie S. ist nicht bereit, auf so belanglos hingeklimperte Sätze auch nur mit einem Wort einzugehen, Sätze, die ihr beispielsweise das Nachmittagsdinner restlos verderben könnten. Marcel M. sieht schnell, wie über ihrem Kopf eine schreiende Alarmlampe aufleuchtet. Sie sieht auf ihre Digitaluhr. »Darling, du solltest aufhören, Zeitschriften wie Celebrity-Style oder Elle ausführlich zu lesen.«
»Also das mach ich doch gar nicht.«
»Dein Gesicht lügt mich nicht an. Aber in Zukunft muss es zu lügen lernen. Das ist meine Message an dich, für die kommende Tage. Ich rate dir dringend, das Manöver vor dem Spiegel zu üben. Darlings, ich bin weg.« Virginie S. nimmt sich ihren unzeitgemäß flauschigen Nerzmantel, legt ihn über den Arm, beugt sich über Marcel M. und küsst ihn auf die Lippen, und es ist kaum zu übersehen, wie seine Reaktion, eine minimalste Bewegung, als würde er ihren Körper mit beiden Armen sanft, beinahe zärtlich aber auch bestimmt von sich wegschieben, eher verhalten ausfällt. Das »Bye« entfährt ihm nicht.
Gemeinsam mit der Kandidatin beobachtet er, wie Virginie S. die Eingangstür zum Restaurant nahezu aufreißt und anschließend im Stil einer Epilektikerin nach einem Taxi winkt. Die beiden schauen sich fragend an, wobei Marcel M. mit den Schultern zuckt, als wolle er andeuten, dass keine böse Absicht dahintersteckt, auch wenn Virginie S. unter Einsatz inkompatibler oder inakzeptabler Neologismen testet, ob sprachliche Formeln wie »working self concept« & »mind body balance« bei den Beteiligten eines PR-Gesprächs eine spezifische Form der Neugierde hinsichtlich der Konzeption der Selbstbewertung hervorzurufen vermögen, Formeln, die in der Branche allerdings als längst antiquiert eingestuft bzw. gehandelt werden. Trotzdem ist er so genervt und wütend, dass er ein wenig später wie angenagelt dasitzt, schmollt und die Kollegin und ihre Attituden zur Hölle wünscht. Er lässt den beobachteten Gedanken noch ein wenig kreisen, bevor er den beobachtenden Gedanken in Worte fasst: »Es ist heutzutage schwieriger als du denkst. Die Medien fahren permanent ihre Variabilität hoch. Einerseits warten sie auf dich, genau auf dich, aber das heißt noch lange nicht, dass du auch zum Zuge kommst.« Die Kandidatin antwortet mit der rigorosen Frechheit ihres Blicks, aber je weiter sie ihre Verteidigungshaltung verlässt, desto regloser, in Gleichgültigkeit beinahe erstarrend, isst Marcel M. seine nach frischen Zitronen duftende Scalopine zu Ende.
Währenddessen unterhält sich Christelle Chatterlay im Redaktionsbüro der Agentur Superstyle über zwei Schreibtische hinweg mit Conny Island und hämmert zeitgleich eine SMS in ihr Handy.
»Ich bestehe nun mal darauf: Das Leben steht immer auf dem Spiel.«
»Klar Conny, und die Welt wartet nur drauf, dass ausgerechnet du die Schönen und zukünftig Reichen aus den trüben Wellen der im Traum oder Kitsch wogenden Masse fischst. Und geradezu zwanghaft ist dein enthemmtes Hirn in Optionen getaucht. Komm schon Conny, wenn das bisher auch immer gut ging, du solltest dich in Zukunft, was Ästhetik und Medienfitness betrifft, schleunigst neu orientieren, um dieses scheußliche Klischee mal zu verwenden. Und das mit aller zulässigen oder denkbaren Rigorosität. Ich werde mich um ein entsprechendes Konzept kümmern. Eine Art geclustertes Aufbautraining, das du meinetwegen auch als Videostream im internen Netzwerk der Company abrufen kannst. Ich maile dir Benutzerkennwort und Passwort zu.»
«Ich bin gespannt.«