Verliebt ins Gelingen (Cuts)

Achim Szepanski
Verliebt ins Gelingen
»Ja, aber er kommt aus dem Ghetto und ist drogenabhängig.«
»Bisher hat er wohl irgendwie überlebt. Und solange er auf der Spur bleibt und seine wohlgemerkt einzigartige Stimme sich gut verkaufen lässt, sehe ich überhaupt kein Problem aus ihm den neuen Superstar zu machen. Reversibel versteht sich.«
»Ich, für meinen Teil, ich will mir einfach im TV oder Internet keine Underdogs jeglicher Coleurs mehr ansehen. Nicht einmal im späten Abendprogramm ist man vor dieser Kultur von niederen Bedüfnisse sicher. Die Wahrheit besteht doch im Wesentlichen darin, dass das Fernsehpublikum das Hochsexen der Armut als massenmedial fingierte Überlebensstrategie, welche die Betroffenen zudem noch mit einer gewissen Medienfitness ausstatten soll, längst gründlich satt hat.«
Conny Island, Chefjuror der Casting-Show The Belover, spricht über das Haustelefon mit dem Chief-Scout Mc Smith von der Casting-Agentur Superstyle. Unvermittelt und zugleich hochverärgert beginnt Conny Island mit seinem riesig langen, sandfarbenen Loafers auf den monolithischen Glasterrazzo-Fußboden in seinem weiträumigen und sonnenduchfluteten Büroraum der Agentur Superstyle im 45. Stock des Messetums zu trippeln, tritt verbissen auf sein Samsung Handy, bis es mit einem Klack in tausend Teile zerspringt, lässt den Hörer einfach fallen, kein Problem für ihn, denn er hasst notorische bzw. moraline Besserwisserei, und sie erscheint ihm im Falle des Chief-Scouts Mc Smith, der nun wirklich keine geistige Leuchte ist, welcher mit professioneller intellektueller Arroganz das ABC der konstruktivistischen Medientheorie herunterbeten könnte, als ein äußerst hilfloser Versuch, den zukünftigen, den 90%tigen Winner der siebten Staffel von The Belover ausgerechnet ihm, der unumstrittenen Symbolfigur für High-Entertainment-Education & Fun in der deutschen Fernsehindustrie, madig zu machen. Conny Island hat einen der neuen Kandidaten namens Walter Baumann, ein schlanker, schlaksiger, junger Mann, dessen Körper imposant drahtig und wegen des täglichen Konditions- und Muskeltrainings im Fitnesscenter McFitness fast schon skandalös durchtrainiert ist, in der Diskothek Construction Five an einem Donnerstagabend während einer After-Work-Party kennengelernt, und Conny Island schleppte Walter Baumann nach dem dritten Bier gleich in sein Apartment in der Miquelallee ab, wo die Begegnung, quasi aus der Spontaneität geboren, flugs in ein Hard Date umschlug, das erst den üblichen Verlauf des leicht Tuntigen von beiden Seiten anzeigte, bevor während des grotesken Gerangels komplizierter Körper ein Meer von manchmal fast kichererbsengroßen Schweißtropfen die ausnahmslos glatte Haut von Walter Baumann vor allem auf dessen Rücken überzog, was ein viel zu pikiertes oder coolantes Gefühl bei Walter Baumann auslöste, dass Conny Island beinahe schlecht wurde und er erst mit Hustenreiz reagierte, um dann zu den typisch chronischen Symptomen, die einer antianaklitischen Objektbeziehung eigen sind, überzugehen, man denke an präverbale Geschmacklosigkeiten, Zittern, Rülpsen oder Furzen oder eben dem vergeblichen Ringen um die monogrammatische Selbstbeherrschung. Conny Island steht nun am Panoramafenster im 45. Stock des Messeturms, in dem auch eine Undercover-Firma der Casting- und Marketing-Agentur Superstyle mehrere klein- und großflächige Büroräume angemietet hat. Mit ständig ausholenden, rudernden Armbewegungen auf Kopfhöhe möchte Conny Island seine Sekretärin Miss Kittin unangenehm penetrant beflügeln, damit sie für etwas psycho-emotionale Erfrischung im Raum sorgt, indem sie mit Disziplin, Willenskraft und erotischer Raffinesse ein kokettes Schwänzeln oder Tänzeln ihrer schlanken, langen Beine sowie ihrer sanften Hüftvorsprünge hinbekommt, und zwar an der Frontseite der im Oval angeordneten Schreibtische (die mit Palladium, Ruthenium und Platin veredelt sind), oder kann er sie vielleicht dazu bringen, dass sie das sexuell erregende, das kompetente Wischen ihrer linken Hand über Datenprojektoren, Faxgeräte, Kopierer sowie über ihr platinblondes Haar vorführt, letzteres ein wiederkehrendes Muster im Verlauf ihres oft doch sehr gymnastisch ausgerichteten Arbeitstages, was ihr in der Belegschaft längst den Kosenamen eines gelenkigen Arbeitsmannequins eingebracht, das allerdings den Angestellten auf der Etage längst auch das Fürchten gelehrt hat, außer Conny Islands männlichem Kollegen in Jury und Programmplanung der Casting Show The Belover, unter ihnen ein mächtiges Schwergewicht mit Glatze, das auf den Namen Little Giant hört -, aber heute gibt Miss Kittin eher den schwunglosen Eindruck eines schwunglosen Dilemmas, vielleicht ein wenig zu buddhophil, was den aufgesetzten Spaßbremsenfaktor anbelangt, was weiterführende Erfahrungen, wie sie ja selbst sagt, um Potenziale des Wu wei oder der Apathie hervorzukitzeln, und um den schon lange geplanten Urlaub in einem taoistischen Kloster, der mit der das sensorische Nervenspektrum abkühlenden Ayurveda-Küche wirbt, umgehend zu buchen, merkwürdigerweise nicht voranbringe. Trotz ihrer halbherzigen taoistischen Attacke, die in ein hemmungsloses Gähnen, das dem Aufsetzen einer Maske der wurzelweißen Indifferenz gleicht, und in das Totalweiß ihrer Augäpfel überbordet, also keinerlei Empathie mit dem Gespächspartner anstrebt, lässt allein der Ausblick auf Miss Kittins unglaubliches Dekoletee bei Conny Island einen heftigen Adrenalinstoß ankommen, der sein zerebrales Nervensystem in einen akuten Alarmzustand versetzt, so dass er sich umgehend verwünschen muss, wenn er nicht sofort den Büroraum verlässt, in die Küche geht und dort mit einer subkutanen Spritze die Freisetzung von Glukose bekämpft, womit er binnen weniger Sekunden die längst eingefahrene Vorstellung hervorkitzeln wird, er sei neben dem höchst professionellen Entertainer, der im Bildraum des Fernsehens seinen Aufstieg begeht bzw. sich aus dem Meer der virtuellen Bilder erhebt, der exquisite, auserwählte Sozialwissenschaftler, der die Tatkraft und Spezialkompetenz mitbringt, selbst aus den molekularen Medienaneignungspolitiken der Amateure im Web 2.0 die Trophäen zu fischen, ja seine Trophäen, während die Scouts, die für ihn quasi anschaffen gehen, mit ihren kathekischen Besetzungen und ihrer erbärmlichen Sammler- oder Innovationswut viel zu oft am Ziel vorbeischießen bzw. den dünnen Faden zur Realität verlieren. Die einzige ernsthafte Beziehung, die er in den letzten vier Jahren unter weitgehender Reduktion der psycho-emotionalen Konfliktpotenzialanteile beider an der Beziehung beteiligten Personen eingegangen war, hielt nicht länger als drei Wochen, wobei sein junger Lover im Hinblick auf dessen hervorgekramte Homosexualität ein echtes Eigengewächs der Company Superstyle war, für ein oder zwei Muskelanspannungen sogar ein heller Schimmer in Conny Islands semio-emotionalen Neuro-Zentren. Der schmächtige Boy war alles andere als eine aus- oder hochdifferenzierte Persönlichkeit, die ihm zumindest mittelfristig Lust auf Wiederholung einer sog. Beziehung gemacht hätte. Jedenfalls pflegte Conny Island danach nicht unbedingt einen zölibatären Lebensstil und war in jeder auch nur ansatzweise sexuell inspirierten bzw. interpretierbaren Situation bereit - auch derjenigen mit einem androgynen Frauentyp -, das mitzunehmen, was sich ihm da eben anbot, ohne sich jedoch exakter die beruflichen und finanziellen Risiken zu verdeutlichen, die ihm als medienkompatibler Person daraus hätten erwachsen können. Conny Island leidet unter seiner Angewohnheit, dass er sein immenses Gierpotential nach maßlosem Sex selbst an tranquilizerinduzierten bzw. neuronal traurigen Tagen konzentiert und komprimiert abruft, wobei die Gier unablässig hinischtlich der Zielbestimmung von einem Objekt zum nächsten Objekt wechselt, gleichwohl scheint es ihm doch an der Zeiteinen radikalen Tunaround zu wagen. Es scheint an der Zeit, die Koordinaten für eine weitere Beziehung, welche insbesondere die Komprimierung der Zeit- und Kostenanteile für die Akquisition genitaler Interfaces das zerbrechliche Gefüge miteinbeziehen, in einer räsonablen und diskutierbaren Dimension zu bearbeiten, nicht zuletzt um die sexuelle Ventilstation im Gleichgewicht von Spannung und Entspannung zu halten.
Ohne dass er es bemerkt sieht ihm Christelle Chatterlay, seine persönliche Beraterin in Sachen Öffentlichkeitsarbeit und Advanced-Personal-Marketing, bei der behäbigen Injektion einer Heroinspitze zu. Christelle Chatterlay hat Conny Island am heutigen Tag schon x-Mal angerufen, obwohl man ihre Umgangsformen in den lokalen Fachkreisen innerhalb der Marketingbranche eher als zurückhaltend oder als etwas zu elegant hinsichtlich der Terminierung von Meetings einschätzt; sie hatte schon am frühen Mogen wie ein Hund auf einem Knochen behäbig und ausdauernd auf Vorwürfen herumgekaut, die Conny Islands Gefühle einfrieren ließen, um dann immer energischer die schweren Bedenken seitens des Topmanagements der Agentur Supestyle gegenüber dem medieninkompatiblen Erscheinungsbild des Chefjuroren zu wiederholen, sie rief ihn das erste Mal schon um 6:00 Uhr an und bat ihn eindringlich darum, einer halbstündigen Konferenzschaltung am späten Nachmittag zuzustimmen, an der neben seinem Jury Kollegen Little Giant auch das weibliche Mitglied der Jury namens Jessica Beta teilnehmen sollte. Es ging um eine Art Brainstorming für die Pressekonferenz, die am 3. Februar im neuen Konferenzzentrum des Fernsehsenders Anti9 vor circa 200 geladenen Repräsentanten der Medienindustrie, Journalisten, Redakteure, Scouts, Fotografen etc. stattfinden sollte. (Seit ungefähr drei Wochen organisiert die Agentur Superstyle diverse regionale Casting-Ausscheidungen, bei denen jedoch keines der drei Jurymitglieder der Casting Show The Belover bisher anwesend war.)