Widerstand
Achim Szepanski
Einige flüchtige, randphilosophische Bemerkungen zu Fragen des Widerstands
In Zeiten, in denen die Probleme von communization nur in kleinen Randgruppen diskutiert werden - Problematiken wie soziale Kontrollgesellschaften und Möglichkeiten des Fliehens aufgrund eines dennoch porösen Kapitalismus oder die Immanenz des Kapitals, Klassenkampf und Antagonismus -, und zugleich diffuse Gruppen wie Occupy/99% in den Fokus der Medien rücken, gewinnt das Politische jenseits aller neuen Ontologisierungen dennoch neues Gewicht. Wo mit der beinahe wahnsinnigen 99% These Unity und die Absorption der Bewegung in der Masse geradezu propagiert wird und zugleich mit der Parole Occupy! einerseits auf radikale Sichtbarkeit gedrängt wird andererseits retools aus den Zeiten der Friedensbewegung hervorgekramt werden, sollen hier Randnotizen zu Fragen der Nicht-Operationalität des Mikropolitischen vorgetragen werden, die immer auch Fragen des Widerstands sind, wenn dieser den Modellen des Majoritären ausweichen und Bewegungen des Minoritären aufspüren will, die mit einem Unwahrnehmbar-Werden verbunden sind.
Wie funktioniert im Film der Übergang vom Sehen zum Nichtsehen? Was passiert zwischen dem Zeitpunkt, an dem man es sieht, und dem Zeitpunkt, an dem man es nicht mehr sieht? Integrallogik/Film: was passiert zwischen Bild1und Bild2, in einem Intervall, bei dessen Ortung der menschliche Wahrnehmungsapparat versagt? Die Integralrechnung bricht eine kontinuierliche analoge Entwicklung in diskrete, digitale Schritte auf. Das Cantor Dedekind`sche Axiom besagt, dass sich das Kontinuum aus der Menge aller reellen Zahlen zusammensetzt, das aktual Unendliche bei Dedekind lässt sich folgendermaßen erklären: eine kontinuierliche Linie kann in unendlich viele Zahlen (reelle, rationale, irrationale) aufgeteilt werden, indem man die Strecke in der Mitte teilt und diesen Vorgang unendlich oft wiederholt. Wie David Foster Wallace richtig sagt, besteht die präzise Eigenschaft der Stetigkeit der Linie nicht in der Dichte, sondern umgekehrt in ihrer Teilbarkeit, d.h. dass der Punkt auf der Linie rechts von sämtlichen kleinerzähligen Punkten und links von jeden größerzähligen Punkten befindet, so dass man die Linie sozusagen an jedem beliebigen Punkt schneiden kann. Hier soll genügen, dass das Geheimnis des (unendlichen) Kontinuums involviert, dass jede Zahl als Schnitt dienen kann, als Schnitt in die anfängliche Kontinuität, um somit die Diskontinuität zu verstärken, woraus sich wiederum die (infinitesimale) Annäherung an eine nunmehr messbare Kontinuität ergibt, der Kontinuität unendlich vieler messbarer Schnitte. Kontinuität aus unendlich diskontinuierlichen Schnitten (mathematische Beweisführung, siehe David Foster Wallace, Die Entdeckung des Unendlichen, S.263 ff.) Der Clou der Logik des aktual Unendlichen liegt nun darin, dass das Intervall zwischen zwei Punkten immer kleiner wird, je mehr Zahlen man einfügt, aber zugleich dieses Intervall niemals verschwinden wird (erster kleiner Einwand gegen Tiqqun: das revolutionäre Komitee kann niemals unsichtbar sein, es kann nur im Prozess des Unwahrnehmbar-Werdens verschwinden, bis seine Existenz meinetwegen verschwindend gering ist, Verschwinden passiert in (gekrümmten) Raum-Zeitkonstellationen, einem Intervall, das gegen Null konvergiert, aber niemals Null wird. Die Mystik eines Tiqqun-Strategems besteht darin, dass sie die Null einnehmen wollen (absolute Vernebelung), aber es gibt immer eine Zeitlupe, die das Punctum, den momentanen Zeitpunkt in einen Zeitraum ausdehnt, d.h. Verschwinden ist ein Prozess Schlussfolgerung: NOCH DAS PLÖTZLICHSTE VERSCHWINDEN IST IM REVOLUTIONÄREN PROZESS EIN FADING bzw. EIN UNWAHRNEHMBAR-WERDEN (siehe Deleuze/Guattari, Mille Plateaux S.283 ff). Filmisch gesprochen könnte man sagen, dass das unendlich kleine Intervall zwischen zwei Bildern, in dem alles und nichts geschehen kann, das Verschwinden einschließt. DAS REVOLUTIONÄR-WERDEN IST IMMER EIN FILM DER FALSCHEN SCHNITTE. DAS VERSCHWINDEN DES MINORITÄREN MACHT ES FÜR DIE SCHEINBAR HÖHERE EBENE UNWAHRNEHMBAR, anders ausgedrückt, das Verschwindende (je feiner die Intervalle, desto schwieriger wird die Wahrnehmung für die höhere Ebene, oder umgekehrt je schneller die Wahrnehmung, desto enger die Intervalle) nährt sich daran, dass der molaren Wahrnehmungsebene immer wieder Intervalle verlorengehen, und es werden sich zugleich immer weitere Intervalle durch Wahrnehmungsschnitte unterscheiden lassen. Umgekehrt liegt die Todesgefahr der unendlichen Beschleunigung genau darin, eine immer schnellere Wahrnehmung zu erzeugen, so dass z.b letztendlich der Film immer schneller laufen müsste, um den Effekt der kontinuierlichen Bewegung zu erzeugen - DIE PARANOIA DER MEDIALEN ECHTZEITREGIME, IN DER DIE KÖRPER VERDUNSTEN: das ist aber niemals möglich: während Verschwinden ein kontinuierlicher / analoger Prozess ist, ist die
Wahrnehmung/Kognition diskret/digital, und Wahrnehmung ist immer die von Körpern .Ist es nicht vielmehr die im Verschwinden generierte Tathandlung (Zukunft), die sich seine Akteure (Gegenwart) schafft und seine Bedingungen (Vergangenheit)?
Die Apathie eines dfw und das Revolutionär-Werden von Deleuze/Guattari haben folgendes gemeinsam: Es ist ein Anonym-Werden, dass unter den Radarschirmen der Macht bzw. dem Radar der offiziellen Wahrnehmungsapparaturen liegt, um ein Welten-Machen zu befolgen (umgekehrt schneiden die Mächte die Körper von ihren Tätigkeitsvermögen ab). Sowohl optisch (Unwahrnehmbarkeit), kategorisch (Ununterscheidbarkeit) als auch psychisch (Unpersönlichkeit) - man bildet immer mit den Dingen, mit den Felsen, Steinen oder beispielsweise mit den Videoapparaturen Welten, um unwahrnehmbar zu werden; wir haben immer eine Tendenz zu anorganischen, zu asubjektiven und asignifikanten Formen des Lebens. Dies als alles sind Prozesse des und im Unbewussten, aber das Unbewusste muss konstruiert werden. Das Unbewusste ist das nicht-Wahrnehmbare, dass konstruiert werden muss. FÜR DEN RADIKALEN KONSTRUKTIVISMUS DES UNBEWUSSTEN! Das Unbewusste schiebt auf und unterscheidet sich, es generiert Differenzen und sendet Repräsentanten aus. Es ist ein Konstitutionsmoment des Denken und Handelns. Das Unbewusste ist immer in Mikrointervallen situiert, es hat in den Wahrnehmungsintervallen statt, es geht darum, die Wahrnehmungsschwellen so fein wie nur möglich zu machen, die Parataxe bei Wallace, die abstrakte Hermes Maschine bei Michel Serres, die rekursive unendliche Schleife ineinandergeschachtelter relativer Systeme von bewusst und unbewusst. (Deleuze/Guattari, Mille Plateaux, S. 390: “Es gibt immer eine Wahrnehmung, die feiner als die eure ist, eine Wahrnehmung eures Unwahrnehmbaren, eine Wahrnehmung, was in eurer Schachtel (black box) ist.”) Denken wir auch an die transzendentale Defintion des Geheimnisses durch Francois Laruelle: Das Geheimnis ist die veritas transcendentalis als Endliches. Es gibt nichts und erhält nichts außer der Modalität in der es gegeben ist. Das Univoke der Nichtteilbarkeit drückt sich im (unwahrnehmbaren) Teilbaren aus, es erscheint niemals im Licht des logos. Als prä- dialektisches und prä - differentielles erreicht es niemals den Status des Bewusstseins. Das Geheimnis benötigt keinerlei Kommunikation in Bezug auf das was es ist, um etwa erkannt zu werden und das Objekt der Philosophie oder der Wissenschaften zu sein, während die Kommunikation umgekehrt immer das Geheimnis benötigt, um sich zu konstituieren. Kommunikation als Information soll laut den Postboten der Philosophie so real sein wie Wahrheit und ihre Bedeutung. Aber das Geheimnis und das Unsichtbare, exakter das Unwahrnehmbare, sind niemals interpretierbar. Eine freie Hinzufügung meinerseits, die sich an die Form der Intervention bzw. Invention hält, den Dissens, der die Interpretationsmaschine ins Stocken bringt. (Ein non-Nietzsche und ein non-Deleuze, die sich der Kunst der Interpretation widersetzen.) DIE REVOLUTION WIRD FEIN WERDEN, ODER SIE WIRD NICHT SEIN (Nietzsche). DER REVOLUTIONÄR WIRD IMMER DAMIT ZU KÄMPFEN HABEN, DASS ER PLÖTZLICH, UND DAS IMMER WIEDER, BEMERKT, DASS ER GESTERN NOCH GRÖßER UND HEUTE SCHON KLEINER IST ALS DAS KLEINE VERFLIXTE OBJEKT a SEINER WÜNSCHE … die Gefahr mit dem organlosen Körper eins zu werden.
Wenn Wahrnehmung und Kognition diskret sind, kann man, um das Unbewusste und Kontinuierliche zu konstruieren, dies nur tun, indem man unter eine jeweilige Wahrnehmungsschwelle taucht, sodass das Unwahrnehmbare auf einer molekularen Ebene liegt und man selbst unwahrnehmbar wird. Dies ist jedoch logisch nicht möglich: wie das Cantor-Dedekind Axiom zeigt, kann mit jedem noch so feinen Schnitt eine mathematische Integration erfolgen, d.h. man ist nie zu 100% unbewusst - man muss immer im Denken intensiv-werden (der Einsatz der Affektpolitik under vernunft) bzw. unterschwellig werden - Medium-Werden heißt, das Individuum aufzulösen, den Körper in das Verhältnis von Ruhe, Verlangsamung und Beschleunigung zu versetzen. APATHISCHE ODER DIVIDUELLE SUBJEKTIVIERUNG FINDET IN EINEM PUPPENKÄFIG STATT, WOBEI SIE NUR NOCH FRAKTAL IN DIE NORMALITÄT EINGEBUNDEN IST, wir leben immer in verschiedenen unendlich rekursiven Universen, es gibt Körper in Körpern, wie es Häuser in Häusern gibt (Leibniz) und die molaren Wahrnehmungsapparate spüren etwas davon, dass sie gegen die immer feiner werdenden Wahrnehmungen des Revolutionär-Werdens nicht ankommen können, deswegen die Paranoia der immer subtileren Überwachungs- und Kontrollmechapparate - aber dieses Unwahrnehmbar-Werden bleibt wahrnehmbar, da wir nicht zu 100% unbewusst leben können, obgleich die Wahrnehmung selbst molekular wird. Deleuze: “Das erste materielle Moment der Subjektivität subtrahiert.” Im Zweifelsfall erfährt ein Atom unendlich vielmehr von der Welt als wir, im Grenzfall die ganze Welt.